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Neue Zeitung · 1907-06-28 · Heft 3 (28.6.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 3 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 NeueZeitung Seite 9 das vorbereitende Komitee einzuschleichen gewußt hat. Gestatten Sie, daß ich Ihnen zu dieser Angelegenheit noch mitteile, daß sich Hunderte von hiesigen Bürgern auf einem Schreiben unterfertigt haben, welches an den Vertreter der „Jka" in Wien, Herrn Rotter, abgesandt wurde. In diesem Brief wird zunächst die Geschichte, von Jakob Seidmann so erzählt, wie sie in der „Neuen Zeitung" zu lesen war. Dann wird noch Genaueres berichtet. Es heißt da: „Kurz nachher beklagte sich Herr Seidmann vor dem Präsidenten des „Klubs", Herrn Advokaten Dr. Letz: „Warum nehmen Sie mich vor dem I. I-, der mich einer Defraudation beschuldigt, nicht in Schutz?" Dr. Letz erwiderte: „Er beschuldigt Sie nicht nur, er verlangt auch, daß Sie ihn klagen. Warum klagen Sie ihn nicht?" Herr Seidmann schwieg und entfemte Gegen Mai 1904 sammelte Jakob Seidmann mit mehreren Leuten Speneen zu Gunsten der Kischinewer Waisen, schickte aber die gesammelten Gelder in der beiläufigen Höhe von 100 Kronen nicht ab und täuschte die ihn diesbezüglich Interpellierenden, er habe das Geld an die Union geschickt. Erst als man ihn mit einer Strafanzeige drohte, schickte er nach 8 Monaten 34 Kr. an die Union und gestand selbst, daß er von den gesammelten Geldern 1 Kr. 60 Heller für Anschaffung eines Uniou-Kalenders für seine Person verwendet habe. Uebrigens ist zu befürchten, daß dieser Herr der Aflekurations-Agent ist, wie er es bei Gemeinde- und Kultuswahlen thut, das Institut als Propaganda-Mittel ausnützen wird. Handel und Verkehr. Wien, Produktenbörse. 26. Juni 1967. Die Marktsituation ist noch selten unmittelbar vor der Ernte so unklar gewesen wie heuer. Schließt man nach den Offerten, muß man annehmen, daß der Saatenstand kein günsttger, obwohl die Witterung eine nicht schlechte ist. Die Angebote seitens der Eigner sind äußerst geringe und es werden auch alle Nachlaßforderungen abgelehnt. Reflektanten beobachten aber doch größte Zurückhaltung, weil sie ein Niedrigerwerden des Preises abwarten. Daher die Geschäftsunlust und der Umstand, daß auch Mahlprodukte keinen nennenswerten Absatz finden können. Futterartikel: Mais weist flotteren Verkehr auf, weil die Warenbesitzer Entgegenkommen zeigen. Gegen die Vorwoche hat dieser Artikel 10 Heller im Preise nachgelassen. Hafer hat schwachen Absatz. Die Tendenz hierin ist trotzdem fest, Preise 5 Heller höher. Mahlprodukte: Der Konsum verhält sich dem Angebote der Mühlen gegenüber sehr ablehnend, weil diese keine nennenswerten Nachlasse bewilligen. In Kleie und Futtermehl ist die Tendenz ruhig, die Preise sind unverändert geblieben. K°h bis K h Theiß. . 10.50 11.- Slovakischer ....... . 9.55 10.— Marchfelder und Niederösterr. . 9.40 9.70 Slovakischer. . 8.20 8.45 Pester Boden.. . 8.25 8.45 Oesterreichischer . . . . . . . 8.15 8.40 Gerste: Bremer, Futter- und Rollgerste . Ungarischer . . .. 6.40 Cinquantin. . 7.10 7.45 Hafer: Ungar. Ia m. Ausstich .... . 8.25 8.75 „ geringer Ausstich . . . . 8.10 8.35 Ans Palästina. „Doss jiddische Folk“, das jüdische Organ des Odeffaer Komitee in Wilna bringt folgende Mitteilung u. a.: Bei der Herstellung der Beirut-Damaskusbahn werden Schlosser-Monteure gesucht, bei einem Taglohne von 5 bis 7 Francs. In Jaffa ist Mangel an einigen Zimmerleuten und Schlossern. In Jerusalem wäre die Eröffnung eines Nähr Maschinengeschäftes am Platze. Dort fehlen besonders Steinhauer, da hier wie in Jaffa, einige Schulen und in den Kolonien mehrere Weinkeller (Rechobhoth, Pethach-Tikwah), eine Synagoge (Wadi-Chanin), Arbeiterhäufer (Rechobhoth) gebaut werden. 