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Neue Zeitung · 1907-08-09 · Heft 9 (9.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 9 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 9 setzes zur Begünstigung der Nationalindustrie. Eür Gesetzentwurf in - diesem Sinne wird im Herbst vom Domänenminister Anton Carp vorgelegt werden. Der Gesetzentwurf wird sich besonders mit der in der letzten Zeit so viel besprochenen Frage der Nationalisierung des Personals unserer Industrie befassen. Wir glauben zu wisien, daß man die Bestimmung, derzufolge die vom Staate begünstigten Fabriken und großen Werkstätten unter ihrem Personal zwei Drittel Rumänen haben müssen, aufrecht erhalten wird. Aber es wird spezifiziert werden, daß sich diese Bestimmung nicht nur auf die Arbeiter bezieht — wie gewisse Industrielle heute zu verstehen versuchen' — sondern auf die Gesamtheit des technischen, Verwaltungs- und Arbeitspersonals. Um sich diesen Bestimmungen anzupaffen/ wird den Fabriken, welche die Begünstigung des Jndustriegesetzes erlangen werden, eine fünfjährige Frist gewährt werden. Was die Industriellen anbetrifst, die sich bereits dieser Begünstigung erfreuen, so wird man ihnen eine einjährige Frist gewähren, um sich dem Gesetze anzupasien. Das neue Gesetz wird anderseits zu verhindern suchen. Laß, wie das sich oft ereignet, das rumänische Personal minder gut als das fremde Personal bezahlt wird." Es ist klar, daß dieser Gesetzentwurf, der sicherlich Gesetz werden wird, den Zweck hat, den Juden einen weiteren Hieb zu versetzen. ~ Antisemitismus in England. Aus Leeds wird uns berichtet: Der englische Antisemitismus wächst von Jahr zu Jahr. Zuerst hat er mit den „Fremden" begonnen, gegen die das neue Auswanderungsgesetz geschmiedet wurde und jetzt mit barbarischer Grausamkeit angewendet wird- Nun aber kommen schon die einheimischen- Juden an die Reihe, die sich auf ihr Engländertum soviel zu Gute halten. Ein warnendes Symptom für diese Entwicklung des Antisemitismus in England -ist ein Fall, der sich jüngst hier ereignete. Es fand die Wahl eines Stadtarztes statt. Unter den Bewerbern befand sichein einheimischer Jude Dr. Freund. Bon dem Komitee, das die Entscheidung zu treffen hatten, sprachen sich 15 Mitglieder gegen die Wahl des Dr. Freund aus, weil es eine Schande für die Stadt wäre, wenn ein Jude zum Stadtarzt gewählt würde. Ja, der Vertreter der Katholiken meinte sogar, „ein großer Teil der Bevölkerung würde einfach vor dem jüdischen Doktor Ekel .empfinden." Schließlich wurde Dr. Freund mit 16 gegen 15 Stimmen gewählt. Aber er erstellt sich seines Amtes nicht in Ruhe. Kampfeslärm erfüllt die Stadt. Protestversammlungen lösen einander ab — und das Ende ist gar nicht abzusehen. Ein Uebergreifen der Bewegung auf andere Städte ist wahrscheinlich. Interessante jüdische Amerikawanderer. Man schreibt uns aus New-Iork: ___ Ein siebenjähriger jüdischer Knabe Benjamin Meyersohn ist in New-Iork angekommen, nachdem er die welle Reise von Minsk nach Amerika ganz allein zurückgelegt hatte. Auf dem Wege war er in Liverpool an Masern erkrankt und hatte dort im Spitale gelegen. Der Kleine wird von New-Iork weiter fahren, zu seinen Eltern, die in Nebraska wohnen. Sie waren zur Zeit der Progroms ausgewandert und hatten.ihn bei