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Neue Zeitung · 1907-08-16 · Heft 10 (16.8.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 10 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Neue Zeitung Seite 5 „Sie sind ein schrecklicher Mensch, Herr Doktor! Sie müssen mir alle Illusionen zerstören!" IV. Herr Bezirksrat Neustadt! hat einen blühenden Traum. Ihm träumt, daß er nach hitzigem Kampf an allen „drei Fronten" gesiegt hat: Der tote Liberalismus ist noch emmal gestorben, die Klerikalen offerieren gedemütigt Herrn Beer die Bürgermeisterstelle und die Zionisten sind im Taufwaffer ertrunken. Da erscheinen drei Walküren, um den Sieger nach Walhall zu führen. Freudig erstaunt erkennt der Held in den kriegerischen Jungfrauen Bekannte aus der Tabor- und Praterstraße. „Wie kommen Sie, meine Damen, zu dieser Tracht?" - Die lieblichste der Walküren, Nebichinde mit Namen, streichelt des Siegers Lockenhaupt. „Ja, missen Sie denn nicht, Herr Bezirksrat? Allvater Wuotan ist alter Herr der ^idelitas und hat seinem Farbenbruder Ofner versprochen, von nun an ausschließlich Damen aus dem Kahn „Donau", dem Sitze des freiheitlich-sozialen Vereins, unter seine Walküren aufzunehmen!" Vor freudigem Entzücken erwacht Neustadtl. Die Morgensonne lacht. Sie weiß warum. öecka. Maruch, der Iomöenwerfer. Eine Geschichte aus unseren Tagen von Andrzej Niemojewski. Uebersetzung aus dem Polnischen von S. Horowitz. Die beiden Troittoirs der Marschallstraße entlang wogten zwei Ströme Publikums, jenes beweglichen lebhaften Warschauer Publikums, das immer und namentilch um diese Stunde Eile hat. An der Mündung der Heiligen Kreuzstraße insbesondere, herrschte ein ungewöhnliches Gedränge. Vom Sächsischen Garten und der Bagnagegend kamen fortwährend Trambahnwägen angefahren, deren Schellen den Straßenverkehr hemmten. Nächst der Kreuzung an der Haltestelle sammelten sich Gruppen von Passanten an, die auf Trambahnwägen warteten und inmitten dieses Gewimmels kreuzten Droschken, langsame Einspänner und gallopierende, kotspritzende Gummiradler. An dieser Stelle hatte der Verkehr etwas von der Elementarheü eines Stromes an sich. Keine Polizistenhand lenkte ihn, wie ein "brausender Wildfluß vor einem Damm schwoll das Publikum auf dem Bürgersteig an, wartete bis die Trambahn vorbei passierte, und flutete dann über die Straße um sich auf dem gegenüberliegenden Trottoire weiter zu wälzen. An den Straßenecken standen vier Soldaten die bald die Schaufenster der Geschästläden, bald die vorübergehenden Frauen angafsten. Ein Polizagardist, ein Mann mit einer ziemlich eingeschüchterten Miene stand inmitten der Straßenkreuzung und wies automatisch von Zeit zu Zeit die Wägen nach links und rechts, obgleich ihm die Droschkenkutscher gar keine Aufmerksamkeit schenkten, ja mancher, seinen Gaul antreibend, traf im Dorbeifahren das Ohr des Polizisten mit seiner Peitsche, der sich, nur wie nach einem Mückenstiche schüttelte, nicht wie ehemals Krakehl machte, nicht die Droschke anhielt und auch nicht notierte. Er glotzte weiter in die Straße, und seine Seele Gott befehlend, gestikulierte er mechanisch nach links und rechts. In dieser ganzen elementaren Straßenfrequenz herrschte eine Ordnung, wie sie nur in die freie Natur, der Wind, die Flüsse und die Himmelskörper kennen, ja selbst alle Abweichungen waren periodisch und wiederholten sich fast mst mathematischer Genauigkeit, so daß die Straße auf den Beschauer die gleiche Wirkung ausübte, wie eine große Mühle, die durch den Lärm betäubt und durch die ungezwungene Ordnung in Erstaunen setzt. Plötzlich erfuhr diese elementare Ordnung eine Störung. Die Droschken begannen gegenseitig aneinanderzustoßen, und die Kutscher schwenkten, sich zurückwendend als Signal die Peitschen in die Höhe. Die Tramwayführer läuteten heftig, die Wagen zum Stehen bringend auf, den Bürgersteigen entstand ein Gedränge, und hie und da erscholl sogar ein Schreien, als trete man auf jemanden. Eine Verwirrung griff um sich. Die Trambahnwagen, die stehenbleiben mußten, billieten auf Leiden Linien lange Züge. Dasselbe geschah mit den Droschken. „Was geht vor?" fragte man ringsum. Jemand rief mit halblauter warnender Stimme: „Eine Revision der Pässe und der Passanten! Wer