Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 samkeit mit solchen Leuten, die, nicht genug daß sie ihr Voll verleugnen, ehrliche Vertreter desselben wegen ihrer Ueberzeugung verfolgen. Und „Politiker" von solchem Jlliberalismus, von solcher Unvornehmheit wagen es, uns reccktionäre Besinnung vorzuwerfen und sich als Deutsche auszuspielen. Da sind wir Jüdischnationale führwahr die besieren Menschen und als Juden, die sich bemühen, Volljuden zu sein, auch die besieren Begreifer des Volldeutschtums. Im Uebrigen mögen sie Hetzen und wühlen, soviel sie wollen. Doktor Mahler, der in dem lebensstarken ostjüdischen Volle einen Mckhall gesunden hat, der ihn für diese Gesellschaft reichlich entschädigt, wird sich trösten. Und wir mit ihm! F. Wochenschau. Aus dem Parlament. Man hat leider keinen Grund mit den ersten Daten des Parlaments zuftieden zu sein. Schon daß der Christlichsoziale Weiskirchner mit einer so starken Majorität zum Präsidenten gewählt wurde, ist nicht sehr erbaulich. Bei einigem guten Willen hätte sich schon auch ein anderes Mittel finden lassen, um den deutsch-slavischen Antagonismus in dieser Frage zu beseitigen. Doch geschehen ist geschehen — und man kann jetzt nur hoffen, daß Weiskirchner sein Versprechen, seines Amtes unparteiisch zu wallen,, einhält. Auch gegen die Juden, — die sich übriges das Gegenteil kaum ruhig gefallen lassen werden. Eine well schlimmere Ueberraschung als die Wahl Weiskirchners zum Präsidenten ist die des Starzynski zum zwellen Präsidenten. Warum nicht gleich Moysa, wenn man es darauf abgesehen zu haben scheint, einen Hauptbeteiligten und Hauptschuldigen der galizischen Wahlniederträchtigkellen mll einer der höchsten Parlamentswürden zu belohnen? Und warum nicht gleich jeder Erstbeste, den man von der Straße hereinholl, da er doch ebensoviel Recht hat im Hause zu sein als dieser Eindringling Starzynski. Traurig genug, daß sich nur der Ruthenen und Sozialdemokraten sittliche Empörung über die Wahl eines solchen Vizepräsidenten bemächtigte. Ein Ehrentag für das junge Parlament war das nicht, dieser 25. Juni, und er mindert die Hoffnungen, die man auf die neue Vollsvertretung setzte, ganz gewallig herab. Doch wollen wir noch immer nicht zu schwarz sehen. Vielleicht finden sich in dem Hause doch ein paar vornehme gebietende Geister, die es davor bewahren, in trüber opportunistischer Flut zu ertrinken. Im Uebrigen wlld das Haus wieder bald berufen sein, sich in seinem Wesen zu offenbaren. Die Debatte über die g ali zisch en W ahlmißbrä uche steht bevor. Die Jüdisch-nationalen, Ruthenen, Sozialdemokraten und Abg. Bretter haben Dringlichkeitsanttäge eingebracht. Ihre Redner werden das Wort ergreifen, um sie zu begründen. Von Sette der Jüdischnationalen Adolf Stand. „Der Hott der Wache". (Schauspiel in 3 Men von Schalom Asch. Aufgeführt vom Ensemble des„Dmti chm Theaters zu Berlin" im Theater a. d. Wien.) Max Reinhardt gebührt das Verdienst, Schalom Asch dem breiten Publikum bekannt gemacht zu haben. Und weil Asch in jiddischer Sprache schreibt, übersetzt man ihn ins'Deutsche; mehr schlecht, als recht. Es fehlen der Ueberttagung die primittvsten Erfordernisse: man hört den Übersetzer statt des Autors. Dem Gedanken fehll der charakteristische