Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HEUE ZEITUNG Krdllktillll lmd jLbminijtrafiau: Wieg, lljl, Tabarstrasse 64. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 9—1 Uhr Vormittag. Insertionsprelse: güv die dreimal gespaltene Nonpareillezelle oder der Raum 12 h, bei Wiederholungen Rabatt. Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. AillLllellketspreisr: In Oesterreich-Ungarn Ganzjähr K 8.—, halbj. K 4.— Vierteljahr. K 2.-. Im Ausland: Ganzjähr. X I I.— halbj. K 5.50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. L inzelnammer in wi-n 20 b, außerhalb Wiens im Inlande S» Ü. * Wien, Freitag, den 26. Juli $07. 2. Jahrgang. Mock und Judenpunkt. Niemand hat sich einer Täuschung hingegeben, daß das erste Parlament des allgemeinen Wahlrechts ein reaktionäres, sein werde. Die hartnäckigsten Vorkämpfer der Idee des allgemeinen Wahlrechtes gaben dies unumwunden zu, verwiesen aber mit Recht auf die voraussichtliche Entwicklung. Und doch ist jetzt Mes enttäuscht,, wenn nicht bestürzt. So arg hat man sich's denn doch nicht vorgestellt. Daß sich die Christlichsozialen und Klubpolen zusammenfinden werden, darauf war man gefaßt. Daß sich aber fast das ganze sonstige deutsche und flavische Bürgerttlm dazu hergeben wird, die Schale um diesen bittern Kern zu bilden, daß sich eine so ungeheure Majorität zusammenfügen wird, und daß diese Majorität mit so ausgesprochener Rücksichtslosigkeit, ja mit Verletzung der Gesetze des politischen Anstandes Vorgehen wird, —das hätte man nicht erwartet. Wieso war das nur möglich, fragen die philosophischen und, wie Klange wird das dauern, die politischen Köpfe. Aber beide Fragen hängen, innig zusammen. - Gewöhnlich sieht man in dem Maflenwahlsieg der Sozialdemokratie die Ursache dieser gar so kompakt und brutal geratenen Majorität. Es sei angesichts dieser Frage so etwas wie ein panischer Schreck über die bürgerlichen Kolonnen gekommen und so hätten sie sich zusammengefunden. Nun hat die Masse der gewählten Sozialdemokraten auf die Blockbildung gewiß beschleunigend gewirkt. Aber ebenso wahr und sicher ist, daß diese Blockbildung im Gehirne des Ministerpräsidenten schon vor den Wahlen lebte, jo daß das allgemeine Wahlrecht überhaupt von den Maßgebenden nur mit der Begleit-Empfindung gegeben wurde, daß es einen Sieg der soge-- nannten konservativen Ideen bringen müsse. Es ist auch nicht anzunehmen, daß die Dinge wesentlich anders ausgesehen hätten, wenn statt der 86 nur 50 Sozialdemokraten gewählt worden wären. Die bürgerlichen und bäuerlichen Abgeordneten-wären vielleicht weniger hitzig gewesen, aber sie hätten die geringere Zahl der . Sozialdemokraten sicherlich benützt, um ihren .Block noch größer werden zu lassen. Man braucht daraus poch nicht zu schließen, daßwährend, in ganz Europa eine Wiedergeburt der freiheitlichen Ideen wahrzunehmen ist, Oesterreich rettungslos der Reaktion verfallen ist. Auch im Parlamente' sieht es nicht so dunkel aus, wie es den Anschein hat. Wohl sitzen bei uns im Parlamente sehr viele waschechte. Reakttonäre, Männer von einer unüberbietbaren Schwärze oder Rostigkeit, der Weltanschauung. Aber sie würden allein den Block nicht bilden können. Und die anderen innerhalb des Blocks sind gar nicht wie sie, sind zu etwas Besserem geboren, würden eigentlich auf die andere Sette gehören. Sie sind nur