Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 10 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue Zeitung Nr. 10 Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, folgende ergreifende Szene anzusehen: Drei jüdische Lehramtskandidaten kamen unter unsäglichen Schwierigkeiten zum Haupte der Landesschulverwaltung mit der Bitte um Erteilung eines kleinen Hungerpostens. Sehr gute Oualifikation — Sprache, Takt und Benehmen tadellos. — Beim Eintritt in die Audienz: „Was wünschen Sie?“ „Wir bitten ergebenst um einen Praktikantenposten, nachdem bereits ein Jahr seit unserer Matura verstrichen ist." Landesschulratpräsident: „Sie heißen?“ Die Kandidaten stellen sich namentlich vor. Landesschulratpräsident: „Ich meinerseits würde Euch gerne einen Posten zuweisen — aber da steht Ihrer Ernennung im Wege- Sie werden einsehen, daß die Gemeinden einen jüdischen Lehrer nicht aufnehmen werden und aufzwingen läßt es sich nicht, da ich keine Bauernrevolution riskieren mag." — Damit schloß die unfreundliche und unerquickliche Audienz. Schülerinnen werden in den sogenannten k. k. Landespräparandicn gar nicht oder in ganz seltenen, wohlprotegierten Fällen ausgenommen, um eines ähnlichen Schicksals teilhastig zu werden. Unseren jüdischen Lehrern steht also der kleine Kreis der Baron Hirsch und der jüdischen Gemeiudeschulen offen, allein wie groß ist nun der Bedarf? Der Schulrat verfiel aber in seiner unendlichen Güte und Judenfreundlichkeit auf eine geniale Idee, eine Idee, drei Fliegen auf einmal zu schlagen. Die Lemberger jüdische Gemeinde in ihrer affimilatorischen Liebedienerei, errichtete eine Religionslehrerschule von — sage zweistündigem täglichen Vortrag, um das Judentum ganzzu polonisieren-Um den Lernappetit zu reizen, werden sogar Stipendien an die Kandidaten verteilt — und das Polentum ist gerettet, die eventuellen Lehramtskandidaten werden aus dem Mitbewerb auf Posten im Profanunterricht ausgeschaltet, und schließlich brauchen dieselben auch nicht mehr zur Qualifikationsprüfung als Volks- oder Bürgerschullehrer zugelaffen werden. Es fragt sich nun, wie, wenn die Religionslehrerposten ausgefüllt sein werden, wohin mit den Kandidaten? Kann nicht Ritter von Kozlowski in seiner großen Ritterlichkest uns sagen, ob die Polen ihren Religionsunterricht „Laien" anvertrauen, z. B. den Sprachlehrern, den Kalligraphen rc., kann ferner Herr Ritter von Kozlowski, der beständig die Toleranz der Polen unserm Volke unter die Rase reibt, die obzitterten Fakta auch als Toleranz seitens seiner Stammesgenoffen hervorheben, die an unfern jungen Lehrern verübt wird, zusehen, wie diese schmachten, fasten Iie Juden in Marokko. Von E. A l a d i n (Tripolis). Die Gesamtzahl der heute in Marokko lebenden Inden mag ungefähr 300,000 Seelen betragen, eher mehr als weniger, und kann zunächst in zwei Kategorien geschieden werden. Der erste, größere Teil besteht aus den eigentlichen, marokkanischen Inden, welche wieder in Städtebewohner, im ganzen Binnenlande zerstreute Gemeinden, im einzelne Familien und endlich in kompakte, gleich den Beduinen in der Wüste hausende Stämme zerfallen. Sie sind seit den ältesten Zeiten im Lande ansässig, wohin sie wohl schon mit den Phöniziern gekommen sein dürsten, und waren, wie aus einigen in Tafilat aufgefundenen jüdischen Grabsteinen ersichtlich ist, bereits zur Zeit des selbstständigen Reiches von Jerusalem bis jenseits des Atlas vorgedrungen. Die Juden der Städte des Binnenlandes muffen in streng abgesonderten Ghettis, hier Mellali (eigentlich Salzplatz mit der Nebenbedeutung verwünschter Ort, entweihte Erde, verfluchter Boden) genannt, wohnen; jedoch wird in neuerer Zeit auf Jnnehaltung’ des Ghetto- Zwangs in den Küstenstädten nicht sonderlich mehr geachtet; in Tanger ist die Mellali überhaupt ganz verschwunden. Wo eine solche besteht, werden deren Tore am Abend von der Behörde zum Schutz der Inwohner gegen das Eindringen arabischer Rowdies abgeschlossen. Das Los dieser Juden, welche marokkanischen