Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-08-09 · Heft 9 (9.8.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 9 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430917--227-2431212
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Neue Zeitung Nr. 9 gerade dafür, für , diesen werdenden Geschmackswechsel der Menge, haben wiederum die Unechten und Unehrlichen ein verfeinertes Gehör. Sie sind jeden Augenblick bereit, einzuschwenken, sowie sie sich nur einem recht deutlich gewordenen Willen der Entwicklung gegenüber sehen. Und die Regierung? In einem Staate, wo die Regierungen mit den wechselnden Parlamentsmajoritäten wechseln und ihnen entsprechen, brauchte man diese Frage gar nicht zu stellen. In Oesterreich, wo die Regierungen, unabhängig von den Mehrheiten ihre eigene, selbständige Entwicklung haben, muß sie gestellt werden. Aber wir sollen darob nicht erschrecken. Die Antwort ist nichts weniger als schlimm. Gewiß, hinter aller österreichischen Regierungspolitik lebt bis auf Weiters der Wille einer konservativen Macht. Aber mehr noch als von diesem Willen wird sie von dem wachsenden Bedürfnis nach nationalem Frieden, das sich hier mit dem Jnteresie der Dynastie deckte, beherrscht und gelenkt. Wir sehen sie seit Jahrzeiten auf wechselnden Wegen und mit wechselndem Glück immer auf ein und dasselbe Ziel Hinsteuern: den Ballast d er nationalen Frage loszuwerden und so das Staatsschiff flott zu machen. Diesem Ziele zuliebe hat sie das nationale Problem zuerst bagatellisiert; dann den Machtnationalismus einzeürer Völker, von welchen sie sich der geringsten Gefahr für das österreichische Staatswesen (und die Dynastie) versah, unterstützt, ja fast gezüchtet; endlich das Losungswort ausgegeben, daß die nationalen Fragen zu Gunsten der sozialökono- . mischen zurückgedrängt werden müßten. Und mit diesem Losungsworte ist sie beim allgemeinen Wahlrecht angelangt. Doch schon zeigt sich, daß auch das allgemeine Wahlrecht die erhoffte Entlastung vom nationalen Problem nicht gebracht hat. Dies sehen jetzt auch die Sozialdemokraten ein, die ja vor seiner Einführung nach dieser Richtung hin vielleicht ebenso optimistisch waren, wie die Regierung. „Es hat", schreibt einer ihrer namhafteren Schriftsteller, „die.Gegensätze nicht einmal abgeschwächt; im Gegenteil, es hat sie, indem es statt einzelner Schichten nunmehr das ganze Volk auf den Plan ruft, also aus Klaffenftagen wirkliche nationale Fragen, nämlich Fragen der Nation gemacht hat, noch verschärft." Was aber die Sozialdemokraten schon einehen, muß auch bald die Regierung einsehen. Und sie ist dann nur einen ganz kleinen Schritt von der Erkenntnis entfernt, daß man.die nationalen Fragen nicht mechanisch zurückdrängen und die sozialökonomischen Fragen nur dann in den Vordergrund des st a a t l i ch e n Lebens bringen kann, wenn man das nationale Leben aller Völker des Reiches auf selbständige Grundlagen stellt. Die Regierung mußte, auf ihrer alten Richtungslinie bleibend, das allgemeine Wahlrecht geben. Nun, da durch dieses das nationale Problem noch lebendiger heroortritt, muß sie. wieder im Geiste ihrer alten Intentionen, der Idee der Nationenverfassung schöpferisch nähertreten. Und zwar in einer recht nahen Zukunft! Wenn die Dinge aber wirklich so weit gediehen sind: Wenn wirklich in den Völkern zwei Sehnsüchten immer tiefer und tiefer glühen — nach nationaler Selbständigkeit die eine, nach nationalem Frieden die andere; — wenn wirklich die Chauvinisten'schon ihrer ursprünglichen Frische beraubt sind und die nationalistischen Geschäftspolitiker schon Morgenluft wittern; wenn in der Tat die Regierung knapp vor. der nationalen Autonomie, beziehungsweise vor ihren ersten Anfängen angelangt ist, — was trennt uns dann noch von ihnen? Nun, nichts, als das uralte und ewig neue Gesetz der Trägheit, oder in die Sprache unserer subjektiven Verantwortlichkeit übersetzt, daß der geeignete Schritt gemacht wird, um diese Trägheit zu überwinden. (Weitere Artikel folgen ) Hürnen wir! Unter