Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Neue Zeitung Seite 5 wie wir hören, sein 21jähriger Sohn,, der „buche rDuwidl“, in eine andere Gemeinde für Moysa stimmen ging!! — So verkauften die Verräter das jüdische Volk, für ein Linsengericht. Aber trotzdem wurde bei uns Moysa nicht gewählt und der Agitation der jüdischen Jugend ist es zu verdanken, daß er nicht einmal in die Stichwahl kam. Obzwar auch Herr Weißglas nicht gewählt wurde, können wir sagen, daß wir gesiegt haben, denn wir haben trotz des Terrors der Gemeinde, des Drohens der vom Rab- - biner gedungenen Holigans und des Schwindeins 2300 Stimmen für Herm Weißglas erobert. Als .bei uns die traurige Nachricht der berühmten Buczacz- Sniatyner Raubwahl bekannt wurde, da erschien auf Befehl des Rabbiners Hager der Gemeinde-Sekretär im Tempel und hielt an die anwesenden Juden eine Ansprache, warum sie so undankbar waren und nicht auch den antisemitischen Moysa wählten. Unser Verräter Hager veranstaltete ein Fest über den Fall des Herrn Dr. Birnbaum, wobei der polnische Geistliche, des Rabbiners bester Freund, nicht fehlen durfte. So wie einst König Agrippa nach dem Falle der Stadt Jerusalem mit den Römern schwelgte, so taten es auch unsere Verräter, welche den armen Juden den letzten Blutstropfen aussaugen. Sie veranstalteten Feste nach dem Falle der drei in unserer Gegend durch Schwindel um ihre Mandate beraubten Kandidaten Dr. Birnbaum, Dr. Thon.und Sig. Weißglas, sie verspotteten die Kämpfer der heiligen nationalen Sache und lachten über den Fall der Jüdischnationalen, der ja in Wirklichkeit ein Sieg war. Aber wir sind überzeugt, unser ist die Zukunft! Abrahamowicz, Moysa, Starzynski rc. samt Moschkos, Verräter, Verkäufer und Scheinrabbiner, euere letzte Stunde wird bald geschlagen haben! Wer am spätesten lacht, lacht am besten. Für den Verrat erfuhr übrigens unser Rabbiner von einigen anständigen hiesigen Leuten, als er vorige Woche (vielleicht Zsür den Sokol - Verein?) sammeln ging, die gebührende Behandlung. Man warf ihn mit den Worten Verräter u. d. g. zur Tür hinaus. Das Jüdische Mahlkomitee. Propinator und Kultusvorsteher.. Aus Zaleszcziki wird uns berichtet: Bekanntlich ist in Ostgalizien der Bemf eines Propinators mit der Würde eines Kultusvorstandes kompatibel. Der Propinator ist gewöhnlich Günstling des k. k. Bezirkshauptmannes und des Steuer-Inspektors, zweier von der Bevölkerung gefürchteter Elemente. Er ist auch persona Zratissima deshalb, weil er die „Politischen" und die Steuerzahler denunziert u. a. — Infolge dessen erwirbt sich so ein Propinator einen gefürchteten Ruf bei der Bevölkerung und der k. k. Bezirkshauptmann gibt sich stets Mühe, daß nur eine solcheSorte an der Spitze der Kultusgemeinde stehe. Die Korruption muß halt eine Stütze haben! Welche schändliche, dem jüdischen Volke feindliche Rolle die Propinätions-Kahals bei den letzten Reichsratswahlen in Galizien spielten, sind zur Genüge bekannt. Ein derartiges Exemplar, Namens Pinkas Lamm, hat das Mißgeschick seit einer Reihe von Jahren an die Spitze unserer Kultusstube gesetzt. Pinkas Lamm stammt aus Altstadt, Galizien. Macht trotz seines gefärbten Haares einen halbwegs guten Eindruck, soll etwas vermögend sein, zählt sich zu den „Intelligenten", denn seine Familie zeigt sich pflichtschuldig alljährlich inMarienbad und Dorna Watra. Und dann sprechen ja seine würdigen Epigonen