Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2430890-2430908-2430912--185-2431165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 Neue Zeitung Seite 5 Aus Rumänien. Die „Cronica Jsraelita" berichtet über einen furchtbaren Fall von Juden-Mißhandlung in der rumänilchen Armee, der sich in Dorohoi ereignete: „Freitag, den 5. Mai befahl der Kommandierende des 8. Infanterieregiments Dragosch No. 29, Oberst Mare sch, begleitet von seinem Gehilfen Oberstleutnant Minkul es ku. das ganze Regiment, Offiziere, untere Chargen und Soldaten auszurücken und vor den Kasernen unweit der großen Chauffee ein Caree unter freiem Himmel zu bilden — als ob er eine Ansprache an das Regiment halten oder einen Tagesbefehl an dasselbe verlesen wollte. Zur größten Ueberraschung der jüdischen Soldaten befahl aber der Kommandant, daß sie aus der Front vortreten Und sich entkleiden. Die jüdischen Soldaten standen nackt da. Plötzlich erschien ein Feldwebel, der einen Knüppel schwang, vor der Truppe. Darauf erhielten sechs christliche Soldaten den Befebl, aus der Front zu treten. Auf ein Zeichen des Obersts ergriffen diese sechs christlichen Soldaten einen der jüdischen und warfen ihn zur Erde. Drei hielten ihm den Kopf, drei die Füße, und der Feldwebel bearbeitete ihn mit dem Knüppel. Vergeblich schrie und flehte der mißhandelte Soldat; vergeblich schrieen auch die anderen jüdischen Soldaten, welche ein gleiches Schicksal erwartete; vergeblich protestierten die vorübergehenden Zivilisten, die gerade deZ Weges kamen. — Das Blut floß in Strömen aus den Körpern von acht unglücklichen jüdischen Soldaten. Sie wurden ohnmächtig, aber die Mißhandlung wurde fortgesetzt, bis man 'sie halbtot in die Kaserne trug. Dies alles geschah unter dem Vorwände, daß die Juden nicht den richtigen Dienst leisteten. Nachdem die geschilderten Grausamkeiten vollzogen waren, wurde befohlen, daß alle christlichen Soldaten, welche sich kräftig spüren, vortreten sollen. Diese traten in großer Anzahl vor (da es sich herumsprach, es handle st. um die Tötung der Juden), und es wurde ihnen befohlen, daß Jeder, der die Ueberwachung von drei Juden übernehmen, sie - Tag und Nacht nicht aus dem Auge zu lassen, sie in den Kasernen nnd außerhalb derselben beobachten und, wenn einer von ihnen auch nur das kleinste Vergehen sich zu Schulden kommen lasse, ihn auf's Haupt schlagen, töten oder erschießen soll. Dies Alles auf die Verantwortung der Vorgesetzten. Jedermann wird die Situation der jüdischen Soldaten in diesem Regimente begreifen. Wir wollen keine Kommentare machen, aber wir fordern vom Kriegsminister eine Untersuchung; nicht etwa weil wir Gerechtigkeit hoffen, denn wir wissen nur zu ■ gut, daß man wegen einiger Juden nicht einen Oberst strafen wird; sondern nur um die Erre- ' gung zu beruhigen, die sich in der Kaserne gegen die jeden Augenblick, in ihrem Leben bedrohten jüdischen Soldaten gebildet hat". Diese entsetzliche Geschichte ist wieder ein Dokument des so stark ausgebildeten und in jüngster Zeit gesteigerten Judenhasses in Rumänien. Ob die Untat ihre Ahndung finden wird, darauf sind wir gar nicht neugierig. Denn wir kennen ■ den Grad der Gesunkenheit des rumänischen Staatswesens schon zur Genüge. Aber neugierig sind wir, wie sich die so sentimental dichtende rumänische Königin, die Carmen Sylva, zu den Verbrechen der rumänischen Offiziersschufte verhalten wird. Hier wäre Gelegenheit, verehrte rumänische Majestät, zu zeigen, daß Sie wer und was sind. Die Chalnka. Das alte System der Beteiligung