Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Neue Zeitung Seite 3 Es versteht sich von selbst, daß bei einer derartigen anormalen Lage der Gesamtheit der Juden die Erziehung der Kinder keine gute sein kann. Durch das gesundheitsmordende Eingepferchtsein in der verpesteten Chederlüst von morgens 8 Uhr bis abends 8 Uhr ohne jede körperliche Bewegung, - und durch das Ueberbürden des Gehirns mit allerlei Wissen, zu welchem die Kinder ihrem Alter nach noch gar nicht r:if sind, werden sie bereits in der Jugend physisch so geschwächt, daß sie sich kaum je davon erholen können. Von diesem Chedarim gab es 1899 in den Ansiedlungsrayons 25.000, uud es werden nicht weniger als 370.767 Kinder dort erzogen^), anderseits gab es im selben Jahre nur 820 moderne Schulen. Nicht viel bester sind die Schulverhältniste in Galizien. In England und Amerika müssen die Kinder nach dem obligatorischen Schulbesuch jeden Tag bis spät in der Nacht noch in Chedarim hocken. In London gibt es deren zirka 200. In den westeuropäischen Ländern werden vielfach die jüdischen Kinder ebenso mit allgemeiner Bildung überbürdet, und daher stammt zum großen Teil deren körperliche Schwäche5). Dr. Nürnberger wollte durch Beobachtung an 286 Kindern, die von München aus in die Ferienkolonie gesandt wurdeu, fest, daß die jüdischen Kinder den christlichen gegenüber im Gewicht durchwegs, um 1—2 Jahre zurückstanden. Was die Ursachen des körperlichen Verfalles sind, wird Ihnen aus meinen Ausführnngen klar geworden sein: Eine anstrengende Vergangenheit hat uns entkräftet, eine für die Hauptmasten unseres Volkes noch traurigere Gegenwart macht uns den Degenerationsprozeß verständlich. Es muß Abhilfn geschaffen werden und zwar eine solche, die im Bereich der Durchführbarkeit liegt. Und wenn auch die soziale Lage sich bessert, was ja auch, nicht von heute bis morgen möglich ist, so kann ein seit Jahrtausenden kranker Volkskörper nicht auf einmal geheilt werden. Nur durch körperliche Uebungen können wir unseren geschwächten Körper wieder aufrichten, gegen die einseitige Inanspruchnahme des Geistes und die dadurch verursachten Folgen ein Gegengewicht Herstellen. Wir haben genügend Beweise, wie segensreich die physische Arbeit auch auf unsere Brüder einwirken kann. Wer hat nicht von den Hafenarbeitern Salonikis gehört, die durch ihre herkulische Gestalt die Bewunderung der Fremden erregen, oder von unseren Kolonisten Westrußlands uud von der kräftigen straffen Muskulatur bei jüdischen Metzgern und sonstigen Arbeitern. Fishberg, der bekannte Arzt und Anthropologe in New-Iork, sagt: „Als ich meine 9 Enquete der Jewish Colonisation Association (Jca) über die jüdischen Schulen in Rußland 1904. s) Nürnberger „Internationales Archiv für Schulhygienie" Bd. III 3 Heft. Jjch blajb ziweitugt»') in ziklemt,°°) Farbitert in sich klehr:«') „Wen di erwachßt amuhl") majn kind, Gefinßti"') mijch nit mehr". Zum Schluffe sei noch der Balladen und satyrischen Gedichte Rosenfelds gedacht, die viel zu wenig erwähnt werden, obwohl sie wirklch außerordentlich gut sind und gegenüber seinen anderen Gedichten einen Vorzug haben, der nicht unerwähnt bleiben darf. Sie sind nämlich im Gegensatz zu den anderen Dichtungen Rosenfelds, in welchen er sich leider einer germanisierenden Sprache bedient, in reinem Jiddisch geschrieben. Mit dieser Feststellung ist ein Thema berührt, das im Eingänge dieses Vortrages angedeutet erscheint und das sich hinter dem Thema Rosenfeld als ein weiteres und tieferes erhebt: Das Thema des ostjüdischen Volkes. Es wurde hier von dem großen Können Rosenfelds und damit eigentlich auch von seinem höchsten Glücke erzählt. Denn, mag Not und Elend noch so tiefe Schatten auf das Leben eines Genius werfen, das gewaltige Glück des großen Könnens löschen sie nicht aus. Die Seligkeiten des Schaffens sind größer, als sie irgend ein armer Reicher ahnen oder sich beschaffen kann. Aber Rosenfeld hat außer diesem allgemeinen Geniusglück noch ein besonderes Erfolgsglück gehabt. Denn Rosenfeld ist nicht etwa als Einziger aus seinem Milieu hervorgewachsen. Er hat es ") dahast. 