schon „gut poilisch". Er selbst ist ein waschechter Schlachzize, wenn er auch des Polnischen sprech- und leseunkundig ist. Er fühlte sich zu etwas Besserem geboren und wurde deswegen Propinator, als solcher ein wahrer Satrap. Bis unlängst umgab sich unser Ober-Kahal mit einem „Stabe" von bezahlten Vagabunden und 'ließ jeden ihm mißliebigen Mann durch eben erwähnte Haiduken nach Belieben gründlich durchbläuen. Aus Furcht vor dieser Horde wagte keiner gerichtlich aufzutreten, denn die ganze Beamtenschaft war ihm untergeordnet. Mit -dieser auserlesenen „Garde" machte er Gemeinde- und Kultusratswahlen unter der Patronanz des k. k. Bezirkshauptmannes und gewiß zu dessen Zufriedenheit. So wurde der Korruption Tür und Tor der genannten Behörden geöffnet. Nun beschenkte die Wiener Medizinische Fakultät Zaleszczyki mit dem med. univ. Dr. Isidor Blutreich. Lamm fand in ihm einen gefügigen Famulus mit „guter" Auffassungskraft; Blutreich: wurde Vize-Kultusvorsteher und Bürgermeister. . . Die Macht war also gefestigt. Da kam das allgemeine Wahlrecht, das eine Umwälzung im Staate Oesterreich und im „Staate Lamm" verursachte. Lamm und Blutreich garantierten dem Bezirkshauptmanne die gesammte, jüdische Stimmenanzahl für Moysa, „denn die Versammlungen zu Gunsten Dr. Bimbaums seien für die Katz, die Besucher seien lauter Buben und Mädeln", trösteten sie den gramgefurchten Bezirkshauptmann. — Merkwürdig : am 17. Mai wurden aus den Buben 481 Stimmen für Dr. Birnbaum und 252 für Moysa. Eine schreckliche Veränderung ging mit Lamm vor. Er sah sich verwaist. Wo sind seine „Schläger"? Sie machten sich arger Felonie schrlldig und wurden plötzlich (horribile dictu!) anständige Bürger mit freier Meinungsäußerung. Wutschnaubend und gallespeiend rannte er mit seinem Famulus Isidor zum gefoppten Starosta. Auf die Kniee sinkend, mit vor Schluchzen erstickter Stimme improvisierte erfolgende Ansprache: „O gnädiger Herr, Du kennst ja meine schlachzizische Seele, verzeih deinem untröstlichen Knechte, Deinem treuen Pinkas. Mit Gottes Hilfe und unseres Potocki Willen wird der Stichwahltag am 24. Mai anders cu^fallen. Jetzt rette meinen Nimbus, rette mich, denn die Leute boykottieren meine Propination, und das darf nicht ungesühnt bleiben. Dort ist eine Wand baufällig. Der hat keine Konzession, Jener arbeitet Sonntag in seiner Werkstatt, bei Diesem ist das Dienstmädel, bei dem Andern ein Gast polizeilich nicht gemeldet". In seinem Innern getroffen, ob dieses aus den Herzen kommenden Appells überlegte der willensschwache Veltze nicht lange in seinem Zwerchfelle, ließ Strafen zu je 100 Kr. diktieren, ermahnte aber seine Helfershelfer Pinkas und Jsiidorek zu energischerer Arbeit für den 24. Mai. An diesem Tage arbeitete schweißtriefend der großbäuchige „Dorek" in und vor dem Wahllokale, trotzend dem Gesetze und Rechte, und siehe da! Endresultat für Dr. Birnbaum: abermals, wenn auch schon geringere Majorität. — Lamm giftet sich — und die Propination ist stier! Der Respekt vor dem Propinator hat sich verflüchtigt, die Achtung vor dem Kultusvorsteher ist dahin! Aus mtt der «Satrapie, aus mit der alkoholdurchsickerten Herrschaft! Der Boykott hält trotz Gewaltmaßregeln und allerlei Mittelchen merkwürdigerweise noch immer an! Die Haltung der hiesigen Judenschast ist der Nacheiferung wert. Möge sie noch fernerhin Ausdauer haben und von ihrer Organisation nicht lassen! Nur