palästinensischer Juden mit in aller Welt gesammelten stammen Spenden, — das ja bekanntlich viel angefeindet ist, — soll nun reorganisiert werden. Die Amsterdamer Chaluka-Verwaltung hat im Einoerständniffe mit der deutschen Palästina-Kommission die Grundzüge dieser Reorganisation festgestellt. Diese Grundzüge anerkennen u. A. die Notwendigkeit, die jüdische Bevölkerung Palästinas, soweit dies, nach den. gegebenen wirtschaftlichen Vorbedingungen möglich ist, „auf eigene Füße zu stellen". Sie stellen es auch als Aufgabe der Chaluka-Verwaltung fest, „der Schäftung von c Arbeitsgelegenheit, insbesondere der Einführung geeigneter Kleinindustrie und von Handwerk in Palästina ihre besondere /Aufmerksamkeit zuzuwenden." Schließlich wird als „Vorbedingung für den Beginn und die Durchführung des Reorganisationswerkes die Errichtung eines, ständigen Bureaus von bezahlten Beamten der Chaluka-Verwaltung in Jerusalem" bezeichnet. Eine amerikanische Emigrations-Kommission in Europa. Amerika beschäftigt sich jetzt mit einem neuen Emigrationsgesetz und hat eine Kommission eingesetzt, welche die Aufgabe hat, die ganze Emigrationsstage genau zu studieren, um dann konkrete Vorlagen machen zu können. Zu diesem Zwecke begab sich auch eine Deputation nach Europa, um auch hier die Emigrationsverhältnisse kennen zu lernen. Diese Kommission weilt jetzt in Triest, im Zentrum der Amerika-Auswanderung. Der jüdische Farmer. Der jüdische Farmer ist heute in Amerika weder ein Mythus noch ein Treibhausgewächs zu Renommierzwecken. Er ist ein Faktor, der ständige Fortschritte macht und bestimmt ist, einen merklichen Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Judenheit zu nehmen. Der Bericht der .Jewish Agricultural Aid Society", eines Organes der Baron Hirsch- Stiftung legt Zeugnis für die Berechtigung solch' optimistischer Hoffnungen. Das Exekutio-Komitee berichtet: „Bis Ende des Jahres sind wir mit 1627 Farmern in Berührung gekommen, die mit ihren Familien sich auf 8700 Seelen belaufen und jetzt ihre Farmen bebauen, die ein Stück Land von 14531 Acres im Wert von 2,601.240 Dollar. Die Herden der Farmer repräsentieren einen Wert von' 639.780 Dollar, was für den ganzen Besitzstand 3,241.020 Dollar gegen 2,716.649 Dollar im Vorjahre, wo 1342 Familien die Farmen bewohnten, ausmacht. Durch' diese Daten wird keineswegs die Zahl der jüdischen Farmer in Amerika erschöpft. Während des abgelaufenen Jahres hörten wir von jüdischen Farmer-Kolonien in der Nachbarschaft von Des Ark, Arcansas; Montgomery, South Carolina; Ruveroien, Maryland and Republic, Washington, welche sich alle aus ureigenster Initiative hier niederelassen haben und mit denen wir niemals in Berindung gestanden haben. Persoualnachricht. Unser Mitarbeiter, Herr Dr. Ernst Müller hat eine Berufung an das hebräische Gymnasium in Jaffa erhalten. Er ist Professor für Mathematik und Physik und hat an der Wiener Universität sttidiert. Dr. Müller redigierte zuletzt die zionistische Jugend- Monatschrift „Unsere Hoffnung". Ausruf! Ein junger Mann in einer der Städte des 32. galizischen Wahlkreises hat im Wahlkampfe bis zur Erschöpfung seiner Kräfte gearbeitet. Am Stichwahltage versetzte ihn das Miterleben aller der namenlosen Wahlschustereien in einen solchen Erregungszustand, daß sein geschwächter Körper dies nicht mehr ertragen konnte. Er bekam einen Blutsturz. Nun braucht er eine Kur zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, speziell eine Badereise, verfilzt aber nicht über die erforderlichen Mittel. Wir bitten nun alle Volksgenossen, die Sinn für die Heldenhaftigkeit dieses jungen Mannes und Mitleid mit seinen jungen Jahren haben, zu den Kurkosten beizusteuern. Wir find bereit, solche Beträge zu übernehmen, ihrem Zwecke zuzuführen und in unserem Blatte auszuweisen. Die Redaktion der „Neuen Zeitung". Es sind uns weiter zugekommen: Im Familienkreise gesammelt von einem 12jährigen nationalen und gutherzigen Mädchen in Alt-Czortkow für den kranken jungen Mann vom 32. Wahlkreise K 10.