Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 5 allen Gebieten und ohne unnötige Zeitverluste anzultreben. 2. Die landwirtschaftliche Kolonisation soll durch systematische Erleichterungen aller Art gefördert werden. 3. Der städtischen und industriellen Kolonisation sowie den Verkehrsunternehmungen soll erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. 4. Handel und Handwerk sollen durch geeignete Kredit- und genoffenschastliche Einrichtungen erleichtert werden. ö. Speziell sollen die bereits vorhandenen Mittel (des Trust, des Nationalfonds usw.), baldigst zur größtmöglichen Wirksamkett im Lande gebracht werden, außerdem sollen durch die jüdischen Institute neue Geldmittel auf geschäftsmäßige Weise beschafft werden. Zweige der jüdisch-wirtschaftlichen Tätigkeit im Lande umfassen. C. Kulturelles Programm. 1. Eine Organisation der kulturellen Einrichtungen im Lande ist anzustreben, resp. auszubauen. - 2. Hauptaufgabe der Schulen sei, der Jugend eine Erziehung für Palästina zu geben. 3. Die Unterrichtssprache sei hebräisch, doch sollen auch die arabische und türkische Sprache in größeren Umfange als bisher gepstegt werden. 4. Kaufmännische, technische und landwirtschaftliche Fortbildungskurse sollen die Jugend befähigen, besser an der Entwicklung des Landes teilzunehmen. 5. Es ist zu versuchen, mit den bretteren Schichten der jüdischen Bevölkerung des Landes Fühlung zu nehmen und durch Schaffung von Fortbildungs-, Unterrichts- und Arbeitsgelegenheiten auch die bisher rückständigeren Elemente der Bevölkerung zu wirtschaftlich wertvollen entwickeln zu helfen. 6. Schließlich, sollen die Verhältnisse des Landes in rechtticher, ökonomischer unv kultureller Beziehung systematisch erforscht und die Kenntnis davon in der gesamten Judenhett verbreitet werden. Aufruf! Ein junger Mann in einer der Städte des 32. galizischen Wahlkeises hat im Wahlkampfe bis zur Erschöpfung seiner Kräfte gearbeitet. Am Stichwahttage versetzte ihn das Miterleben aller der namenlosen Wahlschuftereien in einen solchen Erregungszustand, daß sein geschwächter Körper dies nicht mehr ertragen konnte. Er bekam einen Blutsturz, Nun braucht er eine Kur zur Wiederherstellung seiner Gesundhett, speziell eine Badereife, verfügt aber nicht über die erforderlichen Mittel. Wir Litten nun alle Volksgenossen, die Sinn für die Heldenhaftigkeit dieses jungen Mannes und Mitleid mit seinen jungen Jahren haben, zu den Kurkosten beizusteuern. Wir sind bereit, solche Beträge zu übernehmen, ihrem Zwecke zuzusühren und in unserem Blatte auszuweisen. Die Redaktion der „Neuen Zeitung". Es sind uns weiter zugekommen: Von Jacob Löw in Stanislau K. 2.—, E. Silberbusch in Brody K. 2.—, Samuel Wenkert in Zaleszczyki K. 5.80, unter „Ein Gelübde" K. 20.