Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2430890-2430908-2430913--196-2431177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Neue Zeitung Dessenungeachtet wurde sie nun fröhlicher, buk und kochte den ganzen Tag, wie sich's gehört. Und er brachte „alles Gute" nach Haufe - Branntwein, Hering, drei Apfelsinen und zehn Äpfel. Sie stellte es ganz befriedigt in die Kammer und redete dabei: „Einfach zum Chef gehen wollen. Schlachmones gibt es ja ohnehin nicht Lei uns, darauf reicht's ja nicht — soll auch noch das bißchen Festmahl fehlen! . .. Er will! Tut sich was! Er kann sich auch ohne dich ansaufen l. Dieselben Worte wiederholte sie, als sie sich zur Mahlzeit setzte. Sie war zufrieden, daß er ihr gefolgt hatte, doch konnte sie es ihm nicht verzeihen, daß er schon einverstanden gewesen war, zum Chef zu gehen. Mojsche Leib hörte ihre Reden schweigend an. Er dachte nur daran, was der Chef ihm morgen sagen werde. „Na, prügeln wird er mich ja doch nicht," sagte er sich schließlich und sah schon mit schelmischem Blick auf Weib und Kinder. Er wird sie gleich lustig machen. Im Zimmer war es rein und hell. Chane hat sich festtäglich gekleidet und ihr Gesicht ist jünger geworden. Sie hat auch die vier Kinder gewaschen und hergerichtet, wie sie nur konnte, indem sie noch rasch vor Abend d'e Löcher und Riffe in ihren Kleiderchen zunähte. Sie befliß sich ganz besonders, wollte dem Manne für ihren Sieg entgelten und ihm beweisen, daß es sich für ihn lohnte, zuhause zu bleiben. Doch sie hatten noch nicht das erste Stückchen Brot heruntergeschluckt, als schon der junge Sohn des Chefs, ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, kam. „Schau, er hat sich gar schon zum Essen gesetzt l" rief der Junge. „Der Vater hat befohlen, schon zu kommen!" Er ging auf Mojsche Leib zu und packte ihn am Ärmel. Mojsche Leib lächelte und blickte auf sein Weib. Chane warf zornige Blicke auf den Jungen. „Komm doch, komm!" zerrte dieser an Mojsche Leib. „Was komm doch, komm?" schrie Chane böse. „Ihr werdet auch ohne ihn auskommen? Ist denn ohne ihn das Fest kein Fest bei euch?" Aber der Junge wiederholte nur „seine Worte und fuhr fort Mojsche Leib am Ärmel zu ziehen. „Nu komm, komm doch! Der Vater befahl mir, nicht ohne dich zu kommen!" „Nach dem Essen komme ich," sagte Mojsche Leib lächelnd, mit einem Blicke auf fein Weib. „Keine Spur!" schrie sie. „Bei uns ist auch Purim. Er braucht nicht erst Orte zu suchen, um dort lustig zu machen! Du wirst überhaupt nicht gehen!" zischte sie dem Manne zu. Aber der Junge zerrte ihn die ganze Zeit, ohne auf Chanes Reden zu achten. „Nun schneller, steh' auf! Komm!" „Wenn ich gesagt habe, daß er nicht gehen wird, so habt ihr ihn nicht zu schleppen!" schrie Chane und sprang vom Stuhl auf, ließ sich aber wieder nieder. „Ohne dich werde ich nicht Weggehen," sagte der Junge. „Komme doch! Man muß ihn gar noch bitten!".... Mojsche Leib blickte nur auf Chane. Inzwischen hat der Junge Mojsche Leibs Mantel gesucht und ihn Mojsche Leib gereicht. Mojsche Leib kam ein Gedanke. „Weißt was, Chane, ich gehe jetzt und komme bald wieder." Doch darauf ging sie nicht ein. „Red' mir nichts ein! Bald kommen! Welchen Grund wirst du angeben?! Nicht einmal auf eine Minute wirst du Weggehen!" . Inzwischen schickte der Chef seinem Sohne Verstärkung: Zwei junge Leute, Angestellte in seinem Laden. „Warum läßt du dich so lange bitten?" rief