Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Neue Zeitung Nr. 8 der Emigranten ausgebeutet wird. Unterwegs werden sie infolge ihrer Unerfahrenheit eine leichte Beute gewiflenloser Betrüger und Schwindler, die sie unbarmherzig ausbeutcn, so daß sie oft im größten Elend unterwegs zurückblciben müffen, ja! wir können viele Fälle anfnhrcu, wo sogar hier in Wien selbst Emigranten in die Hände gewisser betrügerischer Agenten gerieten und von ihnen um ihr Letztes gebracht wurden. Diesen Zuständen soll durch die Tätigkeit des Bureaus, wie es jetzt vom Verein „Machsike hadath" gegründet worden ist, leicht abgeholfen werden. Das Bureau erteilt die verschiedensten Auskünfte und Ratschläge in allen Fällen, die sich auf Emigrationsangelegenbeiten beziehen; die Emigranten stehen jetzt vom Tage ihrer Ankunft in Wien bis zu ihrer Abreise unter dem Schutze des Bureaus, welches sie, wenngleich einstweilen nicht mit Geld, so doch sonst mit Rat und Tat unterstützen wird. — Auf der Nordbahn in Wien wird bei jedem einlaufendem Zug ein durch sein Abzeichen leicht kennbarer Bureaubeamter sich befinden, der die Aufgabe hat, die Emigranten bei ihrer Ankunft in Wien zu empfangen, ihnen vorerst billige Quartiere anzuweisen und sie vor betrügerischen Agenten zu warnen. Die Emigranten erhalten vom Bureau Aufilärung über die eventuell zu nehmende Reiseroute sowie auch Hilfeleistung bei der Anschaffung von Reisebillets und bei ihrer Abreise von Wien. Die Emigranten werden auch vom Verein unentgeltlich verköstigt .werden. Teure Glaubensgenoffen! Indem wir an euer Herz und an euer Mttgefühl für unsere unglücklichen heimatslosen Brüder appelieren, bitten wir euch, uns in unserem großen, segenspendenden Werke je nach Vermögen durch Spenden zu unterstützen! — Eine jede Gabe wird von uns mit größtem Dank empfangen und im Blatte veröffentlicht werden. Ein jeder Spendende macht sich um die Erhaltung dieser in Wien einzigen und in ihrer Art wichtigsten Institution verdient. Die Spenden können an folgende Adreffe eingesendet werden: Wien, II.. Obere Augartenstraße 40, Verein „Machsike hadath". Handel und Verkehr. Produktcn-Börs e. Wien, den 31. Juli 1907. Zu Beginn der Berichtswoche haben bei stärkeren Zufuhren die Preise oon Weizen und Korn 5—10 nachgegeben. Je weiter die Erntearbeiten aber fortschreiten um so mehr nehmen sie die Kräfte der Produzenten in Anspruch. Infolge dessen war in der zweiten Wochenhälfte bei zusehends knapper werdendem Angebot die Tendenz befestigt. Die anfänglichen Rückgänge wurden zumeist hereingebracht und in Korn, wo die Nachftage reger ist, auch um 5 Heller überholt. In neuer Ware ist das Geschäft noch immer nicht in Schwung gekommen, weil die Preise dem Handel keine Äonvenienz bieten und der Konsum eine Verbilligung abwartet. Zuzuwarten ist ihm um so leichter möglich als der Mehlabsatz nach wie oor schleppend ist. Von Gerstl liegen schon ziemlich viel Muster vor. Die Qualitäten werden gelobt. Insbesondere aber die Slovakei und Ungarn besitzten schöne Ware. Bon einem regulären Geschäft ist noch keine Rede. Ausländische Interessenten finden die Preise für den Export viä zu hoch. Im Allgemeinen stehen die Forderungen um 2 Kronen per 100 Kilogramm höher als im Vorjahr. , Von Futterartickeln begegnete Mais in der Vorwoche regem Spekulationsintereffe. Die Budapester Börse eskomptierte die Folgen der Trockenheit, obwohl die Pflanze von der Hitze noch nicht geschädigt war. Termine zogen an und ritzen die Preise für effektive Ware mit. Inzwischen sind ausgiebige Regen gefallen und die Preise gaben um 35 Heller nach. Hafer tendiert bei schwachem Absatz preishaltend. K h K h Weizen: Theiß. . 