Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (17.7.1907)
- Date
- 1907-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zeitung - Nr. 6 Nachbemerkung der Redaktion: Ob Herr Schlesinger mit seinem offenen Schreiben was ansrichten wird, bezweifeln wir. Wir haben die gute Meinung, von Herrn Popiel. nicht, die er von ihm hat. Was die Pogromdrohungen des Walewski und ähnlicher galizischer Schlachta-Kreaturen betrifft, so empfiehlt es sich, sie wohl zu beachten, aber nicht ängstlich zu werden. Dazu ist wahrlich kein Anlaß. Wir kommen noch auf das Thema genauer zurück. Auch so Eurer. Man schreibt uns aus Zaleszczyki: Wer ist Berisch Meller? Ein sehr bekannter Herr. Es gelangt keine Anzeige an die Bezirkshauptmannschast, an der Berisch Meller nicht zumindest mitbeteiligt wäre. Jede Unbill, die wir vor und nach' der Wahl zu leiden haben, itammt von chm. Durch chn wurde der Leiter der jüdischnationalen Wahlbewegung, Herr Moses Horowitz, unschuldig zu vierzehn Tagen Arrests verurteiÜ. Durch chn wurden am Wahltage die Herren Dr. Kinsbrunner (aus Czemowitz), Samuel Wenkert und Munisch Zwick verhaftet. Dabei beteuert er fortwährend, daß er ein guter Jude ist und nur zum Schein die Rolle des Polen spielt. Vorige Woche hat er wieder ein sauberes Stückchen aufgeführt: Zusammen mit Jossel Moses Wiedemann denunzierte er den Leiter der Baron Hirsch-Schule, Moritz Epstein, beim Bezirkshauptmann und beim Schulinspektor wegen politischer Umtriebe. Herr Epstein zwang die beiden Verleumder, bei der Bezirkshauptmannschaft protokollarisch zu bekennen, daß ihre Angaben unwahr gewesen seien. (Uebrigens ist die ganze Geschichte echter Korytowski. Die Redaktion.) Und was ist Berisch Meller sonst? Zensor der Bezirkssparkassa — trotzdem er schon mehrere Monate im Kerker gesessen hat und noch heute nicht die Bürgerrechte besitzt. Aber als Zensor kann er ja den national gesinnten Juden bequem den Kredit Und sollte Berisch Meller nicht noch etwas ein? Gewiß! Schwiegersohn des Herrn Kultuspräsidenten Pinkas Lamm. . . . Ganz recht geschieht's ihnen! Aus Buczacz schreibt man unZ: Hier fanden Kultus-Ergänzungswahlen statt, welche mit einem glänzenden Siege der Opposition endeten., Fünfzehn von den achtzehn Neugewählten sind nationaljüdische Gegner des Kahal. Leider gelang es der Kahalclique durch ihre Mittelchen auch noch ihre Leute durchzusetzen, so namentlich die von den Reichsratswahlen her berüchtigten Israel Eisenberg und, Israel Beer Goldstaub, — den letzteren, trotzdem ihm vor Kurzem eine sehr garstige Geschichte passierte. Er fuhr nämlich zusammen mit dem Sparkassendirektor und „verbienten" Wahlkommissär bei den letzten Reichsratswahlen Herrn Burzynski von Lemberg nach Buczacz. Auf dem Wege ging Burzynski eine Decke verloren, undohne viel zu überlegen, beschuldigte er nun Goldstaub, den er als wohlsituierten Kaufmann kennt, des Diebstahls und ließ ihn arretieren. Auf die Frage des Herrn Goldstaub: „Herr Direktor, kennen Sie mich denn nicht", erwiderte dieser: „Eben dämm, weil ich Sie zu gut kenne .... ." Nun ja Kollegen . Aber dem lieben Goldstaub ist die Erfahrung zu gönnen. Eine deutschuatrouale Synagoge. Vom 28. bis 30. Juni fand in Krems (Niederösterreich) ein deutschnationales Turnfest statt. Zu Ehren der Gäste waren die Häuser der Stadt beflaggt, und auch