Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG gtbufction uud Idmillistraiimi: Wien, II/I, Tabarslrasse El Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 9—1 Uhr Vormittag. Insertionspreise: Sit die dreimal gespaltene Nonpareillezelle oder der Raum 12 h, bei Wiederholungen Rabatt. Unabhängige indische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Adauurwrutspnist: In Oesterreich-Ungarn Ganzjähr L 8.— , halbj. U 4.— vierteljähr. K 2. -. Im Ausland: Ganzjähr. K 11.— halbj. K 5 50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Linzelnnmmer in Wien 20 h. außerhalb wl-no im Znlande Lg h. Nr. 8. Wien, Freitag, den 2. August $07* 2. Jahrgang. Zur gefälligen Kerrnlnisrmhme! Die Redaktion «nd Administration unseres Blattes (auch die Privatwohnung unseres Chefredakteurs) befindet sich ab LS. August Wien Il/8, Haasgasse 8. Malionate Autonomie. Nur in seinem Volke ist der Mensch Mensch. Ohne sein Volk ist er undenkbar, eine nackte, färb- und sinnlose Vorstellung. Von seinem Volke geht jeder Mensch aus und zu seinem Volke kehrt er zurück. Er mag wollen oder nicht, er mag es wissen oder nicht. Gewaltig ist im Menschen die Macht seines Volkes, weil sie die Macht des zeugenden Lebens, lebendige Naturmacht ist. Naturmächte aber bauen und zerstören, — bauen wenig und zerstören viel, solange der Mensch nicht Erkenntnisie genug gesammelt hat, um ihre bauende Kraft zu ordnen und ihre zerstörende zu hemmen. Die Macht des Volkstums hat schon Großes auf Erden geleistet, aber was ist es im Vergleich zu dem, was sie noch zu leisten vermöchte, wenn der Mensch schon so weit wäre, sie regeln zu können? Und wo wäre dann der furchtbare Schaden, den sie bisher in so reichlichem Maße gestiftet hat? Der Mensch hatte bisher keinen klaren Einblick in das Wesen jener Natur- und Geschichtsmocht, die man das Volk nennt. Und darum überließ er sich ihr zuerst bedingungslos, fügte sich ihr, etwa wie das Kind dem Spieltrieb folgt. Er gab sich ihr ganz zu eigen und in ihrer ungezähmten Wucht füllte sie seine Seele mit Dünkel, Machtbegier und Herrschsucht, wurde sie zur rasenden Leidenschaft, die sich mit Wollust auf die „Fremden" stürzt, um sie auszusaugen oder zu vernichten. Das ging so Jahrtausende lange in verschiedenen Formen und unter verschiedenen Namen. Endlich begann der Menschheit das Gewissen zu schlagen. Es standen Leute auf, die wozu?^ fragten, aber auch sie waren noch unreif. Sie machten es wiederum wie die Kinder, wie jene Kinder, die den Balken schlagen, über den sie durch ihre eigene Unvernunft gestrauchelt sind. Sie holten mit ihren Fäusten gegen das Volkstum aus. Fort damit! Wer braucht es, daß es der Menschheit im Wege liege? Nieder mit dem nationalen Schwindel! Mein: den Spieltrieb nimmt wohl das Kind-in das Alter des Erwachsenen mit, ihre nationalen Narreteien und Bübereien schleppten die Völker durch lange Zeiträume. Aber wie sich das Kind bald äbgewöhnt, den Balken zu schlagen, an welchem es sich verletzt hat, ebenso mußten die erweckten Intelligenzen uud Gewissen denn doch bald gewahren, daß die Völker lebende Einheiten und nicht die Hirngespinnste von Schwindlern sind Und die Stunde hatte geschlagen, in der der * menschliche Geist seine Ueberwinderkraft auch an der Naturmacht des Volkes versuchen sollte. In Oesterreich geschah die große Geistestat; hier, wo sich einerseits der Kampf der Völker auf engem Raum wie ein Schulbeispiel wiederholt und wo anderseits eine genügende Reife der Entwicklung besteht, mußte sie geschehen. Bis vor Kurzem nahm in Oesterreich fast niemand Oesterreich ernst. Wer es tat, geriet in den Verdacht der Volksfeindlichkeit und Rückständigkeit, oder galt als Kauz. Man litt es nicht, daß jemand diesen augenscheinlich unvernünftigen und dem sichern Zerfall geweihten Staat wie einen veraünftigen und kräftigen behandle. Und jeder Schuljunge ergötzte sich daran, ein Stück von Oesterreich weg- und mit aller Gemütsruhe an irgend ein Nachbarland hinüber zu phantasieren. Deutschland, Rußland, Italien, Rumänien bekamen so ihre Stücke ab. Diejenigen aber, die dieses schöne Spiel nicht mehr mittreiben wollten, waren anfangs in wenig beneidenswerter Lage. Mit den Wölfen wollten sie nicht heulen und das bloße Zahmsein wieder erivies sich je länger, desto mehr, als ungenügend. Die Nationen hörten ja nicht miteinander zu kämpfen auf, weil der oder jener sie zu leugnen geruhte. Was war zu tun? Man konnte sich doch nicht bloß aufs Wünschen einrichten — die Politik rechnet mit „Wünschen" nicht. — Und was sollte man wünschen? Den Zerfall Oesterreichs etwa? Das wäre eine Bejahung des Chauvinismus, von der man weit entfernt war. Durch diese Erfahrungen und Fragen hiedurch gelangten Viele