Untertanen stnd, insbesondere jener des und aus ihrem schwer erworbenem Beruf hinausgedrängt werden, ohne daß die polnischen Machthaber! nur mit einer Wimper zucken? Wahrlich, sehr wacker, Herr Ritter! Wir wollen noch auf diesen Gedanken zurückkommen und wenden uns der Lemberger Stadtgemeinde zu. Auch diese Gemeinde mit einer Bevölkerung von zirka 50.000 Juden, die mit so ungeheurer Steuersumme zum Schulfond beitragen, hat den traurigen Mut, unsere jüdischen Lehrkräfte zurückzusetzen und ihre traditionelle antijüdische Schulpolitik zu treiben. Diese groß: Gemeinde lenkt und leitet alles nach jesuitischen Prinzipien, als stünden wir heute im Mittelalter. Folgende Tatsachen mögen hier feftgelegt werden.- Für die vielen Tausende jüdischer Kinder gibt es keine jüdischen Schuldirektoren und -Inspektoren. Nur selten werden jüdische Lehrer und Kandidaten angestellt und dies nicht aus besonderer Zuneigung zu den jüdischen Landsleuten, selbst zu den Assimilierten. Freilich gibt den Polen der Erfahrungssatz — Selbst e»en macht fett —^ Recht und die Macht der Stellenbesetzung erhall die Herrschaft über andere Bürger des Landes. Wenn aber Herr von Kozlowski von den Juden spricht, als lebten diese rein von der Gnade der Herren des Landes, möchte ich auf Folgendes Hinweisen. In Lemberg wird eine Art von Votiokirche erbaut, zu welchem Baue der Lemberger Magistrat 15 Millionen, und der Landtag eine gleich hohe Summe beiträgt. Wieviel Hunderttausende jüdischen Geldes mag wohl dieser ganz christliche Bau verschlingen? Hingegen mußte die jüdische Gemeinde behufs Ankauf und Erweiterung ihres. Friedhofes die betreffende Parzelle beim Magistrat um gutes Bargeld erwerben. . So sieht die berühmte polnische Judensteundlichkeit aus. Samuelsohn. Wochenschau. Zwei edle Klubpolen haben in der letzten Woche Anlaß genommen, die übliche Unverfrorenheit ihrer Raffe zu beweisen: In Lemberg bezeichnete es Reichsratsabgeordneter Professor Dr. B u z e k als eines der wichtigsten Ergebnisse der Session, daß die Sozialdemokraten und die Ruthenen im Parlamente isoliert wurden. Diese brutale Aeußerung wird von den heimtückischen des Ritter von A b r a h a m o w i c z, die er dem Mitarbeiter eines Warschauer polnischen Blattes gegenüber machte, noch übertroffen. Er stellte seine Parteisteunde als die unschuldigen Opfer hin, an die sich die wilden Ruthenen mit Mordabsichten herandrängen, was eine Rede des ruthenischen Abgeordneten Budzynowski beweise. Dessen Ausbrüche haben vielen' deutschen Politikern die Binnenlandes, ist allerdings als ein überaus hartes und trauriges zu bezeichnen. Inmitten einer geradezu unglaublich fanatisch-rohen Barbarenhorde lebend, von welcher sie tief verachtet. und ihrem persönlichen Werte nach als ein unter den Haustieren stehendes Nationaleigentum betrachtet werden, sind sie unablässtgen Demütigungen, den härtesten Bedrückungen und Mißhandlungen schutzlos preisgegeben, keinen Augenblick ihres Lebens und Vermögens sicher — eine Paria-Kaste in des Wortes traurigster Bedeutung, die in ihr unvermeidliches Schicksal sich fügend, stumpf dahinbrütet, ohne zu murren, ohne Hoffnung auf Erlösung Unrecht und Drangsal duldet. Trotz ihrer so überaus mißlichen äußeren Existenzbedingungen sind diese Juden meist kräftig und" wohlgebaut; selten unter normaler Mittelgröße, weisen sie sogar recht zahlreiche hochgewachsene, breitschulterige Hünengestaltnn auf. Zum Teil mag ihre einfache und somit gesunde Lebensweise ohne irgendwelche Ausschweifungen, die Körperabhärtung neben der notgedrungenen Gewöhnung an die schwersten Arbeiten nicht wenig hiezu beitragen. Wenn den Juden anderer Länder so häufig vorgeworfen wird, daß sie harte körperliche Anstrengung scheuen, so muß das namentlich bei den marokkanischen Söhnen Israels als völlig unzutreffend bezeichnet werden. In diesem Lande der wirklich arbeitsscheuen und geradezu stinkfaulen Mauren werden fast alle Geschäftsbetriebe, besonders sämtliche mühevollen, „schweißtrei¬ Augen geöffnet, und