—. Mit dem bereits ausgewiesenen K. 51.80. Aus der jüd. Aeffenttichkeil. Zum V. Oester reichischen Zionistentag. In Ihrem diesbezüglichen Berichte in der vorigen Nummer der „N. Z." vermissen wir die sehr bemerkenswerte Rüie des Herr Delegierten Dr. Hermann K ad isch. Derselbe trat für die Vereinigung des mähnschschlesischen und innerösterreichischen Distriktskomitee ein. Er beleuchtete seine Stellung zu den Poale Zionisten und bedauerte, daß man nicht rechtzeitig durch Propaganda fiir die genossenschaftlich-sozialistischen Grundsätze im Sinne Fr. Oppenheimers bessere Beziehungen zwischen Bürgerlichen und Proletariern angebahnt hat. Wie die Verhältnisse aber jetzt liegen, wäre es ein Fehler die Autonomie der Poale-Zionisten beschränken zu wollen und auch nur den Versuch zu machen die Poale-Zionisten in die bürgerlich-zionistischen Organisationen einzuzwängen. Nicht nur eine moderne neueOrganisation, sondern auch ein moderner Gei st sei dringendnotwendig. gl. Herzl-Trauerfeier in Czerrrorvitz. - Mittwoch, den 3. Juli fand im großen Saale des „Kaufmännischen-Vereines" die Herzl-Trauerfeier statt. Die Trauerrede hielt Universitäts-Professor Dr. Leon Kellner. Unter den Anwesenden befanden sich auch Oberrabbiner Dr. Rosenfeld und der Rektor der hiesigen Universität. Treffend entwickelte Herr Professor Kellner die Charakteristik des Verblichenen, der aus einem Tropfen Tau seine Wett geschaffen, und das Weben seiner Seele ans fooiele Gemüter übertrug. Nachdem der Oberkantor mtt dem altern Chore „El mule rachmim" gesungen hatte, zerstreute sich das Volk in dem Bewußtsein, einen seiner Großen verloren zu haben. Asawlon. Der Berem „Zion" in Dorna-Watra (Bukowina) veranstallete am 2. d. anläßlich des Todestages Herzl's in der Synagoge eine Andacht, wobei der Vereinspräses, Ehrwürden Rabbiner D. Frankel eine glänzende Trauerrede hiett, in der er ergreifend über des Verewigten Persönlichkeü sprach. Bei dem hierauf vom Hr. Kantor I. A. Weinberg vorgetragenen „El mole rachmim-Gebet" stoffen dem Jüdischen Nationalfond 33 Kronen zu. Eine jüdisch e Stud eutenv ersammlung. Czernowitz, 1. Juli 1907. Sonntag, den 30. Juni 1907 fand im Saale V der hiesigen Universität die von der jüd-nat. akademischen Verbindung „Zephirah" einberufene Studentenversammlung statt, auf deren Tagesordnung der Punkt: „Die deutschen Studenten in Prag und der jüd.-nat. Abgeordnete Dozent Dr. Mahler" stand. Die Versammlung, die cand. phil. Hilferding („Zephirah") leitete, war von allen hiesigen jüdischen Studentenverbindungen, der jüdischen Finkenschaft und ruthenischen Studenten besucht und nahm als Demonstrationsversammlung einen sehr würdigen Referent cand. phil. Drimmer („Zephira") ging zunächst. von allgemeinen Betrachtungen über die Stellung der Juden gegenüber den anderen Völkern aus. Die Juden seien zu allen Zeiten stets das Stiefkind der übrigen Nationen gewesen, für deren Ideale sie die eiftigsten Kämpfer waren. Die Juden des Mittelalters, die unter dem Drucke der Knechtschaft und Erniedrigung seufzten und nirgend von ihrer Existenz etwas hören lassen durften, wurden als der Auswurf der Menschheit gehetzt und verfolgt. Der Jude des 20. Jahrhunderts, dessen Nationalismus auf den Grundpfeilern von Freiheit und Fortschritt aufgebaut ist, wird weggestoßen, weil er sich als Jude bekennt. So hat das starre Dogma, daß der Jude auf jeden Fall verbrannt werden müsse, seine Kraft noch bewahrt. Die deutschen Studenten in Prag, die gegen Dr. Mahler wegen seiner nationalen Gesinnung protestierten, nahmen das jedem zustehende Recht auf Gewissens- und Meinungsfteiheit nur für sich in Anftruch. Redner gibt dann in scharfen Worten seiner Entrüstung Ausdruck über die perfide und verächtliche