unbefriedigt, mit etwas unzufrieden; sie nennen dieses Etwas, den Juden. Es ist keine allzu große Ungenauigkeit, . wenn man sagt: Die Ursache der Massivttät und Brutalität des Blocks sind die Juden. Was sie noch einigermaßen verträgt oder aus irgend welchen inneren Gründen noch ertragen muß, stellt sich außerhalb des Blocks, was sie endgiltig nicht mag, fliegt dem Blocke zu. Die Einen verschreiben sich der Reallion, nur um die ihnen unangenehme Nachbarschaft der Juden los zu werden, die andern bringen — das Opfer dieser Nachbarschaft, um in der Vorhut der geschichtlichen Entwicklung zu bleiben. Jene sind das Unbehagen los, diese tragen es geduldig Gewiß, werwegen der Juden die Reihen der Freunde der Entwicklung verläßt, zeigt sich schwach im Glauben. Aber es ist einmal so, und der Gedanke ist nicht abzuweisen, daß der Schwache zu halten und vorwärts zu stoßen wäre, wenn sein einfälliges Betrachten nicht aus jedem fortschrittlichen Grundsätze den schadenftohen Blick des'Juden auf sich gerichtet sehen würde. Der bedingungslose Anschluß ist überhaupt für Durchschnittsmenschen, die allerlei selbstische Interessen, allerlei Vorurtette haben, nicht leicht. Wie soll er überwinden, wenn ihm der Preis, den er durch die Ueberwindung erringen soll, durch ein Nebenbei vergällt ist, das ihm in seiner üblen Laune als Hauptsache erscheint? Ein Nebenbei? Ist.'es wirklich ein Nebenbei? Ebensowenig als es im Grunde die Juden sind, die das allgemeine Unbehagen erregen. — Nicht die Juden an sich, sondern die Juden in der Rolle, die sie in dem Augenblicke übernommen haben, als sie die Emanzipation bekamen, sind die Schuldigen. Und nicht nur sie, sondern auch die Anderen sind schuldig. Man hat die Juden seit jeher nicht gelitten, es kam die Zell des guten Willens auf beiden Seiten und diese Zell wurde schlecht benützt — von beiden Teilen. Es wurde nun eine Selbstpreisgabe, eiue Mimikry verlangt und geboten, die einen ganz neuen Juden d. h. einen Juden schuf, der eine funkelnagelneue Ursache bot, daß man ihn nicht leide. Und die Anderen vergaßen, daß sie ja mttschuldig, vielleicht hauptschuldig seien an diesem Typus der Unechtheit, der Maske, der sich ihnen gegenüberstellte. Und sie übersahen, daß unter diesen Masken oft reines, ehrliches Streben lebt. Sie mußten es übersehen, weil sich eben Aesthetik und Ethik des Volkes nicht decken. Sie mußten dazu kommen, den edelsten Bringer edelster Heilsbotschaften, wenn er nur ein Jude war, ebenso zu verabscheuen, wie die wirklichen Schwindler in Geist und Geld. Von jedem wollten sie sich belehren lassen, nur nicht von diesen Menschen, die nicht den Mut hatten, in ihrer eigenen Haut aufzutreten. Was kann gutes an Schmugglern sein? Das war und ist ihr dunkles Empfinden. Und so sind die Reihen der Reaktion immer größer und größer geworden. Und so kommen solche Blocks zustande, wie wir einen jetzt schaudernd miterleben. Und so werden sie sich immer erneuern — solange es nicht gelungen sein wird, auf den Judenpunkt eine einigermaßen beledigende Antwort zu haben. Dazu aber ist jetzt der vielversprechende Anfang gemacht. Die Jüdisch-Ncttionalen im Lande, der jüdische Klubim Hause, das ist der Weg zur Klärung. Gewiß, die Andern können den Unterschied noch nicht begreifen, sie kommen unserem neuen jüdischen Typus noch mü Vorurteilen gegen den allen entgegen. Oder sie haben