Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 3 Sekretär der Rada powiatowa, der faktische Bezirkshauptmann ist, und daß auf Geheiß dieses Menschen alle Uebeltaten begangen werden. Bezirkshauptmann Lewicki soll für die bewiesenen Wahlkunststücke demnächst zum Statthaltereirat befördert werden!!! (Wenn Potocki Herrenhausmitglied wird — warum nicht?) Aus dem Wahlkreise StarzynSkiS, des Aizepräsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses. Ein charakteristisches Geschichtchen, das mehr als lange Abhandlungen den Geist und die kulturelle Höhe der Machthaber und Geistesgewaltigen eines galizischen Städtchens beleuchtet, wird uns aus Rawa Ruska, dem Wahlkreise des Herm Reichsratsvizepräsidenten Ritter von Starzynski berichtet: Ingenieur Edmund Libanski, der bekannte Popularisator der Wissenschaften in Galizien, kam auf seinen wissenschaftlichen Exkursionen auch in unser Städtchen, um einen Bortrag über die „Struktur des Weltalls" zu halten. Am Sonntag noch vor dem Vortrag Libayski's hielt der hiesige Geistliche eine langathmige Predigt gegen Kopemikus, stigmatisierte ihn als Ketzer und Gotteslästerer, weil er die Behauptung wagte, daß die Erde sich um die Sonne drehe usw. Schließlich untersagte er seinen Gemeindemitgliedern den Vortrag Libanski's anzuhören .... So sieht es in dem Wahlkreise aus, in welchem Starzynski „gewählt" wurde. Eine Mische Realschule. Die russische Regierung hat die Eröffnung der vierten und fünften Klaffe an der jüdischen Realschule in Minsk bewilligt. Sie ist von Herrn H. Heinkin gegründet worden und bestand bis nun blos aus den drei untersten Klaffen. Die Pogromwaisen von Bialystok. Herr Abraham Pariser, der im Ausland weilte, um die Pogromwaisen von Bialystok zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, schildert sehr interessant seine Wahrnehmungen. Er hat die Kinder wohlauf und guterzogen gefunden. Sie werden überall in Hamburg, Frankfurt, Eßlingen u. s. w. zu tüchtigen Arbeitern herangebildet und sind mit ihrem Schicksal sehr zufrieden. Auf die Frage des Herrn Pariser, ob sie nach Bialystok zurückkommen möchten haben alle mit einem entschiedenen „Nein" geantwortet. In den Memoiren des Fürsten Uruffow, die unlängst erschienen sind, finden sich manche interessante Stellen, wo der gewesene Gubernator von Kischinew, seine Lage vor Peßach 1904 schildert: Krischewan hat.mit seiner Bande die finstern Elemente zum Pogrom gehetzt. Urussows Gehilfen, "Polizeibeamten aller Kategorien, haben offen diesen Pogrom unterstützt und Uruffow wegen seiner „Judenfreundschast" verlacht. Das hat Urusiow in seinem Ehrgefühle gekränkt und er wollte nicht als „Judenbeschützer" gelten. Zugleich aber beschloß er alle seine Kräfte daran zu setzen, um einen Pogrom zu verhindern. Erst ein geheimes Telegramm von Plehwe hat die wahrhaften Patrioten von diesem ihren Vorhaben abhalten können. — Es ist schwer zu behaupten ob Uruffow lange diesen seinen Heldenmut gegen diese Kischinewer Judenftefler hätte behaupten können, zu seinem Glücke aber war er nur ll/2 Jahre Gubernator von Kischinew und in dieser Zeit hatte er nur einen Peßach. Seit jener Zeit hat sich aber die Lage geändert, denn nicht nur Peßach wird als Pogromsaison anerkannt, es werden nämlich seit einigen Jahren kleine Pogrome fast jeden Tag veranstaltet. Die Judeilfrage in Finnland. Die an den Senat gerichteten telegraphischen Petitionen wegen Unterbreitung einer Vorlage über die Gleichberechtigung der Juden, wurden mit der Begründung abgewiesen, es seien gegenwärtig viel wichtigere Angelegenheiten im Parlamente zu beraten. Auch die Aussichtslosigkeit einer ähnlichen Debatte für die Zukunft wurde vorausgesagt. Daraufhin hat der unermüdliche S. Jakobsohn eine Petition ausgearbeitet und mit der sozialdemokratischen Fraktion unterhandelt, daß sie dieselbe im Parlamente einbringe. Das geschah auch durch den Deputierten Herrn Pertile und gegenwärtig befindet sich die Petifion in einer Kommission, Wie verlautet, soll die Frage der nach Finnland nichtzuständigen Juden, sehr . liberal behandelt werden, was für die nicht unbedeutende Zahl der nach Finnland emigrierten Juden von großer Wichtigkeit ist. Außer der Gleichberechtigung der einheimischen Juden wird