Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 10 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG Akittlktim und AdmillistraliM: Me». 11/3, Haasgass» 8. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 4—6 Uhr Nachmittag Insertionspreise: Kr die dreimal gespaltene Nonpareillezelle oder der Raum 12 h, bei wiederhole iqen Rabatt. po-tsxarkaffen.«onto Nr. 89 867 Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Jlttannementspieife: In Oesterreich-Ungarn Ganzjähr L8.—, halbj. L4.— Vierteljahr. K 2.-. Im Ausland: Ganzjähr. K 11.— halbj.L5.50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. außerhalb Wiens im Inlande 2* h. Nr. JO. Wien, Freitag, den J6. August W07. 2. Jahrgang. Zur Beachtung! Einem großen Teile unserer heutigen Auflage sind Erlagscheine der Postsparkassa beigelegt. Wir bitten diejenigen Abonnenten, die mit demPrännmerationsbetrage im Rückstände sind, sowie, die Besteller, welche ihn überhaupt «och nicht erlegt haben den betreffenden Betrage gütigst umgehend mittelst der Erlagscheine zu übersenden, damit wir in der weiteren Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete» lassen müssen. \ die Administration der „Renen Zeitung" Nationale Autonomie. m*) SBir zitierten im vorigen Artikel die Aeußerung eines namhafteren sozialdemokratischen Schriftstellers über den Einflußdes allgemeinen Wahlrechtes auf die nationalen Kämpfe in Oesterreich. In dem übrigens ausgezeichneten Aufsatz, in welchem wir diese Aeußerung fanden, schlägt der Verfasser**) auch eine eigenartige Methode zur Realisierung der nationalen Autonomie vor. Er weist daraus hin, daß bei der neuen Wahlkreiseinteilung auf die . nationale Schichtung der Bevölkerung möglichst Rücksicht genommen worden sei. Daher könne jede Nation in ihren Abgeordneten schon eine gewisse nationale Vertretung erblicken. Und es sei also nur nötig, daß die Abgeordneten jeder Nation als besonderes Parlament für die nationalen Angelegenheiten ihres Volkes einberufen werden. Diese ersten nattonalen Parlamente hätten dann die nationalen Verfassungen so auszubauen, wie sie ihren besonderen Verhältnissen entsprechen. Gegen diesen Vorschlag läßt sich vieles einwenden: Vor allem wiederspricht die Wahlkreiseinteilung, wie wir sie 'haben, im Prinzips den Voraussetzungen einer Wahl für nationale Parlamente. Denn angenommen, daß sie wirklich der nationalen Schichtung der Bevölkerung möglichst nahe kommt, so kann sie als territoriale Einteilung doch nicht vermeiden, daß nationale Minderheiten unberücksichtigt bleiben oder die Wahlresultate im Sinne eines Kompromisses beein-. flußen. Und die nationale Autonomie will ja gerade das Gegenteil: Einerseits alle, auch die kleinsten, versprengtesten Gruppen herausheben und ihrer nationalen Rechte teilhaftig werden lassen, andererseits die nationale Entwicklung eines Volkes von Rücksichten auf fremdnationale Wünsche und Einflüsse frei machen. Aber unsere Wahlkreiseinteilung ist auch gar nicht der nationalen Schichtung der Bevölkerung möglichst nahe gekommen. Ganz im Gegenteile, sie hat im weitesten Umfang nationales Unrecht zum Gesetze erhoben. Sie kennt noch bevorzugte und benachteiligte Nationen. So hat sie z. B. den Polen fast dreimal *) I und II in den beiden vorigen Nummern- **) Der Artikel erschien in der Wiener „Arbeiter- Zeitung" und war mit „F. A." gezeichnet. Offenbar Fritz Austerlitz. so viel Volksvertreter, als den Ruthenen, deren es in Oesterreich mehr als Polen gibt, verschafft. Dazu kommt, daß das Unrecht durch die Art, wie die Wahlen in manchen Orten durchgeführt wurden, noch verstärkt und vertieft worden ist. Und wieder find die Ruthenen ein dankbares Beispiel. Wo sollen die Ruthenen eines Kreises, der jetzt durch einen polnischen Wahlschwindelgrafen vertreten ist, ihre besonderen Meinungen über nationale Kulturftagen zum Ausdrucke bringen? Freilich kann man allen diesen Einwendungen entgegenhalten, daß es nun einmal nicht anders ist in der Politik. Ihre Rechnungen gehen niemals ohne Rest auf. Man müsse lernen, diese Reste mit in den Kauf zu nehmen. Bester mangelhafte nationale Parlamente als gar keine. Nun läßt sich nicht bestreiten, daß dieser Gedankengang an sich ein richtiger, mindestens ebenso richtig ist, wie unsere Einwendungen. Es kommt aber darauf an, daß.man dabei nicht mit höheren Kosten rechnet, nicht weitergehende Konsequenzen zieht, nicht in stärkere Widersprüche sich einläßt, als unbedingt notwendig ist. Und es wäre erst'genau zu untersuchen, ob in dem hier besprochenen Vorschläge diese Grenze schon überschritten ist oder nicht: Aber selbst wenn diese Unterstützung ganz günstig für den Vorschlag ausfiele, so wäre damit noch lange nichts bewiesen. Dann mag er wohl den richttgen Weg, muß aber nicht jenen ersten Schritt bedeuten, mtt dem man auf die