Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (11.7.1907)
- Date
- 1907-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 Neue Zeitung Seite 3 Mit dem der jüdischen Sprache gemachten Vorwurf, daß sie eigentlich keine Sprache ist, da ihr noch keine Sprachlehre zu Gebote stehe, will ich mich gar nicht befassen. Nur Ignoranten können eine solche Behauptung aufstellen und solchen geht man am liebsten aus dem Wege. Sache unserer parlamentarische Vertreter aber sollte es sein, den galizischen und bukowinischen Juden zu ihrem elementarsten Menschen- und Staatsbürgerrechte, dem Rechte auf den uneingeschränkten Gebrauch ihrer Muttersprache, zu verhelfen. _ S. Wochenschau. Aus dem Parlamente. Die Wahlmißbräuche in Galizien sind also nicht dringlich. So wollen es die Polenklub-Edlen, die Christlichsozialen, die anderen politischen Geschäftemacher — und das Ministerium. Sinn der ganzen Debatte: Falschspielen ist eine Gemeinheit, falsche Wahlenmachen — Patriotismus. Für diesen schönen Grundsatz trat sogar Herr Dr. Löwenstein als Generalredner auf. Eine würdige Aufgabe für diesen echten Typus eines „glänzenden Parlamentariers". Und kein Wunder, daß er sich ihrer „tadellos" entledigte. Er zeigte sich als Meister in der Kunst, sein schütteres Denken derart mit schön gedrechselten Redensarten zu wattieren, daß der verblüffte Spießer das „Genie" spürt. Die wahre Illustration zu dem antisemittschen Witze: „Goft, wie talentvoll . . .!" Von der Unverfrorenheit seiner logischen Taschenspielerstücke wollen wir gar nicht reden, höchstens darauf Hinweisen, daß natürlich auch er von der gewissen „Kluft" faselt, von der die „Wiener Allgemeine Zeitung" so schön zu erzählen weiß. Einfach schon ecklig, die Denknotdurft dieser akademisch gebildeten Hausjuden. Für die Dringlichkeit haben u. A. Stand, Dr. OkuniewSki, Breiter, Dr. Liebermann und Dr. Diamant sehr wacker gesprochen. Eine Stelle aus der Rede Liebermanns, der merkwürdigerweise der polnischen Sozialdemokratie angehört, - verdient hervorgehoben zu werden: „Die Schlachzizen gebärdeten sich während der Wahl wie toll und wahnsinnig, weil sie merkten, dass endlich einmal in der jüdischen Volksmasse das Selbstgefühl erwacht war, daß die Juden es endlich einmal satt hatten, die Knechte der Schlachzizen zu sein und diesen Leuten als Handlanger bei der Unterjochung der um ihre Freiheit ringenden Völker zu dienen. Bis jetzt wurden bei jeder Wahl in Galizien die demokratischen Elemente mit Hilfe der jüdischen Volksmasse niedergestimmt. Jetzt ist es aber hiemit aus. Im jüdischen Volke ist ein mächtiger Freiheitsdrang erwacht, ein heißes Verlangen nach Erringung der Menschenwürde und Menschenrechte. Die Herren von Polenklub wissen ganz gut, daß das jüdische Volk seiner kulturellen und ethischen Wiedergeburt entgegengeht, und das ist die größte Gefahr für die Hegemonie des Polenklubs, der sich nicht zum geringsten Teile auf die Mitarbeiterschaft des jüdischen Volkes stützt. — Die Zustimmung des Hauses zu dem eingebrachten Dringlichkeitsantrag würde von allergrößter Bedeutung für eine ruhige kulturelle Entwicklung des Landes Galizien sein. In Galizien wütet ein Emanzipationskampf dreier Völker gegen eine verhaßte Oligarchenherrschaft." Stands parlamentarische Ersttingsleistung verdient und fand berechtigte Anerkennung. Es waren freimütige und echt demokratische Worte, die großen Eindruck machten und den Hörern ein neues Judentum zeigten. Stand schloß mit folgenden Worten: „Wir begehen in diesem Jahre eine große Feier: 