noch gefordert, daß für die Eingewanderten eine gesetzlich bestimmte Aufenthaltszeit festgesetzt werde, nach der sie die vollsten Bürgerrechte erhalten. Es ist zu hoffen, daß diese Frage in Bälde erledigt wird. Selbstverständlich, wenn das Parlament nicht inzwischen aufgelöst wird. Aus Rumänien. Der Kassationshof hat jüngst eine geradezu ungeheuerliche, verhängnisschwere Entscheidung getroffen: er hat ausgesprochen, daß auch die einheimischen Juden, welche dem Rekrutierungsgesetz Folge geleistet haben, ausgewiesen werden dürfen, d. h. daß daS sogen annte „Fremden- Gesetz" auch auf einheimische Juden, welche keiner fremden Macht Untertanen sind, angewendet werden kann. Dieses ruchlose Gesetz bedeutet nichts anderes, als daß die Juden, welche auf dem Lande, also im allergrößten Teile Rumäniens, nicht ansässig sein dürfen, auch in den Städten keine Sicherheit des Wohnrechtes besitzen. Konkrete Beispiele sind folgende: Erst im vorigen Monat ist ein junger, talentvoller Schriftsteller, Barhare Lazuchanu, von der Ausweisung überrascht worden, deren Grund, er bis heute, wo er längst das Land verlassen hat nicht kennt. Die Ausweisung erfolgte ohne Anhörung des Beschuldigten in erster und letzter Instanz, ohne jegliche Beachtung juridischer Formen, ohne daß der Angeklagte vor seinen Richter kam. Ein anderer Ausgewiesener, der es im rumänischen Heere bis zum Range eines Feldwebels gebracht und dessen Onkel als Militärarzt den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht hatte, kehrte nach Rumänien zurück. Er wurde in Haft genommen, um wegen widerrechtlicher Wiederkehr bestraft zu werden. Das Gericht erster Instanz sprach ihn ftei. Der Apellationshof hob das Urteil mit der Begründung auf, daß es zwar inhuman sei im Lande Ansäßige auszuweisen, daß aber dem Gerichte keine gesetzliche Handhabe zur Verfügung stehe, die einmal erfolgte Ausweisung aufzuheben, da das rumänische Gesetz die Juden als Fremde betrachte und sie daher ausweisbar sind. Der Angeklagte ging an den Kassationshof. Der zweite Senat hatte vor einigen Jahren dahin erkannt, daß Juden nicht ausgewiesen werden dürfen. Diese allein dem Gesetze entsprechende Entscheidung ist jetzt umgestoßen worden. Zweimal ergaben sich Divergenzen Unter den hohen Richtern; weder für die eine, noch für die andere Lösung konnte eine Mehrheit zustande kommen. Schließlich siegte aber die'Meinung, daß das Gesetz auch auf Juden Anwendung finden könne. Der Verurteilte wird also jetzt neun Monate abfitzen müssen und dann über die Grenze geführt werden. Sollte aber Rumänien mobilisieren, so wird der Feldwebel, der ja nicht ins Land darf, gewiß als Deserteur der Strafe der Militärgesetze verfallen. Rumänische Gerechtigkeit! Ausruf! Ein junger Mann in einer der Städte des 32. galizischen Wahlkreises hat im Wahlkampfe bis zur Erschöpfung seiner Kräfte gearbeitet. Am Stichwahltage versetzte ihn das Miterleben aller der namenlosen Wahlschustereien in einen solchen Erregungszustand, daß sein geschwächter Körper dies nicht mehr ertragen konnte. Er bekam einen Blutsturz. Nun braucht er eine Kur zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, speziell eine Badereise, verfügt aber nicht über die erfordersichen Mittel. Wir bitten nun alle Volksgenossen, die Sinn für die Heldenhaftigkeit dieses jungen Mannes und Mitleid mit seinen jungen Jahren haben, zu den Kurkosten beizusteuern. Wir find bereit, solche Beträge zu übernehmen,, ihrem Zwecke zuzuführen und in unserem Blatte auszuweisen. Die Redaktion der „Neuen Zeitung". Bisher sind uns zugekommen von: Herren Berisch Draude — Moses Weißmann in Czortkow als Sühne für eine Beleidigung K 10.—; Baron Hirsch'sche Schule in Zaleszczyki K 2.