der eine. „Du wirst es schlimmer machen, hat der Chef gesagt," fügte der zweite hinzu. „Die Frau läßt mich nicht", lächelte Mojsche Leib. Chane sprang auf und schrie: „Er wird nicht gehen! Er ist kein Sklave. Er wird nicht gehen l Drohen, mit schlimmer machen? Wir nehmen keine Wohltaten von ihm. Nein, ich werde es nicht zulassen". Nun schrie sie gar laut, und als sie sah, wie ihn die Angestellten von der Stelle heben wollten, warf sie sich auf sie, „Ei, darüber lachen wir!" sagten diese, Chane wegstoßend, nahmen Mojsche Leib unter'm Arm und führten ihn aus dem Zimmer. Er lächelte nur. Chane blieb mit den Kindern zurück. Zom kochte in ihr, sie wußte nicht, was sie tun solle. Sie warf wütende Blicke nach allen Seiten, und rückte die Stühle vom Tisch weg. Im Vorbeigehen warf sie einen Teller hinunter und zerbrach ihn. Das reizte sie noch mehr. „Seine Jahre sollen schon zerbrochen werden!" schrie sie, „den Kopf möge er sich zerbrechen! Oh, mein Leben!" jammerte sie plötzlich und hämmerte sich mit beiden Fäusten an den Die vier Kleinen erschraken und fingen zu weinen an. „Daß ihr schon nach euerem Vater weinet!" fuhr sie auf sie los. „Stumm sollt' ihr werden!" kreischte sie und begann nach rechts und links hin zu schlagen. Die Kinder liefen von Tisch weg und versteckten sich in den Winkeln. „Meinen bitteren Zom werd' ich . an euren Köpfen auslassen, an euerm Leib Md Leben, an euem Händen und Füßen!" brüllte sie. Schwer ließ sie sich auf das hölzeme Sofa nieder und blickte mit wilden Blicken um sich. Sie wollte etwas tun — das Herz sprang ihr schier aus der Bmst. „Er soll's nicht wagen, mir nachhause zu kommen!" schrie sie, als ob sie jemand hörte. „Den Kopf werde ich ihm spalten! Mit Jauche werde ich ihn begießen! Er soll es gar nicht erleben, nachhause zu kommen! __ Sie wütete und schlug um sich. Plötzlich fiel ihr ein, alles zu vemichten, daß nichts davon übrig bleibe. Schreiend sprang sie auf den Ofen zu. Doch im selben Augenblicke öffnete sich die Tür, und Salmen Samine, Mendel Kossoj, Chaim der Grüne mit Weib und Kind kamen hinein. „Gut Jontef! Was geht da vor?" fragte Salmen und sah sich um. „Wen beweint man da?" „Man soll ihn nur schon wirklich beweinen," antwortete Chane, sich die Tränen mit der Schürze abwischend. „Waisen sollen sie mir bleiben! .. .." „Ist er wirklich hingegangen?" fragte Chaim der Grüne. Das war Öl ins Feuer. Chane öffnete den Mund und schüttete mit Flüchen! Die Männer und ihre Frauen versuchten sie zurückzuhalten. „Beruhigt euch, Chane, wir werden auch ohne ihn auskommen!" „Setzt euch, wir werden uns unterhalten," sagte Salmen zu ihr. „Ich kann auch wie ein altes Weib reden." Chane fiel ein großartiger Gedanke ein. „Nein schrie sie, ich will ihn herbringen, tot oder lebendig!" Sie nahm schnell ein Tuch um und stürzte pfeilschnell zur Tür hinaus. „Wilde Tiere, wahre wilde Tiere!" schickten sie ihr nach. „Und was meint ihr, hat sie deM nicht recht?" fragte eine der Frauen. „Recht wie der Tag!" antworteten die Männer. „Und wenn mein Chef geschwollen würde, ich würde nicht gehen," sagte Chaim. „Nun, und würde ich etwa gehen?" rief Mendel dazwischen. „Er ist der reine Niemand, der Mojsche Leib!" „Ein Narr, ein Roß!" „Ein wahres Vieh!" Und Chane ist im Sturme hingelaufen. Sie fühlte ein Feuer in sich brennen Md eine ungeheure Kraft. Sie riß an der Türglocke und erschrak gar nicht über den Lärm, den sie gemacht hatte, stieß