40 Jahre sind es her, seitdem Oesterreich die Verfaffung bekommen hat. Ihr in Westösterreich habt die Verfassung gehabt; ihr habt die Früchte davon. Doch wir kennen sie nur dem Namen nach und es wird Sache unseres Klubs, des jüdischen Klubs sein, Hand in Hand mit der polnischen Demokratie und mit der ruthenischen Demokratie, Arm in Arm mit allem, was jung, modern, was lebensfähig und lebenskräftig in allen drei Völkern des ganzen Landes ist, gegen die Kliquen dieses Landes und für die Freiheit des so schönen, des so mit Naturschätzen gesegneten Landes zu kämpfen. Wir wünschen dem Lande die gute und schöne Zukunft, die es ehrlich verdient und wollen mit allen Kräften arbeiten, damit ihr Galizien entgegengehe. Das ist im Interesse der polnischen, der ruthenischen und der jüdischen Nation." Der Redner wurde durch starken Beifall ausgezeichnet. Von den jüdischnationalen Abgeordneten wurde Dr. Strauch er in den Jnmunitätsausschuß und Stand in den Legitimation?- ausschuß gewählt. Der Gesang der Ruthenen. Eine der markantesten Episoden der Dringlichkeitsdebatte wegen der galizischen Wahlmißbräuche waren die Nationalgesänge, die die Ruthenen nach der beschämenden Abstimmung des Hauses in dem Augenblicke anstimmten, als der Polenklubmensch Dulemba das Wort ergreifen wollte. Das war keine frivole Lärmmacherei, das war die erhebende ernste Demonstration eines Volkes, und es war Niemand im Hause, der sich dem Eindrücke dieser Demonstration entziehen konnte. Me fühllen, was diese Gesänge sagen wollten: Macht, was ihr wollt, beugt das Recht, wie es euch gefällt; die Kraft, die in uns ist, werdet ihr nicht überwindenl . . . Man kann die Ruthenen zu dieser herrlichen Kundgebung nur beglückwünschen. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" ist ein Blatt, das manchmal das Bedürfnis empfindet, zur Judenftage Stellung zu nehmen. Das ist an sich sehr lobenswert und macht es uns einigermaßen schwer, so aufrichtig zu sein, wie wir es lewer fein müssen. Endlich einmal muß sich ja aber jemand finden, der von den Dingen auch etwas versteht und wenigstens versucht, dem genannten Blatte, respektive seinem Fachreferenten für die jüdisch-nationale Bewegung eine schwache Ahnung der Naivetät und Hilflosigkeit der vorgetragenen Anschauungen beizubringen. In der letzten Freitag-Nummer bespricht das Blatt die Kontroverse Löwenstein-Stand anläßlich der Debatte über die galizischen Wahlmißbräuche und kommt da wieder zu seinen gewohnten scharfen Urteilen über den jüdischen Nationalismus. Wenn es sich dabei auf „die besten Elemente der modernen Judenschast" beruft, die . , „dieser Richtung kühl bis ans Herz hinan oder gär völlig abweisend gegenüberstehen," — so dürfte es ein wenig irren. Uns kommt es vor, daß dort drüben auf seiner Seite die großen repräsentativen jüdischen Männer wirklich modernen Geistes, gewaltige Verkörperungen des kühnstgedachten Entwicklungsgedankens, immer seltener werden und immer mehr nur die doktrinären Wiederkäuer zu Phrasen geronnenen Geistesfutters zurückbleiben. Von der Mannschaft der Jobber, der „Schornalisten", der politischen Lumpen, die sich gerade dort immer mehr anhäufen, ganz abgesehen! Wir wissen auch, daß anerkannt moderne Geister der europäischen Nationen, soferne sie nur mit dem jüdischnationalen Gedanken bekannt werden, alsbald des Befteienden, Menschentum Auslösenden in diesem Gedanken inne werden und gerade den Jüdischnationalen die Hand des Menschen-Kameraden reichen. Doch selbst, wenn alles dies nicht der Fall wäre, so