Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-07-05 · Heft 4 (5.7.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430912--181-2431161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gfimMinn nnb JLimini|ltilton: Wies, 11/1, Tahnrstrassa 64. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 9—1 Uhr Vormittag. /. lussrttousxrslso: »tsgjpe Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und ChefredakteurDr. Nathan Ib»aueme»ts?nise: In Oesterreich-Ungarn Ganzjähr K8.-f halbj. K 4.— Vierteljahr. K 2.— . Im Ausland: Ganzjähr. K ll.— halbj. K 550 Das Abonnement kann mit jeder ' Nr. 4. Ivien, Freitag, den ö. Juli Y07- 2. SS Im Parlamente (Sitzung vom 3. Juli 1907). >lb g. Dr. Liebermann: . Unser Werhättnis zu den Zoten. , Bei allen Schritten, die die Nationaljuden Galiziens in den letzten Zeiten unternommen haben, glaubten sie es sich schuldig zu sein, vor den Polen einen tiefen Kotau zu machen und sie zu versichern, daß ihnen jede unfreundliche Gesinnung - gegen die Polen fern sei, ja, daß sie nichts sehnlicher wünschen, als ein freundnachbarliches Verhältnis zu ihnen zu unterhalten. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die Nationaljuden in aller Aufrichtigkeit von dieser Intention erfüllt waren und wir wären die ersten, die sie zu dieser Haltung , beglückwünschen . würden, wenn diese Freundschaft nicht gar so einseitig wäre und die Kosten derselben nicht ausschließlich von den Juden getragen werden müßten. Denn zur Liebe, wie zur' Freundschaft gehören bekanntlich zwei. .An der Haltung der Polen im gegenwärtigen Wahlkampfe werden sich die Jüdischnationalen haben überzeugen können, daß die Polen, ohne Unterschied der Partei, weit entfernt sind, in den Juden' Galiziens ^in gleichwertiges Volk zu sehen, und schon darin 'eine 'gegen sich gerichtete Feindschaft erblickten, daß die Juden es gewagt haben, eigene Kandidaten aufzustellen und nicht erst darauf warteten, bis ihnen die Polen welche präsentierten. Unsere Sentimentalität, in der Politik überhaupt nicht am Platze, ist also ganz unangebracht: Prinzipiell,weilunsere Ziele' den, von den Polen bis auf weiteres für ihre Politik ins i Auge gefaßten Zielen ganz entgegengesetzt sind. Und taktisch, weil sie uns in unserer Bewegungsfreiheit hindert. Was wollen die Polen von uns? Angeblich politische. und kulturelle Assimilation. Die Allpolen gehen sogar noch weiter. Sie möchten, daß" selbst aus der jüdischen Religion all dasjenige ausgemerzt werde, was die Juden an ihre „Separation", an ihr Volkstum erinnern könnte. So viele Parteien und . aufs heftigste sich.bekämpfende Strömungen es unter den Polen geben mag, darin waren sie sich alle einigdaß es ein Verhängnis für sie wäre, wenn die Juden sich von ihnen politisch separieren und eine eigene Politik einschlagen wollten.. Es muß zugegeben werden, daß diese. Annahme, wenn' man eben auf den Standpunkt nationaler Vorrechte steht, nicht ganz unrichtig ist. Die Polen machen von den 7 Will. Einwohnern Galiziens 3 Will, aus und sind trotz dieser Minorität 'die alleinigen unumschränkten Herren des Landest Dies konnten und können sie , nur dann erreichen, wenn sie sich die 900.000 - Juden einverleiben. Sie wissen ganz gut: Sowie . sich die Juden von ihnen emanzipieren, ist es um ihre Alleinherrschaft, geschehen!: Uni) darum dieses hartnäckige Beharren, auf der Assimilation der Juden, die sie -im Grunde, gär nicht wollen. Niemals suchte , ein Volk so . konsequent und mit so - unerbittlicher Logik selbst die assimiliertesten Juden von jedem Einfluß auf die politische und . autonome Verwaltung fernzuhalten, wie es die Polen Galiziens getan haben. Zwei Perzent beträgt das Verhältnis der in die.Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten aufgenommenen Juden und auch diese finden nur als Religionslehrer, Anstellung.-Bis vor wenigen Jahren war ein jüdischer Gymnasiallehrer eine Seltenheit, die erst. aufhörte, als der Mangel an Gymnasiallehrern infolge der Kreiierung neuer Gymnasien . ein' ganz gewaltiger wurde. Jüdische Richter sind wo der Einfluß der Polen ausschlaggebend ist, findet der Jude prinzipiell keine Anstellung. Auf sonstigen Gebieten hingegen, wo,' wie auf dem des Handels und der Industrie die Polen bis nun fast gar keine Rolle spielten, versteht man unter Hebung des Handels und der Industrie jene Maßregeln, durch die man die Juden, aus den von ihnen eingenommenen Positionen verdrängt. Rein, nicht um ehrliche kulturelle, wirtschaftliche und politische Annäherung der Juden an das polnische. Volk ist "es den Polen zu tun. Sie zielen nur auf die Beibehattung der Macht ab, die' infolge des steten und unaufhattsamen politischen und kulturellen Fortschrittes der Ruthenen ihren Händen zu entgleiten beginnt. Was sind nun die Hauptforderungen der Jüdisch- Nationalen? Individuelle und nationale Gleichberechtigung. Nationale Autonomie für alle Galizien und den österreichischen Staat bewohnenden Völker. Diese Forderungen fanden und finden zur Sttmde in den Polen die heftigsten Widersacher.