auf solche Weise kann man die verbrecherische Kahalsklique, die Schmarotzer des jüdischen Volkes, vom Boden des öffenllichen Lebens verjagen und dem verdienten Ende zuführen. Die Rache der Sieger. Aus Zaleszczyki wird uns geschrieben: „Der Terror hält weiter an. So bekam ein hiesiger angesehener Kaufmann, der zu den tapfersten jüdisch-nationalen Parteigängern gehört, K. 100 Geldstrafe zudiktiert, weil er seit drei Jahren einen Angestellten russischer Staatsangehörigkeit beschäftigt, der kein Arbeitsbuch besaß. Notabene hatte der Kaufmann seinerzeit ein Arbeitsbuch für den Mann verlangt, jedoch zur Antwort bekommen, ein russischer Untertan kriege keines, es genüge, wenn er angemeldet werde. Einen Tag nach dieser Strafverfügung hatte der Kaufmann wieder seine Vorladung zur Bezirkshauptmannschast und wurde wieder verdonnert, diesmal aber schon zu K. 150.—, Grund: Eine Magd ohne Dienstbuch. Wahrer Sachverhalt: Der Sekretär hatte sofort nach dem Dienstantritte der Magd von dem Dienstherrn den Bettag für ein Buch entgegengenommen, um das von amtswegen nach Horodenka, der Heimatsgemeinde der Magd, geschrieben werden sollte. Bis dahin genüge die Anmeldung vollkommen — hatte der Sekretär gemeint. Als jüngst ein Sohn des Töpfers Schächter, welchem letzteren der hiesige Bürgermeister Blutreich so arg mitgespielt hat — wie Sie ja auch im Auszuge aus dem Proteste gegen Moysa mitteilten — vor Gericht einem Maurer gegenüberstand und äußerte, er fürchte von diesem, der ein gefährlicher Mensch sei, geschlagen zu werden, meinte der Richter Melzer, der beste Freund des Bürgermeisters, in jüdischer Sprache: „Lejnts Krijschme!" Da solche Herren nur dann jüdisch sprechen, wenn sie spotten wollen, kann man sich von der Würde und Objettivität des Herrn Melzer einen Begriff machen und darf sich auf alle die bevorstehenden Strafverhandlungen, die er zu leiten haben wird, freuen! Aus einer gepeinigten Stadt. Man schreibt uns aus Sniatyn: Ein junger Mann, namens Elias Deutsch, der sich während der Wahlkampagne durch seinen hingebenden Eifer für die jüdischnationale Sache auszeichnete, ist natürlich seither der Gegenstand tückischer Verfolgungen. Bald nach den Wahlen erschienen eines schönen Mittags zwei Polizisten im Hause seiner Mutter und riefen den jüngeren Bruder zur Verantwortung vor den Magistrat. (Der junge Mensch hatte einen Tag vorher mit einem Moschko-Juden nicht sofort gesprochen.) Elias Deutsch ging nun mit dem Bruder, der Furcht hatte, mit, wurde aber, kaum daß er auf der Straße war, am Halse gepackt und gewürgt. Es kamen noch drei Polizisten hinzu, die ihn nun über Aufforderung des Misio Niemczewski, eines Wahlfrevlers (überhaupt eine nette Familie, diese Memczewski's. Die Redaktion.) zu schlagen begannen. Jüdische Vorübergehende entrissen Deutsch den Klauen der Polizisten, kamen aber selbst nur mit Schlägen davon. Und das Ende ist, daß noch alle Anwesenden angezeigt wurden, worüber demnächst in Kolomea die Verhandlung stattfinden wird. Aber damit ist das Mißgeschick des Elias Deutsch noch nicht beendet. Kürzlich ist das Haus seiner Mutter niedergebrannt und es besteht der dringende Verdacht, daß das Feuer von Feinden, die sich der junge Mann während der Wahlbewegung erwarb, gelegt wurde. Die meisten Möbel verbrannten, und die Familie ist jetzt dem Elende preisgegeben, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen. Vielleicht