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Neue Zeitung · 1907-07-11 · Heft 5 (11.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 5 (11.7.1907)
Date
1907-07-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitnu g Nr. 5 Westen selbst, der wahre Westen — zu dem aber Sie und Ihresgleichen organisch so wenig gehören, wie das Glasauge zur Augenhöhle — begreift uns und wird' uns immer besser begreifen. Verlassen Sie sich darauf! Sie moderner Mustermensch der „Wiener Allgemeinen Zeitung"! Merkt's Euch, galizische Jude»! Ein Wiener Jude ging unlängst mit einem galizischen Verwandten, der sich jüdisch, und zwar einen seidenen Kaftan trug, zu dem Professor der Augenheilkunde Dr. Ernst Fuchs. Im Wartezimmer wurden sie von der Dienerin ziemlich barsch aufgefordert, sich zu entfernen, da der Professor polnische Juden nicht behandle. Der Mener Jude richtete nun an Professor Fuchs die schriftliche Anftage, ob die Dienerin nach Instruktion gehandelt habe und erhielt darauf folgende Ant- „Sehr geehrter Herr! Ich kann die polnischen Juden in ihren Nationalkostümen den anderen Kranken zuliebe, die über deren Geruch sich beschweren, nicht in mein Sprechzimmer einlassen, und empfange alle diese Patienten unentgeltlich in der Klinik Hochachtungsvoll Dr. Ernst Fuchs." Die Frechheit dieses Schreibens ist wohl kaum zu überbieten. Sie ist aber doch dankenswert, denn sie zeigt den galizi.chen Juden wieder eine Fährte, wo sie ihre Feinde zu suchen und wo sie ihnen entgegenzutreten haben. Die medizinischen Oberbonzen, die sich meist durch einen Geschäftssinn nnd eine Habsucht auszeichnen, die trotz allen Ariertums zum Himmel sänken, sind natürlich auch meist Antisemiten. Es wird gut sein, wenn sich die galizischen Juden ein wenig abgewohnen, mit jedem Leiden zu diesen Haifischen der Medizin zu laufen. Es gibt bescheidene Aerzte genug, die mindestens ebenso tüchtig sind, als diese aufgeblasenen Kliniksatrapen. In dieses Kapitel gehört auch die Behandlung, die sich die galizischen Juden in den antisemitisch verseuchten Kurorten gefallen lassen. Hier heißt es, nicht jedem geschniegelten Idioten oder Müßiggänger demütig Platz machen, sondern ganz entschieden auf seinem vollen Rechte bestehen. In aufrechter, Haltung und mit fteiem Blick die ostjüdischs Art gerade bekennen — so verschafft man sich am raschesten Respekt. — Und nicht wie die „Wiener Allgemeine Zeitung", die übrigens die Frechheit des Professor Fuchs aufgedeckt hat, sich das zu denken scheint: Durch bewegliche Klagen über die gesunkene Menschlichkeit. Die Hetze gegen Abg. Mahler. Die Angriffe der deutschnationalen und deutschliberalen Studenten Prags gegen den jüdisch-nationalen Abgeordneten Dr. Mahler erfolgten in einem Hörsaale der Universität. Dr. Mahler hat daraufhin an den akademischen Senat eine Beschwerde gerichtet, in der er gegen die Ueberlassung eines akademischen Hörsaales zu einer gegen ihn gerichteten Studentenversammlung Protest erhob. Der akademische Senat hat nun heute diesen Protest durch folgende Antwort erledigt: „Die Ueberlassung eines Hörsaales für eine akademische Versammlung ist k e i n e Parteinahme für die von der Versammlung zu erwartenden Kundgebungen. Die Ueberlassung des Saales ist um so mehr gerechtfertigt, als der der Einberufung der Versammlung zugrunde liegende Zweck nicht unmittelbar in dem Gesetz vom 28. Februar 1882, wohl aber in dem nationalen Charakter unserer Universität und in den tatsächlichen Verhältnissen begründet ist." Dieser Beschluß wurde vom Senat e i n st i m m i g