Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (17.7.1907)
- Date
- 1907-07-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Neue Zeitung Seite 3 daß er vierzig Mal, immer unter anderem Namen und anders gekleidet, gestimmt habe. — Es herrscht große Aufregung in der Stadt, da es schon einen Zusammenstoß zwischen der Gendarmerie und der Polizeiwache gegeben hat, wobei ein Polizist verwundet wurde. Die Polizeikaserne ist von Militär umzingelt und man will die Streikenden aushungern. Die Bevölkerung hält mit den Polizisten. Korytorvskis Musterbeamte. Man schreibt uns: Es war geradezu tragikomisch, wie die Zwei def berüchtigten Schlachte um die Wette den Hm machten. Die Lobeshymnen wollten ja gar nE verstummen, als gälte es, der Wahrheit justamer? den letzten Stoß zu versetzen. Nur immer fort' meine Herren. Die Rekordkorruptionisten sind eben eine Ministerrede wert .... - Wir in Galizien wißen sehr gut diese Blasphemien auf ihren.richtigen Wert einzuschätzen: Die Schandtaten der beamteten Schlachzizenknechte vermögen Worte nicht wegzuwaschen. In unseren Augen bleiben die säubern Herren trotz aller Schönrednerei, was sie sind: Mandatsdiebe, solange jene Kreaturen als lebendiger Protest gegen jedes Rechtsgefühl in den Räumen des Volkshauses einhergehen. Für den Westösterreicher jedoch, der die polnische Noblesse und ihre Beamtenschaft nicht so gut kennt und eine ministerielle Erklärung als „befrackte" göttliche Offen- . barung betrachten könnte, mag folgendes Detail als Beleg für die unumstößliche Wahrheit dieser Erklärungen dienen. Dabei ist dieser krasie Fall hierzulande keineswegs zu den besonder» Raritäten zu zählen. So was geschieht hier vielmehr jeden Tag, ohne Auflegung,' ohne Emotion, ja ohne Beachtung. In Ulaszkowce, einem Marktflecken in Ostgalizien, finden alljährlich in den ersten Tagen des Juli große Märkte statt. Graf Lanckoronski, der Gutsherr dieses Marktfleckens, sucht von diesem Markte möglichst viel Rebbach herauszuschlagen, wobei der k. k. Musterkommissär erhebliche Lakaiendienste leistet. Heuer passierte der Güterverwaltung das schreckliche Malheur, daß von den 300 Geschäftslokalitäten, die der Herr Graf zu 200 Kronen für die Marktzeit vermietet, etwa 3 oder 4 in Ermanglung eines Abnehmers leer bleiben mußten. Der Herr Kommissär war sogleich hilfteich zur Hand und erließ einen Ukas, daß kein Heuseigentümer sich unterstehen dürfe, einem Kaufmann, eine Ubikation als Geschäftslokal zu vermieten; dieses Recht stehe nur dem Herrn Grafen zu; Einige Begrisssstützige konnten diesen Erlaß natürlich nicht gut verstehen und vermieteten ihre Ubikationen wie alljährlich an ihre Kaufleute. Das schmeckte dem Herrn ^Grafen nun fteilich nicht und der Herr k. k. Kommissär Mritt sofort zu seiner mustergiltigen Amtstätigkeit. o gräflicher Rebbach in Gefahr ist, da wird so ein galizischer Staatsbeamter gegen seine sonstige musterhafte Gewohnheit verteufelt flink. Sogleich erschien der Herr in Begleitung vieler Gendarmen am Tatort des Verbrechens, ließ die Geschäfte mitsamt den Waren amtlich versiegeln, Mieter und Vermieter in Ketten legen, sie dem k. k. Bezirksgerichte in Czortkim einliefern, von wo sie natürlich entlassen werden mußten — und der gräfliche Rebbach war gerettet! „Ich erkläre, daß der galizische Beamtenstand so manchem als, Muster dienen könnte!" Gewiß, wir wissen davon ein Lied zu singen. „Es wäre sehr gut, wenn es überall so wäre, wie in Galizien. Freilich, niemand zweifelt ja daran. Nur schade, daß man dieses Eldorado nicht gleich in eine Musterbeamtenschule verwandelt. Nach dem neuen Kurs ist man in Oesterreich auf dem besten Wege dazu. .. 