Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Zur russischen Wahlbeweguug. Die Polen haben Routine im Wahlmachen. Allerdings in Rußland geht es ihnen viel schlimmer als in Galizien. Es hat nicht viel gefehlt, daß sie mit den Juden sowie mit den anderen Fremden in einen Topf geworfen werden. Da muß man die alte Freundschaftsmaske hervorholen. Es gilt den Juden ein Mandat gnädig zu gewähren und dafür ihre Mithilfe für die anderen polnischen Mandate zu gewinnen. Der objektive Beobachter kann sich zwar hier nicht einer gewisien Angst verschließen, daß es nämlich den Juden jetzt genau so ergehen könnte wie zur Zeit der ersten Dumawahlen. Da haben auch die Polen versprochen um dann mit der ihnen eigenen Unverschämtheit zurückzunehmen. Andererseits aber ist man nicht in der Lage, den Juden in Rußland einen anderen billigen Ausweg anzugebeu. Es bleibt ihnen wirklich nichts anderes als Wahlenthaltung übrig. Ein derartiges Mittel entspricht aber keineswegs den gegenwärtigen Entwicklungsprinzipien des endlich erwachenden jüdischen Volkes. Wenn man auch nicht optimistisch veranlagt ist, muß man doch, annehmen, daß eine Duma -es zu mehr als einer Eintagsfliege bringen wird und daß diese Duma eben die ganz verrostete Staatsmaschine in Rußland endlich einmal in Bewegung versetzt. Und da dürfen jüdische Vertreter nicht fehlen. Soviel sehen unsere Juden schon ein, daß sie ihr Los nicht fremden Vertxetern anvertrauen dürfen. Freilich bleibt es noch sehr fraglich, ob diese Moschkojuden um die es sich voraussichtlich jetzt handelt viel besser sein werden als ganz fremde Vertreter. Da kommt es nun auf die unter allen Umständrn sehr erwünschte Vereinigung aller jüdischen Parteien an. Mit vereinten Kräften könnte man bei positiver Arbeit sicherlich mehr gewinnen, man darf aber auf keinen Fall das Prinzip eines eigenen Vertreters fallen lassen'. Soll die Duma lebensfähig sein, dann kann sie es nur durch ernste, tatkräftige und selbstbewußte Abgeordnete werden. Sie wird dann auch unbedingt ihre Abgeordneten erziehen, sie mit Lebensenergie stählen und in ihnen ein zielbewußtes Streben wecken. Nur eine derartige Rückwirkung kann gedeihen und sie muß unbedingt unreife Kräfte ausscheiden und durch andere tüchtige ersetzen. Gerade die ungeheuere. Finsternis der Reaktion und der Herrschaft der schwarzen Hundert in Rußland .berechtigt zur Hoffnung, daß das Licht der Freiheit und Aufklärung sich. am Wege besindet. Da heißt es aber auf seinem Posten ausharren und lieber geduldiger und nachsichtiger kämpfen als sich zurückziehen. Die längeren Erörterungen der Beteiligungsftage an den künftigen Dumawahlen haben' immerhin das Interesse oer größeren Volksschichten bedeutend abgeschwächt. Nach den Meldungen russischer Blätter reflektierten sehr wenig Juden auf ihr Wahlrecht. Bis zum 10. Juli war dort die Anmeldungsfrist wegen Ausübung des Wahlrechtes festgesetzt. Da kann man nun an der Hand einiger Ziffern die Abgestumpftheit der Leute erkennen. Morris Rosenfeld ist am Ende des Jahres 1862 in Bokscha, Russisch-Polen geboren. Sein Großvater -und Vater waren Fischteichpächter. Er kam noch als Kind nach Warschau, wo er die gewöhnliche Erziehung im Cheder genoß, aber auch etwas polnisch und deutsch lernte. Im Auswanderungsjahre 1882 zog er zuerst nach Amsterdam, dann nach Amerika. Von dort kehrte er wieder bald nach Rußland zurück. 1883war er in London, kehrte aber wieder bald heim. Aber noch im selben Jahr war er wieder in London und blieb dort mit seiner Familie — er war schon verheiratet — bis 1886. or arbeitete als Schneider in einer sogenannten Schwitzwerkstätte. 