gefaßt. Der Senat ist aber noch weiter gegangen. Er hat dem Dr. Mahler, für das Wintersemester den bisher für seine Vorlesungen eingeränmten Höhrsaal nicht mehr bewilligt, sondern einen andern angewiesen und die Verfügung damit begründet, daß bei den zu erwartenden Demonstrationen gegen Dr. Mahler die in dem Saale ausgestellten wertvollen Gipsabgüsse gefährdet seien. Aus demselben Grunde sollen Dr. Mahler die für seine archäologischen Vorlesungen erforderlichen Gipsmodelle nicht mehr überlassen werden. Also der Senat hat sich ganz auf die Seite der Krakehler gestellt! Sehr würdig und sehr erbaulich und mehr „daitsch" als deutsch! Wir aber ftagen den — über alle Einsicht — hohen Senat, was es denn mit dem Kroaten auf sich hat, der an der deutschen Universität Prag deutsche Philologie (!) lehrt? Stört denn der den deutschen Charakter nicht? Oder sind es bloß die „tatsächlichen Verhältnisse," die die „daitschen" und deutschen Leuchten zu ihrer dreisten Enuntiation veranlagten? Jene „tatsächlichen Verhältnisse", die darin gegeben sind, daß die studentischen Streberjuden und Schmockjuden an der Prager Hochschule den nationaljüdischen Dozenten nicht vertragen, und die deutschnationalen Studenten noch zu vereselt sind, um einzusehen, daß sie mit ihrem Anschluß an die Hetze nur besagten deutschjüdischen Halblingen auf den Leim gehen! Auch möchten wir den übereiftigen Herren deutschnationalen Studenten von Prag und ihrem ihrer würdigen Senate zu bedenken geben, daß es in Oesterreich eine „deutsche" Universität gibt, wo die jüdischen, und zwar jüdischnationalen Stndenten die niederschmetternde Mehrheit der deutschsprechenden Hörer ausmachen und sich sogar schon die Anerkennung ihrer jüdischen Nationalität erobert haben.... Im Uebrigen gab es an der Prager deutschen Universität neulich Rektorswahl. An der Reihe war der Chemiker G o l d s ch m i e d t, ein „Mosaiker". Der Wahl gingen nun Verhandlungen voraus, die sich auf seine „mosaische Konfession" — gottbehüte nicht auf seine jüdische Nationalität — und auf die Hetze gegen Dr. Mahler bezogen. Professor Goldschmiedt mußte „aus Gesundheitsrücksichten" ablehnen und Professor Dr. Sauer wurde gewählt. Nationale Autonomie. Anläßlich der Dringlichkeitsdebatte über das allgemeine Wahlrecht für den Landtag stellte der freisozialistische Abgeordnete Simon Starkfolgenden Zusatzantrag : „Es sei eine Kommission aus allen Nationen zu wählen und mit der Aufgabe zu betrauen, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, der alle Nationen in Zis- und Transleithanien, auch die Juden, als gleichberechtigt betrachtet,.jeder Station die nationale Autonomie gewährleistet, und jeder nationalen Unterdrückung, wie sie derzeit insbesondere von der magyarischen Oligarchie und der polnischen Schlachta praktiziert wird, ein Ende macht und das gesamte Reich in einen seiner ethnischen Zusammensetzung entsprechenden Bundesstaat ausgestaltet. Denn die nationale Frage muß'gelöst werden, damit in Zukunft die wirtschaftliche Arbeit nicht mehr behinder tist." Ei« „Erwachen". Das polnische Volk, doch nein, die sogenannten Führer des polnischen Volkes sind endlich zu sich gekommen. Sie hatten in ihrem Halbschlummer etwas von jüdischnationaler Agitation, von massenhaft besuchten Versammlungen, ja sogar von berechtigten Aussichten des einen öder des anderen jüdischnationalen Kandidaten gehört, aber da waren gleich ihre jüdischen Mitkämpfer zur Hand und wiegten sie mit den alten Vertröstungen, wie „eine ganz junge kleine Bewegung" „gar kein oder zumindest ein ganz