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Neue Zeitung · 1907-07-05 · Heft 4 (5.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 An den parlamentarischen Orgien ist nur Eines gut: daß die Sozialdemokratie vielleicht doch davor behütet wird, zu „staatsylännisch" zu werden und ruhig Unrecht Unrecht sein zu lassen. Sie wird gleich morgen ihren freiheitlichen Feuergeist wieder zu erproben haben. Morgen kommen die Dringlichkeitsanträge wegen der galizischen Wahlmißbräuche -ur Verhandlung. Die galizischen Ehrenmänner werden wieder die Sonne wegleugnen — und eine breite Koterie von ebensolchen Ehrenmännern ans andern Ländern wird ihnen Helsen. Von jüdisch-nationaler Seite kommt Abg. Stand zu Worte, und ist man natürlich auf seine parlamentarische Jungfernrede sehr gespannt. Herzl-Traueraudacht. Montag, den 1. d. M? wurde im Seitenstätten- Tempel anläßlich der Jahrzeit Dr. Theodor Herzls ein Trauergoltesüienst veranstaltet. Der Tempel war dicht gesülll, unter anderen bemerkte man den Kultusvorstand Dr. Markus Spitzer, die Reichsratsabgordneten Adolf,Stand und Dr. Mahler Vertreter aller Studentenvereinigungen rc. Nachdem Herr Oberkantor Singer einen Trauerpsalm vorgetragen hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang die Trauerrede. An einen Satz im Wochenabschnitte anknüpfend, verglich er Herzls Auftreten mit Pinchas. „Man mag mit Herzls Ansichten übereinstimmen oder nicht", sagte der Redner, „jeder, ob Freund oder Feind, muß zugeben, daß Herzl ein Großer in Israel war, der die vielen tausende jüdischen Jünglinge ihrem Stamms zurückbrachte, die stolz auf ihre Tradition und Geschichte sind". Die Rede machte auf die Versammelten einen tiefen Eindruck. Sonntag, vormittags fanden sich aus demselben . Anläße zahlreiche Zionisten auf dem Döblinger Friedhofe ein, wo Kantor Landau das „El mole Rachamim" wirkungsvoll vortrug. I. H. Iwan Franko, der berühmte ruthenische Schriftsteller veröffentlichte jüngst in der Wiener „Zeit" einen sehr interessanten Artikel zu der Kontroverse, die in diesem Blatte zwischen Björnson einerseits, Paderewski und Sienkiewicz andererseits, über die ruthenische Frage stattfand. In diesem Artikel kommt auch eine Stelle über die galizischen Juden vor, Me* sehr beachtenswert ist, und die wir, ohne näher auf sie einzugehen, hier wiederholen wollen. „Auch die Juden fanden bei uns Schutz und Obdach, ja, richtig, nur war das keine nationale Tat Polens, sondern ein Privatvergnügen des polnischen Königs Kasimir des Großen, der in eine Jüdin verliebt war und auch ,jBauernkönig" genannt wird dafür, daß er in seinem „Wisticer Statut" den ersten Grundstein zur Knechtung polnischer Bauern gelegt hat. Uebrigens haben die Juden diese polnische Gastfreundschaft sehr teuer bezahlt; sie kamen nach Polen als freie, hochzivilisierte Männer und sind hier nach Jahrhunderten zum verachteten und abschreckenden Typus des „polnischen Juden" herabgediehen; und wenn aus der Karikatur dieses Typus sich vor unseren Augen ein neuer nationaljüdischer Typus heranzubilden beginnt, so sind die Polen seine ärgsten Feinde. Wie einst die Robotbauern, so möchten die polnischen Herren auch jetzt noch nur altvertraute „polnische Juden" um sich sehen, keineswegs aber fteie, vollberechtigte Bürger." Pole» «nd Christlichsoziale. Ebenso lehrreich als köstlich ist folgende Notiz, die „die Information", eine im Dienste der schwärzesten Cliquen stehende Korrespondenz, bringt: „Von polnischer Seite. Der Polenklub ist seiner bewährten Tradition, Gegensätze auszugleichen, Wiverstrebendes zusammenbringen, treu