—. Aus der;üd. Heffenilichkeit. Oesterreichischer Zionistischer Parteitag. Das nieder-österreichische Distriktskomitee der zionistischen Partei teilt mit, daß am 30. Juni in Bielitz der fünfte österreichische Parteitag mit folgender Tagesordnung stattfindet: 1. Rechenschaftsbericht des Landeskomitees und Berichte des Distriktskomitees; 2. Stellungnahme zum 8ten Kongreß, Referenten: Abg. Dr. Mahler (Prag) und Dr. Braude (Stanislau); 3. Palästina-Arbeit, Referent: Adolf Böhm (Wien); 4. Nationalfond; 6. Organisation, Referenten: Abg. Adolf Stand (Lemberg) und Dr. M arg »lies (Wien). Am 29. finden Vorbesprechungen des Distriktskomitees statt. Zuschriften wegen Wohnungen und Empfang an Herrn Nabinowitsch, Bielitz (Posffach). Festkneipe der Wiener jüdisch-akademischen Verbindungen. Zu Ehren der jüdischen Abgeordneten veranstalteten Samstag den 22. Juni die jüdischen Verbindungen Jvria" Kadimah, Makkabäa und Unitas eine Festkneipe, welche sich eines zahlreichen Besuches erstellte. Außer den Abgeordneten waren noch viele angesehene Persönlichkeiten der jüdisch-nationalen Bewegung erschienen, darunter Prof. Dr. Neumann Wender, Dr. Paul Weisen grün, Dr. Natan Birnbaum, Dr. Isidor S ch a l i t, Dr. Hermann Kadisch, Dr. Markus Braude, Heinrich Aork- Steiner u. a. Nach der Begrüßungsrede des Leiters Stud. , Senior der „Makkabäa", der die Abgeordneten in beredten Worten feierte, erwiderte namens desselben Dr. Strauch er, in dem er ausführte, daß die Abgeordneten sich ihrer Pflicht bewußt sind und daß sie unentwegt im Dienste des jüdischen Volkes' wirken werden. In herzlichen Worten dankte er der akademischen Jugend, in deren Mitte er sich wohl fühle, für die bereiteten Ehrungen. Es toastierten noch Herr Advokaturskandidat Löhner auf die alten Herren der „Kadrmah" und Dr. Schallt auf die alten Herren aller Verbindungen. Hierauf folgte der inoffizielle Teil, der einen gemütlichen Verlauf nahm. Benoow. Gingesendet. Znm Parteitage der österreichischen Zionisten. Die Judenschast Galiziens leidet mehr als die Rußlands und Rumäniens. Dort haben sie wenigstens die Existenzmöglichkeit, hier wird aber die von Tag zu Dag zunehmende Existenzununmöglichkeit zur schreienden Tatsache. Hier kann nur eine ausgiebige, praktische Volkswohlfahrtspolitik, sowohl in wirtschaftlicher, als auch in nationaler Beziehung Remadur schaffen. Und, die Judenschast Galiziens versteht sich selbst am besten' zu helfen. Man frage nicht den Arzt, man ftage den „Kranken", sagt ein jüdisches Sprichwort. Die galizischen Kreditinstitute konnten blühen und gedeihen, wenn sie nicht unter dem Joche der Bankpascha in Galizien verkümmern würden. Die Nationalpolitik der Schlacht« „beglückt" diese jüdischen Kreditinstitute mit einem hochzinsigen Reeskompte und bringt so durch ihre giftgetränften Kredite die seroilgepeitschten Juden in politischer Beziehung, auf ihre Seite. Dieser Kahalwirtschast könnten .wir ein Ende, machen, wenn wir durch Errichtung einer Nebenstelle der jüdischen Kolonialbank die galizische Judenschast von den „Segnungen" der Altpolen unabhängig machen. Wohlgemertt, nicht um die Kolonial-, bank zu schädigen, sondern zu einer praktischen Verwertung ihrer mobilen und immobilen Kapitalieu, wird hier diese Anregung gegeben, die galizisch-jüdischen Kreditinstitute dürsten nur dann unseren Reeskompte erlangen, wenn sie eine perzentuell festzusetzende Anzahl Anteilscheine der jüdischen Kolonialbank abnehmen. Das Angenehme mit dem Nützlichen ver-. binden, ist das — elfte Gebot — der Vernunft. Liebe säen und Liebe ernten, ist das — zwölfte Gebot — der Notwendigkeit. Die Delegierten des demnächst stattfindenden Parteitages der österreichischen Zionisten werden gebeten einen Beschluß im Sinne dieser Anregung zu povozieren und ihn der Generalversammlung der jüdischen Kolonialbank nach vorheriger Zustimmung des Zionisten-Kongresses vorzulegen. Hermann Kohn. Erklärung. Man teilt mir mit, daß in den Städten des 32. galizischen Wahlkreises, namentlich in Borszczow das Gerücht verbreitet wird, — ich hätte mich geäußert, im Falle einer Annulliernng dex „Wahl" des Stefan Moysa oder von Neuwahlen überhaupt dort nicht mehr kandidieren zu wollen. Ich erkläre diese Gerüchte, die offenbar absichtlich von gewisser Seite ausgestreut werden, für durchaus falsch. Sollte das Mandat wieder ftei werden, so werde ich mich um dasselbe bei meinen Wählern, die mir soviel Vertrauen und Liebe schenkten, sofort wieder bewerben. Dr. Nathan Birnbaum. Wir erhalten ans Tlumacz von besteundeter Seite folgende Zuschrift: Löbliche Redakton! Sie bringen in der letzten Rümmer Ihres geschätzten Blattes eine Notiz über die von der „Jka" beabsichtigte Gründung einer Kreditbank in Tlumacz und über den Herrn Jakob Seidmann, der sich in