Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 10 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«Seite 6 Neue Zeitung Nr. 10 Er wandte sich wiederum nach der Richtung des sächsischen Gartet- Er stand wie eine Bildsäule mit dem Fuße aufs Rundeisen der Wasserleitung gestützt. Er hatte gerne so zu stehen, auf einem starken, eisernen Postament. An der Mündung der heiligen Kreuzstraße tauchte eben irgend ein junger Mensch in einer bis zum Hals zugeknöpften Pelerine und mit einem weichen Filzhut auf. Wie ein Schatten glitt er durch die Straße an dem Soldaten vorbei, dem er für einen Verdächtigen zu ordentlich gekleidet vorkam, und passierte von rückwärts an dem Kommissär vorbei. In diesen Moment hob er irgend einen Gegenstand in die Höhe und ohne für eine Sekunde im Gehen inne zu halten, schleuderte er ihn hinter sich, das Rundeisen der Wasserleitung treffend. Die Lust erbebte furchtbar. Eine rote Feuerzunge schoß empor, eine perlgraue Wolke enstand, zwei zusammengeballte Leiber wurden bis zur Höhe eines halben Stockwerkes emporgeschleudert und fielen zerschmettert zu Boden. Die Menschenmaflen, Droschken, Trambahnwngen und Tiere alles blieb von der höllischen Erschütterung wie gelähmt stehen. Wie ein Regen nach einem Donnerschlag ließ sich bald darauf das Klirren tausender geborstener Fensterscheiben vernehmen. ' und nach einer Weile machte sich ein schrecklicher, würgender Brandgeruch fühlbar. Plötzlich fuhr die gelähmte Straße zusammen. Zuerst begannen in der Ferne, soweit das Auge reichte, die Menschenmassen mit einem markerschütternden Geschrei zu flüchten. Manche rannten wie irrsinnig mit ausgestreckten Händen und ihren Lippen entrang sich ein wahnsinniges: a-a-a-a. In der Mitte der Straße lag in einer Blutlache der Leichnam des gräßlich verstümmelten Kommissärs und nebenan wand sich der Polizist im Todeskampf. In der Nähe stand irgend ein Passant wie erstarrt und betrachtete wie wirr seinen blutüberströmten Arm. Wer jemand zerrte ihn und rief ihm zu: „Entweichen Sie, solange es noch Zeit ist!" Der Verwundete begann zu laufen stolperte aber über eine eiserne Baumeinfassung und stürzte nieder. Auf der anderen Seite lag irgend ein Passant mit zerschmettertem Fuße. Unterdessen verflüchtigten sich die Explofionsgase. Die anderen Leute die sich in der Nähe der Explostonstätte befanden, begannen gleichfalls davon zu laufen, während der Flucht sich überwerfend und tretend. Jener junge Mann in der Pelerine, der den explodierenden Gegenstand hinter sich geschleudert hatte, schritt weiter fürbaß aus, trotz der furchtbaren atmosphärischen Erschütterung, wie ein wunderbarer in Gang gebrachter menschlicher Mechanismus, in der vor der Explosion eingeschlagenen Richtung, bis er plötzlich von Angesicht zu Angesicht auf einen Soldaten stteß. Dieser hotte mtt dem Gewehrkolben zum Schlage aus. Er hätte ihm sicherlich den Schädel zerschmettert, aber irgend eine unsichtbare Hand schlug die Flinte zur Seite und Baruch, denn er war es, schlug mit seinem in der linken Hand befindlichen Browning dem Soldaten ins Gesicht, ihm das Nasenbein zertrümmernd. Der Soldat fiel blutübersttömt nieder. In diesem Moment feuerte ein Soldat sein Gewehr ab. Baruch fuhr zusammen, bückte sich und sank hin. Ueber seinem Haupte erdröhnte ein Browning schuß. Der Soldat, der auf