hätte der Herr von der „Wiener Allgemeinen Zeitung" noch kein Recht, so „voraussetzungslos" an sein Tagewerk zu gehen. Fast jedes Wort in seiner Auseinandersetzung erweckt das Mitleid des besser Unterrichteten. „Will man durchaus an eine besondere Mission der Juden selbst noch in unserer Zeit glauben . . .", schreibt er — und weiß nicht einmal, daß die Jüdischnationalen seit jeher gegen den Missionsaberglauben sprechen und schreiben. An Moses Mendelssohn erinnert er, meint, daß edle Juden, wie dieser, ihre Glaubensgenossen „zu einem hohen Weltbürgertum haben führen wollen, nicht in ein neues Ghetto hinein", — und nicht einen Augenblick dämmert in seinem ach so flinken Hirn die Vorstellung auf, daß ja auch die besten Gedanken reicher werden müssen, wenn sie einen Sinn behalten wollen. Nicht einen Augenblick ftagt er sich, ob nicht etwa der Gedanke der jüdischen Nationalität die von der Entwicklung gewollte, einzig möglich gewordene Reifeform des Mendelsohnischen Ideales ,Los vom Ghetto" ist. Was braucht er zu ftagen und zu forschen? Er ist doch seiner Sache so sicher. Und weil er so sicher ist, passiert ihm eine kleine Unwahrheit: „Treu dem Volke ergeben, in dessen Mitte sie leben und dessen Sprache sie sprechen, haben die Juden die Pflicht, allen Ausschreitungen des Nationalismus sich fernzuhalten; aber selber in einen fanatischen Nationalismus, in jenen nationalen Größenwahn zu verfallen, der mehrere der gestern gehaltenen Reden durchdrang, ist so ziemlich das Verkehrteste, was sie beginnen können." Mit Verlaub! Wir können uns nicht erinnern, in der Rede Stands, von der gleich nach dieser Stelle gesprochen wird, und die die einzige jüdischnationale des Tages war, eine Stelle gefunden zu haben, die auf einen fanatischen 'Nationalismus oder nationalen Größenwahn hingewiesen hätte. Im Gegenteile! Wenn je eine Rede der „Pflicht, allen Ausschreitungen des Nationalismus sich fernzuhalten", entsprach, so war es diese. Und merkwürdig sie hat dies besser erreicht und die Jüdischnationalen treffen's überhaupt besser, als jene Juden, die nach dem Rezepte der „Wiener Allgemeinen Zeitung" Vorgehen. Während die „dem Volke in dessen Mitte sie leben und dessen Sprache sie sprechen", (notabene meist nicht sprechen) — „treu Ergebenen" das größte Kontingent an Czechenhetzern in Böhmen, an Ruthenenhetzern in Galizien, an Deutschen- und Slovakenhetzern in Ungarn stellen,— liefern die Juden, die einfach sich selber treu und den anderen „nur" Freunde sind, auch nicht einen einzigen Mann zu diesen Chauvinisten- Regimentern. „Ausgezeichnete moderne Juden wollen vom Talmud und vom Jargon nichts wissen, sie streben darnach, die nationale Eigenart, von der Stand so stolz gesprochen hat, abzulegen, sie wollen keine neue Kluft schaffen zwischen sich und der westlichen Kultur, an der redlich mitzuarbeiten ihr höchster Ergeiz ist. Man sncht förmlich nach einem frischen, unabgetragenen Worte und Gedanken. „Talmud und Jargon" — schon die Zusammenstellung ist ihr Geld wert. Man muß nur Empfindung für ihr unwillkürliches Raffinement haben. Als ob das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität jemandem gebieten oder verbieten würde, den Talmud zu schätzen. Und als ob sich die sieben bis acht Millionen,Jargon"sprecher darnach richten würden, daß gewisse „ausgezeichnete moderne Juden" vom Jargon. nichts wissen wollen." Fällt den Leuten gar nicht ein, geehrter Herr von der „Wiener Allgemeinen Zeüung". Diese „Jargon-"Juden kennen die Gefahr der „neuen Kluft" gar nicht, lesen