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Neue Zeitung · 1907-06-28 · Heft 3 (28.6.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 3 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Neue Zeitung Seite 3 tus gemeind e, dem aus dieser einen antijüdischen Charakter tragenden Wahl hervorgegangenen Herrn Paul Stwiertnia, Glückwünsche zu überb ringen. Mit Rücksicht auf die unerhörten Wahlmißbräuche und die Vergewaltigung der überwiegenden Mehrheit der Wählerschaft bei dieser Stichwahl, fordert die Versammlung Herrn Paul Stwiertnia auf, sein Mandat als Reichsratsabgeordneter niederzulegen". Die en paffant gestreifte Schandtat des Vorstandes der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde bedarf noch einer Ergänzung. Dieser „ehrenwerte" Vorstand hat nämlich nicht nur gegen den Willen der jüdischen Wählerschaft gehandelt, sondern selbst gegen den des Kultusrates. Eine bei der jüngsten Kultusrats-Sitzung diesbezüglich eingebrachte Interpellation seitens des Kultusrates Herrn Adlersberg beweist es zur genüge. Leider haben es die Umstände mit sich gebracht, daß die Debatte über diesen eigenmächtigen Vorgang für die nächste Sitzung verlegt wurde, sodaß auch die Rüge, die seiner harrt, ausblieb. Wir hoffen jedoch, daß die Sache nicht ungesühnt vertuscht wird. Dazu dürfen es diejenigen Kultusräte, denen die Ehre der jüdischen Gemeinde, die sie repräsentieren,. am Herzen liegt und die nicht Gesahr laufen wollen, Vollsverräter geschallen zu werden, nicht kommen laffen. Unsere Geschichte erzählt uns von einem jüdischen Verräterpaar namens „Dathan und Awiram". Dieses Paar hat sich auch jetzt eingestellt. Unserem Kullusvorstande gesellte sich nämlich der berüchtigte Tarnopoler Rabbiner Taubeles. Letzterer beschränkte sich aber nicht auf primitive, landläufige Glückwünsche, auch nicht im Rahmen einer Judengemeinde — wie es sein Bundesgenosse tat — er verlieh seinen Glückwünschen, die er dem Stwiertnia darbrachte, einen allgemeinen, generalisierencen Charakter. Den jüdischnationalen Gedanken und die jüdisch-nationale Kandidatur nennt er „einen Aussatz am Körper des Judentums" und beglückwünscht herzlich den Polen Stwiertnia zu seinem Sieg. Allerdings finden wir das Vorgehen dieses „ehrwürdigen Rabbi" begreiflicher, als das unseres Kultusvorstandes, da ihm augenscheinlich materielle Motive zu Grunde liegen. Es tut ihm nämlich leid, daß die Schäflein der hiesigen Tempelgemeinde hirtenlos herumirren und er läßt sie mittelbar wissen, daß dieses Uebel zu beseitigen ist. Qb die Tempelherren verstehen und diesen „czcigvdny rabin" — wie ihn der hiesige „Kurier" nennt — berufen werden? Wir zweifeln daran,, da wir hier mü verirrten Schäflein zu tun haben, denen das Verständnis für solche Dinge abgeht. M. H. Eine Komödie »ach den Wahlen. Man schreibt uns ans Brody: Der hiesige Bürgermeister Dr. Rittel, ein bekannter Lakai des Polenklubs resignierte, weil seine „politischen Freunde" seine Reichsratskandidatur hintertrieben. Seinem Beispiele folgten noch 14 Gemeinderäte, meist Juden, — der hiesige Gemeinderat hat eine überwiegend jüdische Majorität — angeblich aus „politischen Gründen", weil ein Zionist zum Reichsratsabgeordneten gewählt wurde. Die Stadt nahm alle diese Resignationen mit Freuden entgegen, erlitt aber bald wieder eine große Enttäuschung. Denn, die Herren Gemeinderäte wurden plötzlich wieder amtslustig, sie zogen ihre Resignationen zurück, und es ist zu befürchten, daß sie bei den bevormir Gott, dann stifte ich Dir eine Thora ins Bethaus." Jankel erfährt