Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-08-09 · Heft 9 (9.8.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 9 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430917--226-2431211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

NEUE ZEITUNG Zrdaktim unti JhminiJltatinn:| Wien, II/I, Taliiifilran6lB4.gggg Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 9—1 Uhr Vormittag. Insertionsprslae: Sit Me dreimal gespaltene Nonpareillezelle oder der Baum 12 Ii, bei wiederhoUngen Rabatt. UtiabhilllBge jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. AbanllkMkllKflikise: In Oesterreich-Ungarn Ganzjähr L8.—, halbj. K.4 Vierteljahr. K 2.-. Im Ausland: Ganzjähr. L U.—halbj. L 5.50 Das Abonnement kannmitjeder Nummer beginnen. Einzeln» ne ne er in Wien 20 h. außerhalb Wiens im Inlande 24 h. Nr. 9. Wien, Freitag, den 9- August $07. 2. Jahrgang. Z«r gefälligen Kenntnisnahme! Die Redaktion und Administration unseres Blattes (auch die Privatwohnung unseres Chefredakteurs) befindet fich ab 12. August Wien U/s, Haasgasse 8. Nationale Autonomie. ii*» Ideen pflegen sich nicht im Fluge, sondern in Etappen zu verwirklichen. Erst arbeitet sich irgendwo ein kaum sichtbarer und doch schon realer Ansatz aus dem Nebel der Theorien heraus. Oder auch mehrere solche Ansätze aus gleichen Ursachen an verschiedenen Stellen des Lebens. Dann beginnen diese Ursachen, diese Notwendigkeiten die Ansätze zu erweitern, zu verbreitern. Es entstehen starke gesellschaftliche und gesetzliche Tatsachen, die dann wieder unter einander in Verbindung treten, bis schließlich eine mehr oder weniger dem Ideale nahekommende Verkörperung der Idee vor uns steht. Diese Erkenntnis, auf die Idee der nationalen Autonomie angewandt, hat etwas Tröstliches und etwas Betrübendes für uns. ' Tröstliches, insoferne sie uns lehrt, daß hier Geduld zum Ziele führen kann; Betrübendes, weil wir zugestehen müffen, auch noch nicht einmal den ersten Schritt der ersten Etappe zurückgelegt zu haben. Wir können auf nichts verweisen, als etwa darauf, *) Artikel I in der vorigen Nummer. daß seit einem Jahre im Kronlande Mähren bei Landtags- und Reichsratswahlen die Nationen auf Grund nationaler Kataster gesondert wählen. Und vielleicht ist selbst dieser kleine Anfang keiner, weil ja, wie wir hörten, viele der nationalen Kurie den Charakter einer national-autonomistischen Einrichtung absprechen ... Und doch fühlen wir: Die Idee der nationalen Autonomie kann nicht mehr ohne alle Verwirklichung dahingehen. Wir fühlen förmlich ihre Beftuchtung. Es ist etwas in der Lust, das ihr Lebenskeime zuträgt. Sie ist auf allen Lippen — selbst auf solchen von Ministern, mag sie auch für diese nur den Wert eines neuen Wortes besitzen, mit dem fich schön protzen läßt. Sie stiehlt sich in irgend welcher Form in alle politischen Gedangengänge hinein. Sie wird zum mißverstandenen Deckworte für tausenderlei Begriffe. Sie hat ihre Anhänger fast in allen Lagern, unter den Alten und Jungen, unter den Beharrenden und Stürmenden, unter. den Bürgern und Arbeitern, unter den Deutschen und Slaven. Ueberall — .nur dort, nichts wo Sterbende die Beschleunigung ihres Todes von ihr befürchten! Es ist kein Zufall, daß es