geblieben. Die Herstellung des Kompromißes in der Präfidentschaftsftage war nicht zum geringsten Teile sein Verdienst. In regen ' Konferenzen wurde den Tschechen bewiesen, daß ihre Aspiration auf die Präsidentenstelle schon infolge der Zerfahrenheit in ihrem eigenen Block inopportun sei. Das Ansinnen der Tschechen an die Polen, diese mögen Dr. Weiskirchner einen Gegenkandidaten entgegenstellen, wurde entschieden abgelehnt, weil die Polen auf freundnachbarliche Beziehungen mit den Christlichsozialen Wert legen und keine'Ursache haben, den Weg für ein künftiges Zusammenwirken mit letzteren unpaflierbar zu machen. Die Polen sind überdies auf das Wohlwollen ihnen attachierter Parteien bei Aufrollung der viel zu arg verlästerten galizischen Wahlmißbräuche angewiesen. Wenn sie daher heute Verbindungsbrücken mitten durchbrechen, so könnten sie sehr leicht den festen Boden unter den Füßen verlieren. Schließlich ist bei den klugen Taktikern des Kolo die Erkenntnis zum Durchbruche gelangt, daß Neue Zeitnu g der Polenklub seine superiore Stellung zum Teile verloren habe. Seine frühere Rolle, der Pacemacher aller Vorlagen zu sein und gleichsam eine obere, Instanz über den übrigen Parteien zu bilden, Hal er infolge des großen Machtzuwachses der Christlichsozialen eingebüßt. Wer wenn er sich nicht als, ein bevorrechtige!, sondern als ein ebenbürtiger Teil einer großen Attbeitsmajorität fühlt, und wenn er, wie ja aus der Wahl des Herrn v. Abra hamowi cz zum Obmanne hervorgeht, seinen konservativen Charakter beibehält, dann kann er immerhin zu einem'hochwichtigen politischen Faktor emporwachsen." Galiziana. Meine Großmutter, Gott gebe ihr die ewige Ruhe, war eine kluge jüdische Frau, aber sehr abergläubisch. Da beschloß ich eines Tages, meiner Großmutter den Aberglauben auszureden. Ich bereitete mich hiezu gehörig vor, nahm all mein Rüstzeug aus Physik und Naturwissenschaft und hielt ihr einen großangelegten Vortrag. Sie hörte mir ruhig zu, schüttelte begreifend mit dem Kopfe, ja sie spann die ausgesprochenen Gedanken weiter, aber sie blieb was sie war — nämlich in ihrem Werglauben befangen. Ich ärgerte mich darüber, wiederholte meine Vorträge,' jedoch immer mit demselben Mißerfolge. Dieser Tage mußte ich an meine Großmutter denken, als ich eine Nummer des Organes der jüdischen Polen in Galizien, die JednoSc“ las. Ich staunte, die Leute kommen doch zur Besinnung, «dachte ich mir, denn sie geben dort ohne Umschweife zu, daß die nationaljüdische Partei auf der ganzen Linie gesiegt habe, sie gehen den Ursachen nach und finden folgerichtig, daß die Polen den Juden gegenüber immer eine zweideutige Rolle gespielt haben, daß die Bestrebungen der Juden sich zu assimilieren polnischerseits auf Widerstand stoßen, daß die Polen in den letzten vierzig Jahren den Juden gamichts geholfen haben. Sie konkludieren wellers, daß die Assimilation der Juden zugleicherzeit verftüht und verspätet sei. Verfrüht, weil das polnische Volk noch nicht genug reif hiezu sei, weil es noch immer die Juden unaufrichtig behandle, indem es ihnen noch immer 'mit Verachtung und Abneigung begegne und ihre Rechte erkürze. Beweis: In keinem gemischtnationalen Bezirke hat man einen Juden als Reichs-' ratskandidaten ausgestellt und in den ohnehin an Zahl geringen jüdischen Wahlbezirken polnischchristliche Kandidaturen proklamiert. Verspätet, weil das mißachtete jüdische Volk den Polen nicht mehr vertraut, seine eigene Politik führt, und der Schlachta bereits die Gefolgschaft gekündigt hat. Dieses Vorgehen findet die „Jednoäc“ natürlich und, statt bis zu Ende "zu denken, tut sie dasselbe, wie' meine Großmutter, bleibt auf halbem Wege stehen. Die Jüdischnationalen mögen recht haben, die Logik ihrer Handlungsweise ist klar einleuchtend — abergläubisch bleibt aber die „lednosc", ihr Mitarbeiterstab 'und ihr Gefolge doch. Denn trotz alledem versichert sie mit zwar komischem, aber vor innerer Rührung vibrierendem Pathos, daß sie, die jüdischen Polen unentwegt treu bleiben, daß sie die nationale polnische Fahne Hochhalten werden trotz der Stürme einer - und des Mangels an Unterstützung andererseits. Keine Macht sei imstande ihnen ihrem — Aberglauben zu entreißen. Vor mir liegt eine Broschüre, „die Brodyer Wahlen, im Lichse der Wahrheit" betitelt, ihr Verfasser ist der durchgefallene Polenklubkandidat von Brody, Herr Dr. Simon Wollerner. Der arme Mann gibt darin den Gefühlen .seines Herzens Ausdruck, zu diesem Zweck hat er sich bei seinem Bürgermeister, dessen egoistisches Vorgehen er mit spitziger Feder in die Annalen der Geschichte eingräbt, das Theatergewand der schönen Pose ausgeliehen und wichtigtuend berichtet er der leider nicht sehr neugierigen Mitwelt von seinem Durchfall. Anlaß hiezu gibt ein Artikel der „lednoäc", die ihn, eines seinerzeit von ihm an Dr. Zipper-gerichteten und in der Wahlkampagne im veröffentlichten Briefes wegen, einen verkappten Zionisten nennt. Das tut dem Dr. Wollerner weh. Er greift zur Feder und, nachdem er durch einen ritterlich-graziös gedachten aber putzig wirkenden Ausfall den Dr. Zipper der allgemeinen Verachtung preisgegeben zu haben glaubt, gibt er eine Erklärung, des Zionismus nach seinem Sinne, meint, daß er wähl unbeschadet seinem Polentum ein solcher Zionist sein könne, widerruft es einige Seiten weiter, schwört pathetisch, daß er nie mit den Zionisten in Berührung gestanden sei, klagt den Rittel, die „Rada noradowa" an, gesteht unterwegs. daß^er sich mit der polnischen Sozialdemokratie für dis Stichwahlen koaliert habe, verleumdet die Jüdisch-Nationalen,' indem er sie des „rabbinischen Obskurantismus", der Volksverdummung und anderer Untaten zeiht und entsetzr sich darüber, daß sie in Tarnpol ein Kompromß mit den Ruthenen gegen Gall geschlossen haben, was er „a l s ewige Schande" betrachtet. Knecht der Schlachta sein ist natürlich nobler. Schließlich speit er Gift und Galle auf die „lednosc", den Herm Rittel und die Konnationalen in Lemberg, die ihn nicht genügend unterstützt hätten. Soweit Herr Dr. Wollerner. Wir wollen nicht viel Kommentare dazuschreiben, das haben die wackeren Brodyer durch die Wahl Stand's hinreichend besorgt. Mojschale. Nr. 4 Dr. Bloch veröffentlicht in der Wiener „Zeit" folgende Berichtigung: „Es ist unwahr, daß ich „Zionist" bin. Wahr ist vielmehr, daß ich niemals Zionist war, der zionistischen Pattei niemals angehört habe. Wahr ist ferner, daß ich nicht auf Grund eines „zionistischen", sondern eines national-jüdischen und demokratischen Programms kandidiert habe. Es ist unwahr, daß ich der „einzige Gegenkandidat" des Herrn v. Starzynstt war. Wahr ist vielmehr, daß die Ruthenen, die in dem 30. Wahlbezirk Galiziens 19 Prozent der Bevölkerung, während die Polen blos 13 Prozent bilden, gegen Herm v. Starzynski einen eigenen ruthenischen Kandidaten in der Person des Herrn Dr. Zah ajkiewicz aufgestellt hatten. Hochachtungs- . voll Dr. Josef S. Bloch." Die ruthenische Sozialdemokratie, hat sich lange genug kritiklos die. Vorherrsch« der polnischen. Sozialdemokratie, die ' leider vom chauvinisttschen Geiste ihrer bürgerlichen-Volksgenossen etwas übernahm, ertragen. Nun hat der Wahlkampf diese Schwäche