jahrhundertlangem Zwange, im Exil, unter den ungünstigen sozialen Verhältniffen haben sich schwere Krankheiten unserer bemächtigt. Soziale und hygienische Mißstände während langer Zeiten bedingten naturgemäß eine Beeinträchtigung und Verkümmerung unserer körperlichen Entwicklung, wie Nordau sagt. „In der Enge der Judenstraße verlernten unsere armen Glieder sich fröhlich zu regen. Im Dämmern ihrer sonnenlosen Häuser gewöhnten die Augen sich ein scheues Blinzeln an. In der Angst der beständigen Verfolgung erlosch die Kraft unserer Stimme zu einem bangen Flüstern." In diesem Sinne möchte ich zusammenfaffend betonen: der Rückgang der Bevölkerung, dieselben Krankheiten unter ostwie westeuropäischen Juden, ferner kleine Sterblichkeit, dafür aber auch kleine Geburtenziffer, das geringe Maß an Körpergröße und Brustumfang, der große Prozentsatz der Kranken und Gebrechlichen, speziell der Geisteskranken, die geringe Muskulatur, die schlecht entwickelten Atmungsorganei und das schwache Knochensystem, die dadurch bedingte geringere physische Arbeitsleistung, das alles ist das Resultat unserer Daseinsbedingungen vom Mittelalter an bis in die Neuzeit hinein. Der größte Teil der Juden ist heute im Handel' tätig, z. B. in Preußen 55 Perzent, und die Verhältnisse in anderen Ländern sind ebenso. In Rußland allein sind am Getreidehandel') 43 8 Perzent Juden beteiligt. In Rumänien bilden die Juden fast den vierten Teil aller Kaufleute; meist treiben sie Kleinhandel in recht schlechter wirtschaftlicher Lage.. Nicht 9 Ruppin „Die sozialen Verhältniffe der Juden in Rußland." Jüd. Verlag 1906. bester ist die-Verteilung der Berufe unter den östlichen Juden in England und Amerika. Diese elenden Eingewanderten gehen den gesundheitschädlichen .Gewerben nach. Unter den einzelnen Erwerbszweigen in England nimmt die Schneiderei, die hausindustrielle Konfektion eine dominierende Stellung unter den Juden ein?) Nicht weniger als 418 Perzent aller Männer und 54 Perzent aller Frauen sind in diesem Gewerbe tätig. Auch in Amerika liegt die ganze Bekleidungsindustrie in den Händen der Juden. Ein anderer Hauptteil der Judenheit widmet sich den akademischen Berufen, so z. B. sind von den in Preußen; studierenden 9,9 Perzent Juden, d. h. zirka 9 mal mehr als die Juden zur Gesamtbevölkerung ausmachen. Diese Tätigkeiten, Handel und Studium, bedingen eine fortgesetzt starke Inanspruchnahme des Geistes, woraus hauptsächlich die große Zahl der Irren resultiert, während andererseits der Körper zur Ruhe verurteilt ist und demzufolge verkümmern muß. ' Dazu kommt ferner, daß die Juden sich überhaupt in großen Städten konzentrieren (in Deutschland wohnen in Städten über 100.000 Einwohner 42,42 Perzent aller Juden, von Christen nux 15,90 Perzent), wo die Lustverhältnisse nie die besten sind, und wo das unaufhörliche Hasten und Treiben von Handel uud Gewerbe die Nerven in ganz bedeutendem Masse in Anspruch nimmt und schwächt. Ferner fehlt ihnen völlig die Mischung mit ftischem Blut von Landbewohnern, und wahrscheinlich trägt auch die stete Inzucht ihren Teil zur Degeneration bei. Noch trauriger ist die Lage unserer Brüder und Schwester im Osten und in den in der Welt zerstreuten Zufluchtsstätten. In ihren Distrikten wohnen sie zusammengepfercht ohne genügende Luft- und Lichtzufuhr bei mangelhafter Ernährung. In Rußland wohnen 94,15 Perzent von ihnen in Städten und nur der kleine Rest in Landorten,, ein neuer Beweis dafür, daß die. Zufuhr von ftischem Landbewohnerblut fast völlig fortfällt 4). In Kowno betragen die Juden 70 Perzent der Bevölkerung und bewohnen nur 52 Perzent der Gesamtzahl der Häuser, in Wilna ist das Verhältnis 60 Perzent und 40 Perzent und in Galizien soll es noch schlimmer sein. Ebenso ist das Verhältnis in allen anderen Ländern: In Amerika, in den Niederlanden, England und Dänemark wohnen die Hälfte aller Juden allein in den Hauptstädten. Nach Jacobs wohnen '/Voller Juden in Großstädten. -Auch kommen hier die unhygienischen Verhältnisse der Wohnungen in Betracht, z. B. in den Ghettis von London und New-Iork, wo die Judenmassen auf klemen Räumen zusammengedrägt wohnen. .