dazu, sich eingehender mit dem Nationalitätenproblem zu befassen. Unwillkürlich suchten sie nach einem Wege, auf welchem die Naturmacht des Volkstums gebändigt, ihres blinden Wütens entkleidet und in der Entfaltung ihrer wohltätigen Kräfte gefördert werden könnte. Und kamen so auf die Idee der nationalen Autonomie. Die Völker haben bisher nirgends ihre eigenen Rechte. Sie leben nur davon, was sie sich auf dem Umwege von Landes- und Provinzialgesetzen zu verschaffen wissen. Hat eines infolge geschichtlichen Vorsprunges oder einer erdrückenden Mehrheit den Gesetzgebungsapparat in seinen Händen, dann versorgt es sich mit seinem nationalen Bedarf. Die aber über einen solchen Apparat nicht verfügen, gehen leer aus und müssen sich von den anderen überstimmen und verdrängen lassen. Der Grundgedanke der nationalen Autonomie ist nun, die Völker für den Kreis ihrer nationalen Interessen zu ihren eigenen Gesetzgebern und zu Trägern eigener Rechte zu machen. Sie sollen mit ihren nationalen Ansprüchen fürderhin nicht mehr - auf die allgemeine Gesetzgebung und auf rechtliche Umwege angewiesen sein. Selber soll sich jedes geben, was es braucht und was es mit seinen Kräften sich leisten kann. So werden sie voneinander nicht abhängen, ihre Interessen nirgends sich feindlich kreuzen. . Die Ausführung dieser Grundsätze kann man sich verschieden denken und es gibt da auch noch manche grundsätzliche Verschiedenheiten. So wollen z. B. die Einen die Rechte der Nationen ganz vom Boden loslösen, die anderen empfehlen ein gemischtes System: die politischen Territorien sollen möglichst nach Nationen abgegrenzt, jedoch zum Schutze von nationalen Minderheiten soll eine über das ganze Reich sich erstreckende Nationenversassung gegeben werden. Diese Verfassung selbst aber verlangen alle. Jeder österreichische Staatsbürger erklärt, zu welchem Volke er gezählt werden will. Jedes österreichische Volk wird in nationale Gemeinden und nationale Kreise gegliedert und erhält eine parlamentarische Versammlung sowie Vollzugsbehörden mit Amtscharakter und Exekutionsrecht. Als der hauptsächlichste Gegenstand der selbständigen nationalen Gesetzgebung eines Volkes gilt die Schule. Allerdings im Rahmen gewisser allgemeiner staatlicher Grundsätze, — errichtet sich jedes Volk seine Schulen selber und gestaltet sie sich selber, wie sie seinem Geiste, seiner Art, seinen Ueberlieferungen und Erwartungen am besten entsprechen. Selbstverständlich muß aber die Organisation eines jeden Volkes auch Mittel in der Hand haben, um ihre Angehörigen gegen alle Benachteiligungen und Zurücksetzungen in staatlichen Aemtern wie durch solche zu schützen. Außerdem verlangen viele zum Schutze vor politischen und wirtschaftlichen Verfolgungen aus nationalen Motiven, daß bei den Wahlen für den Rekchsrat und die Landtage die Wähler verschiedener Nationalitäten an den gleichen Orten nicht zusammen, sondern nach Nationalitäten getrennt, in sogenannten nationalen Kurien, ihre eigenen Abgeordneten wählen. Andere haben sich dagegen ausgesprochen und vertreten die Meinung, daß die nationalen Kurien geradezu der Idee der nationalen Autonomie widersprechen. Dies ist, mehr oder minder umstritten, der Inhalt jenes Jdeen-Komplexes, der sich mit der nationalen Autonomie befaßt. Es bleibt nun aber die Frage zu erledigen, wie sich diese Ideen verwirklichen sollen, wie man die Sache anfassen muß, um alle die großen Hindernisse zu überwinden, um alle die Widerstände zu brechen; vor Allem — das Entscheidungs- und Verantwortungsvollste : Was soll der erste Schritt sein? B. (Weitere Artikel folgen.) Wie lange noch? Eine Frage an die Wiener Juden: In Wien ereignete sich's vor Kurzem, daß die christlichen Mitglieder des Vereines der städtischen Beamten gegen die Präterierung ihrer jüdischen Kollegen in einer großen Versammlung energisch Stellung nahmen. Allerdings wurde der Obmann dieses Vereines, Herr Alois Moißl, von dem anfangs mit ihm sympathisierenden Ausschüsse schmählich im Stiche gelassen, aber die Aufmerksamkeit der beteiligten Kreise wurde geweckt, und die Sache verdient ja auch in vollstem Maße das Aufsehen, das sie allenthalben erregt. Wenn schon Antisemiten — Herr Moißl bekennt sich zum Antisemitismus — die Sache zu bunt wird, kann man sich vorstellen, wie es die Herren von Wien treiben. Nun sollte man aber meinen, müßte endlich den Wiener Juden die Geduld ausgehen. Wie lange noch wird sich die Judenschast, die den neunten Teil der Wiener Bevölkerung ausmacht, diese Behandlung gefallen lassen? Wäre es nicht hoch an der Zeit, daß sie sich endlich zu energischen Schritten aufrafft? Hundertsechzigtausend Menschen, die noch dazu zum weitaus größeren Teile in gewissen Stadt-