nimmt sie vor und wozu?" Aber das Publikum fand rasch eine Antwort. „Ist es doch fünf Uhr! Er ist aus seiner Amtsstube getreten, der Minister des Innern der Marschallsstraße und Umgegend, der oberste Herr des linken Teiles des elften Bezirkes der inneren Stadt. Oben, an der Spitze, verändern sich die Minister, ihre Gehilfen, die Abteilungschefs, er unten ist unveränderlich, der böse Geist der Straße ein blutiger Paragraf des Henkerrechtes, mutig für fünfzehn vorangehender Vorfahren der Beamten- Hierarchie, eine Rache für deren verletzten Stolz, eine Genugtuung für ihre durch die Revolution eingeschränkte Willkür. Unergreifbare Legionen von Kämpfertrupps demolieren Monopolladen, berauben Regierungskassen, plündern rollende Postzüge, räumen unter Generälen. Staatsanwälten und allerhand Polizeichargen und Spionen auf. Für all dies nimmt er an dem wehrlosen Publikum Rache, er straft es wie eine Mutter den Sohn, aber er straft es nicht bloß, er demütigt es und diese Demütigung ist für ihn eine Wonne. „Halt!" kommandierte er, und das menschliche Element blieb stehen. „Die Hände in die Höhe!" Hunderte Hände erhoben sich und der stattliche und elegante Kommissär besichtigte die Pässe und allerlei Ausweispapiere, während die Soldaten die Hände in die Taschen der Passanten tauchten, ihre Beine, Rücken und Brust betasteten, und auf ordinäre Weise alte Frauen, junge Mädchen, Schülerinnen, Backfische, Kinder revidierten. „Aufs Polizei-Kommissariat!" kommandierte der Kommissär, bei einigen Passanten, gleichsam verdächtige Papiere findend. „Haut ihn!" schrie er zu einem Soldaten, auf einen Handwerker weisend, der etwas in den Bart brummte. Der Soldat versetzte dem Manne einen Kolbenschlag in die Brust. Dieser wankte gegen die Mauer, Blut quoll aus seinem Munde und er sank zusammen. „ Man telefoniere um die Rettungsgesellschaft!" kommandierte der stattlich-elegante in seiner grausamen Ruhe immer gleichmäßige Polizeileiter. Einer der Polizisten ging den Befehl auszuführen. Der Kommissär fühlte auf sich irgend einen Blick ruhen. Ec wandte den Kopf um. In einiger Entfernung stand ein kecker Schuljunge und fixierte ihn mit einem herausfordernden Blick. „Man verhafte ihn!" sagteder Kommissär „Kanaille!" brummte der Schüler zwischen den Zähnen. „Iwan," — rief der Kommissär, sich an den Revierauffeher wendend, — „diesem Rotzjungen", — hier senkte er die Stimme —,,Rutenstreiche!" Der Knabe entwand sich den Soldaten, sprang auf den. Kommissär zu und wollte ihm einen Schlag ins Gesicht versetzen. Dieser, ein starker Mann, packte mit erhobenem Arm den Jungen, drückte ihn nieder, der Junge sank ins Knie vor Schmerz zischend, der Kommissär ließ ihn los, ihm einen Fußtritt versetzend, und die Soldaten schlugen ihn mit den Gewehrkolben nieder. Auf der Straße herrschte dumpfe Sülle. »„Genug," kommandierte der Kommissär. Die Durchsuchungen wurden eingestellt. „Die Hände nach unten!" Hunderte Hände senkten sich. „Auseinandergehen!" Der angeschwollene Strom des Publikums ergoß sich übers Trottoir, sich aber gegenseitig auf die Füße tretend und anrempelnd. „Schneller!" riefen die Soldaten, mit den Gewehrkolben drohend. Die Trambahnglocken klingelten, die stehen gebliebenen Wagen setzten sich in Bewegung, die zusammengedrängten Droschken rollten davon und das blaßgewordene Publikum glitt auf dem Trottoir rasch dahin. Der Kommissär ordnete an, daß man die Straße von den Verwundeten und ihrem Blute säubere, blickte auf die Uhr, ließ noch einmal den Blick nach rechts und links schweifen, dann ging er nach der Mitte der Straße, gerade gegen die Mündung der Querstraße, postierte sich mtt dem linken Fuße auf dem Rundeisen der Wasserleitung, wie ein Bezwinger der Straße — die sichtbare Repräsentanz der Selbstherrschaft des linken Teiles des elften Bezirkes der inneren Stadt. Da ertönten in einer Entfernung von einigen hundert Schütten zwei Schüsse rasch aufeinander. Der Kommissär wendete sich um. Polizeimänner kamen salutierend herbeigerannt. „Was gibt's? Wo denn?" „Es scheint, daß Schüsse .... Wo in der Zlotastraße..." „Nein, wo in der Chmielnastraße." „Nikita, nimm zwei Mann und laufe an Ort und Stelle und erstatte mir sofort Bericht." Der Polizeimann und die Soldaten hielten