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Neue Zeitung · 1907-08-16 · Heft 10 (16.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 10 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. io Thau jun., David Mechel Sperber, Joel Einleger, Mend-l Rosner und Moses Herzog in den Ausschuß gewählt. — Der Versammlung wohnte ein Kommissär von der k. k. Dezirkshauptmannschaft Sniatyn bei. Die jüd.-akadem. Ferialverbindung „M assada" veranstaltet am 25. d. M. in Prerau in 20semestriges Stiftungsfest. Am 3. August fand in Lemberg eine von der jüdischen Sozialdemokratie veranstaltete, von 5000 jüdischen Arbeitern besuchte Volksversammlung statt, die das allgemeine, gleiche urü> direkte Wahlrecht zum galizischen Landtag forderte. Famllien-Nachricht. Herr stud. jur. Jakob Rosenberg aus Sereth hat sich mit Fräulein Rebeka Holinger verlobt. Triöüne. Die Spracheufrage in der Bukowina und die Juden. Auf die von Seiten des Herrn Dr. D. Kinsbrunner den Kimpolunger Juden infolge Forderung deutscher Parallelklassen gemachten Vorwürfe ist eine Erwieoerung erforderlich, denn die Kimpolunger Juden haben weder für die Deutschen noch gegen die Rumänen, sondem in ihrem ureigensten Interesse gehandelt. Jedes Kind wird in der Volksschule in seiner Muttersprache unterrichtet, so daß der Unterricht an den Mittelschulen in dieser Sprache erfolgen kann. Nm das jüdische Kind — einen gewissen Prozentsatz der am. Lande lebenden ausgenommen, erhäÜ seinen Unterricht, zum Teil auch schon seine häusliche Erziehung, in deutscher Sprache. Deshalb wird es dann dem jüdischen Mittelschüler schwer fallen, ja geradezu unmöglich sein, an einem Unterricht in einer ihm ftemden Sprache teilzunehmen. Wenn auch vielleicht an manchen Volksschulen — jedenfalls in kaum genügendem Maaße, eine der Landessprachen gelehrt wird, so beherrschen die Schüler diese doch unmöglich in dem Maaße, daß sie in den Mittelschule:: dem Unterricht in dieser Sprache ordentlich folgen könnten. Überdies ist die deutsche Drache für den größten Teil der Juden des Westens, zu denen wir uns leidet auch zählen können, die Vermittlungssprache unserer Kullur. Solange dies der Fall ist, wird diese Sprache bei den Westjuden besondere Pflege finden. Daß aber die Kenntnis wenigstens einer der zwei Landessprachen den Juden der Bukowina besonders not tut, das hat Herr Dr. D. Kinsbrunner zur Genüge bewiesen. Doch unsere Eltern haben für solche Mahnrufe taube Ohren. Wenn man ihnen in ihren eigenen Interesse dem Rat gibt, ihre Kinder noch eine Landessprache lemen zu lassen, bekommt man außer: „Was ^eht das Sie an?" die Antwort: „Wir sind froh, wenn er die Pstichtgegenstände lernt." Dies ist also keine Pflicht?! Jedweder Vorwurf sollte also nur die Ellern treffen. Im Interesse und zur Zufriedenheit aller drei Nationen sollten die Kimpolunger Bürger für die deutsche Abteilung noch überdies den Unterricht des Rumänischen als eines obligaten Gegenstandes fordem. Die Rumänen hätten den Vorteil der Verbreitung ihrer Spräche, Deutsche und Juden die Ermöglichung eines bessern Fortkommens ihrer Kinder. Wenn man sich vielleicht mü der Einführung eines Freikurses für Rumänisch wird begnügen wollen, dann wäre damtt gar nichts getan, da weder ein Kind freiwillig lemen würde, noch die Eltern es lernen ließen. Auch ist dort kein genügender Unterricht und Zeugnissen eines Freikurses, selbst mü vorzüglicher Fortgangsnote wird wenig Bedeutung beigelegt. Nur ein „Muß" kann hier fruchten. Also Rumänisch als obligater Gegenstand in den deutschen Klassen. Gymnasien aber sind, insbesondere für die Juden, am wenigsten nöttg. Dagegen braucht man Bürgerschulen. Die Juden sehen schon jetzt die Folgen. Möchten sie sich nur an den Serether Juden ein Beispiel nehmen, deren Söhne, die jetzt das dorttge Gymnasium verlassen haben, ratlos dastehen. Man strebe lieber die Errichtung von Fach- und Bürgerschulen an, lasse die Kinder ein Handwerk lernen. Namenüich sollten die Reichen es tun, wodurch kein Zuwachs an Proletariat zu verzeichnen wäre; die Armen schneiden durch das Gymnasial-, studium schon von vorherein ihren Kindern die Existenzmöglichkeü