Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue Zeitung Nr. 4 „Realpolitik und Idealismus schließen sich keineswegs aus. Sie ergänzen sich vielmehr. Eine Jdealpolitik, die den Boden der Wirklichkeit verläßt, ist wertlos. Eine Realpolitik aber ohne leitende Ideen ist es nicht minder. Jene ist das Eldorado der Schwärmer, diese der Streber." „Sie wären also, wenn ich Sie recht verstehe, vor Mem bemüht gewesen, den Grundsatz einer idealistischen Realpolitik oder realistischen Jdealpolitik bei den Jüdischnationalen zur Anerkennung zu bringen." „Gewiß! das heißt ich hätte vor Allem getrachtet, den „Jüdischen Klub" zu einem flammenden Proteste gegen das, was in Galizien geschah, zu veranlassen. Und ich zweifle auch gar nicht, daß auch ohne mein Dazutun dieser flammende Protest noch kommen wird." „Mag sein, aber was ist am Ende damit erreicht?" „Sehr viel, mein Lieber, das, was der Turnende mit dem Anlauf bezweckt. Wir würden mit einer Schwungkraft begabt, die wir schon aus dem Grunde mehr denn alle die Anderen brauchen können, als unser gar so Wenige geworden sind." „Sie halten also offenbar den Nachteil, daß der Klub so klein ist, für einen ernsten." „Mißverstehen Sie mich nicht! Ich bin nie ein bedingungsloser Anhänger der Ziffer gewesen. Mein, ich darf doch zugeben, daß unsere heutige Ziffer denn doch zu klein ist, um sich nicht eine höhere zu wünschen und um nicht nach Mitteln zu trachten, die den Effekt dieser absoluten Kleinheit einigermaßen aufheben." „Wir sollen uns also durch Jmpetuosität durchsetzen." „Glauben Sie nur ja nicht, daß ich eine Taktik des wüsten Tumultes. empfehle. Nicht Geschrei ist es, wonach ich verlange, sondern, daß wie gesagt, aus uns Allen ein helliger Zorn spreche, der uns auf höhere Postamente stellt: Ein ungeheures „Wir klagen an", das unwillkürlich die Freunde mitreißt, die Gleichgiltigen interessiert, die Feinde in Bewegung bringt, ein reinigendes Gewitterein läuterndes Profetenwort, für das sich die Wenigen besser eignen als die Vielen. Und vergessen Sie nicht, auf das Echo, das dieses gewaltige Wort in unserem Volke hervorriefe. Es würde uns als seine Dolmetsche fühlen,, es würde sich aus der verzweifelten stummen Wut, in die es nach den Verbrechen der vorletzten Maiwoche versetzt ist, zu neuem tätigen Wollen erheben . . . . Wie immer Sie die Dinge betrachten wollen, wir dürfen nicht diejenigen sein, die sich wegen der an uns begangenen Verbrechen, die zugleich Verbrechen am Staate sind, zuerst beruhigen." „Gut! Wenn aber dieses Sühnwerk vollbracht ist?" „Dann gehen wir befriedigt und stolz an die andere Arbeit." „Wie stellen Sie sich diese vor? Doch zuvor noch eine Frage: Sie sind doch ein Anhänger der Idee des jüdischen Klubs?" Das syrisch-römische Uechtsdach und Sammurabi I. Von Dr. Siegmund Freund. Die Bewegung, welche die Auffindung des Dioritblockes mit den Gesetzen Hammurabi's hervorgerufen hat, will nicht zur Ruhe kommen. Der erste Teil der Arbeit ist nunmehr getan; man hat dem Steine sein Geheimnis enttüssen, und das Werk des babylonischen Königs liegt beinahe vollständig rekonstruiert vor uns. Sofort mußte nun die Frage austauchen, ob denn ein so bedeutendes Gesetzeswerk wirklich spurlos verschwinden konnte, oder ob sich nicht in den uns bekannten Rechten Einwirkungen desselben Nachweisen lassen. Schon in seinem Werke, „Die Gesetze Hammurabi's und ihr Verhältnis zur mosaischen Gesetzgebung und den Xll Tafeln" hatte der Wiener Orientalist Müller auf den Zusammenhang zwischen den Gesetzen Hammurabis und den XII Tafeln hingewiesen. Ueber dasselbe Thema hat Müller auch im Frühjahre 1904 einen Vortag in der juristischen Gesellschaft gehalten. Zunächst jedoch mußte man bei der Frage, ob sich Einwirkungen des Hammurabi-Kodex Nachweisen lassen, an den Orient denken, an die Länder also, in denen das Gesetz Hammurabis „Fragen Sie mich, ob ich als Reisender ein Anhänger des Eisenbahnwagens, und des Schiffes bin! Wie sollte ein Volk, das in seiner - Nationalität noch gar nicht anerkannt ist und ohnehin so wenige Kräfte zur Verfügung hat, die parlamentarische