12.— 12.60 Slowakischer.. . . 11.20 11.80 Marchfelüer und Niederösterr. . . — Slowakischer .. . 8.95 9.15 Pester Boden. Oesterreichischer. Gerste: Bremer, Futter- und Rollgerste . —-•— Mais: Ungarischer. 6.45 7.15 Cinquantin. 7.50 7.90 Haf-r- Ungar. Ia m. Ausstich. 8.65 9.15 „ geringer Ausstich .... 8.50 8.75 Marktbericht vom 1. August. Zentralviehmarkt. Dem heutigen Markte wurden zugeführt: 3366 gestochene Kälber, 2294 lebende Schweine, 877 Weidner-Schweine, 141 Weidner-Schafe, 109 Lämmer. — Die Kälberzufuhren waren um 300 Stück kleiner als in der Vorwoche, trotzdem war der Verkehr sehr wenig Animo. Mit Ausnahme von leichten Kälbern, welche um 4 bis 8 Heller per Kilo teurer, waren, bleb die Preisbewegung unverändert. Man verkaufte: Weidner-Kälber von K. —.84 bis 1.—, Prima von K. 1.02 bis 1.26, Hochprima von K. 1.28 bis 1.40, Lebende Kälber von K. —.70 bis 1.10, Lebende Fettschweine von K. 1.10 bis 1.22, lebende Fleischschweine von 80 Heller bis K. 1.14, Weidner Fleischschweine von K. 1.08 bis 1.32, Frischlinge von K. 1.08 bis 1.32, untergewichtige von K. 0.— bis 1.40, Weidner Schafe von 90 H. bis K. 1.12 per Kilo, Lämmer von K. 18.— bis 44.— per Paar, Primaschafe von 66 bis 71 Heller, Brackschafe von 58 bis 64 Heller per Kilo, alles exklusive Verzehrungssteuer. Briefkasten. Wir bitten unsere geehrten Mitarbeiter die Notizen für die Rubrik „Von da und dort" möglichst kurz zu fassen. - „Unnötig". Wir stehen da nicht auf Ihrem Standpunkte. Wir machen die Kinderei der großen und kleinen Blätter Wiens, die sich ängstlich scheuen, ein anderes Wiener Blatt zu zitieren, nicht mit. Wir fürchten nichts. Herrn K. Schweizer in Krakau. Wir bitten um Ihre nähere Adresse. ■ Was ich Hoffe. Aus dem Jüdischen des-Abraham Reisen übersetzt von Ben Acher. Was ich hoffe, was ich will, Werd' ich euch »nicht sagen. - Werde warten,^warten still. Bis es einst wird tagen. Und der erste Sonn'blick hell Wird es euch' schön sagen; Was ich in des ,Herzens Quell Tief versteckt getragen. Und das erste Vogellied Wird euch bringen Kunde, Wie ich mich geweint so müd' Manche schwarze Stunde. Leicht gefastet. (Ein Tischo ü'ow-Bild.) Aus dem Indischen des Schalem A l e j ch e m. (Schluß) Wie kann man denn, überhaupt weinen, wenn man satt ist? Wie kann denn ein Gesättigter die Not empfinden? Dazu muß man unbedingt Hunger haben. . Weiß der liebe Himmel! Geben so dem Magen, nach, fürchten das Fasten, schenken sie lieber ein paar Groschen! So pflegte Chaim Chajkin zu sagen, und sich furchtbar über jene zu argem, die sich durch ein paar Dreier, welche sie in die Almosenbüchse werfen, vom Fasttag loskaufen. Tischi b'ow ist der schwerste aller Fastttage, behaupten die Leute. Chaim Chajkin versteht nicht, weshalb. Etwa weil der Tag lang ist? Ist doch dafür die Nacht umso kleiner. Es ist heiß draußen? Wer befiehlt ihnen, daß sie sich im Sonnenschein Herumtreiben? Sie sollen in der Schul sitzen und etwas „sagen," es gibt gottlob, genug zu „sagen". „Und ich sage euch — folgert Chaim Chajkin — daß Tischo b'ow der leichteste Fasttag ist, weil er der beste, der beste Fasttag ist!" Jom Kipur zum Beispiel ist ein Fasttag. „Und ihr sollt kasteien euern Leib" steht geschrieben. Weshalb, damit ihr euch ein gutes Jahr erflehet. Es steht nicht geschrieben, daß ihr am Tischo b'ow fasten sollt, aber ihr fastet selbst. Wie könnt ihr denn effen an dem Tage an welchem der Tempel