Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-07-26 · Heft 7 (26.7.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 7 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430915--210-2431193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 Neue Zeitung Seite 3 sowie technischer und landwirtschaftlichen Schulen wieder einen Prozentsatz der Juden (10 Perzent) einführte. Es ist auch gar nicht anders möglich, denn die-Minister sind im Grunde heute in Rußland die ohnmächtigsten Geschöpfe. Sie hängen ganz vom „Verbände des russischen Volkes" ab, der durch die Gunst des Hofes und speziell auch des Zaren zu einer geradezu unheimlichen Macht gekommen ist, — wobei sich nur noch fragt, ob nicht auch der Zar der Hörige der „schwarzen Hundert" ist. Wer kann es ihm übel nehmen, wenn er,- vor die Wahl gestellt, durch diese oder durch die „Anderen" um den Thron zu kommen, die Ersteren doch vorzieht. Als der letzte Schimmer des kurzen Fceiheitstraumes ist noch die Duma, d. h. die Anwartschaft auf die dritte, im Herbst zu wählende, Duma übrig geblieben. Und was ist das für eine Anwartschaft! Das Wahlgesetz so verschlechtert, als nur möglich und, falls dennoch eine oppositionelle Duma gewählt werden sollte, der tiefdunkle Schatten einer Militärdiktatur über das unglückliche Land sich lagernd . . . Dennoch wollen die Freiheitsfteunde den Kampf nicht aufgeben. Und es ist bewundernswert, daß auch die Juden inmitten aller furchtbaren Verfolgungen seitens der Regierung und aller schleichenden Pogrome,. wie sie jetzt von den schwarzen Banden veranstaltet werden, 'ihre Zuversicht nicht verloren haben. Sie sind fest entschloffen, wieder zur Wahl zu gehen, und es gibt sogar Leute, welche meinen, daß sie jetzt mehr Aussichten haben als früher. Leider sind sie noch nicht so einig, wie es zu wünschen wäre. Sie marschieren noch in getrennten Lagern. Abgesehen vom radikalen Flügel, auf dem der sozialdemokratische „Bund" und die verschiedenen Arten der zionistischen Sozialisten stehen — zerfällt auch die große Masse der bürgerlichen Juden in die „jüdisch-nationale Gruppe",, die Volkspartei, Zionisten und die „Dergreicher". („Erreichet:" — „Verband zur Erreichung der Vollberechtigung für Juden.") Alle aber rüsten, und es ist zu erwarten, daß die große Aufgabe sie einig finden wird. Es ist selbstverständlich, daß die Juden mit den Polen, Letten, Esthen, Armeniern usw. zu den „fremden Nationalitäten" gerechnet werden. Diese sind nun in dem neuen Wahlgesetze überhaupt stiefmütterlich genug bedacht. Aber es scheint, daß man, dem Drängen der „echten Russen" nachgebend, noch manches tim wird, um die Zahl der nichtrussischen Deputierten noch weiter herabzusetzen. Bekanntlich darf das'Ministerium des Innern nach Belieben verschiedene Nationalitäten in eine und dieselbe Kurie Zusammenlegen, oder sie in verschiedene Kurien trennen. Und nun hört man bereits davon, daß namentlich in den litthauischen Gegenden solche nationale Geometrie betrieben wird. So ist z. B. die Bialystocker Wählerschaft in zwei Teile geteilt worden, in einen russisch-deutschen und einem jüdisch-polnischen, von welchen jeder einen Wahlmann zu wählen hat. Zu bemerken ist Wie anders, wenn man nichts, absolut gar nichts tut, nicht weil man nicht will, oder weil es einem nicht paßt, sondern weil man nichts zu tun hat I man hat nichts und fertig! das ganze Städtchen beklagt sich, daß nichts zätun ist! Eine Masse von Juden ist da zusammengetrieben, zusammengedrückt wie die Häringe im Faß und hat einander lieb . . . „Gut ist auch das!" denkt Chaim Chaikin, „gut, daß er wenigstens Kinder hat, andere haben auch das nicht. Aber von Kindern was erwarten!? Hört ihr, es ist nicht gut, wenn man von Kindern was erwarten muß, nicht etwa weil sie einem nichts gönnen — Gott behüte! aber er selbst kann nicht, er kann nicht! Er weiß wie sich die Kinder den ganzen Tag plagen. Er weiß, daß man den Schweiß bis zum letzten Tropfen aus ihnen herauspreßt. Er