Baruch gefeuert hatte, ließ das Gewehr sinken, spreizte die Arme auseinander, stürzte aufs Pflaster und begann zu zucken. Jetzt begannen Soldaten von der entgegengesetzten Straßenecke zu feuern. Baruch erhiett noch einen Schuß ins Bein. Wer die Brownings antworten wiederholt auf die Flintenschüsse. Baruch vernahm neben sich ein Gestöhn. Einer der Schutzbegleitung fiel. Baruch richtete sich, mtt übermenschlicher Anstrengung ans, das aus einer Brustwunde fließende Blut mtt der Hand stillend. Er lief einige Schritte, und sank wieder nieder. Tötlich röchelnd, schleppte er sich auf allen Vieren auf dem verödeten Trottoir hin. Er hörte nichts mehr, ein Sausen 'füllte seine Ohren und er sah nur wie durch einen Nebel. Auf der linken Seite, ist ein Haustor. Er schleppt sich hin. Wie ein roter Ariadnefaden -zieht sich hinter ihm Blut durch das Todeslabyrinth. Es steht irgend eine Kiste da. Zwischen ihr und der Mauer ist ein Zwischenraum. Er schleppte sich dort hinein. Er fiel mit dem Gesicht auf die Steine, und duntte sich aus. „Baruch"! ertönte es über seinem Ohr. Er wandte sein bestaubtes Gesicht mtt den halboffenen Lidern und seine blauen Augen wurden trübe. Die Lippen flüsterten undeutlich. „Es scheint ... es scheint . . . daß alles in Ordnung ist..." „Ja, in Ordnung . . . teurer Freund." „Erlaube, ich werde dich aufheben, vielleicht werde ich dich verstecken können." Eben langte auf dem Orte der Katastrophe die erste Militärabteilung an und begann nach allen Richtungen Salven abzufeuern, allenthalben Verwüstung und Schrecken verbreitend. Baruch, der dies nicht mehr hörte, brummte mit Mühe: „Geh.denke nur an dich.es ist schade um. dich ... mtt mir ist es schon ... sag' den Eltern ... in Ordnung . . ." Vor dem Munde zeigte sich ein blutiger Schaum. Er verschied. Auf dem jüdischen Friedhof befindet sich ein Grab, das fortwährend mit frischen Blumen geschmückt wird. Auf dieser Grabstätte schimmert eine Inschrift: Baruch, ein junger Kämpe, gefallen für die Freiheit.-. Täglich besuchen christliche Arbettertruppen dieses Grab. Manchmal auch aus den sogenannten besseren Kreisen. Manchmal erschallt über dem Grab-der Gesang: Wir selbst werden ein neues Leben, schaffen. Die Polizei meidet den heiligen Hain. Er hat eine Seele, besonders seit dieses Grab hinzugekommen ist. Man könnte sagen, dieses Grab mit dem Getöteten hat eine große Kluft zwischen zwei Religionen ausgefüllt und sie haben aufgehört, sich befehdende Schwellern zu sein. Irgendwo in der Ferne, sehr weit, raucht Bialystok,- Kischenew hat seine Hände noch dmchl vom Blut gettocknet und Homel leuchtet mit Kainsaugen. Hier im heiligen Hain, am Grab Baruchs erschallt aus arischer und semitischer Brust ein brüderlicher Chor und ein Lied des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe steigt empor. Nachbemerkung der Redaktion: Es ist wohl sonst nicht Sitte, Erzeugnisse der schönen Literaturmtt polemischen Nachbemerkungen zu versehen. Wir müssen aber diesmal von dieser Regel eine Ausnahme machen, um nicht in den Verdacht zu geraten, daß wir uns mit der vom Verfasser in die letzten Absätze seiner Skizze hineingedrängten Tendenz auch nur im Entferntesten identifizieren. Wir haben mit diesen seichten und billigen Schlußworten des als Heißspornes der Juden-Assimilierung bekannten, übrigens auch den Juden