die Synagoge! Den Auftrag hiezu hatte der Kultusvorstand selbst gegeben. Die kleine jüdische Gemeinde ist über diese geschmacklose Kriecherei vor den Antisemiten empört. „Die Volksstimme". Das Organ der jüdischen Sektion in der) polnischen Sozialdemokratie hat zu erscheinen aufgehört. Es erschien in jüdischer Sprache. „Der Sozialdemokrat", das ebenfalls in jüdischer Sprache erscheinende Blatt der jüdischen Sozialdemokratie („Separatisten"), konstatiert diese Tatsache „nicht'aus Schadenfreude, nur um zu zeigen, daß sich der alte Grundsatz wieder erfüllt hat." Jedenfalls ist das Eingehen des Blattes eine Etappe auf dem Wege zu der Anerkennung der jüdischen Sozialdemokratie als gleichberechtigter nationaler Gruppe der österreichischen-sozialdemokratischen Partei. Dr. Löwenstein und der „Jargon." Dr. Löwenstein ist gegen die Anerkennung des „Jargon" als Sprache des jüdischen Volkes in Galizien. Jüdische Sprache und Kultur sind ihm Gegensätze. Und doch hat er sich in jüdischen Aufrufen an die Juden gewandt. Und nicht nur er, sondern auch waschechte Polen, Wie Malachowski, der nunmehrige- Großlegitimator von Oesterreich und Glombinski, der jetzt den Juden die Gleichberechtigung entzogen wissen .will. Damals war jüdisch gut genug. Damals war es fähig, die idealen Programme der Herren auszudrücken. Jetzt ist es wieder nur die Sprache, der Massen und was erlesene Dichter in ihr schreiben — wen geht's an? Schriftlicher Kongreß für jüdische Orthographie. Einen solchen beantragt unser Mitarbeiter, Herr Jezechiel Hell mann im Lemberger jüdischen „Tagblatt". Die Idee ist gut, da bei dem ungeheuren Aufschwung, den die publizistische und schöne Literatur in jüdischer, Sprache genommen hat, das Tohuwabohu in der Rechtschreibung immer störender wird. Ein schriftlicher Kongreß hat auch den Vorteil billig züssein. Immerhin aber schadet es nicht, auch jetzt schon die Idee eines wirklichen Kongresses zur Besprechung aller die jüdische Sprache betreffenden Fragen (Orthographie, Lehrbücher, Grammatiken, Wörterbücher, Organisation der Literaten, Presse, Schule, Theater) auszusprechen. Neue Pogrom-Methode in Rußland. „Kein Pogrom — nur Pogromstimmüng; nicht 100 Tote pro Tag — nur ein halbes Dutzend einmal die Woche," so lautet die neue, Losung des Odessaer schwarzen Hundert gegen' die Juden. So wurden am 2. Juli, als die tapferen Patrioten nach einer Versammlung auf dem Heimweg waren, von ihnen ein 40jähriger Jude erschossen, ein Jude namens Boruch Tscherni im Bauch stark verletzt, die 17jährige Lisa Drachtenberg, der 18jährige Josef Tresjak, Schlaume Kaplan und Hersch Brazlawer durch Schüsse verwundet. Pogrom-Prozesse. Drr Ausgang der Pogrom-Prozesse in Bialozei!kow und Schitomir beweist zur Genüge, wie sich die russische Regierung angestrengt hat, die Wahrheit „herauszufinden". In Schitomir hat man 29 Hooligans mit Kerker von 10 bis 18 Monaten bestraft. Hingegen. wurden zwei Juden mit Kerkerstrafen von 6 und 8 Monaten bedacht, weil sie der Organisation der Selbstwehr angehörten. Es sieht so aus, als ob in Schitomir gar kein Mord und Totschlag - vorgekömmen wäre, denn die Hooligans haben Strafen erhalten, die sonst Revolutionäre für Verteilung von Aufrufenbekommen. In Bialozerkow ist es augenscheinlich zu gar keinen Ausschreitungen gekommen. Denn von den dortigen 