85) bekümmert. °°) beklommen (adj.), ") sinne, denke. "») findest du. anthropologischen Messungen in dem Gymnasium Educashional Allianze vornahm, hatte ich Gelegenheit-zu beobachten, daß derjenige Teil der daselbst befindlichen East-End-Jugend, welcher körperliche Uebungen vornimmt, einen ebenso entwickelten Brustkasten wie der Amerikaner besitzt." Was den Ostjuden am meisten not tut, ist die physische Entwicklung. Ihr Muskelsystem braucht aufmerksame Pflege- Wird ihnen dies nicht zuteil, so ist Gefahr vorhanden, daß die gesundheitsfeindliche Umgebung, die verpestete Lust ihrer Wohnungen ihre physische Kraft schon in der nächsten Zukunft derart untergraben wird, daß sie verheerenden Krankheiten, namentlich der Auszehrung in einer in der Geschichte zivilisierter Völker bisher unerhörten Weise verfallen werden. Hier ist der Weg, auf dem allein eine dauernde Hebung des darniederliegenden körperlichen Zustandes der Gesamtjudenheit herbeigeführt werden kann: Nur durch systematische Körperübungen, durch Einführung von Turnvereinen und ähnlichen Institutionen, welche körperliche Hebung bezwecken, können wir unsere alte Stärke und Gesundheit wieder erlangen (Aus dem Referate Isidor Wolfss, Berlin, auf dem 3. jüdischen Turntagc in Wien). „Jüdische Turnzeitung." Wochenschau. Jeder nach seinem Geschmack. Kaiser Wilhelm verkehrt jetzt in Swinemünde sehr fteundschastlich mit seinem kaiserlichen Kameraden den Zaren. Jeder einfache, ehrliche Handwerker würde sich sicherlich für diesen Umgang bedanken. Noch ftaglicher ist der Geschmack der Königin der Niederlande. Wir finden sie auf einer Plaquette, die zur Erinnerung an die eben verflostenen„Friedens"-Konferenz hergestellt wurde, in trautem Vis-L-Vis mit dem bluttriefenden Friedensapostel und gekrönten Schwächling von Rußland ... I» Marokko haßt man die Franzosen, weil sie augenscheinlich der Selbständigkeit, des Landes den Garaus machen wollen, und hat eine Anzahl von ihnen erschlagen. Natürlich hielten sich aber die marokkanischen Freiheitskämpfer auch für verpflichtet, nebstbei noch bei 50 einheimische Juden zu ermorden. Viele hundert andere mußten flüchten, um ähnlichem Schicksal zu entgehen. Man beschuldigt sie der Hinneigung zu den Franzosen, die übrigens bei dem traurigen Schicksale, das ihnen die Marokkaner seit altersher bereiten, kein Wunder wäre, g _ Italiener «nd^Deutschet raufen sich inI einem Winkel des österreichischen Staates wieder herum. Ohne jede zwingende nicht als Einziger fertig gebracht, die jüdische Sprache zu einem Instrument der Dichtftmst zu machen. Es soll hier kein Vergleich an-, keine Rangordnung aufgestellt, vielmehr bloß festgestellt werden, daß Rosenfeld keine vereinzelte Erscheinung ist. Wenn nun aber berufene Leute anderer Nationen und anderer Kulturkreise bis vor ganz kurzer Zeit nur ihn herausfanden und der bresten Oeffentlichkeit bekanntmachten, so ist dies sein besonderer Glücksfall. Umsoweniger dürfen aber wir seiner unbekannten Vorgänger und Mitstrebenden, die oft, wie er, mit Aufopferung ihrer selbst, einer verkannten und ungekannten, einer verachteten und verfehmten, einer salonunfähigen Kultur und Kulturentwicklung dienten und dienen, nicht vergessen, d. h. wir dürfen dieser Kultur selbst nicht vergessen, müssen vielmehr dazu beitragen, daß die Völker, namentlich aber auch die Westjuden sie immer mehr als das natürliche Fundament aller jener schöpferischen Menschen, unter welchen Rosenfeld einen der ersten Plätze einnimmt, erkennen und ehren. Dazu ist fteilich vor Mem eins notwendig: In ein gerechtes Verhältnis zu der Sprache dieser Kultur zu gelangen, — die Mißverständnisse zu tilgen, 'die Vorurteile zu besiegen, die sich in Bezug auf diese Sprache festgesetzt haben. Sich Fragen vorlegen gift es, und sie sich nach Gewissen, nicht nach Vorliebeleien beantwoäen? . . . . : Ist es möglich, daß eine Sprache, die von acht Millionen Menschen von der Wiege bis zum Grabe, in Handel und Wandel, in Spruch und Ursache. Und man kann wirklich nicht gut entscheiden, wer mehr Recht hat. Jedenfalls haben beide insofern Unrecht, als sich beide von chauvinistischen Hetzern verführen lassen. Bedauerlich finden wir es auch, daß unter den reichsdeutschcn Turnern, die, schuldig oder unschuldig, zu dem Rummel Anlaß gaben, mehrere Träger von Namen find, die auf Judenthum Hinweisen. So Schiffmann, Rosenfeld. . . Anerkennung der jüdischen Nationalität an de» Hochschulen. In der Interpellation, die Reichsr.