nun von der Flucht seiner Tochter. Der Gedanke, sein Heiligtum, sein Riwkele, sei entweiht, erschüttert ihn bis ins Mark. Er sitzt vor der Thora, wie gelähmt, er kann es nicht verstehen, daß sie seine Riwkele nicht habe behüten wollen. „Ganze Nächte," sagt er später zu Reb Elje, „Hab' ich vor ihr gestanden und Hab' zu ihr gesprochen: Du bist Gott, Du weißt um alles, was ich tu' und wenn Du mich strafen willst, straf' mich, straf' mein Weib, wir haben gesündigt — aber schone mein unschuldig Kind . . . erbarme Dich meines Kindes .. .!" Jankel ist ganz gebrochen. Jetzt ist auch sein „Allerheiligstes" entweiht, geschändet, kein einziges Fleckchen in seinem Hause ist nunmehr rein, also alles, was zu seiner Familie gehört, ist befleckt, nicht einmal einen reinen Toten kann er zu seiner Familie zählen: „Kein Heim, kein Weib, keine Tochter," klagt Jankel, „alles da unten! Gott will nicht, er läßt es nicht zu . . alles da unten .. versunken!" Verdorben wird Riwkele ins Vaterhaus zurückgebracht. Auf die Frage des Vaters, ob sie noch rein sei, antwortet sie: „Und Mutter hat's gedurft?! Ich weiß alles, schlage mich tot!" Der verzweifelte Vater weist sie aus seiner Wohnung, hinab, ins Parterre, wo sie nun in seinen stehenden Wahlen alle Hebel in Bewegung setzen werden, um ihre Mandate zu behalten. Für Samstag, den 22. d. Mist eine ruthenisch-jüdische Protestversammlung in den Rathaussaal einberufen worden, wo gegen den Wahlschwindel der Schlacht« und ihre Organe protestiert und dem Gemeinderate für sein Verhalten das Mißtrauen ausgedrückt werden wird. Wie uns das Präsidium der Versammlung (Herren Dr. Glasberg und Silberbusch) mitteilt, faßte die Versammlung folgende Resolution: „Die am 22. d. M. im Gemeinderatssaale stattgefundene Versammlung spricht mtt Entrüstung dem durch ein veraltetes Kuriensystem gewählten Gemeinderäte jedes Recht ab, Krittk zu üben an der durch das allgemeine Wahlrecht gettoffenen Wahl ihres verehrten Abgeordneten und drückt ihrem Vertteter Herrn Adolf Stand ihre Liebe, Treue und ihr Verttauen aus, ihn bittend, seinem eingeschlagenen Weg mutig fortzusetzen zum Wohle der Wähler und des jüdischen Volkes". Die Rache der „Sieger". Man schreibt uns aus Zaleszczyki: Wir haben die verdammte Ehre, den Dr. Isidor Blutreich (vulgo Jtzig Bauch) als Bürgermeister unserer Stadt zu besitzen. Wer ist Blutteich? Blutteich ist ein Blutverwandter des berüchtigten Bürgermeister Bensch Stern aus Buczacz und auch eine ihm verwandte Seele. Was ist Blutteich? Blutteich ist Mediziner. Blutteich ist kein Mediziner. Blutteich ist Mäkler für Alles, Blutreich ist Obermäkler bei Pferdelizitationen, Blutteich ist Matador im Färbelspiel, Blutteich ist auch sonst kein Schmutzian, Blutteich ist ein ,,Ehrenmann"(!), Blutteich ist Bürgermeister, Vize- Kuttusoorsteher, Sokolist und Blutteich ist auch Denunziant. Blutteich erklärte auf offener Sttaße in Gegenwart des Propinators Pinkas Lamm und Anderer: „Ich werde ein öffentlicher Denunziant sein, weroe von Haus zu Haus mit Gendarmen gehen und die Strafanzeigen mit dem Namen Dr. Isidor Blutreich unterfertigen". Er bestätigte jetzt, was die Stadt schon längst wußte und ist wütend, daß man wagte, chn wegen Bestechung rc. der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die Geschichte scheint ihm unangenehm zu sein. Alle Finten, die Angelegenheit zu vertuschen, sind zur Anwendung gekommen, es macht aber nichts, denn der Justitzminister ist vorsichtsweise verständigt worden. Die „Baufällig-Erklärungskommiffion" hat ihre Tätigkeft wieder