10 Angeklagten sind 7 fteigesprochen und 3 mit 3 Monaten bis zu einem Jahre bestraft worden. Wahrlich! die russische Gerechtigkeit läßt nichts zu wünschen Aus Rumänien. Bezüglich der von der „Cronica Jsraelita" gebrachten Nachrichten über Mißhandlung jüdischer Soldaten in Dorohoi hat der Kriegsminister General Averescu dem Bukarester Korrespondenten der „Boss. Ztg." mitgeteilt, daß ihm der Fall, durch anonyme Denunziation zur Kenntnis gebracht worden sei und er eine strenge Untersuchung angeordnet habe, dereu Resultat noch aussteht. Soviel sei jetzt schon festzustellen, daß die schlechte Behandlung jüdischer Soldaten in der rumänischen Armee unter keinen Umständen ein System darstelle und daß es sich höchstens um einen isolierten Fall handeln könne. Wenn es Schuldige gebe, so werden sie, ohne jedwede Rücksicht strenge bestraft werden. (Wir wollens abwarten.) - „Verband für Statistik der Juden." Wie aus Berlin berichtet wird, fand dort die vierte ordentliche Generalversammlung des „Verbandes für Statistik der Juden" statt. Aus dem vom Vorsitzenden des Verbandes Dr. Alfred Nvssig erstatteten Berichte über die Tätigkeit des Kuratoriums, des Vorstandes und des Bureaus für Statistik der Juden ergab sich, daß der statistische Verband seit vorigem Jahre wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Das Bureau stellte im Berichtsjahre eine Reihe statistischer Arbeiten her, andere sind im Drucke, so eine Schrift von Dr. Jakob Thon „Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung von Oesterreich." Neben diesen Publikationen 'ließ das Bureau, wie im Vorjahre, die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" erscheinen, die eine Reihe neuer Mitarbeiter aufweist und im „Statistischen Archiv" wertvolles Material für eine künftige Gesamtstatistik der Juden aufstapelt. Das Kuratorium, dessen Vorsitzende Sanitätsrat Dr. Maretzki und Geh. Sanitätsrat Dr. Blumenthal waren, setzte einen Arbeitsausschuß ein, dem neben dem ersten Vorsitzenden der Schatzmeister Herr Benno Braun und Dr. Nossig angehörten. Als erfteuliche Erscheinung ist der Ausbau der statistischen Organisationen im Auslande zu verzeichnen. Zu den bereits bestehenden Vereinen ist jüngst eine „Vereenigunz voor Statistik en Demographie der Joden inNederland“ .hinzugetreten, die sich dem gemeinsamen Verband für - Statistik der Juden angeschlopen Hat. Die finanziellen Grundlagen des Verbandes haben sich bedeutend ge-- bessert. Im Vorjahre subventionierten ihn nur nachstehende Organisationen und Gemeinden: Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens," die „Großloge des U. O. B. B.," der „Deutsch- Israelitische Gemeindebund" und die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums," die Gemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. Ai., Hamburg, Köln, Mainz, Posen, Stettin und Wiesbaden. Im Laufe des Berichtsjahres traten hinzu: Die deutsche Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance .sraelite Universelle,- der Hilfsverein der deutschen Juden, die Baronin Cohn-Oppenheim-Stistung, die Gemeinde Adass Jisroel in Berlin, die Synagogengemeinden Danzig, Kassel, Hannover, Beuthen, Elberfeld, Kattowitz, Straßburg, Gleiwitz, Hohensalza, Erfurt, Königsberg, Hilvesheim, Konstanz, Dresden, Tilsit, Thorn. Von den auswärtigen Gemeinden: Wien, Prag, Lemberg, Warschau. Im ganzen subventionieren den Verband 31 Gemeinden und 8 Organisationen mit Beiträgen bis 1000 Mark. Dank der regen Beteiligung der jüdischen Körperschaften ist das Bureau gegenwärtig in der Lage, ein umfassenderes Arbeitsprogramm durchzuführen und insbesondere das Material zu einer Wellstatistik der Juden systematisch zu bearbeiten. Es wird dies teils in Form der bisherigen „Veröffentlichungen," teils - in der von kürzeren tabellarischen Zusammenstellungen erfolgen. Jüdische Turnerschast. Welche Ausdehnung die jüdische 'Turnsache genommen hat, zeigt der in der soeben erschienenen Nummer der „Jüd. Turnzeitung" veröffentlichte Verbandsbericht. Darnach gehören gegenwärtig der Jüd. Turnerschast 16 Vereine mit 1213 ordentlichen Mitgliedern und 1500 Zöglingen an, während 1903 die Jüd. Turnerschaft nur 10 Vereine mit 986 ordentlichen Mitgliedern und 500 Zöglingen Jewish. Colonization Association. („Jca“.) Unter-dem Vorsitz des Herrn Narcisse Leven hat am 7. Juli die General-Versammlung der ckörvisll Colonization Association in Paris stattgefunden. Der Vorsitzende hielt eine Ansprache- - aus der wir die wichtigsten Stellen wiedergeben: „Infolge der Unruhen, welche in Rußland stattfanden, und des Elends, das sie im Gefolge hatten, * war die russische Emigrations-Bewegung i. I. 1906 ganz besonders stark. Die Vereinigten Staaten haben 186,089 Einwanderer aufgenommen. Zweifellos findet diese Zahl zum Teil ihre Erklärung in den traurigen russischen Geschehnissen; aber die Statistik zeigt, daß die Auswanderung nach diesem großen Lande während der letzten Jahre fortgesetzt gewachsen ist. Sie gibt allein für N e w - U o r k folgende Ziffern: 38,565 i. I. 1901, 57,641 i. I. 1902, 63,560 i. I. 1903, 104,870 i. I. 1904, 88,533 i. 1.1905, 156,940 i. I. 1906. Unsere Statisttk für Kanada ist weniger genau, doch kann man die Zahl der Emigranten, die sich i. 1.1906 dort niederließen, ans 9000 schätzen. Endlich beginnt, Dank unserer Kolonien, die argentinische Republik,, wohin bisher nur wenige russische Auswanderer ihren Weg nahmen, eine große Zahl unserer Glaubensgenossen aufzunehmen: im letzten Jahre sind 13,500 dort gelandet." „Bedenkt man, daß sett siebenunddreißig Jahren Verfolgung und Jammer die osteuropäischen Juden in Massen nach dem Westen treiben, . fo. kann man sich nicht wundem, daß jetzt die Wege vorgezeichnet sind, daß ein starker Strom flutet, daß die Bewegung fortdauert, ja sich von selbst vergrößert. Diese Bewegung ist zu gewaltig, zu umfangreich, als. daß unsere Gesellschaft, daß irgend eine andere, sie mag über noch so großen Einfluß und noch so reiche Mittel verfügen, den Anspruch erheben könnte, sie in Händen zu behalten, zu organisieren, zu leiten. Natürlich soll damit keineswegs gesagt werden, daß wir. nicht einzugreifen haben. Zunächst ist die Anhäufung der jüdischen Bevölkerung in den großen Landungshäfen, namentlich in New-Dork, nicht ohne Unzuttäglichkeiten, abgeschen von der allzu großen Konkurrenz beim' Suchen nach Arbeit; wir versuchen, die -Auswanderer über die verschiedenen Gebiete der Vereinigten Staaten zu verteilen. Ein unter dem Namen Kemoval Office in New- I)ork eingesetztes Komitee, dem wir alle erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, hat bereits seit mehreren Jahren diese Aufgabe unter-