-Abg. Dr. Gabel am 24. Juli d. I. an den Unterrichtsminister in Sachen der Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen gerichtet hat, wird auch dagegen Stellung genommen, daß die Unterrichtsverwaltung über eine bezügliche Eingabe der jüdisch - nationalen Studentenschaft das Gutachten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde eingeholt hat. Die entsprechende Stelle der Interpellation lautet: „Die Herren der Kultusgemeinde find antinational und werden selbstverständlich von ihrem politischen Standpunfte aus, der dem Unterrichtsministerium nicht maßgebend sein kann, die nationale Forderung ablehnen. Der Wiener Kultusvorstand ist weder kompetent, noch unbefangen genug, in dieser nationalen Frage mitzusprechen. Er ist das Exekuiivorgan der Wiener Affimilationsjuden, die für die nationale Bewegung im Judentum kein Verständnis und über die von nationalem Selbstbewußtsein diktierte Aktion der jüdisch-nationalen Studentenschaft kein ungetrübtes Urteil haben. Es ist keine Frage des Mischen Kultus, die zu lösen ist, sondern eine Frage der nationalen Ehre und nationalen Gleichberechtigung. Audienz. Es wird uns gemeldet, daß Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler vom Großherzog von Baden, der sich bekanntlich seit jeher speziell für die zionistische Bewegung interessiert, in Privataudienz empfangen wurde und diese eine Stunde lang gewährt hat. Immer und überall dieselbe«. Wir erfahren aus Amerika: Die Allpolaken sind immer und überall dieselben. Jedenfalls versuchen sie die besonderen Formen ihrer antijüdischen Gepflogenheiten auch hieher zu verpflanzen. So haben sie soeben in der Stadt Port Emboi in den Vereinigten Staaten eine genossenschaftliche Handlung von ausgesprochen antisemitischem Charatter gegründet. Rumäniens Brutalitäten. Rumänien ist vom Ehrgeize besessen, zu zeigen, daß es seine Sache besser versteht, als Rußland. Wir lesen in der offiziösen „ln>ispendauce Ruuiuaine“: „Der Jndustriedienst des Domänenministeriums studiert bereits seit einiger Zeit verschiedene Abänderungen des jetzigen Ge- Scherz, in Schimpf und Liebe gesprochen wird, keine Sprache ist? Können tausende von Büchern, Hunderte von Zeitungen in einer Sprache erscheinen, eine große Zahl von Bühnen in einer Sprache spielen, die keine Sprache ist? Ist es denkbar, daß Dichter wie Rosenfeld und seinesgleichen, die erhabensten Empfindungen, die subtilsten Stimmungen in einer Sprache schreiben, die keine Sprache ist? Kann man seine Sprache wegen der lexikalischen Herkunft ihrer Wörter einer anderen Sprache zuzählen, mit der hier nicht die geringste Verwandschaft des Geistes und des Temperamentes hat? Ist es nicht Unwissenheit von uns gewesen, wenn wir diese Sprache, dieses reiche Wertzeug des jungen Kulturlebens eines Achtmillionen-Volkes, mit dem bißchen Jargon verwechseln, das hierzulande mit seinen paar Worten am deutschen schmarozt? Ist es nicht bloß eine Folge dieser Verwechslung und ein Zeichen unserer geistigen Unselbständigkeit und Fraglosigkeit, wenn wir ü äone zu dieser Sprache rufen? Und kümmert sich eine Sprache um unser L äons? Lacht ihre Existenz nicht unseres Lachens? Alles das find die Fragen, die Rosenfeld in uns erwecken muß und über die wir nicht hinwegkönnen. Und man kann Rofenfeld keine größere Ehre erweisen, als auf diese Fragen aufmerksam zu machen und zu bitten, über die Antwort ernstlich nachzndenken.