Kampfesaä jener Studenten, die sich als Pioniere der Freiheit und des Fortschrittes stolz in die Brust werfen. Es ist eine Schmach, sagt Redner, für die wahrhaft Liberalen, solche Jünger zu haben, die das Ideal der Freihett in der Unterdrückung anderer sehen. — Cand. jur. Lazarowicz verurteilt das verabscheuungswürdige Kriechertum jener sogenannten deutschen Studenten mosaischer Konfession in Prag, welche ein jämmerliches Schmarotzerleben in der Mitte jener Mufterlinge fristen. Dieser Abschaum von Frechlingen, die in diesem verwerflichen Kampfe gegen Dr. Mahler die schmählichste Rolle spielten, glaubten ihren Dank für die gewährte Duldsamkeit am besten dadurch zu quittieren, daß sie sich in die ersten Reihen stellten. Hierauf wurde über Antrag des Referenten folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die am Sonntag, den 30. Juni 1907 in der Universität zu Czernowitz tagende Versammlung der jüdischen Studentenschaft brandmarkt die Angriffe der Prager deutschen Studenten gegen den Abg. Dr. Mahler, siedrückt jenem bornierten Chauvinismus, der verlangt, daß die akademische Lehrfteiheit gegenüber einem Manne verletzt werde, der nicht ihre Gesinnung teilt, die tiefste Verachtung aus und stellt öffentlich fest, daß diese Studenten mit der angeblichen Freiheit, die sie besingen und feiem, nur die Frecheü für sich und die Unterdrückung anderer vermeinen. Sie vemrteilt gleichzeitig aufs schärffte die Haltung jener sogenannten deutschen Studenten mosaischer Konfession, die sich als verabscheuungswürdige Handlanger gebrauchen ließen, indem sie'gegen Dr. Mahler aufgetreten sind. Die Versammlung drückt dem Abg. Dr. Mahler ihre aufrichtigsten Sympathien aus, der in solch gewalttätiger Umgebung mit männlichem Freimute für seine Überzeugung und für sein Volk eintritt." Kunst und Literatur. Bilder aus dem Ghetto. von Schalom Asch. Uebertragung von Stefania Goldenring. — S. Fischer, Verlag, Berlin 1907, Preis Mark 3.—. Bei der Besprechung dieses Buches, wo - es wemger gttt Schalom Aschs Kunst zu würdigen, als vielmehr die Geschicklichkeit der Uebersetzerin zu untersuchen, kommt man unwillkürlich zu der Ansicht, daß Einführungen dieser Art jüdischer Literatur bei dem deutschlesenden Publikum besser unterblieben. Die ganze unnachahmliche Fabulierkunst Aschs erblaßt in der Unbeholfenheit der Uebertragung. All die duftigen Geschichtchen verlieren hier ihre künstlerische Bedeutung, weil die Uebersetzerin nicht die schlichte, melodisch-fließende Diktion des Dichters anzunehmen im Stande ist. Und mitten in dem poesielosen und eckigen Deutsch gedeihen üppig verfehlte Auffassungen und Uebersetzungen des Originals. Dadurch kann sich aber der mit dem jüdischen Leben unvertraute Leser auf ^dessen Interesse bei der Herausgabe des Buches gewiß stark gerechnet worden ist, nicht ohne die Wirklichkeit karikierende Vorstellungen in dem fremdartigen Milieu zurechtfinden. Mancher wird dieses ablehnende Urteil ungerecht oder übertrieben finden, dann aber soll der Zweifler z. B. nur die von Theodor Zlocistt in „Ost und West" erschienene meisterliche Uebertragung der Skizze „Auf dem Wege nach Schemenetz" zur Hand nehmen und er wird daran die gänzlich mißlungene des Fräulein Goldenrings