vielmehr noch einen scharfen Fluch dazu aus. Von der Stube her hörte man ein schnelles Laufen. Jemand öffnete die Tür und lief, sie anblickend zurück. Chane hörte, wie im Saale jemand hervorstieß: „Mojsche Lech, dein Wech ist gekommen!" „Als sie zum Saal kam, verstellte man ihr die Tür. Sie blickte hinein, sah aber Mojsche Lech nicht. „Wo ist er, wo?" schrie sie. „Er soll lieber gutwillig nachhause gehen!" „Er ist nicht da, ec ist weggegangen," antwortete man ihr. „Ich werde nicht Weggehen!" rief sie schon unter Tränen. „Man sagt euch, daß er schon weggegangen ist ... Ein Weib das!" Man ließ sie hinein. Sie blickte sich um und sah Mojsche Leib nicht. „Ich gehe schon!" jammerte sie. Keiner sprach ein Wort- „Du sollst aufhören, mich zum Besten zu haben!" schrie sie. „Miau" kam es hinter einer Türe hervor. Alle lachen. „Zum letzten Mal sollst du miauen!" kreischte sie und stürzte sich dorthin, von wo die Stimme Man wies lachend mit den Fingern auf sie und stellte sich ihr in den Weg. Doch Mojsche Leib kroch aus seinem Versteck hervor. Er -war schon ein bißchen lustig. Er legte die eine Lippe auf die andere und die Hand auf die Wange, wie ein altes Weib. Die Gesellschaft wälzte sich vor Lachen. „Du sollst mir schon nachhause gehen!" Chane warf sich auf ihn. „Gewiß, gewiß!" stammelte er wie ein altes Weib, ohne Zähne und wiegte den Kopf Chane bekam einen hysterischen Anfall. Sie lachte und weinte, warf sich auf die Erde und rauste sich die Haare aus. Alle gerieten außer sich. Mojsche Leib war sofort ernüchtert und versuchte sie zu beruhigen. Er weinte fast. Als Chane zu sich kam, nahm er sie unter bem Arme und ging mit gesenktem Kopf der „Was sie da aufgeführt hat. Den Mann hat man ihr fortgenvmmen!" höhnte jemand, als Chane bei der Tür war. Chane richtete sich auf. Ihr Blut wallte und über alle im Zimmer hätte sie ihr bitteres Herz ausgießen mögen. Sie hätte ein scharfes, herbes Wort sagen wollen — ein Wort, das sie bis in die Rippen hätte treffen müssen, das wie mtt Spießen gestochen hätte. Sie hätte allen gewünscht, in fremden Werkstätten zu arbetten, eines andern „Mensch" Aber sie hiett sich zurück. Sie ließ bloß Mojsche die Tür nicht schließen, sondern warf sie selbst mit einem starken Krach ins Schloß. Krank, gebrochen, verweint, schleppte sich Chane nachhause. Aber beftiedigt fühtte sie sich doch. Ihren Willen hatte sie durchgesetzt! Regina Ramler <r Karp Koran Kolomea Potoft Zloty Verlobte. 3m 3uni 1907. Schriften von Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum). Aeltere Schriften. Die jüdische Moderne, 1896. Erhältlich in der Redaktion der „Jüdischen Rundschau", Berlin, NW. Melanchthonstraße Nr. 4. Preis 50 Pfennig. Zwei Vorträge 189-8. Erhältlich in der Redaktion der „Neuen Zeitung". Preis 40 Heller. Neuere Schriften. Henrik Ibsens „Drittes Reich", 1900. Erhältlich in der Redaktion der „Neuen Zeitung". Preis 50 Heller. Achad Haam. Ein Denker und Kämpfer der jüdischen Renaissance, 1903. ErhälÜich im „Jüdischen Verlag", Köln, Ubierring 23, Preis 1 Mark. Das Stiefkind der Sozialdemokratie, 1905. ErhÄtlich bei E. W. Stern, Wien. Preis 50 Heller. Ostjüdische Aufgabe», 1905. ErhälÜich in der Redaktion der „Neuen Zeitung" Preis 10 Heller. Außerdem: I. L. Perez. „Erzählungen", in deutscher Uebersetzung. ErhälÜich im „Jüdischen Verlag" Köln, Ubierring, 23. Preis: Broschiert Mk. 3.—, Gebunden Mk. 4.—, Illustriert Mk. 7. —.