rechte Bahn gerät. Und er bedeutet ihn auch wirklich nicht. Denn wir stehen nach dem Vorschläge in Bezug auf Uebcrwindung der Widerstände auf eben demselben Punkte, auf dem wir vor ihm standen. Muß es ja den Gegnern der nattonalen Autonomie herzlich gleichgiltig sein, ob ihnen die Reichsratsabgeordneten als Mtt- Llieder der nationalen Parlamente empfohlen, oder besondere Wahlen für diese vorgeschlagen werden. Sie merken in jedem Falle die Absicht und werden verstimmt. Es ist eben noch verfrüht, Verfassungsvorschläge aus dem Bereiche der Theorie in den der Praxis hinüberzuziehen. Man hält erst Lei der Vorarbeit. Es muß erst etwas unternommen werden, was die Polttiker für geeignete Vorschläge uolöns volens geneigt macht oder sie unversehens auf den Weg führt, auf dem man sie haben will. Darum handelt sich's und darüber werden wir zu sprechen haben. Zn diesem Zwecke müssen wir uns aber vor Allem die Leute, mtt welchen die wegsuchende nationale Autonomie zu tun haben wird, noch einmal ansehen und genauer nach ihrer Voreignnng einteilen. Wir werden bei dieser Arbeit auch noch an Stellen Widerstände entdecken, wo solcher kaum zu erwarten waren. So hat z. B. in der allerletzten Zeit die nattonale Autonomie von tschechisch-sozialdemokratischer Sette eine geradezu heftige Ablehnung erfahren. Es gehe nicht an, hieß es da, jetzt, nachdem die deutschen Schulen seit Jahrhunderten von dem Gelde aller Nationen gespeist worden sind, plötzlich den Grundsatz aufzustellen, daß sich 'jede Nation ihre Schulen selber bezahle. Die Bemerkung ist unstrettig richttg, nur daß sie kein Argument gegen die nationale Autonomie ist. Schon die Theoretiker haben an die verschiedensten Uebergangsbestimmungen gedacht und außerdem die Notwendigkeit einerseits einer Art von Vetorechtes der Nattonen, andererseits gewisser oberster Rechte und Pflichten, die der staatlichen Allgemeinheit gegenüber dem nationalen Schulwesen zustehen müssen, mehrfach betont. Und die Praxis, die ja aus den gegensätzlichsten Interessen sich aufbaut, wird für solche Uebergangsbesümmungen, Garantten und Notwendigkeiten gewiß reichliche Vorsorge treffen. Wir ließen uns hier auf der Entgegnung ein, um damit auszudrücken, daß wir die Gegnerschaft der tschechischen Sozialdemokraten und etwa ähnlich denkender Anderer, nur als aus einem Mißverständnisse erwachsen betrachten und diese Gegner für solche halten, die sich durch geduldige Darlegung des Sachverhaltes, durch entgegenkommende Aufklärung allein überzeugen Dieses einfache Mittel kann natürlich gegenüber wirklichen und entschiedenen Gegnern nicht verfangen. Wo Selbstsucht ein Interesse zu haben glmÄ, da gibt es kein Ueberzeugen. Aber auch gegenüber der Regierung, bezw. gegenüber den Kreisen, die das dauernde Regierungssystem in Oesterreich, repräsenüecen, wäre ein Versuch' damit unangebracht. Wohl handett es sich bei dem Widerstande dieser Kreise nur um die rechenschastlose Angst vor dem Reuen, und dieses selbst auf der Linie des eigenen Geschmackes. Allein Angst ist ja ebenso wie selbstsüchtiger böser Wille etwas, das durch Argumente nicht zu beseittgen ist, gegen beide hilft nur die Logik der Tat. (Wettere Artikel folgen). Die polnische Schulherrschast in Halizien. Ich möchte einige Daten zur polnischen Judenfreundlichkett besonders jener Regierungskreise mitteilen, welche die ganze Jämmerlichkeit und Verlogenheit der Führer der „Rada narodowa" und ihrer Mannen dartun. Bekanntlich steht Galizien im Zeichen des Schulzwanges, den die Polen zur intensiven Ausbreitung ihrer Sprache und Lüeratur, sowie zum Zurückdrängen aller andern Idiome benützen. Dieser geistigen Hegemonie über Ruthenen und Juden liegt aber ein ttefernster, politischer Gedanke zu Grunde, — die Erhaltung der polittschen Hegemonie. Den vollgilttgsten Beweis hieför erbringen der Landtag und alle autonomen Landesstellungen. In den folgenden Zeilen soll nun ein ganz spezieller und aliquoter Teil der polnischen Wirtschaft vor das Forum der Oeffentlichkett gebracht werden, nämlich die Schule und ihre Funkttonen. Der polnische Lehramtskandidat erhätt gleich nach überstandener Matura einen Praktikantenposten mit einem Monatsgehalt, der ihm den Lebensbedarf sichert und was noch wichtiger ist, die Möglichkett, nach einer zweijährigen Praxis sich der Lehrqualisikativnsprüfung zu unterziehen, gibt, so daß er bei einiger Eignung in noch jugendlichen Jahren sich ein Heim gründen und ein sorgenloses Dasein führen kann. Anders aber bei jüdischen Kandidaten! Selbst vor ausgezeichneten Lehramtskandidaten werden alle Türen geschlossen, selbst die der kleinsten Dorfschulen! Dies geschieht, nicht etwa blos aus antisemittschen Gründen, sondern aus Furcht, der Kandidat könnte, da ec ja Jude ist, sich dem Einflüsse der polnischen Hegemonie entziehen wollen.