Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 9 Stellen „eingetöpscht." Die Fiaker unterbrechen die Lektüre des Extrablattes und mutmaßen: „Dös is a Raubmörder!" Wachstube. Kommissär im Radetzky-Stil. „Sie heißen?" „Dr. Lichtenthal." „Geboren?" „In Mattersdorf, Ungarn." „Religion?" „Römisch-katholisch." Das Auditorium gibt einen meckernden Ton von sich. Der Radetzky sei,kt automatisch die Bartspitzen: „34 mache Sie. Herr Doktor, darauf aufmerksam, daß jede unrichtige Angabe an diesem Orte mit 3 Tagen bis 1 Monat Arrest (das Döppel-R knirscht wie die Stadtbahn-Station beim Einfahren) bestrast wird." Der Herr zieht mit gekränkter Geberde den Taufschein aus der seidengefütterten Brieftasche. Das Auditorium hast sich seine zwölf Bäuche. Der Kommissär findet keinen Anlaß zu weiterer Amlsüandümg. „Das Wort „Jud" ist keine Beleidigung." „Aber wenn man keiner ist?!" Radetzky lächelt, 'daß ihm eine Träne im Auge schwimmt. Legt jovial die Amtshand dem geschreckten Herrn auf die Schulter. „Wer gengans! Daß i net lach' —!" Der Herr beschließt sich bei Hostat Kuranda zu beklagen und geht in den Deutsch-österreichischen Turnverein. Beda. Aaruch, der Aomöenwerfer. Eine Geschichte aus unseren Tagen von Andrzej Niemojewski. Uebersetzung aus dem Polnischen von S. Horowitz Montag vier Uhr nachmittags kam Baruch feiertäglich gekleidet mit einer neuen bis zum Halse zugekövsten Pelerine und einem frisch gebügelten Filzhute aus seinem Stübchen und blieb unvermutet vor seinen Eltern stehn. Der alte Nuchem betrachtete ihn argwöhnisch und wechselte mit - seiner Ehehälfte Rahel einen kurzen Blick. „Baruch" begann er, „heute ist ein Werktag und wir alle sind bei der Arbeit, warum trägst Du das Feiertagsgewand?" „Das Feiertagsgewand, Vater, das trage ich der feiertäglich, heiligen Arbeit zu Ehren der ich jetzt entgegen gehe". Die Augen des Alten öffneten sich weit, und Rahel, sein Weib, trat dicht an Baruch heran, faßte ihn an der Pelerine und schier unmenschlich klang ihre Stimme als sie ihn schreiend fragte: „Baruch, Baruch, was versteckst Du da"? Der trat zurück und die Hand wie zur Abwehr vorgestreckt, flüsterte er in gedämpftem aber entschlossenem Tone: „Mutter, komm nicht näher! Aber was ich hier verberge sollst Du sehen". Er schob die Pelerine zurück: An zwei schwarzen Bändern hieng ein schwarzglänzender Beutel herab. Der alte Nuchem griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe, ungeheure Angst sprach aus seinen weit aufgcriffenen Augen und die blaß gewordenen Lippen bewegten sich, ohne daß er der Sprache mächtig gewesen wäre. Rahel aber, ihre Erstarrung bezwingend schrie mit drohender Bewegung: „Baruch, ich werde Dich nicht fortlaffen, ich bin Deine Mutter, der Du zu gehorchen hast, ich verbiete Dir zu gehen, befehle Dir zu bleiben". Traurig erwiderte Baruch: „Mutter, all' Dein Befehleu, Dein Verbieten kann nicht helfen, führt zu nichts. Ein Höherer ist's der hier schon eingegriffen". Da hob der alte Nuchem, am ganzen Leibe zitternd beide Hände über das Haupt und sprach feierlich: „Des Kindes Höchster'.ist der Vater, Baruch und es steht geschrieben, daß Du dem Vater gehorchen wirst". Rahel aber unterbrach ihn und rief bekümmert aus: „Er dem Vater, der Mutter gehorchen? Wer von ihnen hört auf seine Eltern? Die Alten haben keine Macht mehr über die Jungen". Sie brach in Weinen aus. Aber plötzlich trocknete sie sich die Augen mit der Schürze, Wut bemächtigte sich ihrer und funkelnden Auges schrie sie: „Baruch, ich werde ein Mittel finden! Auf die Straße will ich rennen, Lärm schlagen, daß die ganze Stadt zusammenläuft, und rufen, daß sie dich zurückhalten." Als sie so, ihrem Sohne mit den Fäusten drohend, schrie, da verfinsterte sich Baruch's gutmütiges Gesicht und nahm einen furchtbaren rücksichtslosen Ausdruck an; die schwarzen Brauen zogen sich zu einen rußfarbenen Sttich zusammen. Und in