weiß es! Jeder Bissen Brot dünkt ihm ein Bluttropfen; er trinkt der Kinder Blut; hört ihr, er, Chajkil, seiner Kinder Blut trinken. Nein! „Vater, warum ißt du denn nicht?" fragen ihn die-Kinder. „Bei mir ist heute . . . Fasttag" — antwortet ihnen Chaim Chajkin. „Wieder ein Fasttag? wie viel Fasttage hast du denn immer,?" aber, daß auf der einen Seite 100 Russen und Deutsche, auf der anderen 1200 Juden und Polen stehen, so daß bei einer Durchführung dieses Systems im ganzen Landstriche die Zahl der russischen (und deutschen) Wahlmänner die der jüdischen und polnischen übersteigen muß. Es ist also eine ganz eigentümliche Art nationaler Kurien, — nicht etwa die theoretisch angestrebten und in Oesterreich schon teilweise (Mähren) durchgeführten nationalen Kurien, sondern eine echt russische Spezialität. Nicht nationale Kurien, die der Majorisierung ganzer Nationen entgegen arbeiten, sondern sie geradezu herbeiführen sollen. Die Wahlvoraussetzungen in diesem Winkel des russischen Reiches haben übrigens den Gedanken eines jüdisch-polnischen Kompromisses wachgerufen. Die Nationaldemokraten, die in der vorigen Dumasession, wo es noch 46 polnische Abgeordnete gab, recht prätentiös und mit der echt allpolnischen Frechheit gegenüber den Juden auftraten, sind nun, wo den Polen nur 12 Mandate zufallen, bedeutend zahmer geworden, — wollen in Kongreßpolen selbst den Juden ein Mandat garantieren — seinerzeit fiel ihnen das gar nicht ein, sie arbeiteten gegen die Juden teils nach galizischer, teils nach moskowiticher Methode — und in den westlichen Gouvernements mit den Juden kompromittieren. Dieses Projekte, das übrigens unter den Juden viele Anhänger, aber mindestens ebensoviele erbitterte Gegner hat, wird jetzt eifrig diskutiert. Zu verzeichnen wäre auch noch die bisher unbestätigte Nachricht, daß eine jüdische Gruppe unter Führung Winawers sich bestrebt, von der Regierung eine eigene Kurie für die Juden ganz Rußlands, die 14 bis 15 Deputierte zu wählen hätte, zugestanden zu erhalten. Die „schwarzen Hundert" dagegen möchten natürlich am liebsten den Juden alle Vertretung genommen wissen. Sie werden nicht müde, auf die Verbrechen zu Hinweisen, die die Juden angeblich am russischen Staate begehen. So schieben sie z. B. den Juden auch die Erkaltung der französischen Liebe zu. Die Juden, die heemischen und die französischen, haben dem russischen Volk (lies: den russischen bureaukratischen Geldgeiern) die französische Anleihe verdorben. Nieder mit den Juden, nieder mit der französischen Mianz! Hoch Deutschland, wo Geld zu haben ist! Hoch Mendelssohn, der es beschafft. Ja, auch hoch Mendelssohn, dessen Großvater „aus ehrlicher Ueberzeugung" Christ wurde. Da vergißt so ein Antisemitenblatt rote. 3. B. das löbliche „Ruskoje Znamja" seinen Rassen-Anttsemitismus, für den sonst die Taufe nichts 0 ntjudendes an sich hat. Nieder mit den Juden, hoch das Bankhaus Mendelssohn! Ja das Bankhaus Mendelssohn! Wie lange werden wir und mü uns ganz Rußland unter der Skrupellosigkeit dieser Leute, deren Gott der Gewinn ist, leiden? Freilich, sie können jetzt nicht mehr zurück. Als der Krieg mtt Japan so unglücklich endete und die Aeiheitsbewegung begann, war das Haus Mendelssohn dem Bankerotte „Doch weniger als Tage in einer Woche Und Chaim Chajkin lügt nicht. Er hat sehr oft Fasttage. Doch gibt es Tage, an denen - Der Tag an dem Chaim Chajkin fastet, ist bei ihm der liebste. Erstens ist es doch eine Mizw vor Gott, und ein Stück ojlem habbe mehr, es wachsen die Zinsen, das Kapital vergrößert sich ... . Und zweüens, gibt man' keinen Heller für mich aus. Ich brauche niemandem Rechenschaft abzugeben. Es ist wohl wahr, es fragt mich niemand; aber wozu brauche ich es, wenn ich es mir so einrichten kann? ... Und was ist das wert, ich fühle mich etwas höher als ein Vieh? Ein Vieh ißt jeden Tag, ich habe genug jeden zwetten Tag. Ein Mensch muß doch höher stehen als ein Vieh. Ach, wenn der Mensch diese Stufe erreichen