einem Verwandten zurückgelaffen. Jetzt, da es ihnen gut geht, lassen sie ihn kommen. Der siebenjährige Wanderer war auf der Ueb erfahrt sehr lusüg und gewann sich die Zuneigung der Passagiere, die sich seiner möglichst annahmen. Die Reisebestimmungen klebte man ihm auf dem Rücken, er wurde also als menschliches Frachtgut behandelt. Ein Mädchen aus Kowno, Paulina Flachs wurde angehallen, als sie in Männerkleidung den Dampfer „Sarator" verlassen wollte. Sie wird übers Meer zurückgeschickt, und zwar nach Rotterdam. Aus der territorraliftrschen Bewegung. Von territorialistischer Sette wird uns mit- London, 1. August. Nach genau zweijähriger Erforschung der Möglichkeiten aller Länder für eine Jüdische Kolonisation, erstattete der Britische Sektionsrat der „Jüdischen Territorialistischen Organisation" — begründet am 1, August 1905 — der „Geographischen Kommission", welche über das Territorium endgiltig zu beraten hat, einen Bericht alle Preß-Meldungen inbezug auf die Oertlichkeü der projektierten Kolonisation und deshalb unbegründet gewesen. Der Bericht ist von vielen hervorragenden englischen Juden gezeichnet, so u. Ä. von: Rioht Hon, Arthur Cohen, K. L. Ast. Lucien Wolf, Mr. Solomon, I. Solomon, R. A. Mr. Alfred Sutro, Professor Meldola, .Mr. Lionei Abrams (Finanz- Sekretär des Jüdischen Departements), Mr. Edward H. Langdon (Präsident der Manchester Handelskammer), Mr. Hermann M. Kisch, C. S. I. Sin Isidore Spielmann und dem Präsidenten Mr. Zangwell, ferner von Alfred Turner, als einzigem nichtüdischen Mitglied des Rates. Mr. Walter, S. Cohen wurde zum Mitglied des „Jto"-Rates gewählt. Mr. Cohen hat auf Cypern reiche koloniale Erfahrungen gesammelt.und erhielt jüngst erst eine Staats-Anstellung im Orange- River-Freistaat. Neue Zweigvereine der jüdischen Territorialisüschen Organisation" wurden begründet in: Wischtinetz und in Petrowsk (Daghestan). Aon da und dort. Kommentar überflüssig. Man schreibt uns aus Dembica: ' Der hiesige jüdische Bürger B. Fett, hat eine „elektrische Zentral-Weckuhr" erfunden, die auf den Ausstellungen von Wien, Paris, Rom, Lüttich und Olmütz mit „goldener Medaille" und „grand prix" ausgezeichnet wurde. Auf der Lemberger „Hygienischen Ausstellung", einem Unternehmen der schlachzizischen-allpolakischen Clique fand das mehrfach ausgezeichnete Werk nur eine „bronzene" Anerkennung . . . Die Polen kennen eben keinen Antisemitismus. Zum Dank. Man schreibt uns aus Bolechow: Wie überall in den galizischen Städten gibt es natürlich auch hier Moschkos. Und wie überall gaben sie sich anch hier bei den Reichsratswahlen Mühe, die Zustiedenhell ihrer polnischen Auftraggeber zu erhaschen. Am meisten taten sich in dieser Beziehung Dr. Blumenthal, der Vize-Bürgermeister Kleinberg und der Tierarzt Bor stein hervor. In der Wahlzeit wurden sie dafür auch von den „Polen christlicher Konfession" mit wahrer Brüderlichkeit beglückt. Jetzt, nach den Wahlen, ist es steilich anders. So hat jüngst der Bürgermeister einen Ball gegeben, zu welchem er alle Polen der Stadt, sogar den Laternenputzer, aber nicht die drei „jüdischen Polen" einlud. Der Schmerz der drei Herren ist groß und tief. Und wir sind so grausam, , ihn ihnen zu gönnen. Das Recht i» guten Händen. Man schreibt uns aus Zaluzezyki: Auch ein Beitrag zur