- .Nationale Autonomie bedeutet für die Polen' eine Verzichtleistungauf 'zwei Drittel ihrer Macht im Lande und im Staate, eine Zumutung, der die Polen nicht sobald fteiwillig Nachkommen werden. Auch die individuelle Gleichberechtigung wird so ein unerfüllter Wunsch sein, weil, auch diese eine Schmälerung ihrer Herrschaft involviert. Hingegen werden sie'mit allen Kräften darauf ausgehen, die Sonderstellung Galiziens durchzusetzen, die sie bereits während des Wahlreformkampfes angestrebt haben. Das heißt nichts anderes, als daß Ruthenen und Juden ihnen vollständig -ausgeliefert werden sollen und daß auch diese kleine Hilfe und moralische Unterstützung, die durch die Inanspruchnahme der Tribüne des österreichischen Parlaments dem unterdrückten polnischen, ruthenischen und jüdischen Volke noch offen steht, versagt bleibe. Sowohl im Kampfe für die Durchsetzung unserer..nationalen Forderungen, als auch in der Abwehr, der uns gemeinsam mit den Ruthenen bedrohenden Sonderstellungsbestrebungrn sind wir auf einen einzigen Bundesgenossen angewiesen und das sind eben die Ruthenen, mtt denen uns außerdem das demokratische Prinzip verbindet. Wir sind weit entfernt davon zu behaupten, daß die ruthenischen Sympathien zu den Juden hinüberneigen, oder daß.die Ruthenen ftei von Antisemitismus sind — wir gaben ihnen auch keinen Anlaß uns mtt besonderer Sympathie; zu begegnen — aber ein gemeinsames gegensettiges Interesse knüpft uns mehr denn je aneinander und zwingt uns zu gemeinsamer Waffenbrüderschaft. Die Ruthenen haben mit uns die Forderung nach nationaler Autonomie gemein und es liegt sogar in ihrem vitalsten Interesse, daß diese auch uns zuerkannt werde. Und daß sie ihre ganze Volkskraft 'aufbringen werden, um die Sonderstellung Galiziens zu verhindern, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Es . wäre demnach eine schädliche Selbsttäuschung, wenn man sich auch weiterhin, diesen unabänderlichen Tatsachen verschließen wollte und nicht den-Weg betteten würde, der nach-der Logik dieser-Tatsachen allein gangbar ist: der konsequenten, zieloollen Verständigung mit den Ruthenen. . Oskar Keßler. in Galizien geschieht, spottet jeder Beschreibung, und das Parlament darf dazu nicht schweigen. An der Spitze der galizischen Korruptionswirtschaft steht der Statthalter. Cr ist der Organisator des Wahlbetruges und Wahlschwindels. Den Namen nach ist er Statthalter, in Wirklichkett oer galizische Bandenführer der Schlacht«. . . .,. Wenn das Parlament nicht die Macht in sich fühlt, gegen de» hochgestellte» Ber-brecher, de» Statthalter von Galizien» aufzutreten.. . . Präsident: Ich bitte, Herr Abgeordneter, ich kann solche Ausdrücke hier nicht dulden (Rufe bei den Sozialdemokraten:. Das ist Alles viel zu wenig!) Abg. Dr. Liebermann:... dann wird es nie dazukommen, daß auch der Statthalter von Galizien das schuldbeladene Haupt vor der Autorttät des Parlamentes beugt. Abg. Breiter: Badem war brutal, Potocki ist raffiniert und kaltblütig. Er ist Ritter des goldenen Vließes, er wurde erst vor einigen Tagen für alle diese Kavalierstaten, die ein gewöhnlicher Mensch Schwindeleien und Schurkereien nennt, . . (Unterbrechung des Präsidenten) .... ausgezeichnet. Zotilische Amgen und Antworten.*) „Was hätten Sie getan,' wenn Sie nicht das Mißgeschick gehabt hätten . . .?" „Mißgeschick?" „Nun, ja?"' 1 „Mißgeschick nennen Sie das? Pflegen Sie den Straßenraub auch Mißgeschick zu nennen?" „Nein, nein. Sie haben ja Recht. Ein Wort! Und dann, es ist ja einmal vorbei. ." „Schon vorbei?" „Nun natürlich, glauben Sie denn an eine Annullierung der Wahl?" ' „Hm . . . aber darum handett sich's mtt. gar nicht in erster Linie. Ich, meinte, ob es schon vorbei ist mit Ihrem, mit unserem Zom?" „Mit Zorn macht man doch keine Politik. Das wissen Sie ja selbst am Besten." „Mit dem dummen Zom des Alltags sicher nicht. Aber mit dem heiligen Zom, der über das große Unrecht in uns auflodert, wohl. Er kann polüische Welten vernichten und gebären." „Nun, ja ... . doch ich möchte mtt Ihrer Erlaubnis auf meine Frage zurückkommen." „Was ich Ihnen sagte, gehörte schon zur Antwort, mein Herr. Denn heiliger Zom — was ist das anderes als eine .Abart jenes Idealismus, ohne den es keine gute Polittk geben kann?" „Man spricht doch aber gerade heute soviel von Realpolitik." „So, man spricht davon? Mn, ich bin nicht ihr Gegner, im Gegenteil!" „Ich verstehe Sie nicht." ° %*) Ich wurde kürzlich von einem jüdisch-nationalen Journalisten über meim Ansichten über die Aufgaben des .Jüdischen Klub" befragt und überlietz er mir dann das Interview zur Veröffentlichung in meinem Blatte. Dr. 9t Birnbaum.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.