zerstört und die Juden getötet, Frauen' zerschnitten und Kinder geschlachtet wurden? . : . Es steht nuch nicht geschrieben daß man am am Tische b'ow weinen soll, doch es weint sich von selbst. Wie kann man sich der Tränen enthalten, wenn man sich erinnert, was man an jenem Tage verloren hat? „Schade, daß es nur einen Tische b'ow gibt!" sagt Chaim Chajkin. „Nun und der siebzehnte Tamus?" mft einer daneben. „Na, e i n siebzehnter Tamus!" seufzt Chaim Chajkin. . „Nun und Zom Gedalja? undTaanis Esther?" fragt jener weiter. „Na also, wieder ein Zom Gedalja! ein Taanis Esther!" erwiedert Chaim Chajkin wieder seufzend. „Ej, reb Chaim! ihr seid doch gar ein Nimmersatt in Bezug auf Fasttage! Habt ihr wenig Fasttage?" „Wenig, wenig Fasttage I" sagt Chaim Chajkin und er beschließt bei sich, von jetzt ab, auch am Tage vor Tische b'ow, also zwei volle Tage hintereinander zu fasten. Eine prächtige Sache das, zwei Tage zu fasten, hört ihr? es ist erquickend: man erspart sich das Mahl am Vorabend des Tischo b'ow, genug, daß man nach Tischo b'ow effen muß! Man vergißt daß es einen Magen gibt, daß es eine Notwendigkeit zu effen gibt - und dann von der Lust, die den Menschen dem lieben Vieh gleich macht. Schwer ist nur eben, daß man nicht trinken darf. Chaim Chajkin unterzieht sich. mit einem Glas Waffer täglich, eine ganze Woche zu fasten, bis zum Sabat. „ Glauben Sie vielleicht, daß er es nur so sagt. O nein! Chaim Chajkin ist ein Mann, bei dem es heißt: Gesagt, getan. Er hat schon die ganze Woche vor Tischo b'ow zu effen aufgehört, nur von ein wenig Waffer gelebt. Wer hat sich denn auf ihn umgesehen? Wenn sein Weib Chajke krank ist und die älteren Kindern bei den Hülsen sind. Die jüngeren verstehen noch nicht. Fradke und Beilke wiffen nur, daß sie hungrig sind (und hungrig sind sie immer). Heute habt ihr noch ein Stück Brot — sagt ihnen der Vater und schneidet sein Brot in zwei Teile. Fradke und Beilke langen mit ihren schwarzen mageren Händchen danach und sind froh. „Papachen, du 'ißt nicht?" fragen ihn die . älteren am Abend beim Nachtmal — „heute ist doch kein Fasttag l" „I, wo, ich faste nicht!" sagt der Vater und denkt bei sich: ich habe sie wohl getäuscht, habe aber doch nicht gelogen. Was heißt denn ein Schluck Waffer? Mit Waffer heißt nicht gegeffen, und nicht gefastet." Am Vortage des Tisch b'ow hatte es Chaim so gut und so leicht, wie noch nie. Ihm kommt so gar nicht vor daß er was nehmen muß, .er glaubt gar im Gegenteil, wenn er jetzt irgend was hartes effen möchte, müßte es ihm rein in der Kehle stecken bleiben. Eigentlich fühlt er wohl ein tüchtiges Nagen, seine Hände und Füße zittern vor Schwäche, es zieht ihm zur Erde, seine Kräfte verlassen ihn. und es ist so übel und langweilig wie vor einer Ohnmacht — aber pfui! was heißt das? die ganze Woche gefastet und am Ende am Vortage des Tischo b'ow nicht aushalten! Chaim Chajkin nimmt sein Stück Brot und Erdäpfel und gibt es den kleinen Kindern Fradke und Beilke und raunt ihnen zu: „Da habt ihr Kinder esset und lastet die Mutter nicht wiffen.", Fradke und Beilke nehmen des Vaters Stück Brot und Erdäpfel, schauen aus das totblaffe Gesicht des Vaters und auf seine zitternde Hände. Chaim sieht zu wie die Kinder effen, schlucken, ihm läuft das Waffer im Munde zusammen, er schließt die Augen, erhebt sich von seinem Platze, er kann auf seine'älteren Kindern nicht länger warten, die bei den Hülsen sind, er nimmt die Kinos (Klagelieder), legt die Schuhe ab und geht in die Schul, die Füße kaum nachschleppend.