Ausdruck. Das nur nebenbei. Dem Dichter ist es gelungen, lebenswahre Charallere und Verhältnisse zu schildern, uns durch den ehernen Gang des Schicksals, das den Jnhall des Dramas blldet, auf das üefste zu erschüttern und ttotz des Milieus jeden anstößigen Gedanken fernzuhallen. Er hat aber nicht bloß ttagische Töne. Welch ein Idyll — wie eine Blume im Sumpfe — ist das Gespräch der Dirnen, die sich vom Mairegen durchnässen lassen! Das sind spielende Kinder, denen ihr Elend kaum zum Bewußtsein kommt; die sich ftei dünken, obzwar es kein ärgeres Sklaventum gibt als das ihrige, die in wesenlosem Scheine das, was uns alle bändigt: die Liebe der Mutter, die Achtung der Well, hinter sich gelassen haben. Er ist kein spezifisch jüdischer Gott, dieser Gott der Rache. Fast allen Religionen und Kulten Neue Zeitung Nr. 3 Sehr gut ist der Appell, den aus diesem Anlaß das Lemberger jüdische „Tagblatt" an Stand richtet: „Wir erwarten von Herrn Stand einen kräftigen Ausdruck unserer Gefühle. Es darf nicht vergessen werden, daß die jüdische Bevölkerung des ganzen Landes über den gräßlichen Raub, den man an ihr beging, tief empört ist. Die Juden sind schwer beleidigt, in Aller Herzen kocht eine. Hölle von Zorn. Die erste Rede des Volksabgeordneten muß daher diesen ganzen Zorn ausschüüen. Sie muß so ausklingen, daß sie den schweren Stein vom Herzen des jüdischen Volkes herabwälze und jeder Jude fühle, daß ihm wenigstens ein Stückchen Genugtuung beschieden worden sei... " . }x Der jüdische Klub hat sich konstituiert "und Herrn Dr. Straucher zu seinen Obmann gewählt. In die Partei-Exekuttve, welche gemeinsam mit den Abgeordneten die Parteigeschäfte führen wird, wurde nebst diesen gewählt: Dr. Isidor Schalit (Wien), Dr. Markus Braude (Stanislau), Dr. Isidor Margulies (Wien), Rudolf Nassau (Wien), als Schriftführer Dr. Leon Reich (Lemberg) und Dr. Paul Weisengrün (Wien). — Ferner wurde die Errichtung eines Parteibureaus beschlossen und zum Parteisekretär Rudolf Nassau bestimmt. Galiziana. Die Affaire des Abgeordneten Dr. Löwenstein, der von zweien seiner Wahlmacher auf, Zahlung des bedungenen Lohnes geklagt wurde — sie zogen allerdings plötzlich die Klage zurück — erinnert lebhaft an die Geschichte von dem Schuldner, der nicht zahlen wollte und seinen Advokaten fragte, wie er sich seinen Gläubigern gegenüber zu verhalten habe. „Stelle Dich verrückt und pfeife jedem was vor, wenn er Dich mahnt!" entschied der geriebene Rabulist. Dies tat der Schuldner auch, aber nicht nur den Gläubigern, sondem auch dem Advokaten — dem er anstatt mit den Expensen mit Pfeifen aufwartete. In der Vorwoche fanden in Lemberg die Kultuswahlen statt. „Durchgekommen" ist die Liste der Offiziellen mtt dem Aspiranten auf „lebenslänglich", Herrn Schwelle v. Horowitz an der Spitze. Darob großer Triumph seitens der jüdischen Polen! Bei Licht besehen sieht sich dieser «Lieg recht zweifelhaft an. Die größte Stimmenanzahl hat Herr Horowitz: 788 Stimmen. Von der ungeheuren Lemberger jüdischen Bevölkerung haben im Ganzen ungefähr 1000 gestimmt und die meisten davon schriftlich. Es muß eben ein Ende nehmen mit dem alten Privilegienwahlrecht für die Kultusgemeinde. Es muß einmal dazu kommen, daß diejenigen, die Interesse am Kultus und