Reise anders machen?"j „Man weist aber auf den ausgebildeten Individualismus der Juden hin/' „Nun, es ist gerade gut, um den Klub vor Erstarrung zu ^wahren. Im Uebrigen sind die Voraussetzungen politischer^ jüdisch-nationaler Tätigkeit so beschaffen, daß eine unüberbrückbare Divergenz der Anschaungen kaum zu erwarten ist. Die Tatsache, ob jemand Zionist ist oder nicht, kann keinen Unterschied begründen. Die Wähler haben ihn auch nicht anerkannt. Und schon die nächste Zukunft wird, muß für diese Frage, die eigentlich keine ist, eine alle Teile zufriedenstellender Lösung finden. Und sonst? Steht man^ einmal auf dem Standpunkt, daß die völlige Anerkennung und Gleichberechtigung der jüdischen Nation und Maßregeln, und ihre wirtschaftliche Wohlfahrt zu heben, die Hauptpunkte der österreichisch-jüdischen Politik sind, dann müssen die verschiedensten Neigungen ftüher oder später auf der gleichen demokratischen, national-autonomischen und sozialpolitischen Linie Zusammentreffen. Politischer und ökonomischer Konservativismus, sowie einseitiger Machtnationalismus können sich in einem jüdisch-politischen Lager nie dauernd behaupten. Es kommt nur darauf an, sich vor Abirrungen zu hüten und die richtige Richtung immer rechtzeitig zu erkennen, damit nicht unnötige Zeit-, Energie- und Achtungsoerluste eintreten." „Was hätten Sie nun diesbezüglich im Parlament getan, . welche Richtung hätten Sie vorgeschlagen?" „Ich hätte vor' Allem auf Entschiedenheit und Klarheit gedrungen. Man muß seinen Weg vor Allem selber kennen und dann die Anderen darüber nicht im Unklaren lassen." - „Aber in der Politik..." „Ich weiß schon, was Sie sagen wollen: In der Politik kann man nicht so ehrlich sein. Ich habe diese Binsenweisheit oft genug gehört, um mich nicht vor ihr, zu beugen. Was will man damit sagen? Daß man nicht jeden Zug dem Gegner oder auch dem Freunde verraten muß, verraten -darf? Das gebe ich ja gerne zu, und ich sehe auch nicht soviel Unehrliches darin, daß man sich deshalb schon einbilden dürste, ein Politiker" zu sein. Soll es aber heißen, daß man überhaupt Dunkel auf seinen Weg, auf seine Sttaße, auf die breite Heerstraße streuen will, so daß der Andere gar nicht wissen soll, wohin diese führt? Run dann ja, dann müßte ich mich einer, solchen Politik gegenüber ablehnend verhalten. Sie vertreibt die Freunde, schafft Feinde und bringt in Verruf. Und am allerwenigsten darf sich eine kleine Gruppe den. Luxus dieses Fehlers gestatten. Eine große politisiert und diplomatisiert sich damit langsam zu Grunde, eine kleine muß sich in kurzer Zeit zerstören." entweder selbst Geltung hatte, und an die diesen Ländern benachbarten Länder. Auch hier hatten die Römer festen Fuß gefaßt, und auch der Orient war ein Teil des römischen Weltteiches geworden. Wie überall aber, wo die Römer ihre Adler aufpflanzten, das römische Recht Eingang fand, so auch hier. Und ebenso, wie das deutsche Recht dem Kampfe mit dem formal so hoch ausgebildeten römischen Rechte nicht gewachsen war, so unterlag auch im Oriente das einheimische Recht und das Recht der Römer gewinnt fast ausschließlich Geltung. Ein Bild dieses Rechtszustandes gibt uns das syrischrömische Rechtsbuch, eine Kodifikation des in Syrien gellenden Rechtes, entstanden in der zweüen Jälste des 5. Jahrhunderts nach Christi. Dieses Rechtsbuch enthält fast durchwegs römisches Recht. Aber ebenso, wie in Deutschland das deutsche Recht ttotzt der Rezeption in einigen Partien des Rechtes in Geltung blieb, so auch hier. Neben dem römischen Rechte finden sich Bestimmungen, welche sich aus demselben absolut nicht erklären lassen. Insbesondere das Jntestat-Erbrecht weist eine ganz abweichende Regelung auf. Schon Bruns, der bei der von Sachau im Jahre 1880 besorgten Ausgabe des syrisch-römischen Rechtsbuches den juristischen Teil der Arbeit besorgte,/ hatte auf diese Partten hingewiesen und die Vermutung ausge- /„Jch glaube, daß der „Jüdische Klub", wie er heute beschaffen ist, sich von ähnlichen Ansichten leiten lassen wird." „Ich glaube auch. Die vorhandenen Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen lassen ihm ja auch kaum eine andere Wahl. Aber Sie werden begreifen, daß ich bei der Wegbestimmung gerne mit dabei gewesen wäre. Es gibt da soviele Fragen, mein Lieber." „Ja, z. B, die Frage: Polen und Ruthenen. „Ganz richttg! Es ist vielleicht die wichtigste?" „Die wichtigste?" „Gewiß! Die Polen — um mich eines kurzen Ausdrucks für die führende und leider seine Ideale beeinflußende Kaste des polnischen Volkes zu bedienen — haben wir ausgekostet. Sie haben uns in unserer Menschenwürde geschädigt, in unserer nationalen Existenz verkrüppelt, wirtschaftlich zu Luftmenschen gemacht. Wir gehen nicht neben ihnen, sondern werden von ihnen entweder nachgeschleift oder mit Rippenstößen vorwärts gestoßen. Sie sind auch nicht besserungsfähig. Denn wie sie mit uns verfahren, ist kein Ausnahmsfall. Wohl sind wir besonders dankbare Objekte für ihre gewissenlose Herrschsucht gewesen. Aber diese selbst geht gegen Alles, fließt aus ihrer brutalen Natur, aus ihren traurigen Machtinstinften. Sie sind auch nicht bloß int Bereiche Galiziens gefährlich, sondern wirken verhängnißvoll auf die Gestaltung Oesterreichs überhaupt. Sie sind die Stütze der Herrenherrschast, des Dunkelmännertums, der Willkür in ganz Oesterreich. Und was dieses System für uns bedeutet, sollten wir schon wissen. In welcher Gestalt es auch lebt, immer führt es uns der alten Knechtschaft nahe, die vor der Emanzipation war. Nur seine endgiltige Ueberwindung kann uns die nationale Gleichberechtigung und damit den höchst erreichbaren Grad gleicher Lebensbedingungen mit den. anderen Staatsbürgern geben." „Aber wie können die vier Jüdischnationalen die Richtung der österreichischen Politik beeinflußen,'was vermögen sie gegen den eisernen Ring der Reaktion, der nun eben wieder Zusammengeschweißt worden ist." . . „Ich will davon absehen, daß bei Abstimmungen auch manchmal vier Stimmen ins Gewicht fallen. Ich will ferner davon absehen, daß nur der überzeugungserfüllte Kampf für die eigene Anschauungen mit der Zell aus den vier — sechs, acht und zehn machen kann. Ich will den ganzen moralischen, den Gegner immer schwächenden Eindruck eines solchen. Kampfes nicht berücksichtigen und will ihnen nur Eines antworten: Sollen die Vier vielleicht deshalb, weil sie mit ihren Stimmen nicht viel gegen die Reallion und ihre polnischen Schmiede ausrichten können, mit den Todfeinden gehen? Sollen sie etwa das .Volk, das sich den tötlichen Umschlingungen zu entwinden beginnt, wieder ruhig dieser Boa ausliefern?" „Wir sollen also mit den Ruthenen gehen?" , „Ja, so lange sie nicht die Grenzlinie zwischen berechtigtem Kulturnattonalismus und räuberischem Machtnationalismus überschreiten, und davon! sind, sie noch sehr weit entfernt, wenn sie überhaupt je dazu kommen sollten." - sprachen, daß man es hier mit altsyrsschem, also mit semittschem Rechte zu tun habe. Es bedarf keiner längeren Ausführung, um darzutun, daß es von besonderem Interesse sein muß, die Herkunft dieser nicht römischen Bestandteile aufzuklären. Die Herkunft dieser Teile läßt ja wohl einen Schluß darauf zu, welches Recht in Syrien vor der Rezeption des römischen Rechtes in Geltung stand, und damit wohl auch einen Schluß auf die Kultur, welche zur Zeit der Entstehung des Rechtsbuches die herrschende war. , Auch Mitteis beschäftigt sich daher in seinem Werke „Reichsrecht und Volksrecht in den östlichen Provinzen des römischen Kaiserreiches" (Leipzig 1891) , mit der Frage nach der Herkunst dieser Teile des Rechtsbuches und prüft sie nach der Richtung hin, ob hier ein Einfluß des griechischen Rechtes vorliege. Tatsächlich findet er auch insbesondere in dem Jitzestaterbrecht einen auffallenden Parallelismus mit dem griechischen Rechte, während er weitgehende Unterschiede zwischen dem Rechte des Rechtsbuches und dem mosaischen Rechte findet. Er gelangt daher zu dem Resultate, daß alle nichtrömischen Bestandteile des syrisch-römischen Rechtsbuches aus dem griechischen Rechte kommen, und sieht darin „ein spätes Zeugnis für die ungebrochene Kraft der führenden Nation" (Seite 30) und hält es „für