eine der oorüberfahrenden Droschken an, sprangen hinein, und hießen in Galopp fahren. Der Kommissär ließ den Blick rings um sich schweifen. Er hatte neben sich noch vier Soldaten und einen Polizisten. Er hatte es eigentlich schon eilig aufs Kommissariat. Er hatte das seine schon absolviert, und dem Publikum das liebe Entsetzen des Kriegszustandes in Erinnerung gebracht. Aber er stand noch immer er ging noch nicht, er wollte noch auf diese Fluten botmäßiger Menschenmassen, die schweigend jegliche Demüügung ertrugen, schauen; auf diese zivilisierte, großstädtische Menge, die irgend eine dumme Autonomie, eine Anteilnahme an der Gesetzgebung und solch ähnliche europäische Sachen heischte. Aus der Mitte dieser Menge hatte er sieben Todesurteile erhalten. Schrecken und Wut zuckten abwechselnd in seiner Seele wie zwei Siriusfarben. Die Wut dämpfte den Schrecken, und der Schrecken milderte die Wut. Sett dem letzten Urteil find einige Monate verstrichen und nichts geschehen und so schwoll in ihm das Gefühl des Stolzes und der Macht wieder an. Vor zwei Tagen hatte er eben das echte Urteil erhallen: „Du wirst nicht von einer Kugel sterben, denn das wäre für dich ein zu edler Tod; du wirst vor dem Hause, in dessen Hofraum du vor einem halben Jahre zwei ganz unschuldige Dienstmädchen hast niederstechen lassen, aufgeknüpst werden." Der Kommissär schnitt eine verächtliche Grimasse. „Die Prahlereien irgend eines ohnmächügen Narren," dachte er. Man wird ihm nichts anhaben. Das Schicksal begünstigt ihn, er wird es wett bringen, schon mehr als einer in seiner Stellung wurde Oberpolizeimeister, bah, Minister . . . Und obendrein in solchen Zeiten! Heute braucht man Leute mtt starker Hand und er ist tatsächlich ein Mensch mtt starker eiserner Hand. Eigentlich ist er heute der Oberpolizeimeister von Warschau .... Etwa nicht? Der Oberpolizeimeister wagt es nicht, das Rathaus zu verlassen; der General-Gouverneur hockt wie ein Feigling im Schloß. Sie alle — was ist da viel zu reden — haben Furcht. Er aber fürchtet sich nicht, das weiß jeder und sieht jeder. Er hat eine Natur wie eine hoch gestellte Persönlichkeit. — Er hat französisch gelernt, hat eine schöne Geliebte, für welche er, nach Art der aristokrattschen Kavallerieoffiziere einen zweiten Haushall führt, und mtt der er täglich parliert. Es gibt nichts über eine — lebendige Grammatik. Hochgestellte Personen haben gewöhnlich einen hohen Wuchs und sprechen fließend französisch, auch müssen sie ein Toupet haben. Er hat ein Toupet. Ihm hat der Oberpolizeimeister selbst gesagt „Peter Alexejewitsch Ihr habt ein Toupet! Ich zähle sehr auf Euch. „Er zählt aufs Toupet und sagt: „Ihr" obwohl er ein Baron ist, während des frühere ihm das zu üppige Toupet eben zum Vorwurf machte, mtt „Du" anredete und manchmal ihn sogar zum besten hiell. Nur damals gab es noch keine Revolution. Eine Revolution ist dasselbe für die Polizei, was ein Krieg fürs Militär ist, — die einzige Zett sich rasch hervorzutun. Und weil diese Revolution langsam von statten geht muß man sie aber manchmal stoßen, daß sie schneller gehe. Und die Einkünfte sind während des Ausnahmszustandes ganz andere. Laut Vorschrift sollen die Restaurationen nur bis neun Uhr abends geöffnet sein. Hundert Rubel auf den Tisch — und sie können bis zehn Uhr offen bleiben. Noch hundert Rubel — und bis elf Uhr. Dritte hundert Rubel — zwölf. Ein vierter Hundertrubelschein — und du kannst die ganze Nacht schwelgen! Wer schlemmt der macht doch keine Revolution, und so mag er in Saus und Braus leben was schadet das dem Staat! So kann man also leben. Dieses Leben ist ein. wenig gefährlich, man muß aufpassen, damtt aber hat die Sache ein Ende. Man muß Glück haben. Wer eine hochgestellte Persönlichkeit werden will, der muß schließlich nur pures Glück haben. Und er hat Glück, großes Glück. Aber warum meldet Nikita nichts? Warum hat er nicht wenigstens einen Soldaten mtt einen Rapport geschickt? Der Kommissär schaute auf seine Eskorte und zauderte, ob er mit den Polizisten nicht noch einen Soldaten wenigstens abkommandieren solle, konnte sich aber hierzu nicht entschließen. Er blickte auf die Uhr und beschloß fünf Minten zu warten.

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