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Neue Zeitung · 1907-08-02 · Heft 8 (2.8.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 8 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 8 teilen kompakt. wohnen, sollten sich nicht zu helfen wissen? Freilich in der bisherigen verschämten Weise ist eine radikale Abhilfe der Mißstände undenkbar. Wenn man, um seiner Partei nicht zu schaden, ängstlich seine Abstammung verbergen muß, wenn man statt sein Recht zu fordern, um Gnade und Barmherzigkeit bittet, wenn man die unmöglichsten Umwege dem geraden und einzig richtigen Wege vorzieht, dann kann man sich und seinem Volke allerdings nicht viel nützen. Und dieser gerade Weg ist ja so leicht zu beschreiten. Diese Hundertsechzigtausend müssen nur zusammenhalten, müssen die in ihnen ruhenden Kräfte zu einer gemeinsamen großen Stoß- und Schöpferkraft vereinigen, müssen sich in dieser schonen Stadt ein starkes und gesundes eigenes Volksleben schaffen. Und wenn sie dastehen werden, als ein Bollwerk ihrer eigenen Macht, als eine zum Kampfe für volle nationale und religiöse Gleichheit bereites Heer — dann werden sie in denen, die ihnen heute scheu aus dem Wege gehen, Bundesgenossen finden. Dann werden ganz neue heute noch latente Elemente des Widerstandes ftei werden und sich ihnen anschließen. Dann werden sie durch ihre neue Methode, die nicht mehr in dem alten kindischen, keifenden Nörgeln, sondern in positiver Machtentfaltung und energischer Betonung des eigenen Rechtes bestehen wird, den Feind im Glauben an seine Irrlehren und damit in seiner Sicherheit erschüttern. Herr Neust adtl denft sich die Sache allerdings anders. Er gehört zu denjenigen, die die Welt nicht mehr verstehen. Rings um ihn wird es leer. Die Jugend will von seinem demokratischen Gedanken, der zu seicht ist um in die Tiefen der nationalen Probleme hinabzutauchen und zu dünn, um die Weiten der sozialen Fragen auszufüllen, nichts wissen. Aber ihn kümmert das nicht. Er kämpft weiter und hat sich sogar noch eine dritte Kampf-„Front" beigelegt: Die Jüdischnationalen. Der Arme der noch immer nicht klüger ist! Die ganze Entwicklung der politischen Verhältnisse, überhaupt der Wiener Stadtpolitik im besonderen, schreit förmlich darnach, daß sich die Juden als ein selbständiges Korps für eine große Gesammtarmee der freiheitlichen Ideen organisieren, damit hiedurch erst die Möglichkeit einer solchen Armee gegeben werde. Und Herr Reustadtl geht hin und rührt wieder die alle Werbetrommel, und wieder meldet sich die alte jüdische Kompagnie mll den paar Paradechristen als Feldwebeln, und wieder weichen alle anderen Nichtjuden schon auf tausend Schritt der tapferen Fortschriüstruppe aus. So will es Herr Reustadtl. Gut! Wir sind einverstanden. Mag er ttommeln und zusehen, wen er herbeittommell. Seien wir demokratischer als er und lassen wir ihn ruhig gewähren — auch wenn er gegen unsere Front kämpfen will! Aber bauen wir unsere Front aus, wir Wiener Juden, bringen wir eine jüdische Armee auf die Beine und erkämpfen wir mll ihr die Stellung in unserer Vaterstadt, die uns hier kraft unserer Zahl und unseres Fleißes gebührt. Nicht unter Morris Aosenfeld. Ein Beitrag zur Erkenntnis des Ostjudentums. Bortrag, gehalten im Februar 1907 von Mathias Es heißt: Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen. Eine Wahrheit wohl, aber eine leichte. Da gibt es eine andere, die well schwerer wiegt, well tiefer eindringt, weüere Massen des Gedankenerdreiches aushöhlt. Das ist die des umgekehrten Satzes: Wer ein Land, wer ein Volk will verstehen, muß unter seine Dichter gehen. Denn es ist etwas ganz Eigentümliches um ein Voll. Man gelangt nicht zum Verständnisse seines Wesens, seines Könnens, seiner Leistungen, wenn man es der Summe seiner Angehörigen gleichsetzt oder wenn man einen x-beliebigen herausgreist und an ihm und nach ihm Gesamthellsurteile fällt. Es wäre dies geradeso, wie wenn man die Idee und die Schönheit eines monumentalen Baues aus der Summe der Säulen und Bögen oder aus der einzelnen Säule, dem einzelnen Bogen begreifen wollte. Gewiß, wenn der Bau kein Machwerk ist, so wird ein Schimmer seiner Idee, ein Glanz