ausgenommen, zahlreiche Häuser sind für baufällig erklärt und Demolierung aufgetragen. Ein interessanter Fall ist der: Dem Hausbesitzer Wagner, der im vorigen Sommer sich ein Häuschen baute, wurde jetzt aufgetragen, das Haus binnen 7 Tagen einzureißen, weil der Blutteich erklärt haben soll, die Frontwand stehe auf Gemeindegrund. Während des Bauens im Vorjahre wmde nichts ausgesetzt, es ist auch jetzt nichts anderes als ein Racheatt. Blutteich leistete sich mit seinem Wertzeuge dem k. k. Bauadjunkt Sinkiewicz den „kein österreichisches Gesetz kümmert", dieses Stückerl deshalb, well der Sohn des genannten Wagner es wagte, Salz aus den Bukowinaer Salinen her zu bestellen und zu verschleißen, wodurch der Günstling der Rada powiatowa, Namens Huhn, geschädigt wird. Die Bestrafungen wegen der Unbotmäßigkeit bei der Wahl gehen weiter vor sich, der Taglöhner Abraham Schönholz wurde mit Kr. 100.— bestraft. Diensten das Los der anderen „Mädchen" tellen wird. Sein Unglück ist grandioser als das des Wucherers Shylock, dem seine Tochter mit samt seinen Juwelen gestohlen wird, denn er hat ohne Trotz und Hochmut von vornherein dem Unheil vorzubeugen gesucht. Als Reb Elje ihn zu trösten versucht, antwortet Jaukel: „Vorbei, Rebbe, — nichts hätte ich gesagt. Wär' sie gestorben — dann wüßte ich, ich Hab' ein reines Kind begraben. Ich würde auf die Gräber gehen, mich vor ihr Grab stellen und zu mtt sprechen: Hier liegt dein Kind . . . bist du selbst ein sündiger Mensch — so liegt ein reines Kind von dir begraben, ein ehrbares Kind. Jetzt aber — was bin ich noch wert in dieser Welt? Selbst ein Sünder . . . . . . sündige Nachkommen hinterlassen ... und so pflanzt sich die Sünde fort von Geschlecht zu Geschlecht. . ." Und später vor der Thora: „Ich- Jankel Schepschowitsch, Hab' gesündigt... ich bekenne meine Sünden, ich bekenne! Du aber wirk ein Wunder! Schick Feuer auf mich herab, das mich verzehrt, hier auf der Stelle, wo ich vor Dir steh! Laß die Erde sich öffnen unter mir und mich verschlingen! Wirk ein Wnnder . . . sonst aber — bist Du gar kein Gott . . . sag' ich Dir, Jankel Schepschowitsch l" Schalom Asch ist noch ein gar junger Dichter; ist kaum sechsundzwanzigjährig. Obwohl das Stück an starken Szenen nicht arm ist, merkt well er keine Konzession hat. Ein Taglöhner und Konzession! Der Uhrmacher Jurmann wmde zum zweitenmale mtt Kr. 100.— besttast, weil er Sonntag im Lokale arbellete, während die anderen Uhrmacher es ungestört tun. Jurmann hatte es aber gewagt, dem Dr. Birnbaum bei seiner Ankunft mit Bicykle entgegenzufahren. So benimmt sich die k.-k. Bezirk- Haupt Mannschaft gegenüber den Anhängern des Dr. Birnbaum. Alle diese Anzeigen und Urteile unter Kontrolle der städttschen Denunziantenklique mit Blutreich und Pinkas Lamm an der Spitze! Hoffenllich wird auch diesen bald das Handwerk gelegt werden. Aus einer gepeinigte» Stadt. Man schreibt uns aus Sniatyn: Die Erregung infolge der Racheakte und des Wahlschwindels, den man an uns begangen hat, hält ungeschwächt an, denn die siegestrunkenen Machthaber provozieren uns auf Schritt und Trüt. Esvergeht kein Tag ohne Arretierungen, ohne Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung. Die Gattin eines Kürschners war jüngst beim Bezirkshauptmann wegen Defteiung ihres fünfzehnjährigen Sohnes vom weitem Schulbesuch. Er packte das arme Weib bei den Schultern, schob es gewaltsam aus der Kanzlei und schrie: „In die Synagoge zum Birnbaum".