— Mit dem bereits ausgewiesenen: K 22.—. Aus der jüd. Aeffenilichkeit. V. Zionistischer Parteitag der österreichische» Zionisten in Bielitz. Nachdem am Samstag, den 29. Juni die Vorbesprechungen der einzelnen Distriktskomitees stattgefunden hatten, begannen am Sonntag stütz im großen Schützenhaussaale die Beratungen des Parteüages, der von ganz Oesterreich beschickt war. Zum Präsidenten des Parteitages wurde Dr. Salz (Tarnow) zu Stellvertretern Dr. Kornhäuser uud E. Torczyner (Wien) gewähtt. An dem Berichte des Landeskomiteeobmannes Dr. Schallt, der auf die Erfolge in der innerpolitischen Arbeit, wie Stellungnahme Dr. Strauchers in den Delegationen, die Schaffung jüdischer Wahlkreise u. s. w. hinwies, knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Schließlich wurde über Antrag des Delegierten Abg. Dr. Gabel dem Landeskomüe das Absolutorium erteilt. Hierauf folgte eine große Organisationsdebatte, deren Ergebnis die Beibehaltung des Status quo bildete. Die Leitung der Geschäfte verbleibt nach wie vor dem Landeskomüee, in welchem jedes Distriktskomüee durch zwei Delegierte vertreten ist. In stürmischer Debatte wurde über den § 2, welcher die Anteilnahme von Zionisten an fremdnationalen Organisationen gestattete, verhandelt und dieser gegen den entschiedenen Wiederspruch der böhmischen Delegierten Dr. Emil Margulies (Trautenau) und Bechert eliminiert. Das Referat des Abg. Mahler über die Stellung zum 8. Zionistenkongreffe, worin er sich für den reinen Charterismus aussprach, fand keine Anerkennung und der Parteüag entschied sich für die planmäßige Kleinkolonisation mit gleichzeitiger Erwerbung von Konzessionen. Schließlich verhandette man auch über die Stellung zur Poale-Zion, die durch zwei Gäste vertreten war. Die Zuweisung eigener Wahlkreise für die Kongreßwahlen wurde abgelehnt, hingegen die Bestrebungen eine eigene Föderation zu bilden befürwortet. Sonntag abends fand zu Ehren der Delegierten ein Kommers statt, bei welchem Abg. Strand, Dr. Thon und Dr. Reich das Wort ergriffen. Produktionen des Bielitzer jüdischen Turnvereines fanden ungeteilten Beifall. Bendow. Jüdische Sozialdemokratie in der Buko- Man schreibt uns aus Czernowitz: Letzten Sonntag fand hier eine Konferenz statt — mit der Tagesordnung : Gründung einer selbständigen jüdischsozialdemokrattschen Partei. Der Referent Balakan stellte nach längerer Begründung drei Anträge: 1. Gründung nationaler Organisationen in der Bukowina. 2. Bis dahin Gründung vollkommen autonomer jüdischer Komitees und eines Parteiorganes in jüdischer Sprache. 3. Sympathie-Ausdruck an die jüdischsozialdemokratische Partei Galiziens und Aufforderung an die demnächst stattsindende Landeskonferenz, sie solle die Delegierten und den Abgeordneten Grigorovici beauftragen, beim österreichischen Parteitage auf Anerkennung der jüdisch-sozialdemokrattschen Partei Galiziens zu dringen. Nach längerer Debatte wurde Punkt 1 aus dem Grunde, den Frau Grigorovici anführte, daß nemlich die Partei in der Bukowina noch zu klein sei, um sich in nattonale Organisationen f spalten abgelehnt. Dagegen wurden unkt 2 und 3 angenommen. Bemerkenswert ist, daß auf dieser Konferenz die Besonderhett der jüdischen Nationalüät von keiner Seite auch nur angezweifell wurde, ^bl. Jüdisches Schülerheim in Czernowitz. - Das Gartenfest auf der Göbelshöhe, welches der jüd.