unansehnlicherAnhang," „moralische Erfolgsucht"usw. wieder in den alten Schlaf. Doch nun werden sie alle vom Volksparlamente her geweckt. Das gesegnete Galizien wird ganz tüchtig hergenommen, ja, was noch das schlimmste für die Herren der Schlachta ist, ein jüdischnationaler Abgeordneter erzählt den Leuten, wie man in Galizien auf Grund des allgemeinen, gleichen und hauptsächlich' geheimen Wahlrechtes, wähtt. Das ist doch zu stark! Das ist ein Verrat an der Helligen Sache der intimen Wahlschwindeleien. Und dazu haben indirett die polnischen Genossen mosaischer Konfession verholfen. Hätten sie wenigstens offen ihre Unkenntnis dieser blauweißen Gefahr zugegeben. Das ist ein entsetzliches Erwachen! Was tun? Es liegt ja auf der Hand, daß man da nicht schweigen kann. Vor allem muß man gegen den neuentdeckten „Feind" losziehen. Und das Organ dieser Herren Schlachzizen, das „Slowo polskie" stellt seine „kostbaren" Leitartikelspalten zur Verfügung. Der Anfang ist gemacht und dazu in einer Art, die des „Slowo polskie" würdig ist.' Ein leiser Vorwurf an die Adresse der „Jud en-Po len" und eine logische Folgerung aus demselben, daß man die Führung der Juden einzig und allein den Polen überjassen müsse. „Eine Partei, welche einen derart großen Einfluß auf die jüdischen Massen hat, daß sie sich zur Zeit der Wahl an die Spitze derselben stellen kann, hat unbestritten eine gewaltige Kraft." Man müsse daher alles aufbieten um diese Kraft zu brechen. Man müsse darlegen, daß der Zionismus — der Leitartikel betitelt sich so — bis heute, .keine positiven Arbeitserfolge aufzuweisen habe, daß es ihm nicht gelungen sei, die galizischen Juden aus dem Sumpfe der Kleinkrämerei und des Wuchers emporzuziehen. Man müsse zwar zugeben, daß jeder ökonomische Fortschritt notgedrungen gegen manche jüdische Elemente sich wende, das heißt, es müssen sich irgendwelche antisemitische Merkmale so rein aus dem Fortschritte herausschälen, was wohl für beide Teile, für die Juden und fiir die ganze polnische Nation schädlich ist. Aber — und hier setzt die eigentümliche Logik des „Slowo polskie" ein — das einzige wirksame Mittel ist „ein organisches Aufsaugen der Juden durch die polnische Nation, so daß jegliche Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes, in gleichem Maße zu Gunsten der Juden und der polnischen Nation erfolgen soll." Zum Schlüße gibt der Herr Leitartikler doch zu, daß die jüdischnationale Bewegung eine natürliche Grundlage in der tatsächlichen ökonomischen Sonderstellung der Juden und in dem Elend der breiten jüdischen Massen hat. Sie sei aber eine Strömung, welche nur infolge der Agitation und wegen des Mangels einer entsprechenden Gegenarbeit besteht. Als solche könne und müsse sie bekämpft werden. Man müsse sich daher eingehender mit der Judenfrage beschäftigen. Freue dich, Juda! Schon wacht der allpolnische Herr! Und du wähntest ihn schlafend bis zu den nächsten Wahlen. Er will sich jetzt deiner annehmen. Er will dich aufsaugen. Nächstens werden die Offene der jüdischen Kaufleute und Handwerker nicht zurückgewiesen werden, trotzdem sie bedeutend vorteilhafter sind, als die der christlichen Kaufleute, beim nächsten Bau von Gemeindehäusern wird man nicht erst in den Baukonttakt aufnehmen müssen, daß Juden sich in keiner Weise beteiligen dürfen, der allpolnische Herr und Bruder wird schon allein für dich alles besorgen, er wird alles übernehmen, er wird alles in deinem Namen erledigen, er wird dir recht viel Steuern . abnehmen, denn es bleibt ja schließlich unter Brüdem. Ist es