Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue Zeitung Nr. 7 dem Letzteren von der bodenständigen Bevölkerung in einen Topf geworfen wird. . Der jüdische Studiereuoe, der doch künftighin als Advokat oder Richter, als Lehrer oder Arzt, als staatlicher Beamter oder Träger autonomer Funktionen die schöpferische Kraft seiner Wirksamkeit nur durch verständnisvolles Eindringen in die Volksseele betätigen kann, ist leider gezwungen, obwohl er doch seit Jahrhunderten der Sohn dieses Landes ist, nach fremder, für andere Verhältniffe bestimmter Schablone zu arbeiten und stch der Früchte seines Wirkens zu berauben, da er die Schicksale seiner Landesgenossen nicht kennt, mit den Voraussetzungen ihres wirtschaftlichen Lebens sich nicht vertraut gemacht hat und zu ihren Gcistesschätzen nicht vorgedrungen ist. Es wird in der Bukowina viel über eine angebliche Ueberproduktion in den akademischen Berufen geklagt, in einem Lande, welches in Oesterreich einen der höchsten Perzentsätze an Analphabeten aufweist. Die paar Hundert Abiturienten, die alljährlich aus den 700.000 Seelen in die Hochschulen eintreten, würden in unserer durch Jahrhunderte vom Staate vernachlässigten Heimat genug Platz zu staatlicher oder freiberuflicher Beiätigung finden, wenn nicht die höchsten wie die niedrigsten, die einträglichsten, sowie die am dürftigsten dotierten Stellen als Tummelplätze für die überschüssigen Kräfte des Westens und Galiziens gelten würden, die, dem Pulsschlage unseres heimatlichen Lebens fremd, allen Bestrebungen auf Erweiterung des staatlichen Wohlfahrtsorganismus im Lande entgegenarbeiten. Daß aber diesen Elementen das Eindringen so leicht gemacht wird, ist zum großen Teile Schuld der Juden, die das deutsche Sprachgebiet in der Bukowina erhalten und übersehen, daß das Vorherrschen nicht deutscher Sprachen den heimischen Kräften ein nicht mehr zu beseitigendes Monopol verschaffen würde. Daß die Juden bei diesem Zustande in einer vorteilhafteren Position sich befinden würden als jetzt, ist genügend klar und wenn auch nur vielleicht zu einem verhältnismäßig geringeren Teile in den öffentlichen Aemtern, so doch sicher zu einem großen Teile in den fteien Berufen, deren örtliche und sachliche Wirkungssphäre sich in dem Maße vervielfältigen und erweitern müßte, als die am Ruder befindlichen Söhne des Landes die Erweiterung und Vervielfältigung der Stätten des Rechtes und staatlicher, autonomer und privater Wohlfahrtspflege den Interessen des Landes gemäß als nötig erkennen und durchfuhren würden. Man behauptet, daß die Inden durch die deutsche Sprache einen Vorsprung besitzen, da sie sich, wenn sie den heimatlichen Staub von den Füßen schütteln, leicht und ohne Zwang in die wesentliche Gesellschaftsordnung einreihen -lassen. Daran krankt ja das sprachliche Leben der Juden in der Bukowina, daß sie mit dem Blick in die Ferne die unmittelbar drohenden Tiefen der heimatlichen Volksbedürfniffe durchdringen wollen. Wenn nicht etwa an eine Auswanderung unter dem Gesichtspunkte des höch- Leicht gefastet. (Ein Tischo b'ow-Bild.) Aus dem Jüdischen des Scholem Alejch em. Was dem berühmten Dr. Tanner nicht gelingen wollte, das führte Chaim Chajkin, ein gewöhnlicher Jude aus einer kleinen lithauischen Stadt beharrlich durch. Dr. Tanner wollte nämlich beweisen, daß ein Mensch vierzig Tage fasten kann und quälte sich kaum achtundzwanzig Tage ab, nicht länger. Und da mußte man ihm fortwährend Wasser in kleinen Löffelchen verabreichen, Eis zum Schlucken geben, den Puls fühlen — ein großer Spektakel! Chaim Chajkin zeigte, daß man viel länger als vierzig Tage fasten kann, selbstverständlich nicht hintereinander, aber im Verlaufe eines Jahres waren es zusammen bei hundert. Tage, wenn nicht mehr. Aber fasten! Wer durste selbst von einem Tropfen Wasser sprechen? oder gar von einem Stückchen Eis? Fasten heißt: nichts essen und nichts trinken durch 24 Stunden wirkliche vierundzwanzig Stunden. Es sitzen keine Aerzte