gerade ein Mit-" glied des reichsrätlichen Polenklubs, und noch dazu einer seiner Hauptrepräsentanten, Glombinski, war, der die Budgetdebatte dazu benützte, um über die nationale Autonomie herzufallen und sie ein Irrlicht zu nennen. Wer denn hätte dies besorgen sollen, wenn nicht ein Mann, der so wenig vom Wesen der nationalen Autonomie versteht, daß er sie gerade dort nicht angewendet sehen will, wohin sie in erster Linie gehört: „In jenen Ländern, die keine territorial abgeschloffenen nationalen Gebiete haben?" Wer denn, wenn nicht ein Mitglied jenes Klubs, der in der Entfaltung des rücksichtslosesten und zugleich verlogensten Machtnationalismus vorbildlich und alt geworden ist? Wer denn, wenn nicht ein Angehöriger jener Partei, die schon den Tod in den Knochen fühlt und nicht einmal den Ehrgeiz hat, in Würde zu sterben? Zwar stehen nicht bloß die schlachzizischen und allpolakischen Polen der nationalen Autonomie feindlich gegenüber. Sie stellen nur den vorgeschobensten feindlichen Posten vor. Gleich hinter ihnen kommen die Chauvinisten oder Chauvinismus heuchelnden Politiker der anderen Nationen — alle, die ihr Volk zu sichem glauben, wenn sie ftemde Völker drangsalieren, und alle, die durch Aufstachelung der nationalen Leidenschaften irgend welche persönliche oder politische Geschäftchen machen wollen. Und dieser Leute gibt es noch sehr viele in Oesterreich — auch außer den Klubpolen. Sie sitzen fast in allen Parteien, sie haben eine ganze Menge Zeitungen zur Verfügung, mit welchen sie noch immer das Volk bearbeiten. Und ein großer, vielleicht der größere Teil der Jugend gehorcht noch ihren wüsten und verwüstenden Schlagworten. Aber — am Ende find auch sie, ganz wie ihre Freunde vom Polenklub, moritiiri, Todeskandidaten. Es wohnt nicht mehr die alte Sicherheit in ihnen. Die Echten und Ehrlichen find ermüdet, von ihren eigenen Idealen schon gelangweilt. Sie haben auch nicht mehr die Genugtuung und den Vorsprung, die einzigen Vertreter des nationalen Gedankens gegenüber bleichsüchtigen Kosmopoliten zu sein. Der nationale Gedanke hat sich nun so ziemlich überall durchgesetzt, dafür hat aber auch die Geneigtheit, wilde nationale Hetzjagden mitzumachen, überall abgenommen. Trotz mancher bedauerlicher Erscheinungen wächst allenthalben die Sehnsucht nach nationalem Frieden und ökonomischen Fortschritten. Und Morris Mosenfeld. Ein Beitrag zur Erkenntnis des Ostjudentums. Vortrag, gehalten im Februar 1907 von Mathias (Schluß) Wie soll man es Morris Rosenfeld nachtragen dürfen, wenn er einmal ein Verslein oder Gedichtlein schreibt, das allzu dogmatisch oder programmatisch klingt, — ihm, der in seinem großartigen Gedichte „Ouf dem bisem *) sin jam 2)"' das Leid des Juden so nackt und groß vor unseren Blicken austut, daß wir erschaudern, aufweinen, auffchluchzen müffen, und wären wir die härtesten. Zwei russische Juden fahren von Amerika zurück. Ein gewaltiger Sturm erhebt sich. Alles zittert, jammert, betet, nur die beiden Juden sitzen apathisch da. Befragt geben sie endlich Antwort. Sie stellen sich vor. — es ist ein schrecklicher Klang in den Worten: „Ins) mit:4) senen farwugelte5) Jijden". Und in unbeschreiblicher Größe geben sie ein Bild ihres