weiß einer von ihnen Rat für die unglücklichen Abbrändler. Im Uebrigen wäre das Haus vielleicht noch zu retten gewesen, wenn nicht, — so behauptet Elias Deutsch — der Bürgermeister Tytus Niemczewski die Feuerwehrmänner mit den wiederholten Ausrufen: „Wartet, soll es gut brennen, die Birnbaum's brennen," von ihrer Löscharbeit zurückgehalten hätte. . . —t— Angesichts dieser Niederträchtigkeiten in Sniatyn, Zaleszczyki, Borszczow, Tlumacz und anderen Städten sind wir froh, einmal auch einige Gerechte aus der allgemeinen Korruption ausnehmen zu können. Herr Dr. Nathan Kan er, der hochverdiente Leiter der jüdisch-nationalen Wahlbewegung in Sniatyn während der verflossenen Reichsratswahlen, ersucht uns um die Richtigstellung einer Behauptung in der unter obigem Titel in Nr. 3 unseres Blattes erschienenen Korrespondenz aus Sniatyn. Er erklärt es nämlich für aus der Lust gegriffen, daß „der Gerichtsadjunkt Zaczek die Stimmzettel sämtlicher Gerichtsbeamte und Diener konttollierte", und daß „der Gerichtsvorstand Onyszkiewicz dem Gerichtsoffizial Braunstein „riet", für Moysa zu stimmen, denn sonst könnte es dem Braunstein schlecht ergehen." — Die anderen Behauptungen der Korrespondenz, die sich auf andere Personen uud Schandtaten beziehen, berührt Herr Dr. Kaner in seinem an uns gerichteten Schreiben Wie sie's treiben. Aus Borszczow wird uns die Fortdauer des behördlichen Terrors gemeldet: Das Haus des Vaters eines nattonal-jüdischen Parteimannes brennt zum Teile ab. Der Bezirksausschuß dettetiert die unverzügliche Demolierung des stehen gebliebenen Teiles. Der Besitzer rekurriert. Der Bürgermeister wartet die Entscheidung nicht ab und beginnt das Haus niederreißen zu lassen. Der Besitzer begegnet am 6. d. einem bekannten Grafen in Begleitung eines Bezirkskommiffärs. Der Graf fragt, warum er das Haus demolieren lasse, da es ja noch genug stark sei. Der Besitzer weist auf den Kommissär als den Schuldigen. Der Kommissär antwortet unumwunden, daß es deshalb geschieht, weilsein (des Hausbesitzers) Sohn ein Anhänger Dr. Birnbaums sei. (Der würdige Beamte hatte offenbar schon von der Rede Minister Bienerth's Kenntnis, die eigentlich so etwas wie eine Prämie auf solche Leistungen war. Die Redaktion.) Ein Schankwirt, der zweite Sohn des Hausbesitzers, von dem eben die Rede war, muß sein Lokal um 10 Uhr abends sperrrn und das Licht auslöschen! Arreststrafen werden verhängt und manchen der Bestraften wird angedeutet, daß es wegen ihrer nattonaljüdischen Gesinnung geschieht. Besonders auf einen Bäckereibesitzer haben sies scharf abgesehen. Er hat schon 40 Tage Arrest beisammen. Reale Arbeit in Palästina. Der erste Delegiertentag der zionistischen Föderation Palästinas der im Mai d. I. in Jaffa stattfand, nahm folgendes Programm der realen Arbeit in Palästina an: A. Politisches Programm: 1. Die reale jüdische Politik verfolgt das Ziel, eine immer größere jüdische Ansiedelung im Lande herbeizuführen und die jüdische wirtschaftliche Position zu stärken. 2. Siewird hierbei auf die Interessen der Regierung,^ des Landes und seiner Bewohner bedacht sein müssen. _ 3. Die vom Baseler Programm geforderte „öffentlich-rechllich gesicherte Heimstätte" ist als Ziel und nicht als Voraussetzung jeder realen Arbeit zu verstehen. B. Wirtschaftliches Programm, 1. Die Stärkung der wirtschaftlichen Position der Juden in Palästina ist soweit als möglich auf