am Judentum haben, bei der Wahl entscheiden und nicht diejenigen, die jeden Zusammenhang mit ihrem Volke verloren und die Kultusgemeinde als Versorgungshaus für durchgefallene Reichsratskandidaten betrachten. Herr Rütel und Konsorten, Bürgermeister und Gemeinderäte der Handelskammerstadt Brody, haben sich eine schöne Geste geleistet! Sowie nämlich Adolf Stand zum Abgeordneten gewählt war, verzichteten sie auf ihre Mandate, damtt gleichsam andeutend, daß sie nicht Stadtväter von Kindern sein wollen, von denen sie verleugnet worden sind. Sie ist die Vorstellung des zürnenden Gottes eigen, der durch Gebete und Weihgeschenke geneigt gemacht werden muß. Dem Moloch wurden Rinder geopfert, dem Apollo wurden Hekatomben dargebracht und Jankel Schepschowitsch will durch eine Thorarolle Gott versöhnen. Jankel betreibt nämlich seit einer Reihe von Jahren „Frau Marrens Gewerbe" er ist der Besitzer eines Freudenhauses. Das Haus, welches er bewohnt, besteht aus einem „Oben" und einem „Unten." Hier ist das konzessionierte Lager lebendiger Ware, dort wohnt er mit seiner Frau, einer gewesenen Dirne, und seiner einzigen Tochter Riwkele. Diese will er rein erhalten, und zu diesem Zwecke läßt er die Thora schreiben — sie soll Riwkele vor Verderben schützen. Jankel fühlt es, daß dieses Mädchen, deren Mutter selber eine Liebeshändlerin war, ihm in Innern fremd ist, daß sie sich vor ihm fürchtet, ttotz der Liebe die er ihr entgegenbringt. Er weiß daß er dieses Mädchen nur schwer vor den Mädchen im Parterre behüten kann. Er hat Furcht vor dem Blute das im Riwkele rollt. Man muß Mitleid haben mit Jankel. Dieser Sünder liebt seine Tochter über alles, dieser Ehrlose sieht die mädchenhafte Reinheit, die Ehre des Weibes als das Höchste an. Er will aber für seine Tochter eine Mitgift verdienen und hofft einen lärmen Schristgelehrten zu finden, der die unschuldige Jungftau zum Weibe nehmen wird. dachten dabei augenscheinlich, daß die Brodyer Be-" völlerung in Sack und Asche einen Bittgang zum Gemeindehaus antreten und sie mit Ausdrücken der Reue und Bußwilligkeit zum Bleiben auffordern werde. Aber nichts davon. Die Brodver zeigten sich froh, auf so billige Weise ihrer Oberhäupter los zu werden und fteuten sich auf die neue Wahl. Da gingen die Herren in sich und berieten und — zogen ihre Resignation zurück. Immerhin, sagen muß man: le geste 6tait beaul Wenden wir uns ostwärts! In die Domäne des gemäßigten Israeliten, des Herrn Gall, nach Tarnopol! Dort sind auch Neuwahlen in die Kultusgemeinde. vor - der Tür. Herr Dr. Landesberg, der kommende Mann, tut alles, um sich für den neuen Posten — Kultusvorstand will er werden und in den Reichsrat wollte er kandidieren — vorzubereiten. Unter anderem hat er an der Spitze einer Deputation dem Herrn Professor Siokowski einen Besuch abgestattet und ihm den Dank ausgedrückt, daß er dafür arbeitete, daß Herr Gall, „der gemäßigte" und nicht der Landesverräter Stand gewählt wurde. Durch diesen Schritt hat er nach allgemeiner (Horowitz- Stem-, Feuer- und Funkenstein'scher) Meinung, die Meisterprobe abgelegt und seine Fähig- und Würdigkeit ein galizischer Kultusvorstand zu werden, bewiesen. Mittlerweile aber hat der noch bestehende Kultusrat an Herrn Abrahamowicz das telegraphische