jüdischen Elends, um mit den Worten zu schließen: „Sol schturmen der wind, sol er brimen mit zoren, Sol sijden, sol kochen, sol rauschen der grint. Den ffaj-wij-ffaj *) senen mir jijden varlojren 8), Der jam not farlescht inser brenende wind")." *) Busen. (Die in diesem Aufsatz gebrauchte Transkription aus dem Jüdischen lehnt sich an.' die Aussprache der polnischen Juden an. *) Meer. s) Und. B) gehetzte. ') ohnehin. °) verloren. °) Wunde. Wer Rosenfeld als sozialen und nationalen Dichter nach seinem ganzen Werte schätzen lemen will, darf ihn aber nicht nach seinen schwachen Tendenzpoemen beurteilen. Man muß ihn in seinen großen Dichtungen aufsuchen, in welchen die Probleme nicht mit den angehängten Lösungen, nicht mit der Marke als Probleme auftreten, sondern wo sie erst aus den vom Dichter so intensiv geschauten Vorgängen heraus und in unsere Empfindungen Hinüberwachsen. Man lese z.B. dasGedicht: „Der blejche aprejter4')", die Schilderung des blaffen Schneiders, der jahraus jahrein an der Maschine fitzt. Doch falen di tropenß kaßejder ") Fin oufgang biß intergang speit. In ßapen,a) sijch ajn in di klejder. In trinken sijch ajn in di nejt")." sagt der Dichter, fragt, wie lange das noch so gehen wird, und erteilt fich selbst die furchtbare Antwort: O schwejr, sejr schwejr, duß ") zi fugen '*) Doch ejnß is bawußt'°) in baschejt:17) Wen hm wet'“) di arbet '“) verschlugen ”) Sizt tejkef ") a zwejter in nejt. ”)" Ein anderes Beispiel, das die düsterste Sette menschlichen Zusammenlebens mtt heiligem Ernst berührt, ist das Gedicht „Wijhijn?" 2S), das er „zi a mejdele" S4) richtet: - 10) Arbeiter (vom englischen operator). “) nach der Reihe. “) saugen sich ein. “) Nähte. **) das. ") sagen. ") bekannt. ,T) bekannt. ,a) wird. ,a) Arbeit. -°) erschlagen. -') sofort. >') näht: '-) Wohin? *') An ein Mädchen. Wijhijn, wijhijn, bi’s) schejneß kind? Di wett is noch nit ofen! O, wij schttt du4") is arim!") Fartug, *’) di gaffen schtejen schtim."') — Wijhhn, wijhij asoj“) geschwind? ' Jezt is doch gits‘) zi schlafen:'-) Di Binnen“) trojmen doch noch, — sejßt? Eß schwaigt noch jeder fejgelneßt, — Wijhijn forts*) trajbt eß dijch azind? °') Wij lojfßti,»') sug, '») baginen? “) „Jjch gej fardijnen!" ") Wijhijn, wijhijn, di scheinest kind, 50 schpejt baj nacht schpazijren? Alajn dorch sinßternisch in fett» In aleß rijt,4l) eß schwajgt di wett, — Wijhijn sott tmgt eß dijch, der wind? Di weht ") doch noch farijren! Kaum Hot der tug 4S) dijr nü gelacht, Wuß ken dijr helfen den di nacht? 51 is doch schtim in tojb 44) in blind. Wijhijn mit laschten sinen? „Jjch gej fardijnen!" Wer von uns fühlt sich nicht ftomm und stei von Frivolität werden — bei diesen Klängen? Wer ist nicht von dem Menschenschicksal gepackt, das der Dichter mit seinen großen allsichttgen und allerbarmenden Augen für sich und für uns geschaut hat? Wer wartet nicht gläubig darauf, seinen Genius auch über alles andere dahinstreichen zu ”) du. ") da. “) herum, umher. ”) Bor Tagesanbruch. *•) stumm. *°) so. “) gut **) schlafen “) Blumen s4) dennoch. *») jetzt. *•) wo. ,T) läufst du. “) sage. ”) beginnen. 40) verdienen. 4‘) ruht. 4I) wirst. «) Tag. 44) taub.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.