die deutschen Parteiführer, die bis dahin den Polen nicht sonderlich freundlich gesinnt waren, seien selbst zu ihm gekommen, ihm ihr Bedauern über die Machtlosigkeit gegenüber so rohen Reden auszusprechen. Viele dieser Politiker haben es offen ausgesprochen, daß sie nunmehr erst in die Lage versetzt würden, den wahren Charatter der polnisch-ruthenischen Beziehungen zu erkennen. Nach den Reden Budzynowskis und Tryjlowskis vermöge man erst die angeblichen „polnischen Wahlmißbräuche" auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Erlauben Sie, edler Herr, daß wir Ihnen, der Sie ja ein sattsam bekanntes Individuum sind, nach dieser neuerlichen Probe Ihres Könnens den Ausdruck, unserer Anerkennung übermitteln: Sie sind der erbärmlichste politische Jongleur und unverschämteste Lügner, der selbst auf schlachzizischem Kulturboden zu finden ist. Die deutschen Herren aber, von denen Sie sprechen, bestehen entweder nicht, oder sind Ihres Lobes würdig. Die galizischen Verhältnisse schildert ein Aufruf der ruthenischen Sozialdemokratie, der soeben in 10.000 Exemplaren erschienen ist. Es heißt dort: „In den von der Natur so gesegneten Ländern leben 7 5 Millionen Einwohner, von welchen 7°25 Millionen in Elend und Not leben. In Galizien gehen jährlich 100.000 Menschen vor Hunger zu Grund. Jedes Jahr wandern 100.000 Menschen nach Amerika oder Preußen aus. . In dem Lande kann 1 Million Menschen nicht lesen noch schreiben. Die Not wird von Tag zu Tag größer: Und das Alles nur deshalb, weil sich ein Häuflein Reicher am Ruder, erhalten und über die anderen herrschen will. Wir rufen Euch deshalb zum Kampfe gegen. Eure Feinde, um den Landtag zu erobern." Ei» echter „Echter". Wie uns aus Petersburg berichtet wird, wurde der berüchtigte Führer des Verbandes des „Schwarzen Hundert" Kruschewan aus dem Verbände ausgeschlossen, weil er 300.000 Rubel unterschlagen hat. Ion da und dort. Antisemitische Frechheit. Suczawa. Am 4. d. M. kamen Bahnadjunkt Hugo Lindenthaler und Bahnassistent Alois Langer (getaufter Jude), beide in Czernowitz beamtet, nachdem sie sich in der bekannten rumänischen Weinstadt Burdujeny an Wein und Antisemitismus gesättigt hatten, nach Suczawa. Hier attackietten sie Herm Nathan G o l d st e i n, beschimpften ihn mit den ordinärsten, dieser „Herren" ganz würdigen Ausdrücken und ließen es auch nicht an Beleidigungen ärgster Att gegen das Judentum fehlen. Dann wurden aber diese „hohen" Herren unter polizeilicher Begleitung aufs Kommissariat gebracht, wo sie sich legitimierten und sich dabei in neuerbenden" Arbeiten ausschließlich von den Juden bewerkstelligt. Sie sind Handwerker, Bootsführer, Hafenarbeiter, Holzhauer, Lastträger rc. Der religiöse Ritus der marokkanischen Juden ist der sephardische mit einem von dem in Europa und im Orient geübten einigermaßen abweichenden Ceremoniell. In manchen Dingen, die anderwärts von den Orthodoxen strenge geübt werden, nimmt man es in Marokko weniger genau, während andere Zeremonien und religiöse Gebräuche dort gewissenhafter eingeyalten werden, die anderwärts zu den minder beachteten gehören. Die rabbinische Gelehrsamkeit, die einst unter den Juden Marokkos in hoher Blüte stand, ist unter dem politischen und ökonomischen Druck fast gänzlich erstorben. In der Bekleidung unterscheiden sich die marokkanischen Juden von den herrschenden mohamedanischen Klaffen zunächst schon notgedruugen aus dem Grunde, weil ihnen das .Tragen gewisser, bei den Mauren üblicher. Kleidungsstücke direkt verboten ist, ein Ueberbleibsel übrigens der seinerzeit vom Khalifen Omar eingeführten Kleiderordnung, welche sich damals von Aegypten aus über das gesamte vom Islam beherrschte Gebiet verbreitet hat, gegegenwärtig aber mit Ausnahme des grünen Turbans als sichtbares Zeichen der Abstammung vom „Propheten" bzw. dessen Tochter nur noch in Marokko, den Juden gegenüber in Geltung geblieben ist. So z. B. dürfen diese letzteren keine Pantoffel von gelber Farbe ttagen und müssen dieselben im Binnenlande