zur Seste, man fühlt nicht den Puls, Pst! Ruhig! Was ist der eigentliche Kern der Sache? sten Nationalinteresses gedacht wird — die simple Auswanderung, fiir welche die Kenntnis der deutschen Sprache nützlich sein soll, ist kein Punkt jener gesunden Realpolitik, deren wir zu unserer ftiedlichen Entwicklung bedürfen. Es ist geradezu tollkühn, Landesftagen vom Gesichts- Winkel der Emigration aus zu betrachten, abgesehen davon, daß die Fremde zum mindesten denselben Perzeutsatz der sogenannten akademischen Ueberproduktion aufweist und infolgedessen gewiß nicht mit Bestimmtheit bessere Lebensbedingungen verspricht. Es ist von Interesse die vorliegende Frage auch vom politischen Standpunkte zu betrachten, und dies umsomehr, als der bis jetzt herrschende nationale Kampf ausschließlich die Besetzung der staatlichen und autonomen Stellen zum Gegenstände hat, die Sprachenftage selbst noch nicht aufgerollt wurde. Eigenartig ist, daß die Juden bei den letzten Reichsratswahlen mit den Ruthenen und Polen, bei der Bürgermeisterwahl in Czernowitz auch mit den Rumänen in Interessengemeinschaft waren und gerade mit den Deutschen, die in der Bukowina nur von der Gnade der Juden ihre politische Daseinsberechtigung herleiten können, in erbittertstem Kampfe standen. Es wäre aus mit dex Hegemonie der paar hereingeschneiten Deutschen in der Bukowina, wenn nicht die Juden durch ihr atavistisches Festhalten an der deutschen Sprache ihren breiten Rücken für die bukowinisch-deutschen Jongleurtänze hergeben würden. Die Verständnislosigkeit der Juden in ihrem Bekentunisse zur deutschen Sprache ist angesichts des Vorgehens sämtlicher deutschen Parteien im Reiche und im Lande eine tragische, wenn man bedenkt, mit welcher Wärme sic von den nichtdeutschen Völkern behandelt würden,' falls sie ihren gerechten Forderungen nur neutral gegenüberstehen wollten. Und warum sollten wir es nicht? Wird doch den Deutschen ihr ganzes Deutschtum schnuppe, wenn es gilt, die Juden in ihren Rechten zu verkürzen, wie wir es bei den letzten Reichsratswahlen gesehen haben, in denen die Bukowiner Deutschen ihre ureigenste Gesinnung gezeigt haben. Die deutsche Sprache auf den ihr in der Bukowina gebührenden Platz zurückweisen, sie in politischer Beziehung etwa mit der polnischen gleichstellen, würde natürlich nicht gleichbedeutend mit der Zurücksetzung dieser Sprache in kultureller Beziehung sein. Die Kenntnis der deutschen Sprache wird immer das Geistesleben des Einzelnen bereichern; diese Kenntnis zu vermitteln, werden auch utraquistisch organisierte Schulen imstande sein. Aber aus den Gerichten und den politischen Aemtern müßte sie verschwinden und den Parteien, die dort den Kampf ums Recht führen, die Möglichkeit gewährt werden, in'der Sprache ihrer Mutter ihr Herz zu erleichtern, den Spruch des Gesetzes nicht als geheimnisvollen Machtspruch in einem unbekannten Idiom fällen zu hören, sondern mit vollem Verständnis in der Sprache, in der sie ihr Recht gesucht haben, entgegenzunehmen. Chaim Chajkin ist nebich ein sehr armer Teufel und ernährt sich nur neben den vielen Kindern, mit denen er gesegnet ist. Er hat zum großen Teil Mädchen, die in der Fabrik arbeiten, sie machen Hülsen und verdienen schon die eine einen ganzen Gulden, die andere nur erst einen halben Gulden pro Tag. Aber nicht alle Tage; wo sind die Sabate und die Feiertage? wo sind die Tage, in denen gestreikt wird. Gott sei Dank überall, sogar hier im Städtchen sind „Streikes" in der Mode. Davon muß man Miete bezahlen — einen nassen Winkel in irgend einem Keller. — Davon muß man sich kleiden und beschuhen, — Kleider haben alle, Schuhe aber — je zwei ein Paar. Und davon soll man essen — Essen! . . . Ein Stückchen Brot mit Knoblauch bestrichen? manchmal eine Suppe, manchmal ein Stück Daran *), das ein furchtbares Brennen verursacht, so daß man die ganze Nacht trinken muß. Wenn es ans Essen geht, muß man unter alle das Stückchen Brot, wie Johanniskuchen verteilen. „Ach