Justizpflege in Galizien! Dem Herm Justizminister zum Angebinde! — Herr Lewy Rosenzweig war bei den Reichratswahlen eifriger Moysa-Agitator und Kommissionsmitglied .im Dienste der polnischen Machthaber. Er schuldet dem Meyer Rosenblatt Kr. 9.70. Als ihn dieser mahnte, antwortete er ihm wörtlich : „Ich werde Dir den Betrag zurückerstatten, wenn du mir für Moysa zu stimmen versprichst." Als R o s e n b'l a t t darauf durchaus nicht eingehen wollte, drohte ihn Rosenzweig, daß er ihn bei der Bezirkshauptmannschaft anzeigen werde, weil er unberechtigterweise als Maurer arbeite. Rosenzweig führte nach der Wahl die Drohung aus und Rosenblatt wurde mit Kr. 200 bestraft. Diese ganze Geschichte und'. noch ein anderes Faktum, daß Rosenzweig versucht habe, dem Bruder des Rosenblatt die Stimme um Kr.. 10 abzukaufen, brachte letzterer zur Anzeige. Nun haben wir hier einen Richter namens Melzer" einen Polakojuden, von dem in der „Neuen Zeitung" schon die Rede war. Er vernahm die von Rosenblatt angebotenen Zeugen nicht und wußte die Sache pflichteistig zu führen, daß die Tarnopoler Staatsanwaltschaft die Untersuchung einstellie. Dieser selbe Melzer, der ein Busenfreund und künftiger Neffe des mehr als anrüchigen Herrn Bürgermeisters Blutreich ist, führte auch die Strafuntersuchung in Sachen aller Wahlmißbräuche. Den Zeugen Aron- Schächter, fragte er: „Hat Ihnen jemand gedroht?" Als dieser „ja" antwortete, stagte er gleich weiter: „Wer, der Blutreich? Können Sie darauf schwören?" Schächter wollte nun erzählen, daß Blutreich bei ihm Kr. 30 erpreßt habe — die Geschichte ist ja den Lesern der „Neuen Zeitung" bekannt — da unterbrach ihn der gestrenge Herr Richter mit den Worten: „Ich stage Sie nicht darum. Antworten Sie mir auf das, was ich Sie frage." Einen anderen Zeugen Leon Singer wollte er die Fakten, die dieser Vorbringen wollte, nicht erzählen lassen. Er habe nur auf Fragen zu antworten. Auch diese Akten giengen,, ohne daß alle Zeugen einvernommen worden wären, an die Tarnopoler Staatsanwaltschaft ab. K. Anmerkung der Redaktion! Wir fragen den Herrn Richter Melzer, ob er den § 56 der Strafprozeßordnung kennt? Wir warnen ihn, sich doch nicht allzusehr auf Herm Justizminister Klein zu verlassen. Man hat schon Beispiele erlebt. ... Anfrage an die Bürgermeister von Buczacz und Zaleszczyki, Berek Stern und Dr. Isidor Blutreich. Ich frage Sie, wann Sie endlich von Ihren Bürgermeisterstühlen zu steigen gedenken? Die anständigen Bürger dieser Städte sind es müde, Leute zu Stadtoberhäuptern zn haben, die sich des vielfachen Mißbrauchs der Amtsgewalt, der nacktesten Erpressung und des infamsten Wahlschwindels schuldig gemacht haben. Dr. Nathan Birnbaum. Freche Pogromdrohung. In M. 6 brachten wir einen offenen Brief aus Tlumacz, in welchen der unerhörte Fall der Pogromdrohung eines öffentlichen Beamten mitgeteilt wurde. Wir erhalten nun von anderer Seite eine Darstellung des Falles, die wir bei der Wichtigkeit der Sache gerne veröffentlichen. — Zufällig ging ich — schreibt unser Gewährsmann — an dem Hause vorbei, in welchem das polnische Bankett stattfand. Da hörte ich wiederholt den Namen unseres mandatberaubten Kandidaten laut aussprechen. Neugierig näherte ich mich dem Fenster und warf einen Blick ins Zimmer. Ich sah dort zirka 40 Leute