gar niemals die großartigen Warnungen solcher Sachverständiger, wie Sie Einer sind, und schütten dabei merkwürdigerweise doch die alte Kluft besser zu, als Sie und Ihresgleichen. Das können wir Ihnen, allerdings kaum klar machen. Denn was wissen Sie, — der Sie nur die Matrize eines jüdischen Volkes, nur eine Judenschaft kennen, die in fchmöckischester Weise an sich, ihrem Judenschmerz, ihrer Gläubigkeit und Ungläubigkeit herumpatzt, was wissen Sie Jude des mit dem Munde oder wenigstens im Geiste jubelnden Judentums von dem lebenden jüdischen Volke, das jüdisch spricht? Was wissen Sie von den hunderten Schriftstellern und Künstlern, die — nicht ohne Volkshintergrund, nicht in der Lust hängend, wie Sie und Ihresgleichen — dieses jüdische Volk in jüdischer Sprache bewußt über die Kluft führen, von der Sie sprechen, die Sie aber so wenig begreifen, wie ein Wickelkind den Sternenhimmel? Wie soll man Ihnen begreiflich machen, daß sich nur Sie und Ihresgleichen, kraft Ihrer Selbstgefälligkeit, Platttheit und Unwissenheit, nicht aber die Entwicklung der Dinge darum kümmert, ob die neuen Söhne der westlichen Zivilisation deutsch oder jüdisch sprechen? Wie soll man es in Ihr befangenes Hirn hineinquetschen, daß man — innerhalb jeder Nation — nur muß man eben ganz ihn ihr wurzeln, ein.ganzes Glied in ganzer Gemeinschaft sein — der westlichen Zivilisation angehören kann? Sie geben zuletzt zu, daß die galizischen Nationaljuden „manches für^ ihre Gaubensgenossen getan, den in dumpfer Unwissenheit dahinvegetierenden, ausschließlich vom Erwerbssinn beherrschten armen Juden ihres Landes eine Art Ideal gegeben haben, das sie moralisch und physisch fördern könnte, das aber nur berufen sein müßte, ein Erziehungsmittel zu sein und sonst nichts." Es ist schön, daß wir Sie schon so weit gebracht haben, verehrter Herr, aber deshalb verzechen wir Ihnen die „ausschließlich vom Erwerbssinn beherrschten armen Juden" noch lange nicht. Wir .verzechen Ihnen nicht, daß Sie es untemehmen, über ein so schwieriges Thema, das eine gründliche Kenntniß der einschlägigen Verhältnisse erheischt, ohne jede Kenntniß leichtfertig abhandeln. Sie sprechen von den „ausschließlich von Erwerbsinn beherrschten armen Juden" Galiziens! Wie glücklich könnten Sie sich mit- - samt allen denen, die Sie als Ihresgleichen betrachten, rechnen, wenn Sie auch nur eines Atoms jener selbstlosen, den Erwerbstrieb gänzlich ausschaltenden Hingebung für Ideale fähig wären, wie jenes Volk? Gehen Sie und suchen Sie sich eine Masse unter Ihren Juden, die sich bei Wahlen so benehmen würde, wie jene ostjüdische Masse sich benahm, als ihr eine fteie Entfaltung des jüdischen Geistes und Befteiung vom Drucke der Schlachta in Aussicht gestellt wurde! Das ist es ja: Wären Sie nur einmal einer solchen tausendköppgen Menge geaenüb ergestanden und hätten allerdings mit etwas mehr Intuition als Ihnen eigen zu sein scheint, in die tausende leuchtende Augen geschaut — vielleicht hätten Sie angefangen, sich vor diesen Leuten zu schämen. Vielleicht hätten Sie sich rann auch am Schluffe Ihrer Ausfühmngen nicht den geradezu haarsträubenden Satz geleistet: Selbst die Juden des Westens verstehen sie (die Nationaljuden) nicht. Selbst — ist gut! Selbst... selbst. . . Einen Pflock her, daß wir das Wort für ewige Zeiten annageln!. . . Nein, lieber Mann, nicht selbst den Juden des Westens, sondern nur die Juden, jene' Juden des Westens, die geistig noch Ihnen untertan sind. Diese sind es allein, die uns nicht begreifen können. Der