seiner Schönheit in jeder architektonischen Einzelheit dem geübten Auge er- Neue Zeitung verschiedenen Masken, nicht unter falscher Flagge, sondern als das, was wir sind und unter unserer eigenen Verantwortung. F. A. Wochenschau. Wiener Magiftratsmoral. Am 16. d. hiell der Vorstand des Vereines der Beamten der Stadt Wien eine Sitzung ab, in der auf Antrag des Herrn Alois Moißl einstimmig beschlossen wurde den Bürgermeister darauf aufmerksam zu machen, daß die planmäßige Uebergehung der jüdischen Beamte beim Avancement ein nicht entschuldbares Unrecht sei, denn selbst der Antisemitismus könne sich doch nicht gegen anständige und berufstteue Kollegen richten. Die Ausführung des Anttages wurde jedoch aus „Opportunitätsgründen" bis zum Herbste aufgeschoben. Allein der Vorstand dentt und der Herr von Wien lenkt. Ihm paßte der Antrag. absolut nicht und so mußte der Vorstand nach Canossa gehen. Zur Busse für seine Untat wurde Herr Moißl unter dem Vorwände, er,hätte über jene Sitzung „tendenziöse Berichte" verbreitet, ausgeschlossen, und — die „Ehre" des Vereines war gerettet. Im Uebrigens hat, die Mitgliederschaft des Vereines nicht ganz so Ordre pariert, wie der Vorstand. Denn am 27. d. erschien bei Herrn Motßl eine Deputation welche demselben mitteilte, daß 326 Kollegen aus dem Vereine ausgetteten seien und ihn aufforderte eine neue Organisation zu gründen,'die zweifellos den alten Verein bald überflügeln werde. Herr Moißl rieth jedoch den, Herren hiervon ab, indem er darauf hinwies, daß sie sich dadurch nur dem Vorstand denunzieren würden. Die Deputation hielt es für sehr wahrscheinlich, daß die Plenarversammlung in geheimer Abstimmung die Ausschließung. Moißl's nicht billigen würde. F. Was ist ein Beamten-Mmisterium? „Ein Ministerium mit Schkozim," wie sich Graf Kasimir Badeni anläßlich der Berufung des Ministeriums Graf Kielmannsegg im Jahre 1695 äußerte. Die Verantwortung ftzr-idiese übrigens sehr glaubwürdige Nachricht überlassen wir der „Neuen National- Zeitung", der wir sie entnehmen. Herr Dr. Löwensteür, der Star der Judenkomödie im Polenklub, wird von seinen jüdischen Wählern aufgefordert, entweder aus dem Polenklub auszutreten oder sein Mandat niederzulegen. Begründet wird die Aufforderung mit dem Hinweise auf einen Schwur, den er als Kandidat in. der Drohobyczer Synagoge feierlich leistete, daß er, sobald der Polenklub mit dem Antisemitismus Zusammengehen werde, einen von den beiden ihm nun nahegelegten Schritte tun werde. Mit Bezug auf die Protzerei des Herrn Dr. Löwenstein mll hebräischen Kenntnissen in seiner Parlamentsrede, behauptet ein Mitarbeiter des Lemberger jüdischen „Tagblatt", daß er bei einem Besuche des Vaters Löwensteins, gesehen habe, wie der Sohn eine hebräische Zeitung verkennbar sein. Aber die Idee selbst, die erfüllte Schönheit kann man nur aus dem Ganzen herauslesen. Die Wucht des Ganzen muß auf uns wirken, wll müssen das eigene Leben und Weben des Ganzen schauen, genießen. Nur eine Möglichkeit haben wir, aus Teilen zu mehr als Ahnungen, zu Empfindungen der ganzen Menschheit zu gelangen: Wenn wir ganz bestimmte Teile des Baues bettachten, jene Teile welche allein' die bevorzugten Träger seiner Idee und Schönheit sind, die Auserkorenen in welchen sich die ganze Idee, die ganze Schönheit zusammendrängt welche sozusagen die Sitze der Seele des Ganzen sind. Da ist ein mächtiges Tor, vor dem wir uns in ehrfurchtsvollem Schauer beugen. Da ist ein Turm, der uns wie ein erhobener Finger.weist: Seht, das bin ich, im Namen des Ganzen, das bin ich der ich die Sprache des Ganzen spreche. Da kann auch eine unscheinbare Nische sein, die uns in ihrem geheimnißvollen Halbdunkel in füllen, reinen Formen die Größe und die Heiligkeit des Ganzen enthüllt. Nicht anders ists mit dem Volke. Gewiß fällt der Einzelne, der ihm angehört, niemals aus dem Grundplane des Ganzen ganz heraus. Es gibt keinen Einzelnen im Volke, in dessen geistiger Physiognomie der Kundige nicht irgend, eine gerade. kehrt in der Hand hielt. Der Vater, Rabbiner von Lemberg habe es auch bemerkt und eine kurze entschuldigende Bemerkung gemacht. Preußentum. - Daß Preußen ein deutsches Rußland vorstellt, weiß