in ihrer Kurzsichttgkett Ursache, den allen Typus zu konservieren. Aber das wttd vorübergehen. Unser National-Judentum ist nicht nur für uns, sondern auch für die Gesamtheit eine Notwendigkett. Lassen wir es nur konsolidieren, nach allen Richtungen des Lebens hin seine Vernunft und seine Echtheit ausstrahlen, — und es wird die kleine Ursache großer Wirkungen werden. Tausende unnöttger Verwicklungen, tragischer und komischer Verwechslungen werden wegfallen. Die Leute werden nicht mehr nötig haben, vor den Juden in die Blocks zu flüchten. Oesterreich wird so konservattv und so fortschrittlich auftreten können, als es wirklich ist. B. Die Sprachenfrage in der Bukowina und die Juden. Die letzten Ereignisse in Kimpolung in der Bukowina, wo sich die Inden im Vereine mit den Deutschen der Errichtung eines utraquistischen Gymnasiums widersetzten, fordert einmal wieder die Kritik der jüdischen Politik in diesem klassischen Lande des jüdischen Nationalismus heraus. Ob die Kimpolunger Juden wohl wußten, was sie erstrebten, wem sie nützten und wem sie schadeten? Die Frage, ob dieses Gymnasium rumänisch-utraquistisch sein oder mit rein deutschen Paralellklaffen versehen werden solle, ist zweifellos für die Juden keine nationale, sondern blos eine praktisch-sprachliche. Aber gerade dieser Gesichtspunkt läßt die Angelegenheit umso verwunderlicher ersch.inen. Liegt es denn in unserem Interesse, das bukowinische Deutschtum zu stärken, — jenes Deutschtum, das mitUeberschreitung des geschriebenen und ungeschriebenen Rechtes einem Rumänen gegen einen deutschsprechenden Juden zum Mandat verhalf? Wir wollen vor allem feststellen, daß wir der deutschen Sprache in ideeller Beziehung ebenso gegenüberstehen, wie etwa der französischen, oder englischen, deren kulturelle Bedeutung wir zu würdigen wissen, ohne sie jedoch unserer ureigenen Gefühlswelt einverleiben zu wollen. Wir wahren uns daher in Hinsicht auf das Geltungsgebiet der deutschen Sprache, soweit unser Volkskreis in Betracht kommt, das Recht der Untersuchung, ob das Ergebnis eines historischen Prozesses die Macht unwandelbarer Rechtskraft besitze, ob dieses Ergebnis unseren politischen und sozialen Bedürfnissen entspricht. Es ist bei Erwägung dieser Frage zu bedenken, daß in der Bukowina außer den 100.000 Juden und 50.000 Deutschen die eine Hälfte der Bevölkerung ruthenisch, die andere rumänisch spricht. Diese Zahlen bieten einen beredten Beweis dafür, daß es keineswegs im sozialen Interesse der Juden sein kann, sich ausschließlich einer Sprache zu bedienen, die ihnen nur gegenüber einem Sechzehntel der Bevölkerung als Mittel zur Verständigung dienen kann. Die ausschließliche Pflege dieser im Wesen landfremden Sprache bewirkt es, daß insbesondern die städtischen Juden — d. i. die überwiegende Mehrzahl — verhindert werden, sich auch die > Sprache derjenigen anzueignen, an die sie die Bande des physischen und wirtschaftlichen Zusammenlebens unlösbar knüpfen und beraubt sie infolgedessen des Vertrauens dieser Volksschichten, die ihnen sprach- und verständnislos gegenüber stehen. Dieser Mißstand äußert sich insbesondere in den fteien Berufen, wo sich heute der autochthone Jude infolge seiner Sprachfremdheit in nichts von dem durch eine Laune des Zufalls oder der Willkür hereingeschneiten deutschen Beamten aus dem Westen unterscheidet, so daß er mit