seinen blauen Augen leuchtete es wie Eisnadeln an' einem Hellen blauen Wintertag. Er stampfte mit dem Fuß und schrie mit schrecklicher Stimme: „Schweig!" Dieser Schrei und seine Haltung bannten die entsetzten Eltern auf den Fleck. Nuchem's Hände zitterten und wieder bebten seine blaffen Lippen. Lange, lange schaute Baruch sie an, dann wurde sein Antlitz wieder weich und die blanen Augen nahmen den alten guten Ausdruck an.. Er hob den ihm vom Halse herunterhängenden Beutel, mit beiden Händen in die Höhe und sagte im nachdrücklichen Flüstertöne: „Ich liebe Euch, Ihr selbst wißt es am besten, wie innig und wie ttef. Aber wenn Ihr mir in den Weg tretet, dann, ich schwöre es, lasse ich sofort diesen schrecklichen Gegenstand unter uns fallen, und wir' alle werden getötet." Mit einem ohnmächtigen Weinen sank die Mutter auf einen Sessel und mit beiden Händen das Gesicht bedeckend, schlu zte sie leise vor sich hin, während der Vater einige Schritte zurückweichend, ratlos die Hände hob und senkte. „Und" fügte Baruch wie im Selbstgespräch hinzu, „Es ist besser zu sterben, als so weiter zu leben und ich Hab' ja auch geschworen: Ich oder Er ..." Es trat eine Stille ein. Der alte Nuchem ließ die Hände sinken, und sagte sein weißes Haupt schüttelnd: .„Baruch, Du wagst eine große Sache", und mit herzbrechender Stimme fügte er hinzu: „Du wirst gehen und nicht mehr wiederkommen." „Ich werde gehen und nicht mehr wiederkommen." Wie ein Echo kamen die Worte aus seinem Munde. Plötzlich hob er den Kopf. Auch Nuchem schlug die Augen empor und seine Blicke trafen sich mit denen seines Sohnes. Da wurden Barnchs blaue Augen feucht und aus den grauen Augen seines alten Vaters rannen die Tränen unaufhalisam über die welken Wangen auf den abgetragenen Kaftan. Nach einem längen, nur vom leisen Jammern der Mutter unterbrochenen Schweigen . flüsterte der alte Nuchem: „Und wer, wer ist's?" Da ging es wie ein Wetterleuchten über Baruch's Gesicht: „Wem's gilt? Dem Henker, Schinder, jenem wilden Tiere, das so viel unschuldiges Blut vergossen. Wie Ihr fragt, wiß't nicht wen Euer Sohn am meisten haßt?" Mit jedem Worte, das er sprach, gewann seine Stimme an Kraft, und obwohl geflüstert schien sie dem Men wie ein Donnerrollen, das dem seit langem drohenden Gewitter, voraus geht. Henker, Schinder, wildes Tier? Das Rathen war nicht schwer. Nur einen gab's, doch, der so ganz zu der'Beschreibung paßte, jene Bestie in Uniform,. deren Name schon seit einem halben Jahr, dem Heulen eines Wolfes gleich,' das Volk der Stadt in Angst und Schreck versetzte. Wieviel Familien hat' er ins Unglück, wieviel Menschen an den Galgen gebracht. Tausende von Opfern hat er den unsäglichsten Qualen preisgegeben, sie gefoltert, ja viele eigenhändig gemordet. Einst knieten, zwei Kinder vor ihm nieder und flehten seine Füße umklammernd mit emporgehobenen Händen, er möge sie wegen eines unschuldigen Kinderstreiches doch nicht mit dem Tode strafen. Da zog der Schuft lächelnd seinen Säbeln und mit der Routine eines Henkers schlug er ihnen die Köpfchen vom Leibe. Volksmafsen trieb er in Sackgassen und ließ sie dort zusammenschießen. Zwei Dienstmädchen, die in die Stadt einkanfen' giengen, ließ er in' einen Hof jagen und dort von Soldaten niederstechen. Aber da drängte sich das Volk in Menge um ihn, und drohte ihm, ihn auf der Stelle zu lynchen. Schreckensbleich sank er ins Knie und schwur einen heiligen Eid, den Dienst zu quittieren, und nie mehr gegen das Volk austreten zu wollen, und das Volk weichherzig und gutmütig schenkte dem in eine Taube verwandelten Wolfe Glauben, und gab ihn frei. Da verwandelte sich die Taube in einen Luchs, wilder nur und schlauer, und am selben Tage noch mordete er wieder, ärger als zuvor. Gegen die Zeitungen, die jene Szene, da er vor dem Volke knieend flehentlich Abbitte leistete, beschrieben, ließ er Prozesse führen und ' sie unter