10 jüdische ausgebildete Steinhauer können sofort in Stellung genommen werden. Sehr dringend ist die Ansiedlung eines Tierarztes für Galiläa, der sich in Haifa ansiedeln könnte. (Nähere Auskunft durch I. L. Goldberg. Wilna.) Er könnte eine anständige Jahresgage erhalten. Der Agronom Sußmann hat in Chederah vom Odeffaer Komitee 400 Dunam Land gekauft. Man erwartet mü Recht von dem ^tüchtigen Fachmann ehr viel. " An unsere Leser und freunde! Unser Chefredakteur und die anderen Herren der Redaktion waren in der vorigen Woche mit dringlichen Wahlprotest-Arbeiten so sehr beschäftigt, daß die letzte Nummer unseres Blattes unwillkürlich darunter litt. Namentlich ist die große Menge von Druckfehlern auf diesen Umstand zurückzuführen. Aus demselben Grunde konnte auch das Blatt nicht rechtzeitig — Donnerstag Abend — fertiggestelltund versandt werden. Auch diese Nummer erscheint wegen der Veröffentlichung des Auszuges des Protestes gegen die „Wahl" Moysa's verspätet. Wir bitten wegen aller dieser Unzukömmlichkeiten, die sich nicht mehr wiederholen werden, um Entschuldigung. Wir machen aufmerksam, daß unser Blatt allen Abonnenten regelmäßig zugeht, und bitten, vor eventuellen Reklamationen auf dem betreffendem Zustellungspostamte nachzufragen. Die Redaktion und Administration der „Neuen Zeitung". Bemerkung der Redaktion. Wir glauben, daß die „Jka" bezw. ihre Vertreter sich ein weiteres großes Verdienst um die Bevölkerung, der sie zur Hilfe kommen, erwerben würden, wenn sie solchen Berichten und Büten, wie die obige, Beachtung schenkt. Sie haben doch sicher nicht den Ehrgeiz, dem Volke gegen das Volk durch verachtete Müller zuhelfen. Wer Wohltaten höheren Stils austeilen will, muß Vertrauen erwecken und das kann man mit Leuten, wie dieser Seidmann einer ist, sicherlich nicht. Antipode». von M. D. Riwkin, aus dem Russischen übersetzt von Frieda Stock. Sie saßen sich gegenüber und das verglimmende Lichtstümpfchen beleuchtete zuckend und ersterbend abwechselnd bald das eine, bald das andere Gesicht der Spechenden. Wenn die Flamme, den Rand des niederen Blechleuchters leckend, sich in die Richtung des Ofens wendete, erschien auf dem weißen Hintergrund seiner verbleichten Kacheln das blaffe, von einem scharzen Bärtchen umgebene Gesicht des „Porusch", neigte sich aber die Flamme einen Augenblick auf die andere Sette, verschwand das Gesicht des „Porusch" und an dessen Stelle trat aus der Finsterniß, die die Synagoge erfüllte, das alte, runzelige Gesicht des Wanderers, der nur zufällig die Synagoge aufgesucht hatte. Sie waren allein und ihr friedliches Gespräch floß lebhaft in der Sülle des leeren Bethauses. Gewöhnlich wurde die majestätische Ruhe des Gotteshauses um diese vorgerückte Nachtstunde nur von der traurigen, eintönigen Stimme des „Porusch" unterbrochen, der einsam über seinem Talmud saß. Aber heute ereignete sich etwas außergewöhnliches: Als sich der Porusch an dem Tisch beim geheizten Ofen einrichtete und sich mtt gewohntem Entusiasmus in einen Disput zwischen Rom und Schmuel vertiefen wollte, ging die Tür leise auf und an der Schwelle erschien ein in Lumpen gehüllter Greis, in abgettetenen Filzstiefeln und mit einem Rocksack auf dem Rücken. Er ging direkt an den Tisch, warf den Rucksack hin, breüete den vereissten Bart aus und, als der Porusch unwillig se'ne Hand vom warmen Ofen wegzog, um sie ihm zum „Schalem" zu reichen, legte er eilig seine aufgesprungenen, vom Froste unbeweglichen Finger hinein und sagte: — Aleichem Schalem! ... habe ich Sie gestört? Ich komme, um einen Moment auszuruhen und mich zu erwärmen, dann geheich weüer. Porusch sah ihn an, rückte den Ofen näher und begann wieder, sich hin und her bewegend, den Abschnitt des Textes zu lesen, mit dem Schmuel den Row an die Wand drückte. Der Wanderer rückte mü dem Fuß einen Sessel näher an den Tisch, setzte sich und fing langsam den Strick, der ihm als Gürtel diente, aufzuwickeln an, dabei lauschte er mit einem Ohr auf die Worte des unbekannten Textes. — Woher ist ein Jud?, ftagte der Porusch und wendete dem Fremden sein blasses Gesicht zu. — Woher? ... Hm! ... fragen Sie lieber: Wohin? Weiß ich es denn? Die Flamme, die für einen Augenblick sein