denn nicht ganz gleich, ob du eine Anstellung bei Gericht, bei der Bahn oder in einer Schule bekommst, oder dein Bruder? . . . Freue dich, Juda! M a x i m u s. Eine Trauernachricht aus Bnezaez. Es war am 3. Juli l. I. als sich plötzlich der lautere Himmel mit schwarzen Wolken bedeckte, und ein Hagelwetter hereinbrach, wie selbst die ältesten Buczaczer hier noch kein gleiches gesehen zu haben sich erinnern, und das in der Stadt und Umgebung im Laufe von wenigen Minuten großen Schaden anrichtete. Und doch bildete dieser furchtbare Aufruhr der Elemente gleichsam nur ein Vorspiel zu jener tiefergreifenden Tragödie, die sich am folgenden Tage in Buczacz abspielte. Es war das Leichenbegängnis des nach kurzem Leiden im 34. Lebensjahre dahingeschiedenen, hochangesehenen und intelligenten jungen Bürgers Jonas Neumann. In. der ganzen Stadt herrschte unbeschreiblicher Kummer und alles beweint diesen überaus guten, allgemein beliebten Menschen. Während. der letzten Wahlbewegung agitierte er ununterbrochen unter den größten Anstrengungen für unseren jüdischnationalen Reichsratskandidaten Doktor Nathan Birnbaum und die Aerzte behaupten sogar, daß die Auflegungen während der Wahlkampagne ihm eine Gehirnerschütterung verursacht haben. Der hiesige „Zion"-Verein beweint in dem Dahingegangenen seinen tüchtigen Vizepräsidenten und gab seiner tiefen Trauer durch Aushängen einer schwarzen Fahne Ausdruck. Auch eine Trauerandacht für nächste Woche wnrde beschlossen. Ehre dem Andenken des Todten! Ruhe seiner Asche! „Eli Zion“. Rabbi Verräter. Aus Zablotow wird uns geschrieben: Unsere Stadt gehört zum 36. Wahlbezirke, welcher 2 Abgeordnete zu wählen hatte. Die Ruthenen stellten als Majoritätskandidaten Herrn Dr. Trylowskyj und für das Minoritätsmandat als Zählkandidaten die Herren Woinarowski und Dudykiewicz auf. Obzwar in unserem Wahlkreise 72 Prozent Ruthenen, 23 Prozent Juden und nur 6 Prozent Polen wohnen, stellte die,:Rada Narodowa“ in der Hoffnung, daß die Juden polnisch wählen werden, den rühmlichst bekannten Antisemiten Stefan Moysa als Minoritätskandidaten auf. Erst im letzten Momente erschien auch die jüd.-nat. Partei auf dem Plane und nominierte in der Person des. Herrn Sigmund Weißglas einen eigenen Kandidaten, dessen Programm von der gesamten jüdischen und ruthenischen Bevölkerung mit großem Enthusiasmus aufgeiwmmen wurde. Nur der „Rabbiner" Abraham Hager fühlte sein polnisches Herz gar mächtig schlagen und fuhr von Stadt zu Stadt um für Moysa zu agitieren. „Wajiftach haschem" es pi liousson!“ Er, der noch nie, sei es bei fröhlichen oder traurigen Anläßen den Mund öffnete, weil ihm jede Befähigung zu seinem Amte fehlt, — er wurde aus Rachmunes auf seinen Posten berufen — hielt Reden, in denen er Moysa mit unserem großen Lehrer Moses verglich! Dieser Rabbiner, der statt „Hamojcher bssumim-' „Hamojcher baschumaim“ liest, ist ein guter Pole (israelitischer Konfession) obwohl er vom Polnischen gerade soviel versteht als vom Hebräischen, d. h. gar nichts. Allein, was braucht ein Rabbiner Hebräisch zu können, was ein Pole (namentlich mosaischer Konfession) polnisch; wenn er nur gut schlachzizisch agitieren (lies erpressen) kann, das ist die Hauptsache. Und so beschien denn auch die ausgehende Morgensonne unseren würdigen Row vor dem Wahllokale, wo er gar eifrig bestrebt war, die auf Herrn Sigm. Weißglas lautenden Stimmzettel gegen^solche Moysas umzutauschen, und im Weigerungsfälle mit „Massern zum Puriz“ und Kommissär drohte, während

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