-akadem. Leseverein „Emunah" Sonntag den 16. d. M. zugunsten des jüdischen Schülerheims veranstaltete, gestattete sich zu einem wahren Volks- und Glanzfeste. Vom schönsten Wetter begünstigt, eitte die Bevölkerung in Massen nach der mü Emblemen und Fahnenschmuck festlich dekorierten und glänzend illuminierten Göbelshöhe, um so der „Emunah" und ihrem löblichen Unternehmen ihre Sympathien zu zeigen. Am tatkräftigsten wurden die Mitglieder der „Emunah" in ihrem Streben, den Festbesuchern helleres Amüsement, Lust und Freude zu bereüen und gleichzeüig dem Hauptziele, der Schaffung eines jüdischen Schülerheims zuzusteuern, von einem Komitee auserlesener, schöner Damen unterstützt. Im Garten waren nämlich drei mit -Teppichen, Bilder und sonstigem Schmucke schön dekorierte Pavillons errichtet, in denen reizende Damen verschiedene Gebrauchsartikel zum Kaufe anboten. In dem ersten Pavillon, auf welchem das weithin sichtbare Schild „Konditorei" prangte, fungierten als Verkäuferinnen unter der Patronanz der Damen: Frau Dr. Menczel und Frau Dr. Weich die Fräuleins Rosa Fenner, Frl. Minna Qelgießer, Frl. Lamm und Frl. Ruckenstein. Im zwellen Pavillon, der „Stehbierhalle", stellten sich in den Dienst der guten Sache die Patronessen Frau Cäcilie Blum und Frau Dr. Kormuß mit den Verkäuferinnen Frl. Ausländer und Frl. Grünberg. Im drüten Pavillon „Blumenhain" wirkten unter Patronanz der Frau Professor Feller, die Geschwister Frl. Langer. Frl. Schapira, Frl. Reiß und Frl. Wetzler. Die jungen Damen verstanden es, eine ansehnliche Summe dem jüd. Schülerheim zuzuführen. Bis in die späte Nachtstunde herrschte ungebundene Heiterkell, eine lustige animierte Stimmung, Dazu trug nicht wenig bei, die vollständige Militärmusikkapelle des 41. Infanterie-Regiments, deren Kapellmeister Herrn Kostelecki durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen, durch oftmaliges Wiederholenlassen der fröhlichsten jüdischen Stücke und überhaupt durch das an den Tag gelegte Interesse zur Förderung des Festes der Dank gebührt. Unter den zahlreichen Gästen sah man den Vizebürgermeister Herrn Balmosch, Rektor Magnifikus Professor Dr. Ehrlich, Gymnasialdirektor Bujor, Mittelschulprofessoren, Advokaten, Arrzte, Beamte und viele Andere. Der Verein „Emunah" mag in diesem maffenhaften Besuche seiner Veranstaltung eine Sympathiekundgebung für sich und den angestrebten Zweck erblicken. Umso auffallender mußte es sein, daß gerade die Herren Kultusräte und der größte Teil der jüdischen Gemeinderäte, die am ehesten dazu berufen waren, die Institution des jüd. Schülerheims, dessen Dringlichkeit allseits anerkannt wird, zu fördern und zu unterstützen, durch ihre Abwesenheit glänzten. Trotzdem und trotz der beträchtlchen Auslagen wurde durch die Gunst des großen Publikums, durch die Munisizenz zahlreicher Spenden, die, weil noch viele bereits angewiesene Beträge nicht eingelangt sind, erst spä.er veröffentlicht werden, und schließlich durch die aufopfernde Mitwirkung des genannten Damenkomüees, das verhättnismäßig große Reinerträgnis von über 1200 Kronen erzielt. Die „Emunah" wird auf dem begonnenen Wege unbeirrt weiter schrellen und hofft raschest die Realisierung des jüdischen Schülerheims zu bewirken.