*) Wir find bedeutend ärger daran als die Juden in Rußland; die Gesetze find, scheint's, nur dazu da, damll sie von den Bezirkshauptleuten mü Füßen zetteten werden. Bei der Stichwahl wurde auf alle mögliche und unmögliche Weise geschwindelt. Schattner, Sml Feder, Josel Stark und Bomch Stemberg raubten Sttmmen; sie vergewattigten das Gesetz in ftechster Weise, der Bezirkshauptmann aber schaute vergnügt zu. Jeden Bauer herrschte der Bürgermeister Titus Niemczewski müden Worten an: „Für wen willst du stimmen, für den Juden oder den Christen?" Der Gerichtsadjunkt Zaczek konttollierte die Stimmzettel sämtlicher Gerichtsbeamten und Diener. Der Gerichtsvorstand Landesgerichtsrat Onyszkiewicz „riet" dem Gerichtsoffizial Braunstein für Moysa zu sttmmen, denn sonst könnte es dem Braunstein schlecht ergehen. Das sind unsere Richter. Am Vorabend der Stichwahl leistete sich unser Stadtarzt Dr. Mehrer folgende Mahnung an die jüdischen Wähler: „Stimmet für Moysa, und ihr werdet euch dem Bezirkshauptmanne, der euch vom Militär befreit, dankbar zeigen". Bekanntlich wurde hier vor der Stichwahl ein russisch-jüdischer Mllitärflüchtling Mezobowski, auf Wunsch des Bezirkshauptmannes an die Grenze gebracht und den russischen Henkern misgeliefert. Mezobowski, der nebenbei gesagt, ein sehr intelligenter Mensch ist, hat angeblich am Sonntag „Hoch Birnbaum!" geschrieen; dafür wurde er am Dienstag verhaftet und in den Tod geschickt. Zufälligerweise war ich Zeuge, wie die Gendarmen den Mezobowski in den Wagen hoben. Der Anblick des Unglücklichen hat mich so tief erschüttert, daß ich diesen ttaurigen Eindruck nie werde vergessen können. Es wäre angezeigt, wenn wegen dieser Auslieferung, die doch ganz unbegründet war, der Minister interpelliert würde. Bei der Revision haben die Gendarmen eine Nummer der „Arbeiter- Zeitung" gefunden, und das war der Hauptgrund, daß man den Mezobowski als ein gemeingefährliches Individuum direkt an Rußland auslieferte. Es waren damals übrigens 3 russische Juden verhaftet worden. Welcher ausgeliefert werden sollte, wurde in der Rada powiatowa beschlossen, und bei einer gewipenhaften Untersuchung würde es sich Herausstellen, daß nicht der Lewicki, sondern ein gewisser Solski, der *) Herr Bezirkshauptmann Lewicki, dieses Vorgehen ist wieder ein frecher Mißbrauch Ihrer Amtsgewalt! Dr. Nathan Birnbaum. man doch die noch unreife Hand. Aber trotzdem ist Asch ein Bedeutender — und mögen die Schmocke der Wiener Judenblätter ihm noch so bekritteln und bespötteln. Asch berechtigt zu großen Hoffnungen und wird sich trotz seines „Ghettothums" — auch so eine Schmockiade, die Anwendung dieses Wortes auf Leute wie Asch — einen Ehrenplatz in der Weltliteratur erringen. Wenn gegen das Stück Bedenken austauchen, so sind sie darauf zurückzuführen, daß wir es nicht mehr für notwendig erachten, im Theater in a l l e Häuser hineinzuschauen. So wenig 'uns aber der Verismus bei Hauptmann glauben machen konnte, daß in den betteffenden Stücken Tragik liege, so wenig kann uns der Verismus bei Asch die wahre Tragiken seinem Drama verschleiern. Die Aufführung tat viel für die Wttkung des Stückes. Vor allem Schildkraut als Jankel. Mit leisen Mitteln, ttefen Tönen, die sich selten steigerten, stei von jedem Talmipathos, mit blutunterlaufenen Augen, führte er uns den Jankel lebenswahr vor. Auch Frl. Lorm als Riwkele tat ihr Bestes. Die anderen bemühten sich, wahr zu sein, kamen jedoch über das Mittelmäßige nicht hinaus. Die Darstellung wurde mit stürmischer Begeisterung ausgenommen — ein gut Teil gehörte dem Autor. Jezechiel Hellmanu.

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