*) G. Halpern „Die jüdische Einwanderungsbevölkerung Londons".. ' “) Zeitschrift „Woschod", August 1894. sehen, was Menschenherzen beben und brechen, aufjauchzen und aufstöhnen macht? Und man braucht nicht vergebens zu warten. Denn es ist überhaupt ein Irrtum, der vielleicht nur durch die doppelte Parteibeliebtheit Rosenfelds verbrochen ist, daß man meist nur als von dem nationalen und sozialen Dichter von ihm spricht und auf ihn als den Dichter des Intimen, als den Dichter des einsamen Menschen in seiner seelischesten Lust, in seinem seelischesten Leide, fast ganz vergießt. Und doch hat er gerade hier uns Wunderbares geschenkt. Es ist wahr, in seinen nationalen und sozialen Gedichten entfaltet er viel Pathos. Und Pathos, sagt man, ist undichterisch. Aber sein Pathos ist eben nicht das landläufige, das Pathos der Routine, das Pathos der Rede, das Pathos der Romantik. Das ist jenes Pathos, an dem die Chamberlains und Weiniger sudelnd herumstochern, ohne es zu ergründen. Das ist das Pathos kochender Empfindungen, die aus einem tiefen, unterirdischen, innenseelischen Bassin hervorgekommen sind, und auf dem Wege Maß und Rythmus gefunden haben, um dramatische Situationen und epische Prozesse mit erhabenem lyrischen Schwung, mit der innigsten Naioetät zu versorgen. Lassen wir uns nicht Vorreden, daß die ungeheuren Gefühlsreseroen, die in diesem Pathos liegen, weniger taugen, als weniger ursprünglich zu werten sind, als das. Aufleuchten irgend einer Gemütsstimmung für einen Augenblick. Dabei fehlt es Rosenfeld gar nicht an der schlichten Lyrik, die man irrtümlich als die einzig wahre preist, jedenfalls aber mit Recht nicht missen möchte. Wir haben ihm kostbare Proben auch dieser zu verdanken. Daß er die Natur, die äußere, mit den Augen des Dichters zu schauen, daß er sich in sie zu versenken weiß, lehrt so manches seiner Gedichte. Vieles mird da verwöhnten Lesern sogar zu schlicht Vorkommen. Teilweise gilt da, was oben über die Banalität gesagt wurde. Teilweise ist der Grund in der Jugend seiner Naturverwunderung gelegen, die schon über dem Alltäglichsten zu erglühen weiß. Schreiten wir von der äußeren Natur zu dem Walten der Natur im Menschen, so tritt uns vor Allem das Motiv der Liebe entgegen. Auch hier findet Rosenfeld oft feine und innige Töne, wiewohl im Ganzen dasselbe zu sagen ist, wie von seinem Verhältnis zur äußeren Natur. Und wohl im Ganzen aus analogen Gründen. Am entwickeltsten, eigensten, kultiviertesten, größten tritt er uns in jenen Gedichten entgegen, welche die Kindesliebe singt. Mit Recht berühmt ist da das Gedicht „Majn jingale"") - geworden. Jjch hob a klejnem jingale, - A sijnale") gur*7) fajn, Wen ijch dersej") ijm, dacht") sijch mijr, Di ganze weit is majn. **) Junge. Knabe. ") Söhnlein. *’) gar. ") erblicke. ") scheint. Nor8") selten, selten sej ijch ijm Majn schejnem, ,wen er wacht, Jjch tref ijm imer schlufendig-') Ijch sej ijm nor5’) baj nacht. Di arbet trajbt mijch frij arouß Se lost mijch schpejt zirik; Oj, ftemd is mijr main ejgen lajb! Oj, fremd majn kind'ß a blik! Jjch kim8') ziklemterhejt" ahejm88) In finßternisch ge'hijlt, — Majn blejche fron derzejlt") mijr bald, Wij fain duß kind sijch schpijlt, Wij sijß'eß redt, wij klig eß ftejgt: „Oj, mama, gite ma! Wen kimt in brengt a peni mijr Majn giter, giter pa?" Jjch schtej baj sajn gelejgerel°«) In sej, in hejr,87) in scha.'°°) A troum bawejgt di lipeledj89) „Di, wii is, wii is pa?"*°) Jjch lisch di blue ejgelech,") Sej") efnen sijch — „Oj, kind!" Sei sejen mijch, sei sejen mijch, ' In schlijßen sijch geschwind. „Du schtejt dajn papa, tajerer, A penile dijr, na!") A troum bawejgt di lipejech: „Oj, wii is, wii is pa?" B0) .doch. M) schlafend. “) komme. ”) beklommen- (adr.) ") heim, nach Hause. 88) erzählt. *•) süß- 87) Lagerchen, Bettchen. 5") höre. 891 still!°°) Lipplein. «) Papa, (engl. Form). °9) Aeuglein.. ") sie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.