gut gesinnten Mannes nichts zu tun, glaubten aber wegen dieser paar Worte die sonst tteffliche Skizze, die ein plastisches Bild der russischen Zustände und ihrer Wirkungen auf die Seelen gibt, unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen. Unser Interviewer. Wir haben' es zusammen mit unseren freundlichen Lesern und liebenswürdigen Leserinnen schon lange als Uebelstand empfunden, daß wir keinen Interviewer hatten. Krampfhaft ^suchten wir nach ihm. Endlich fanden^wir ihn, aber leider erst knapp vor Schluß des Blattes, so daß wir das erste Interview, das er uns brachte, als Nachtrag drucken müssen. Dafür. habe« wir aber auch einen Glücksgriff getan: Ein Interviewer aus Jnterviewerland, wie man sich jiddisch ausdrücken würde. Entfernungen und Elemente gibt es für'ihn nicht. Cr-sucht die Tobten im Grabe auf, wenn er nicht vorzieht, sie eine Sekunde vor ihrem letzten Seufzer zu interviewen. Man ist nirgends und niemand ist vor ihm sicher. In ein ftemdes Brautgemach dringt er ebenso leicht ein, wie ein Anderer in's Wirtshaus. Dabei errät er auch die Gedanken,, die man nicht hat. Me großen Männer aller Zetten und Planeten kann er in gerader und umgekehrter alphabetischer Reihenfolge aufzählen, und nimmt aus eigener Machtvollkommenheit in das Pantheon der großen Männer auf. Darum, ist er auch der Gesuchteste der Interviewer, und viele Leute haben sich schon tot nach ihm gesehnt; wenigstens sah man viele, die das Interview nicht überlebten. Nun aber hören wir ihn selbst das erste Interview, das. er für uns besorgte, erzählen! Vor einer Stunde war ich bei Morris Rosenfeld. Ich trat natürlich unangemeldet ein. Er empfing mich sehr leutselig, noch an der Tür, und wollte mich nicht weiter , bemühen. „Es steht sich angenehmer" meinte er. Ich bewunderte die rasche Amerikanisierung des Mannes. Macht keine Umstände. Natürlich machte ich auch keine und ließ ihn auch stehen. Wie schlecht er aussieht, der Arme! Man sieht ihm's förmlich an, daß er schon einmal an der Presse gestorben ist. Uebrigens geschieht ihm recht: Warum ließ er sich nicht früher von mio interviewen? Ich hätte chn vielleicht leben lassem „Also, Sie leben?" frug ich. „Wie Sie sehen." „Nun, das genügt mir nicht". „Soll ich'es Ihnen handgreiflich beweisen?" ftug er und hob den Arm. Ich nahm seine Hand und drückte sie. warm. Oh, diese schmale, abgezehrte Hand! „Sehr liebenswürdig, doch noch immer kein voller Beweis. Sie müssen wissen: Tote Dichter glaubt einen das Publikum gerne, aber wiederauferstandene? . . Er lächelte. Er hat ein feines Lächeln« fast wie eine junge Frau. Es erinnert mich an' eines feiner Gedichte, nur weiß ich nicht . mehr, an welches. Ich glaube . . . Nein ich kann mich wirklich nicht entsinnen. „Was wollen Sie also?" frug er wieder amerikanisch. „Ich möchte hören, was Sie über Ihre Totsagung denken?" „Ich finde die Sache sehr amüsant." Oh dieser Humor, dachte ich, dieser glückliche Humor! Oh dieser gottgesegnete Dichter!. „Amüsant?" sagte ich laut. „Sie glauben mir's nicht. Bitte, machen Sie mir's nach! Ich will's Ihnen dann sicher glauben." Ich war gerührt und konnte kaum eine Träne zurückhalten. „Sie hätten wirklich ein besseres Los verdient . . ." brachte ich heraus. „Das mein' ich auch." „Wer, unter uns, mein Lieber, wie konnte einfallen, Jargondichter zu werden?"