ab. Unsere Ellem sagen aber: „Wenn es so viele sind, mag noch einer dazukommen." Daraus werden aber Tausende. Tut „auch hier" eine Vermehmng not? Die Ellem gehen in ihrer Kindesliebe so well, daß sie, um ihren Söhnen nicht die „Bische" anzutun, keine „Doktoren" zu werden, sie direkt ins Elend jagen. Cognoscant patres! Kurz: Bürgerschulen und Kenntnis der Landessprachen sind nötig. für. Lalomon Menkes. Jüdische Presse in Oesterreich. ,Jetzi/ wo bei den Juden Oesterreichs das nationale Bewußtsein zu erwachen scheint, wo sie mit den assimilatoriscten Traditionen zu brechen und ein neues, eigenes, nationales Leben wieder zu beginnen im Begriffe sind, da ist es auch von großer Wichtigkeit, an die Reform der jüdischen Presse zu gehen. Die Presse spielt die wichtigste Rolle im Leben eines jeden zivilisierten Volkes, sie gestaltet das gesammte Leben der Nation, vermittelt die Kultur, bekämpft das Schädliche und fördert alles Gute und Schöne; sie ist die Lehrerin des Volkes und hat auch daher den größten Einfluß auf dasselbe und auf den Staat. Schöpfer neuer Ideen und neuer Parteien^ alle diejenigen, die an die öffentliche Meinung appellieren, bestreben sich in erster Reihe,-die Presse zu gewinnen. Die mächtigsten Führer, die größten Politiker, Minister und Regierungshäupter beachten das Urteil der Presse und rechnen mit ihrer Meinung. Die Presse ist also einer der mächtigsten Faktoren im Volke. Wenn daher wir Juden in Oesterreich heute von Neuem unser nationales Leben beginnen, und unsere Kultur stärken wollen, dann müssen wir ein großes Gewicht auf unsere Presse legen, wir müssen trachten, sie so zu gestalten, daß sie wirklich die Leherin, die Erzieherin des Volkes wird. Wir müssen unsere Presse so ausgestalten, daß sie dem Volksgeiste entspricht, seinen Gefühlen und Anschauungen sich anpaßt und zugleich auf der Höhe der europäischen Zivilisation steht. Haben wir Juden in Oesterreich auch eine solche Presse? Haben wir überhaupt eine Presse? Wir haben sehr wenig jüdische Zeitungen,' die der Aufklärung der Volksmaffe dienen; in Galizien z. B., wo doch der Schwerpunkt des jüdischen Lebens in Oesterreich ist, existiert nur das jüdische „Tagblatt" und auch dieses entspricht nicht ganz diesen Anforderungen. Das „Tagblatt" ist ein Parteiorgan und kann schon darum, nicht in alle Volksschichten dringen. Auch begnügt sich das „Tagblatt" mit politischen Arttkeln und Parteiangelegenheiten, anstatt das Volk zu erziehen und auszubilden, es der allgemeinen Zivilisatton 'züzuführen. Ich beabsichtige hier selbstverständlich nicht das „Tagblatt" anzugreifen, schon deshalb nicht, da es als Parteiorgan gar nicht anders sein kann, als es ist, will nur in Folgendem zeigen, daß bei uns der Mangel an einer allgemeinen Volkspresse wirklich fühlbar ist, daß wir nur offizielle Zeitungen haben. Wir brauchen neben den Parteiblättern (die ja gewiß auch nötig sind) eine unabhängige Presse, die ausschließlich der Volksbildung dienen sollte. Wir müssen jüdische Familien- und Ltteraturblätter gründen, die diesen Mangel ersetzen. Und noch ein Mängel unserer Presse ist zu verzeichnen. Aufgabe der Presse ist es nicht nur nach Innen, sondern auch nach Außen zu wirken. Sie fft die Vermittlerin des Volkes mit der übrigen Welt, sie gibt den ftemden Kreisen ein Bild vom wahren Volksleben, von allen Sttömungen im Volke. Und dient so als einzige und kompetente Information über alle Volksangelegenheiten, die Presse ist es auch, die die Forderungen des Volkes vor die Oeffentlichkeit Unsere jüdische Presse in Oesterreich aber hat sich diese Stellung noch nicht erobert und gibt äs facto kein genaues Bild vom jüdischen Leben, da — wie schon ftüher erwähnt — sie das Eigentum einer Partei ist und nur die Ansichten dieser Parteft vertritt, während die gegnerischen Meinungen der Oeffentlichkeit fremd bleiben. Das ist auch' der Grund warum die österreichische Oeffentlichkeit über die jüdischen Angelegenheiten nicht genügend informiert ist, warum die Intelligenz keinen Begriff vom jüdischen Leben hat und was sie davon weiß, der antisemitischen Presse entnehmen muß. Auch haben wir