1886 ging er nun endgiltig nach Amerika. Auch hier im New Iorkcr Judenviertel, mit seinen 700.000 östlichen Juden brachte er sich als Schneider fort. Gedichte hatte er schon früher geschrieben, aber sie sind nie veröffentlicht und bekannt geworden. Erst in Amerika begann er Gedichte in den jüdischen Blättern zu veröffentlichen, die bald großen Anklang fanden. Seine Sehnsucht war, sich von der Nadel unabhängig zu machen. Aber es ging nicht. Der Versuch mit Vortragsreisen mißlang, ebenso brachten Ausgaben von Gedichten in Buchform anfangs nichts. Erst die Sammlung, Neue Zeitung In Smolensk waren im vorigen Jahre 700 Anmeldungen, jetzt kaum 178. In Wilna und in Minsk 7. Große Städte wie Molukr, Jekaterineslar, Zytomir weisen nur je 2 Anmeldungen auf. Man kann also daraus ersehen, wie weit man. mit der von vielen Seiten propagierten Enthaltungsmoral kommen kann. G. Des Zaren höchste Würde. Das Organ des „Schwarzen Hunderts" schreibt in seiner letzten Nummer wörtlich: „D aß der Zar der Führer des Schwarzen Hunderts ist, das wissen wir selbst schon läng st." — Vielleicht erlebt man es noch, den gekrönten Schwächling an 'der Spitze einer trunkenen Huliganenbande einen Pogrom anführen zu sehen. Ein russischer Geistlicher über die Judeufrage. Ein russischer Geistlicher, namens Petrow, äußerte sich folgendermaßen: Die Judenfrage in Rußland ist eher eine allgemeine Frage aller Russen. Die unmenschlichen Pogroms beweisen eben, daß es an der Zeit wäre, die allgemeine Frage wegen der Gleichheit aller Einwohnerin Rußland und nicht nur die der Juden zu lösen. Man muß unbedingt das ganze Leben des russischen LolkeZ einer Aenderung unterziehen. Wenn ich zn entscheiden hätte, ob ich einen einzigen Sohn verlieren sollte, der meinen ganzen Trost bildet, dem ich alles zn hinterlaffen gedenke, was ich besitze, oder ihn leben sähe, wie er den armen Juden Nägel in die Augen stößt, dann möchte ich gar nicht lange überlegen und gleich das erstere vorziehen, obgleich der Tod meines Sohnes mir unendlichen Kummer bereiten würde. So muß jeder ehrliche Bürger denken, dem sein Vaterland lieb ist. Major Alfred Dreyfuß. Die Leidensgeschichte dieses Mannes ist jedem bekannt und es wäre überfllüssig sie noch einmal aufzurollen. Die Unschuld dieses verfolgten Juden hat sich mit ungeheuerer Mühe Bahn gebrochen und kaum ein Jahr ist, es seitdem er wieder im Amt und Würden eingesetzt wurde. Jetzt hat er aber keine Lust in demselben Range zu bleiben, während seine jüngeren Kollegen über ihn hinweggehen zu höherer Charge. Ein diesbezügliches Gesuch an den Kriegsminister Piquart blieb erfolglos und Major Dreyfuß zieht es daher vor, in den Ruhestand zu treten. Merkwürdig erscheint es aber, daß eben derselbe Piquart, der sich früher für ihn so selbstlos eingesetzt hatte, ihn jetzt ganz ruhig aus dem Amte scheiden läßt, ohne ihm auch die ihm gebührende Ehre des Avancement zu gewähren. Ein Rabbinerbeschluß in Frankreich. Man schreibt uns aus Paris: Die letzte Jahreskonferenz unserer Rabbiner entschied, daß die Trennung jüdischer Ehen künftig nicht mehr des „Get" bedürfe, sondern, daß falls bei der Eheschließung entsprechende Bedingungen vereinbart wurden, diese nach gerichtlicher Scheidung von selbst zu bestehen aufhöre. Dieser Beschluß der Rabbi- „Das Liederbuch", die er im Jahre 1897 erscheinen ließ, brachte eine Wendung in seinem Schicksale hervor, als Professor Wiener von der Harvard-Universität in Cambridge zufällig sie kennen lernte. Er wurde der Apostel Rosenfelds und gab eine Auswahl von dessen Gedichten in englischer Übersetzung heraus. Damit kam Rosenfeld zu Weltruhm. Es gibt jetzt deutsche, französische, polnische, russische und tschechische Uebersetzungen. Speziell die tschechische ist von Jaroslaw Vrchlicki, derRosenfeld einen der größten Dichter der Gegenwart, einen jüdischen Dante-hieß. In Rosenfelds materiellen Verhältnissen trat nun insoferne eine Aenderung ein, als er die Schwitzwerkstätte verließ und in eine der Redaktionen der vielen in jüdischer Sprache erscheinenden Blätter Amerikas eintrat. Viel war das auch nicht, und in ideeller Beziehung lernte er sich wieder langsam nach der Schneiderei sehnen. Viele seiner Gedichte klagen über die Fesseln, die der Jouralismus seiner Muffe anlegt. In den letzten Jahren hatte er auch schwere Familienereignisse zu überstehen, so vor allen den Tod seines über alles geliebten Sohnes. Im vorigen Jahre erkrankte er selber schwer. Zuerst trat Lähmung ein, und jetzt besteht die Gefahr der Erblindung. nerversammlung löste bei uns vielfach Entrüstung aus, so daß sich der Obmann des