Ersuchen gerichtet, die Wahl Weiskirchners zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses zu Hintertreiben. Herr Abrahamowicz und sein Klub aber sind anderer Meinung und die lieben Tarnopoler telegraphieren umsonst. „Der gemäßigte"' Gall bleibt aber — wie gemäßigt! — Klubgenosse von Abgeordneten, die zumeist von jüdischen Stimmen gewählt, dennoch für den Antisemiten stimmen. Uns kann's recht sein. Mojschale. Berräter. Man schreibt uns aus Stanislau: Die allgemeine Empömng über die hiesige Raubwahl welche selbst die galizischen Wahlen bei weitem übertrifft, fand in der am 1. d. M. stattgehabten, von über 1500 jüdischen Reichsratswählern besuchten Protestversammlung ihren Ausdruck. Rach einer Ansprache des jüd. nat. Kandidaten Dr. Markus Braude, worin er den moralischen Wert des durch haarsträubende Räubereien erlangten Mandates beleuchtete, ferner die rühmenswerte, geradezu mutige Haltung der jüdischen Wählerschaft vor und während der Wahl besprach und ihr hiefür Dank zollte, sprachen noch Herr Dr. Halpern, Dr. Sußmann und der Ruthenenführer Herr Hubczak, worauf folgende Resolution zur Annahme und zwar einstimmig gelangte: „Die am 1. Juni 1907 vrrsammelten 1300 jüd. Reichsratswähler der Stadt Stanislau protestieren nachdrücklichst gegen die ungesetzliche, die Bürgerrechte und allgemeinen Menschenrechte verletzende Art und Weise der Durchführung der am 24. Mai in Stanislau stattgefundenen. Stichwahl in den Reichsrat. Die Versammlung spricht ihr Mißttauen der hiesigen Stadtverwaltung aus, welche es gestattete, daß die städtische Polizei, statt für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, zur Bedrängung und Verhinderung der Wähler an der Ausübung des Wahlrechtes benützt wurde. Ferner dem Vorstande der hiesigen Kultusgemeinde dafür, daß derselbe trotz der gegenseitigen Willenskundgebung der gesammten jüdischen Wählerschaft gewagt hat, namens der hiesigen jüdischen Kul- Dann will Jankel sogar ehrlich sein, er will — Pferdehändler werden. „Hört, Reb Elje, wenn meine Tochter heiratet, werde ich zu ihr sprechen: „Du, geh' aus Deines Vaters Haus und vergiß ... vergiß deinen Vater, vergiß deine Mutter, bringt reine Kinder zur Welt, jüdisch e Kinder, wie eine gute jüdische Tochter .. " Armer Schepschowitsch! Du hast auf Sand gebaut, deine Lustschlösser erbarmungslos zerstäubt. Denn der jüdische Gott ist ein Gott der Rache, der „die Sünden der Väter ahndet bis ins vierte Geschlecht." Ablaßzettel für zukünftige Sünden kennt das Judentum nicht. Es kennt ein Seligs ein nicht aber ein Seligsprechen. - ~ . . . „Gott hat's nicht gewollt!— Riwkele ist entweiht. Das ging so zu: Hindl, eine der ältesten Dirnen Jankels, will sich mit ihrem „Bräutigam" Schlojme verheiraten, um Jankel Konkurrenz zu machen. Sie hat bereits ihre hübscheste Kollegin, Manjka, geworben und mit Hilfe dieser Dirne, die mit Riwkele heimlich verkehrt, diese entführt. Riwkele liebt Manjka und Manjka liebt Riwkele. Diese Liebe, Sinnlichkeit, Neugier und Furcht vor dem Vater ziehen das Mädchen ins Verderben. Und wie Jankel Gott mit der Thora versöhnen will, so bittet Hindl: „Ach, wenn es Gott fügt . . . und ich kann beide kriegen! . . . Vater im Himmel ... Du bist doch ein Vater der Waisen! ... Hilf