der - polnischen Sozialdemokratie, die natürlich von persönlichen Interessen stark genährt wird, zu deutlich enthüllt. Ruthenische Kandidaten wurden zurück- und polnische aufgedrängt. Besonders hat diese Aufdringlichkeit der ruthenische Sozialdemokrat Hankiewytsch zu erfahren gehabt. Und an seine Assaire knüpft „Zemlja i Wolja", das Zentralorgan der ruthenischen Sozialdemokratie, ihre Kritik . der polnischen Sozialdemokratie an. DasziuDki spricht in der „Trybuna" einige Sätze aus, die auf eine geänderte Haltung gegenüber der „Jüdischen Sozialdemokratien" („Separatisten") Hinweisen. Wenigstens findet er Worte der Anerkennung für ihr solidarisches Vorgehen mit den anderen Sozialdemokraten. Wenn er aber bei dieser Gelegenheit die andern Juden als „fremden Körper" charakterisiert, so verwechselt er „selbstständig mit „ftemd". So „fremd" ist auch die jüdische Sozialdemokratte, und will es sein. Sonst würde sie ja nicht schon so lange um die Anerkennung ihrer Selbständigkeit kämpfen. Und andererseits liegt es nur bei den polnischen Parteien, das die. Jüdischnationalen trotz aller „Fremdheit" auch' mit ihnen in politischen Dingen .zusammengehen. Sie sollen nur echt ^demokratisch werden. Die nächste Duma und die Juden. Wie aus den russischen Blättern zu ersehen ist, rüsten sich alle früheren ' jüdischen Parteigruppen zur Beteiligung -am Wahlkampfe. Es wird auch diesmal wie bei der Wahl für die zweite Duma, jede Partei mit ihrem Programm -selbständig auftteten. Vielleicht gelingt es an manchen Orten, alle jüdischen Stimmen auf einen Kandidaten zu vereinigen, fürjeden Fall, sind die verschiedensten Parteischattierungen darin einig, daß . der jüdische Dumaabgeordnete, die bisherige Schweigepolitik entschieden aufgeben muß. In der allerdings kurzen Lebensdauer der beiden ftüheren Duma-Epochen hat kein einziger jüdischer Abgeordneter das Wort ergriffen, um die^Judenfrage offen und frei aüfzurollen. 175 Tage lebte das russische Parlament und von diesen hat man nicht versucht, einen halben Tag wenigstens oder einige Stunden der jüdischen Lage zu widmen. Die traurigen Ereignisse in Bialystok nötigten erst einem jüdischen Abgeordneten einige Worte ab.--Das bleibt ein trauriges Faktum in -der jüdischrussischen Leidensgeschichte. Man muß daher jetzt nur solche Abgeordnete in die -dritte Duma wählen, welche den Mut haben werden, die Judenfrage in beredter Weise zu vertreten, als Jude auf die Tribüne der öffentlichen Meinung zu gehen, um von dort aus vor allem gegen die furchtbaren Unrechtmäßigkeiten und - Greuel die an den Juden begangen. werden Protest zu erheben und andererseits Menschenrechte für die Juden zu fordern. Eine russische Bischofsfrechheit. Bei einem Besuche des griechisch-orthodexen Bischofs in Orel giengen ihm auch der Rabbiner und - Gemeindevorsteher zur landesüblichen Begrüßung mit Brot und Salz entgegen. Der Bischof schaute, sie scharf an und grollte: „Es ist mir gleichgültig ob mich die Juden begrüßen, oder auch nicht. Als höchster Priester im Gouvernement habe ich aber zu bemerken, daß Euch, wenn Ihr gut und tugendhaft seid, . Euch nicht in die Politik mischet und die Christen nicht behelligt, nichts geschehen wird." Sprachs, und ging ohne Brot und Salz anzunehmen, von dannen. — Noch größer allerdings als die Frechheit dieses sauberen „höchsten Priesters" ist die Niedrigkeit jener Juden, die ihren Todfeinden, noch immer mit solchen kläglichen Mitteln beikommen wollen. Glücklicherweise ist dieser Sklavengeist im russischen-Judentum im Aussterben.'

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