Rabbinroerbandes, Groß-Rabbiner Lehmann genötigt sah, in mehreren jüdischen Blättern den Beschluß auf Grund des Talmuds und rabbinischer Entscheidungen zu verteidigen. Der hiesige Rabbiner Lubetzki, der aus diesem Anlaß an ähnliche aber erfolglose Bestrebungen des verewigten ZadocKahn erinnerte, protestierte gegen diesen Beschluß; ebenso Rabbiner Weiß köpf. S .. .'d. Hebräisches Gymnasium in Jaffa. Zum Direktor des hebräischen Gymnasiums in Jaffa ist Dr. phil. N. Turow berufen worden. Turow hat das Wilnaer Lehrinstitut und die Lausanner Universität besucht und ist bereits durch seine schriftstellerischen Arbeiten bekannt. Ihm war eine Zeitlang die Verwaltung mehrerer jüdischen Regierungsschulen unterstellt worden. Das Jubiläum von Rischon Leziou. Am 25. Juli dieses Jahres feiert die Kolonie Ni schon Lezion die fünfundzwanzigste Wiederkehr ihres Gründungstages. Am 15. ab 5642 (1882) wurden die Verkaufs- Papiere unterzeichnet, auf Grund deren ein Stück Boden von ca. 300 Hektar Fläche an eine Gruppe von Juden überging, die von Rußland nach Palästina übergesiedelt waren. Zehn Mitglieder zählte die Gruppe damals. Drei von ihnen leben heute noch als Kolonisten in Rischon*), und einer von diesen, Freimann, läßt soeben in Jerusalem eine hebräische Festschrift von ca. 15 Bogen drucken, die eine Art Chronik der Kolonie darstellt und einen tiefen Einblick in die Entstehung, Entwicklung und mannigfachen Ereignisse gewährt, aus denen Rischon als eine der interessantesten jüdischen Ansiedlungen hervorgegangen ist. Gegen Eade des Jahres 1882 zählte Rischon etwa 20 Familien mit 100 Seelen; nämlich die vorerwähnten 16 Kolonisten, einen Schächter, einen Tischler, einen Klempner und eiuen Mann, der einen kleinen Laden hielt. Jetzt zählt man 200 Familien mit über 800 Seelen, und auch das Areal ist viel größer geworden: die Kolonie umfaßt jetzt über 1150 Hektar. Unter der Bevölkerung sind außer dem Kolonistenelement (85 Familien) jetzt schon alle, nur erdenklichen Handwerke vertreten, außerdem gibt es 5 Läden, 2 Hotels, eine Sodawafferfabrik und — einen Antiquitätenhändler. Auch die Bearbeitung des Landes ist vielseitiger geworden. Während früher der Weinbau faßt die einzige nenneswerte Kultur darstellte, gibt es jetzt nicht nur viel mehr Mandelgärten als früher, sondern auch Olivenpflanzungen, Erhro- *) Dies sind: A. M. Freimann. Rüben Judelewitsch und Wolf Abramowitsch.' Die Namen der andern sind: Zewi Levontin aus Nicolajeff. David Levontin (jetzt Direktor ver Anglo-Palestine Company in Jaffa», Josef Feinberg, Jacob Perez Freimann. Feiwel Heismann und Lewin Eisenband aus Nicolaieff, und Jehuva Chankin aus Krementschug — Später kamen noch hinzu Elieser Schalit, MoseS Cohn, Hurwitz, Mendel Rofalowsky, Noach Potuschenzky, Naftali Hillel und Isaak Gerberg. Diese sechzehn Namen finden sich unter dem ersten Statut der Kolonie vom Jahre 18^2. Schon aus diesen wenigen biographischen Daten tritt uns Rosenfeld als einer jener Heimatslosen entgegen, die Rußland verlassen, England versuchen und in Amerika bleiben, um da aus dem Götzenaltare des Elends stückweise zu morschen. Wir ahnen eine Wunderwelt des Verzweifelns, Glaubens und Höffens, die aus diesen Flüchtlingsschicksalen sprießen muß. Wir hören von großen Judenstädten mit jüdischer Sprache, jüdischem Leben, jüdischen Festen und jüdischem Jammer. Und wir ahnen, daß sich in den Bewohnern dieser Städte Selbst- und Kraftgefühl, Empfindung des eigenen Kulturwertes herausbilden muß. Wir hören von einer großen jüdischen Arbeiterklasse, in jüdischen Werkstätten arbeitend, ausgebeutet, ausgesogen. Und wir ahnen, welch revolutionärer Tag, welch glühende Sehnsucht nach dem Tag des Gerichtes, welch brennender Zorn gegen jene, die sie von der Tafel des Lebens ausschloffen in diesen gepeinigten Proletariern sich angesammelt haben muß. Kurz, schon die wenigen biographischen Daten genügen, um uns, was man hierzulande so ganz und gar nicht gewöhnt ist, Millionen von Juden als lebendige Einheit, als einen modernen, neualten Menschentypus, als ein gährendes, schöpferisches, von Gott u. Satan erfiilltesVolkstumzusehen