8. G. Für das Avancement oder . . . reif ist auch, wie uns aus Dembica berichtet wird, der Bezirkshauptmann von Ropczyce. Besagter Ehrenmann hat schon während der Wahlen gezeigt, was er kann, indem er ausgesüllte Stimmzettel zustellen ließ. Jetzt übt er an denjenigen unserer jüdischen Wähler Rache, die nicht für den hochwürdigen Pater Pastor stimmen wollten, sondern — da hier, wie meistens in Westgalizien die Aufstellung eines jüdischnationalen Kandidaten von vornherein aussichtslos war, — ihre Stimmen einem polnischen Demokraten gaben. Dafür werden jetzt Bluturteile erlassen. Ganz kleine Geschäftsleute werden für angebliche gewerbepolizeiliche Übertretungen, die, selbst wenn sie wirklich begangen wurden, ganz unbedeutender Natur sind, — ■ zu unerhört hohen Geldstrafen verurteilt. Selbst bis zu Kr. 200.— und darüber! Und dazu mußten die armen Leute, um sich diese Strafen zu holen, noch von Dembica nach Ropczyce fahren, was Zeit und Geld kostet. Wann wird endlich die Schreckensherrschaft in Galizien aufhören, wann wird man endlich unsere Hilfemfe hören? Eine Frechheit der galizische» Schlachzizenknechte.*) Man schreibt uns aus S n i a t y n: „In der hiesigen Synagoge hielt das Mitglied der jüdisch-national akademischen Verbindung „Emunah" (Czernowitz) stud. med.JsraelT aubes die Trauerrede nach Dr. Theodor Herzl. Aber sogar trauern ist der Sniatyner Judenschast nicht erlaubt, denn die Rache der polnischen Schlachzizen und ihrer Knechte ist noch nicht zu Ende. Nach dem Erlasse der Bezirkshauptmannschast durste der Redner die Trauerrede nur in einer Landessprache halten, mehr als 150 Personen dursten in die Synagoge nicht hineinkommen, die Frauenabteilung war ganz abgesperrt und schließlich lauschten noch ein schlachzizischer Kommissär, vier Gendarmen und sechs Polizisten den Ausführungen des Redners!!" Wie sie's treibe». Aus Borszczow wird uns geschrieben: Zu oer Vorgeschichte der behördlich anfgetragenen Demolierung eines Hauses, von der Sie in der vorigen Nummer berichten, weiß ich Ihnen Folgendes zu melden: Von dem Hause des Herrn Berisch Karmin war nur das Dach abgebrannt. Der Sande Bau der Ziegelwände war zurückgeblieben. n wollte Herr Karmin, da man seit der Wahl 'keine Holzdächer bewilligt, ein Blechdach machen lassen. Dies verbot ihm der Magistrat mit dem Bemerken, daß er Alles einreißen und ganz neu bauen müsse. Zwei hiesige Polenknechte und Gemeinderäte, P. und E., erboten sich chm für eine Belohnung von K. 3000.— auszuwirken, daß ihm die Erlaubnis zum Bau blos eines Daches gegeben werde. Doch davon wollte Herr Karmin nichts wissen und so kam es zur Demolierung des ganzen Hauses. Der Fiaker Manes Kawalek kam Samstag, den 29. Juni abends in einen Zirkus, der hier seine Vorstellungen gab, und traf die von chm gekauften nummerierten Plätze vergeben. Auf die Frage an den Direktor, wo seine Plätze seien, erhielt er zur Antwort, daß leider andere Herren hier seien, er möge mit anderen Plätzen verlieb nehmen. Kawalek, der. immer sehr laut spricht, rief nun: „Ich kann doch nicht mit meiner Familie herumlaufen. Geben