dem Vorwände, daß sie ihn in Ausübung seiner Amtsgewalt auf lügnerische Weise verächtlich machen wollen, konfiszieren. An alles das erinnerte sich jetzt'Nuchem, und er dachte daran, wie er vor Entrüstung gebebt, da er von jenem Morde an den beiden unschuldigen Kindern erfuhr. Damals hatte sich sein ganzes Menschentum in ihm empört und die Fäuste ballend, rief er aus: ' „Der Tod über ihn!" In böser Stunde hatte er das schreckliche Wort gerufen, denn das Schicksal hatte es vernommen und sein Sohn war's der es auszuführen kommandiert war. Baruch war auserkoren, der Rächer des geschändeten und. geknechteten Volkes zu werden und er, der Vater, war es selbst, der seinen Sohn zur Tat und damit auch zum sichern Tod verurteilt Ein Fieberschauer schüttelte den alten unglückseligen Juden. Er glaubte an die Macht des Schicksals, an jene magische Gewalt des gedachten Wunsches. Er glaubte, daß dieser Wunsch gedacht, durch ihn gedacht, sich auch erfüllen mußte. Er-glaubte. Und da bebte er wie ein schwacher Halm, denn nun gewahrte er die unerbittliche Notwendigkeit, die hinter seinem Sohne stand und ihre Hand auf seinen jungen Arm gelegt hatte. Nichts wird ihn nun zurückhalten, es gibt kein Mittel, er wird, er inuß gehen. Ja, wenn er, Nuchem, einen andern Wunsch denken könnte, aber das vermag er nicht. Jener war ein Schicksals-, und was noch schlimmer ist, ein gerechter Gedanke. Aber warum mußte denn gerade er ihn denken, warum nicht '-ein anderer Vater? Warum muß denn er, Nuchem, das große Opfer , bringen? Doch, auch andere haben so gedacht auch andere gerufen: „Der Tod über ihn, dem Mörder, dem Auswurf der Menschheit!" Warum zwingt aber dann das Schicksal ungerechterweise ihn gerade den Sohn zu opfern, warum muß er, und nicht ein andrer Vater diese schreckliche Stunde erleben, warum durchtobte ihn und keinen andern diese furchtbare erstickende Angst? Und er stöhnte: „Baruch, gehst Du allein?" „Ich gehe mit . vier Genossen." Nuchem atmete auf. Er empfand eine unaussprechliche Erleichterung und es war ihm, als breiteten sich Schwingen über dem Haupte seines Sohnes aus, die ihn vor der ärgsten Gefahr, der größten Bedrängnis schützen würden. Die Hoffnung, die goldene Verführerin hielt wieder Einzug in dem Herzen des alten Vaters. Beide Hände streckte Nuchem seinem Sohne entgegen und mit vor Rührung zitternder Stimme sprach er: „Baruch, mein Herz sagt mir. Du wirst nicht unglücklich Dein Ziel erreichen. Du wirst wieder k-'mmen, zu uns zurückkehren." Die Mutter schluchzte laut auf und über Baruch's Gesicht huschte ein Lächeln wie die Strahlen der untergehenden Sonne. Er wies .mit der Hand nach der Wanduhr. Des Vaters Blicke folgten mechanisch der angedcnteten Richtung und er erblaßte. Den Finger an die Stirne gelegt starrte er in's Leere. Da sah er an der Straßenkreuzung eine hohe Gestalt in Uniform, und an den Ecken standen Soldaten mit schußbereiten Gewehren, die die Passanten aufmerksam beobachteten. Neben jener hohen Gestalt einige Polizisten und der Revieranfseyer. So steht er von einem lebenden Panzer umgeben, herausfordernd da, unerreichbar inmitten des Volkes, das er verhöhnt und demütigt, das er während des stärksten Verkehres .willkürlich halten, die Männer einer brutalen und die Frauen einer noch brutaleren Leibesvisitation auf offener Straße unterziehen läßt. Vergeoens haben ihn die Truppen der Volkskämpfer gesucht. Er versteckt sich, und ist versteckt gefährlicher als offen. Er ist auf der langen. Stufenleiter der Polizeihierarchie nur ein Subalternbeamter, und doch hat er das Renomee eines Ministers und die ganze Hauptstadt fühlt seine Macht. Er ist's, der dem von Schreck demoralisierten Polizeikorps neuen Mut einflößt, selbst ihm als Beispiel dient, wie man der furchtbarsten Revolution wagemutig ttotzt und. aus dem Kampfe unversehrt' hervorgeht. So lange er auf seinem Posten steht, solange wird