graues, erftorenes Gesicht beleuchtet hatte, flackerte auf die andere Sette und sofort verschwand das Gesicht in der Dunkelhett. — Aber doch?, ftagte neugierig der Porusch. —Ich gehe... so . .. vielleicht komme ich irgendwo an. Der Porusch begann wieder über dem Talmud zu wackeln, hiett es aber nicht aus und ftagte. Sind Sie schon lange vom Hause weg? Vom Hause? Nein nicht lange: dreißig Jahre.... Der Porusch. blickte verwundert auf die Stelle, wo soeben das Gesicht des Wanderers verschwunden war, und als das zuckende Licht es wieder aus der Dunkelheit herausrief, bemerkte er die tiefen Furchen, die von Sorgen und langen Kämpfen herrührten. Was für einen Traktat studieren Sie jetzt, — ftagte der Wanderer, als der Porusch wieder zu wackeln begann — ist das ein Scheidungstraktat? Güin? Nein: Chulin! Hm . . . und ich dachte — Gitin . . . Und er fing an aus dem Busen schmutzige Papiere herauszuziehen. Ich habe ein Weib ... das heißt, ich hatte eins .... seit dreißig Jahren ist sie im Heldisch, in dev Abteilung für Wahnsinnige . .. Sie sitzt dort und hält mich wie an einer Kette. Wieso denn? Man kann mich nicht scheiden! Seit dreißig Jahren quäl' ich mich. Ich war schon bei hundert Rabbinern, habe ein „Ksaw", doch was nützt es mtt? Ich habe 96 Unterschriften aber 4 fehlen mtt noch! Und er legte einen schmutzigen Papierbogen auf den Tisch. Der Porusch breitete ihn vorsichtig aus, bettachtete den kurzen Text nnd den langen Schweif von Unterschriften, und gab ihn dem Eigentümer zurück. Er versuchte weiter zu studieren, konnte aber die Gedanken nicht mehr sammeln. Das Leben, das er floh, war vor einer Minute mtt dem Wanderer in seine Einsamkett eingedrungen, berührte ihm mit seinem Athem und drohte ihm die so schwer erkämpfte Seelenruhe zu rauben .... Row Schmu—e—e—el! — sprach er, die Augen vom Wanderer und von all dem, was er mtt sich in die Synagoge brachte, abwendend — Row Schmu—elll! ... Hinter dem Rücken des Wanderers tauchte plötzlich die kleine Gestalt seiner Gnesse-Hinde auf, mit den tiefliegenden, scharfen Augen und den eingezogenen bläulichen Lippen. . . ganz so, wie er sie während ihres kurzen Zusammenlebens kannte.... sie stürzt in's Zimmer, blaß und mager; die Augen funkeln, die Lippen Batlenl — klingt ihre kreischende Sümme, und ein Korb mit Zwiebeln gefüllt, den sie auf den Warft trug, fliegt auf den Tisch, an dem er seinen kopfzerbrecherischen „Tosfes" studierte. — Ausbund! Die Zwiebel fallen auf die Gemore, bedecken den Tisch, fallen zu Boden und rollen nach allen Seiten. Er neigt sich ruhig, hebt die Zwieseln auf und legt sie in den Korb znrück. Sa—j—aal durchschneidet ihre scharfe Sümme die Lust — wenn der liebe Gott eine jüdische Tochter mit einem solchen Schatz beglückt, wie du es bist, so ist sie sogar vor der Hölle sicher. Er verstopft sich die Ohren mtt den Fingern und bläst vorsichtig die Zwiebelschale von der Gemore herunter. Aber schon greift sie ihn an die Schultern und schreit wie besessen über seinen Kopf: Gaslen! Mörder! geh' auf den Marft und schau' wie Scheindel die Krumme mtt ihren sieben Kindern meinen Platz an dem Brunnen weggenommen hat! . . . Mich hat sie fortgejagt und selber schöpft sie Gold l — Geh' sofort hin, und jagt sie fort! hörst Du? Er ist schon bei der Tür, küßt die Mesuse, geht auf die Straße, sieht sich nach allen Seiten um — und verschwindet in der nächsten Synagoge, um ungestört den „Tosfes" fertig zu machen. Row S—chmuel! — stürzt sich der Porusch wieder auf den vor ihm liegenden Fohanten, vergebens die Hilfe des Gelehrten anrufend, um mit vereinten Kräften .die Gestalt zu verscheuchen .... Sie schlief, als er vor drei Jahren spät in der Nacht erwachte, sich leise ankleidete, den „Tales und Tfilin" von Nagel herunternahm und lautlos das Haus verließ, um nicht wiederzukehren .... Hatte er etwas gegen sie? Nein: sie war unschuldig — es war das „Leben" — und, wer das Leben mitmachen wollte, mußte

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