man schon lange. Es kann daher niemanden verwundern, wenn man hört, daß es preußische Regierungsbezirke gibt, in welchen ausländischen Juden der Aufenthalt verboten ist. Der Regierungspräsident in Oppeln hat die Verfügung in Erinnerung gebracht, welche Ausländern jüdischer Konfession den dauernden Aufenthalt im Regierungs-Bezirk untersagt. Diese Verfügung beruht auf einem Ministerial-Erlaß, der für die Grenzgebiete überhaupt gilt und die administrative Behandlung der Slaoen und der ausländischen Juden regelt. Der Wortlaut und das Datum des Erlasses sind nicht bekannt gegeben worden. Wie es scheint, ist derselbe vor mindestens zehn Jahren, vielleicht noch ftüher, bereits unter dem Regime'Puttkammer ergangen. Im Jahre 1906 wurden 199 Personen aus demOppelner Bezirk ausgewiesen. Der Staatsangehörigkeit nach 13 Russen, 2 Rumänen, 184 Oesterreicher. In Breslau ist die Ausweisung eines jüdischen jungen Mädchens, einer österreichischen Untertanin, die in einem Konfektions- Geschäft angestellt war, durch das Eingreifendes österreichischen Kaisers aufgehoben worden, jedoch wurde ihr der dauernde Aufenthalt nur unter der Bedingung gestattet, daß sie sich nicht selbstständig mache. Noch ttasser liegt folgender Fall: Bei der Vereinigten König- und Laurahütte A.-G. hatte ein aus Mähren, also einem deutschen Kronland Oesterreichs, stammender jüdischer Ingenieur, Anstellung gefunden. Er ist, wie eine an den österreichischen Minister des Aeußeren gerichtete Eingabe hervorhebt, weder in Oesterreich, noch in Deutschland vorbesttaft, war niemals politisch tätig und ist dem preußischen Staat auch auf keine sonstige Weise lästig gefallen. Nichtsdestoweniger wurde ihm von der Polizei in Königshütte zunächst erklärt, daß ein dauernder Aufent-. halt ihm nicht gestattet werden könne. Als er' Einspruch erhob, bedeutete man ihm unter Bezugnahme auf die erwähnte Verfügung des Regierungs- Präsidenten, wenn er nicht freiwillig gehe, werde das Regierungs-Präsidinm in Oppeln über seine Ausweisung entscheiden, in welchem Falle er sich mit Sicherheit auf die Ausweisung aus dem ganzen preußischen Staatsgebiet gefaßt machen müsse. Die Anrufung diplomatischer Intervention hingegen hat nicht etwa die Aufhebung des Bescheides durch das preußische Ministerium, sondern nur einen Aufschub erwirkt. Auf die Frage, was unter „dauerndem Aufenthalt" zu verstehen sei, ist übrigens die Regierung die Antwort schuldig geblieben. Eine Aenderung des bisherigen, mit. der Reziprozität der Handelsverttäge unvereinbaren Verfahrens der preußischen Behörden wird nach der in den Grenzgebieten herrschenden Ansicht erst dann zu erwarten sein, wenn leitende österreichische Kreise energisch auf Abänderung drängen. Aus Anlaß des erwähnten Spezialfalls ist im österreichischen Reichsrat eine Interpellation eingebracht worden. Mit welchem Erfolge, bleibt abzuwarten: . . Ja, „Preußen"! geschwungene oder krumme Linie aus jenem Plane wiedererkennen würde. Aber weder wird die Menge der Einzelnen, noch irgend ein gewöhnlicher Einzelner selbst jemals das Bild, die Idee, den Stil, die Leistung des ganzen Volkes, des Volkes, als Kulturorganismus, als schöpferische Gesamtheit, ausdrücken. Nur gewisse Einzelne sind da, wenige Äuserwählte und Berufene kleine Welten, sozusagen, die der geheimnißvoll gährende Vulkan des Volkes als Proben seiner Kraft und seiner "Art zeitweilig hervorschleudert: die großen Menschen mit dem Sonnenblick nach außen und innen, mit der dämonischen Hingebung an das All und die Ewigkeit, mit den Tausendmeilenschritten, unter welchen alles Alltägliche und Tagtägliche im Ewigkeitssturm dahinfliegt. Von ihnen aus, von den großen Lehrern und Dichtern des Volkes, seinen wahren, unsichtbaren Führern und seinen stillen Opfern zugleich, kann und muß man den Weg zum Begreifen des JBoIfeS finden. Und wahrlich, nach dem Gesagten wird Morris Rosenfeld nicht um Entschuldigung zu bitten sein, wenn er hier weniger als Selbstzweck denn als Mittel bettachtet wird; als ein Mittel, um zu jenem Vulkan vorzudringen, von dessen tiefinnerem Gluten und Schaffen er eine wunderbare Probe darstellt.

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