könnte, daß er es ganz ohne zu essen aushiettel Ist aber der Magen da, hol' ihn der Teufel! so sagt Chaim Chajkin zu sich selbst und vertieft sich aus Hunger in philosophische Betrachtungen. Vom Magen, von der Eßlust rührt jedes Unglück auf der Welt her. Durch den Magen, durch das Bedürfnis zu essen, bin ich ein armer nahe. Sie fürchten vor einer Erneuerung dieser Gefahr. Und sie mögen so Unrecht nicht haben. Was einmal nicht wurde, kann noch werden. Hunderte Millionen Menschen hoffen darauf. klojoi-usinojni. Wochenschau. Aus dem Parlament. Es hat in der itzutgetdebatte nicht an guten und auch nicht an tapferen Reden gefehlt. Die allergrößte Aufmerksamkeit verdient die Rede des Ministerpräsidenten von Beck. Sie war nicht nur rethorisch gut, sondern auch inhattlich eine ganze Leistung. Und so modern, so sozial, so fteien Sinnes, daß es eine Freude war, sie zu hören. Ach, wenn man nur nicht soviel von Herrn von Beck wüßte, was gar nicht zu dieser Rede stimmen will. Und warum auch hat er gar so sehr die beabsichtigten Reformen der Geschäftsordnung gelobt, für die der schwarze Block schon bereit steht. Mü der ganzen durchgeistigten Vornehmheit, die ihm eigen ist, hat der tschechische Realist, Professor Dr. M a s a r y k gesprochen. Es ist ein Glück, daß es in dem Parlamente auch solche Menschen gibt, die uns die anderen vergessen machen können. Gedanklich interessant sprach der italienische Sozialdemokrat Pittoni. Sch uh me ie r als Generalredner sprach in seiner kernigen und humorvollen Weise, verstand es aber, wie gewöhnlich, die saftigsten Hiebe auszuteilen. Der Generalredner pro, Baron Morsey gab offenbar sein „Bestes". Abstoßender und wüster ist die Welt des Geistes wohl noch nie einem Parlamente angeflegelt worden, und es war schön und würdig von Prof. M a s a r y k, daß er aufstand, um die deutsche Philosophie in Schutz zu nehmen. Die galizischen Verhältniße besprachen in ttästiger und verdienstvoller Weise zuletzt der radikale Ruthene Trylowsky und vor ihm der Führer der polnischen Volkspartei Staßinski, der sich ebenfalls .sehr wacker hiett. Im ersten Teile, den er polnisch sprach, erzählte er eine schon mehr als interessante Geschichte, die s e l tsamerweiseinder amtlichen deutschen Uebersetzung nicht wiedergegeben ist. Er sagte: „Die polnische Volkspartei ist in der Absicht hergekommen, in den Polenklub einzutteten, wenn im Lande ihre Partei wie die anderen Parteien behandelt werden werde. Der Statthalter von Galizien Potocki, erklärte uns aber, daß diepolnischeVolkspartei nur in dem Falle auf eine gleiche Behandlung rechnen könnewenn sich die Abgeordneten dieser Partei verpflichteten, im Parlament über die galizischenWahmißbrauche zu schweigen. Diese Bedingung wurde in Gegenwart der beiden polnischen Mini st er Dzieduszycki und Korytowski wiederholt. Daraufhin beschloß unsere Partei den Polenklub nicht beizutreten Teufel und meine Kinder müssen mit blusigen Schweiße arbeiten, müssen das Leben fürs Stückchen Brot riskieren. Was wäre zum Beispiel, wenn der Mensch nicht essen müßte? Ha, ha, ha! da wären meine Kinder alle zu Hause! es wäre keine Plage l kein Schweiß! kein Strike! kein Risiko! keine Fabriken! kein Fabrikant! kein reicher Mann! kein armer Teufel! kein Neid! kein Haß! kein Sichherumschlagen! kein Blutvergießen! aus, aus, aus! — ein Paradies! ein Paradies! So denkt Chaim Chajkin weiter und dringt immer siefer. Er bedauert die wüste Welt und es tut ihm leid, sehr leid, daß Gott den Menschen so beschaffen hat, daß er gar nicht wett vom Vieh ist . . . Der Tag an den Ehaim Chajkin fastet, sage ich euch, ist ihm der liebste; überhaupt ein wirklicher Fasttag, wie zum Beispiel Tischo b'ow ist — er schämt sich nur es einzugestehen — ein Feiertag für ihn. Bedenket: nichts gegessen, also kein Vieh, nichts vom Blute der Kinder genossen, eine Mizwe geübt und sich obendrein gut ausgeweint wegen der Zerstörung des Tempels. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.