keine Zeitungen, die genügend über die jüdischen und auch allgemeinen Angelegenheiten informiert sind, so daß sich der moderne Jude, sogar der nationale, mit einer jüdischen Zeitung allein nicht begnügen kann.. Daher beachtet auch die allgemeine österreichische Presse die jüdische Presse nicht und wir bemerken niemals, daß eine andere Zeitung der jüdischen . etwas entnimmt, wie es sonst gewöhnlich geschieht, oder eine ernste Polemik mit ihr führt. (Wie es z. B. in Rußland der Fall ist).. Wir müssen das jüdische Volk zu einem wichtigen Faktor im Staate heranbilden, Vorbedingungen dazu schaffen und in erster Reihe nur durch eine gut entwickelte Presse, dann können wir unsere Position befestigen. Es wäre vielleicht auch gut ein jüdisches Tagblatt in deutscher Sprache anzulegen, das ja von zionistischer Seite schon projektiert wurde. Meiner Ansicht aber nach, ist cs nötig, eine Konferenz von Fachmännern einzuberufen, die sich mit dieser Frage ausführlich befassen soll, und glaube, daß nur auf diese Weise die Angelegenheit der jüdischen Presse erledigt werden . Rzeszow, den 9. August 1907. Moses Wiesenfeld. Wissenswertes. Ei» Schekelvon Simon Bar-Kochva. Befindet sich nach dem letzten Jahresberichte des Britich Museum in dessen wertvoller Münzen sammlung. Die Vorderseite zeigt den Tempel von Jerusalem als eine Säulenhalle mit vier Pfeilern; darüber ein Stern, das Symbol Bar-Kochbas. Auf den Reversseite befinden sich ein Ethrog und ein Lulaw. Dasselbe Museum besitzt eine sehr schöne Sammlung hebräischer Handschriften. Man findet dort dort 183 hebräische Titel: darunter 67 Handschriften. 3 hebräische Manuskripte kamen neu hinzu. Zu den als besonders wichsig bezeichneten Akquisitionen gehören gehören folgende zwei Handschriften: 1. Sefer Hazikkuk, ein Index Expugatorius hebräischer Bücher, zusammengestellt von dem Zensor Domenico Jrosolomitano im Jahre 1596, und später ver. mehrt. 17. Jahrh. 8°. — 2. Eine hebräische Uebersetzung des Koran aus dem Lateinischen, gedruckt zu Venedig im Jahre 1547; 16. oder' 17. Jahrh. 4«. Kunst und Literatur. Das Buch der jüdischen Witze von M. Nuöl. 3. Auflage. Gustav Ri eck es Buchhand-., lüng, Berlin. Der Titel ist zu anspruchsvoll- Es ist nur ein Buch jüdischer Witze. Alle sind nicht einmal/jüdisch, sondern eher vom Geists der „Bndapester", wie die widerlichen Geschichten von Läusen und Bandwürmern, Geistlichen und Henkersknechten. Sie tragen so sehr den Stempel schlechter Erfindung an sich, daß der Herausgeber ob ihrer Aufnahme schon den milden Vorwurf der Geschmacklosigkeit einstecken muß. Aber dafür hat er auch schon die dritte Auflage erreicht. Auch die Einkleidung der Witze läßt manchmal zu wünschen übrig, sie haben keine Prägnanz. Abgesehen von diesen Verfehlungen und Fehlern finden sich in der Sammlung die gewiß jedem etwas Neues bringen wird, Schnurren und Anekdoten von durchschlagender Wirkung. Es ziehen an uns all die beliebten Typen vorüber, die durch ihre Verschlagenheit, Einfalt oder Unverftorenheit Herz-und Nieren erschütternde Heiterkeit auszulösen vermögen. Aus Krakau wird uns gemeldet, daß der dortige bekannt? Maler Samuel Hirszenberger an den „Bezalel" nach Palästina berufen wurde, um dort ^gemeinsam mit Professor Schatz den Unterricht zu leiten. Wiener jüdisches Woskop. in. Hilda Marion Glaser ist eine feingeistige Jungftau der Gesellschaft. Sie liest znm viertenmal Otto Meininger, hat den „Tristan" zwanzigmal gehört und besucht die Vorlesungen der Professoren Jerusalem und Pribram. „Ihre Weltauffassung" sagt der junge Doktor zu ihr, während er an ihre Mitgist denkt, „schließt sich eng an Spinoza an". „O, ich bin eine glühende Anhängerin des großen Spinoza" erwidert das Fräulein und findet in dem vis-L-vis hängenden Spiegel ihren Hut sehr zufriedenstellend. „Auch ich, gnädiges Fräulein, habe nur eine Philosophie, die heißt: „Baruch Spinoza." „Baruch? Pfui, wie unästhetisch!" . „Aber bitte! So hieß ja der gewaltige Brillenschleifer und Denker des Amsterdamer Ghetto!" Das Fräulein Hilda Marion Glaser rümpft ihre milchweißen Nasenflügel.

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