das Essen! ach ihr Essen!" *) Kleine trockene Fische, welche in Rußland Dursterreger genannt werden. Wenn die Juden durch Unterstützung der nichtdeutschen Bestrebungen dieses Ziel erreichen würden, dann könnten sie sich sagen, daß sie nicht nur für ihre Interessen gesorgt, Genugtuung erhalteil haben, zu der ihnen gebührenden politischen Machtstellung durch eigene Kraft gelangt sind, sondern auch gerechten Forderungen zum Siege verhalfen. Die Kimpolunger Juden haben weder zu ihrem eigenen Nutzen, noch zum Vorteile der jüdischen Gesamtheit gehandelt und nur unnötigerweise die Rumänen herausgefordert. Dr. David Kinsbrunner. Nachbemerkung der Redaktion: Wir stimmen den Ausführungen des vorstehenden Artikels in ihrem Grundgedanken, daß die Juden keinen Anlaß haben, der Vorherrschaft der deutschen Sprache in der Bukowina zu. dienen, bei. Aber wir können uns nicht mit allen Details des Aussatzes und vor allem nicht mit seinem, unserem Empfinden nach machtnationalistischem Untertone einverstanden erklären. Ins Außland. Gewiß sind die Juden überall am schlimmsten daran. Aber gerade deswegen' sind sie, d. h. ihre Lage und die Weise, wie sie behandelt werden, die besten Barometer der allgemeinen Staats¬ und Zestverhältnisse. Und natürlich umgekehrt! Einen schlagenden Beiveis hiefür liefert Rußland. -Rur in einem so überaus zerrütteten und rückständigen Staatswesen sind Judenverfolgungen von so hohem Grade und so roher Art möglich. Und sie werden erst dann schwächer werden oder aufhären, wenn Rußland entschieden und endgiltig die Bahn der Freiheit betritt. Hievon scheint es allerdings augenblicklich noch recht entfernt zu sein. Die Reaktion triumphiert allenthalben, und daher ist auch die Judenfrage am alten Ort. - Denn die hauptsächlichsten zwei Erleichterungen der letzten Zeit wollen nicht viel bedeuten. Mit Zirkular vom 26. Mai 1907 hat Stolypin verfügt, daß die Ausweisungen von Juden aus Orten, an welchem sie nicht wohnberechtigtsind „bis zur Lösung der Judenfrage auf legislativem Wege" einzustellen sind. Allein er hat es den lokalen Behörden zur Pflicht gemacht, zu untersuchen, ob der betreffende Jude für die gesellschaftliche Ordnung nicht schädlich ist und ob er nicht die Unzufriedenheit der Einwohnerschaft erregt. Außerdem hat er es diesen Behörden, deren Willkür er also die Juden ausliefert, eingeschärft, nur ja nicht weitere in den betreffenden Orten nicht wohnberechtigte Juden zuzulassen. — Die zweite Erleichterung rührt vom Minister für Volksaufklärung her. Sie besteht darin, daß den Hochschulen und Schulen mit besonder» Lehrzwecken aufgetragen wurde, Juden ohne Beschränkung der Zahl aufzunehmen, und daß überdies Konzessionen zur Eröffnung von jüdischen Mittelschulen erteilt wurden. Aber leider ist der Minister von diesem Prinzipe insoferne wieder abgegangen, als er bei Errichtung vieler neuer Mittelsckmlen, So sagt Cheyke, Chaim Chajkin's Frau, eine Kranke nebich, die ganze Nächte durchhustet. - Unberufen — sagt der Vater Chaim Chajkin und sieht zu, wie die Kinder ganze Stücke Brot verschlingen. Er möchte selbst so gern was in den Mund stecken; aber wenn er . sich was nehmen wird — bleiben die zwei jüngsten Fradke und Beilke ohne Nachtmahl. Er schneidet sein Teil Brot in zwei Teile und gibt sie den beiden ganz kleinen, der Fradke und der Beilke. „Fradke! Beilke! da habt ihr jede noch ein Stückchen Brot, werdet ihr zum Nachtmahl haben." Fradke undBeilke langen mit ihren mageren schwarzen Händchen danach, schauen aber dem Vater ins Auge. Sie glauben ihm nicht: vielleicht treibt er nur Spaß? ... Kinder sind naschhaft; sie spielen mit dem Brotteil des Vaters und beißen jedesmal ein Stück davon ab. Das erblickt die Mutter, beginnt zu schreien und zu husten: „Fortwährend ißt man, fortwährend! . . " Der Vater kann's nicht hören, er will ihr erwidern, schweigt aber, er kann nicht, er darf nicht reden. Was ist er hier? Der Letzte unter den Letzten. Allen und sich selbst lästig.