messen können. Bar S a mch a. Handel und Verkehr. Produkten-Börse. Wien, den 10. Juli 1907. In dieser Woche haben die Preise von Weizen und Korn eine stark auftvärts strebende Richtung verfolgt. In Weizen war sie mituntersogar sehr stürmisch. Der Saldo resulttert für Weizen eine Preisbesserung von K. 1—120, bei Roggen einer Verteuerung von 50 Heller per 50 Kg. Den Anlaß hiezu gaben Meldungen über ungünstige Ernteergebnisse in der Theiß- und Banater-Gegend. Aber auch in der Baczka und in der Slovakei entspricht die Ernte nicht ganz den Erwartungen. Dennoch schneidet die Slovakei - besser als das übrige Ungarn ab. In Zisleithanien beftiedigten die Druschresultate. Hierin ist auch der Grund für das schwache Geschäft auf allen österreichischen Märkten zu suchen. Der Konsum wartet das Herauskommen der neuen Ware ab, um sich dann mit heimischen Produkt zu versorgen. Dazu regt ihn auch die Disparität zwischen den heimischen und Budapester Preisen an. Letztere sind um mehr als die Frachtrate höher. Ungarische Ware ventiert dadurch weder nach Galizien, noch nach Böhmen, Mähren und Mederösterreich. Eigner offerieren nicht dringlich und halten auf volle Preise. Tendenz fest. Futterartikel haben, solange die Trockenheit herrschte, ebenfalls Haussetendenz verfolgt, gaben dann aber nach. Jmmerhiu schließt sowohl Mais als Hafer 30—40 Heller höher als vor 8 Tagen. K°nh bis K h Weizen: Theiß.: . . . . 12.30 Slovakischer ....... . 10.90 11.25 Marchfelder und Niederösterr. . 10:40 10.70 Roggen: Slovakischer. . 8.70 8.95 Pester Boden. Oesterreichischer ...... Gerste: . 8.60 &85 Bremer, Futter- und Rollgerste . Mais: - Ungarischer . . ... . . . 6.75 Cinquantin . . . . . . . 7.80 Hafer: Ungar. Ia m. Ausstich .... . 8.65 9.15 „ geringer Ausstich . . . . 8.50 8.75 Marktbericht vom 11. Juli. Zentralviehmarkt. Dem heutigen Markte wurden zugeführt: 3623 gestochene Kälber, 3669 lebende Schweine, 1189 Weidner-Schweine, 173 Weidner-Schafe, 71 Lämmer. — Bei nur unbedeutend größerem Angebot als in der Vorwoche verkehrte der Kälbermarkt im Hinblicke auf den bedeutend reduzierten' Konsum in ^flauer Haltung, dagegen notieren Lämmer unver- Man verkaufte: Weidner-Kälber von K. —.80 bis 1.04, Prima von K. 1.06 bis 1.32, Hochprima von K. 1.34 bis 1.44, Lebende Kälber von K. —.68 bis 1.10, Lebende Fettschweine von K. 0.96 bis 1.16, lebende Fleischschweine von 70 Heller bis K. 1.06, Weidner Fleischschweine von K. 1.— bis 1.20, Frischlinge von K. 1.— bis 1.28, untergewichtige von K. 0.— bis 0.—, Weidner Schafe von 92 H. bis K. 1.12 per Kilo, Lämmer von K. 18.— bis 36.— per Paar, Primaschafe von 68 bis 70 Heller, Brackschafe von 54 bis 62 Heller per Kilo, alles exklusive Verzehrungssteuer. DnrchgeseHt. Von David Pinski, aus dem Jüdischen übersetzt von Ben Ach er. (Schluß) „Wieviel Branntwein soll ich kaufen?" unterbrach er sie. Sie brach ab, hielt die Hände eine zeitlang in der Lust. Dann ließ sie sie sinken und sagte mit Verachtung; „Kauf' soviel du willst! Was frägst du mich?" Und dann fing sie von Neuem an, nur leiser: „Ich sag's ja, tut das ein Mensch mit Verstand?" Mojsche Leib ging aus dem Zimmer. „Oj, oj, oj, oj!" schickte sie ihm nach. „Mögen Alle, die mir Böses wünschen, solche Menschen,'wie er sein."