Sie mir meine bezahlten Plätze!" Der k. k. Kommissär der Bezirkshauptmannschast, Herr Lorenowicz, war puch im Zirkus, und schon am nächsten Tage erhielt Kawalek eine Vorladung zu diesem Beamten, der ihn, ohne daß eine Anzeige des Direktors voraus gegangen wäre, zu 10 Tagen Arrest verurteilte. (Wir bemerken, daß Herr Kawalek bei der Wahl jüdisch-national stimmte und dieser Herr Lorenowicz, der die amtsmißbräuchliche Strafe diktierte, schon während der Wahlen mehrfach das Gesetz verletzte und direkt strafbare Taten begangen hat. Die Redaktion.) Das dreijährige Kind des Moses Folkenflik öffnete ein auf die Gasse gehendes Fenster; der Bürgermeister Niemczewski und der Steuerexekutor gingen nun vorüber. Letzterer streifte mit dem Aermel an das Fenster, ohne sich irgendwie zu beschädigen. Der Bürgermeister riet nun dem Steuerexecutor, sofort den Folkenflik einzuklagen. Der Steuerexecutor, ein anständiger Mensch, wollte davon nichts wissen. ,.So bringe ich die Sache zur Anzeige", sagte der Bürgermeister und tat es auch. Und der Strafrichter Jankowski verurtellte auch Moses Folkenflik zu 2 Tagen Arrest. (Pfui! Unser Redakteur hat übrigens die beiden Kumpane, Niemczewski und Jankowski in der vorletzten Nummer des Mißbrauchs der Amtsgewalt beschuldigt. Die Redaktion.) Nach den Wahlen hat der Magistrat eine Verordnung herausgegeben, daß Hotels und Gasthäuser um 10 Uhr abends gesperrt werden müssen. Nun wurde Kommissär Gryglaszewski, — derselbe, der bei der Wahl in Cygani so seltsam intervenierte — zum Polizei-Inspektor ernannt. Er geht jeden Abend um 10 Uhr speziell zu denjenigen Wirthen, die für Dr. Birnbaum gestimmt haben, steigt auf einen Sessel und löscht, es mögen noch soviel Gäste da sein, die Lampen aus. Die Wirte aber, die Moysa wählten, können unbehelligt bis 2 Uhr nachts offen haben und noch dazu musizieren lassen. (Und das erlaubt sich ein Individuum, welches das Skrutinium von Cygany einfach infam gefälscht hat und ins Kriminal gehört. Die Redaktion.) Und der § IS., Unter diesem Titel höhnt „Dr. Blochs österreichische Wochenschrift" die Lemberg er Oberstaatsanwaltschaft, die auf die stärksten Beschuldiguneen gegen galizische Beamte nur mit einer § 19-Berichtigung antwortet. „Wie ist denn das eigentlich, wenn man kaiserliche und königliche Beamte als „Verbrecher" hinstellt und die Staatsanwaltschaft schickt einem eine Berichtigung als Quittung darüber, daß sie die * Unliebsam.verspätet schweren Beschuldigungen erfahren hat? Schweig sie da immer? Schreitet sie niemals ein? Wir haben auf soviel unverdiente Sanftmut, auf eine so herzbewegende Liebenswürdigkeit wahrhaftig nicht gerechnet. Wir haben lange Anklageschriften erwartet und erhalten kurze — Berichtigungen." Was dann die „Oesterreichische Wochenschrift" von den Taten des Bezirkshauptmannes von Belz, Smolen erzählt, ist auch so etwas, was Herrn von Bienerth zum Revidieren seiner gemütlichen Auffassungen bewegen könnte .... Aach de» Eöahlen» Aus Tlum acz wird uns geschrieben: In unserem Städtchen ist nach den Wahlen bei den Juden äußerlich Ruhe eingetreten und auf dem Ringplatze sieht man nicht mehr, wie zur Mahlzeit Gruppen von Wählern beisammen stehen, denn alles geht wieder seinem Berufe nach. Aber unsere Juden find andere geworden, selbstbewußte mutige Juden, vor denen sich nun unsere Mauscheljuden beugen, denen sie schmeicheln