meistens Großgrundbesitzer und höhere Beamten versammelt, unter denen sich auch der Bezirkshauptmann P o p i e l befand. Das Wort hatte der vermfene Wandalin Walewski und sprach wörtlich: „Meine Herren! Wenn — jemand mir, der die. Verhältnisse in Tlumacz so gut kennt — da ich seit 10 Jahren hier wohne — vor den Wahlen gesagt hätte, daß die Juden gegen unseren Kandidaten stimmen werden, ich hätte ihm ins Gesicht gelacht! Und wisset ihr, was sie dazu bewogen hat? Erinnert Ihr Euch, was hier an jenem Samstag war? (Stimme: Wir erinnern uns ganz genau!") Daß Stand zur Stichwahl kam, das hat sie ermuntert. (!?) Sie haben damals davon Kenntnis erhalten und darum warfen sie sich mit der ganzen Tollwut gegen unseren Moysa. — Meine Herren! Zwei Pogrome an irgendwelchem Punkte Galiziens und wir werden Ruhe haben! Meine Herren! Warum ist der russische Jude, russischer Patriot! Eben darum! Und dei uns muß es auch so sein!" (Dumm ist er auch der Frechling!) Natürlich ist dieser Kerlder Straflosigkeit sicher. Ist er ja Popiels Vertrauensmann, der, durch ihn die „Wahlen" in den Landbezirken — wie durch Howurka in Tlumacz — „gemacht" hat. Vor zwei Wochen wurde er allerdings, weil er einen Gemeindevorsteher, ämtlich ohrfeigt: und zur Türe hinauswarf mit zwei Tagen Arrests bestraft. Aber mll Juden nimmt man's auch nicht einmal so „genau". SäuT Glocken von Arad. Die Juden der Stadt Arad im gelobten Lande Magyarien sind keine Dutzendjuden! Bewahre! Sie wollten sich nicht länger wie ihre Brüder sonst in der Welt nachsagen lassen, daß sie kein tiefes Gemütsleben, keine geheimnißvollen Weihestimmungen, kein Bedürfnis nach ihrer Erregung haben. Und darum gingen sie hin, und versahen ihre Synagoge mit Glocken. Synagogenglocken! Wie schön schon das Wort klingt! Und erst die Glocken selbst! Es ist wahrlich kein leerer Wahn: Wenn z. B. Esztrajeher Miksa im Cafehause beim Färbeln sitzt und plötzlich „unsere", nicht „sehre" Glocken zu tönen beginnen — er unterscheidet sie beim ersten Bimbam — dann überkommt ihn plötzlich ein inniges Gottsuchen, das. ähnlich wie Heimweh schmerzt, er spielt in beschleunigtem Tempo die Partie zu Ende, und eilt — zur nächsten Partie. Aber es gibt Tage, welche die Arader Juden von ihren Synagogenglocken nicht einläuter lassen wo sie offenbar nicht in Weihestimmung kommen dürfen. Ein solcher Tag ist der T i s ch e b o w. Die Trauungen müssen sich mit Orgel und Chor begnügen, die Glocken aber bleiben stumm. Warum eigentlich — da doch gerade sie soviel zu erzählen hätten . . . Eine vakante Stadtarztstelle. Unsere Gesinnungsgenossen aus Rymanow, Galizien, ersuchen uns mitzuteilen, daß dort der Stadtarztposten zu besetzen ist. Aerzte, die der polnischen Sprache mächtig sind, mögen sich ehestens um diese Stelle bewerben. Nähere Auskünfte erteilt jur. Samuel Chill in Rymanow. Aufruf! Ein junger Mann in einer der Städte des 32. galizischen Wahlkeises hat im Wahlkampfe bis zur Erschöpfung seiner Kräfte gearbeitet. Am Stichwahltage versetzte ihn das Miterleben-aller der namenlosen Wahlschustereien in einen solchen Erregungszustand, daß sein geschwächter Körper dies nicht mehr ertragen konnte. Er bekam einen Blutsturz. Nun braucht er eine Kur zur Wiederherstellung seiner

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