und vor denen sie sich zu ententschuldigen, ihr brutales Handeln bei den Wahlen, ihre Schwindeleien und Denunziationen zu bemänteln suchen. Denn-bald kommen die Gemeinderatswahlen. So suchte unser „rühmlichst" bekannte Jakob Seidmann speziell zu diesem Zwecke den Repräsentanten eines hiesigen jüdischen Vereines auf und entschuldigte sich bei ihm folgendermassen: „Was will man vnn mir? Ich muß mü den „Prycim" halten, ich bin doch schon alt und dus ist ja meine Parnusse. Soll ich denn Steine klopfen gehen, um mir meine Existenz zu ermöglichen?" — Andere wieder behaupten, erst jetzt die jüdisch-nationale Bewegung begreifen zu können. Man nimmt hier diese Reuebeweise gerne zur Kenntniß, denkt aber nicht daran, die Reuigen wieder durch Vertrauensstellen auszuzeichnen. Und so herrscht großes Unbehagen unter den Moschkos. L J. Aus demselben Orte liegt uns auch ein anderer zwei Wochen alter, durch ein Versehen zu spät an unsere Redaktion gelangter Bericht vor. Er betrifft die skandalöse Assaire der gesperrten Bäckereien, die unseren Lesern aus dem Auszuge aus dem Proteste gegen Moysa bekannt ist. Vor einiger Zeit hatten die Abgeordneten Gabel und Hudec in der Statthalterei in Lemberg eine beschleunigte Erledigung der Angelegenheit erwirkt. Die Bäcker erhielten auf eine Auflage in der Statthalterei die Antwort, daß die Akten bereits in Tlumacz seien und daß sie sich an die Tlumaczer Bezirkshauptmannschaft wenden mögen. Das taten sie, die Bezirkshauptmannschaft aber verleugnete den Empfang und behauptete, die Akten seien in Lemberg... Fein! Exquisites Korytowskitum! Freche Pogrorndroh»»g. Wir werden um Veröffentlichung eines offenen Schreibens an Herrn Leopold Popiel, Bezirkshauptmann in Tlumacz, ersucht und kommen hiemit diesem Ersuchen nach. Das Schreiben lautet: Am 10. d. Mgab ein Herr in Tlumacz ein Bankett, welchem die Elite der polnischen Gesellschaft unseres Bezirkes, — auch Sie, geehrter Herr Bezirkshauptmann, — teilnahmen. Der Redner des Abends war ein Herr W a - lewski, Sekretär und faktischer Leiter des Bezirksausschusses, der u. A. folgendes sagte: „Wenn vor Jahren jemand den Juden Galiziens eine so oppositionelle Haltung gegenüber unseren nationalen Kandidaten zugetraut hätte, er wäre sicherlich ausgelacht worden. Nachdem nun aber das Unerwartete geschehen ist, muß dem mit aller Macht entgegengetreten werden. Das beste Mittel wären zwei in ihrer Scharfe den russischen nicht nachstehende galizischeJuden-Pogrorns." Wer die Machtstellung kennt, die Herr Walewski als faktischer Leiter des Bezirksausschufles einnimmt, wer sich vergegenwärtigt, wie viel Leute mit ähnlichen Plänen gegen unZ herumgehen, — wird begreifen, daß uns die Hetzrede nicht gleichgiltig ist. An Sie aber, geehrter Herr Bezirkshauptmann, der Sie, Wie ich weiß, der beste und pflichtgetreueste Beamte sind, wo es gilt, den Bürgern Schutz und Sicherheit zu gewähren, richte ich die Frage, wie Sie es als pflichtbewußter Beamter und guter Christ mit Ihrem Gewissen vereinigen können, daß ein so gemeingefährlicher Abenteuerer wie Walewski an der Spitze einer so wichtigen Verwaltungskörperschast, wie der Bezirksausschuß, steht. Wir Juden erwarten von Ihrem Gerechtigkeitssinn, daß Sie Abhilfe und uns dadurch Genugtuung schaffen werden. Im Namen hunderter von Inden des Tlumaczer Bezirkes Leib Schlesinger. Tlumacz, 15. Juli 1907.