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Neue Zeitung · 1907-06-28 · Heft 3 (28.6.1907) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 3 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE ZEITUNG gthUhn md AMGrati««: Wien. Il/I, Taborslrassa 64. Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Sit Nr. 3. Wien, Freitag, den 28. Juni $07. 2. Jahrgang. nahmsweiso uin 4- Seiten stärker und enthält aut diesen einen dem Protesre^^efjen die sogenannte „ W ah“ ldes JR.itter von Movsii. Unser Kuß gegen das AoLen- Lum. Es ist nicht verwunderlich, daß die Blätter des Polenklubs mit unserer jüdisch-nationalen Bewegung besonders unzufrieden sind und ihre Künste mit gesteigerter Heftigkeit gegen sie spielen lassen. Ihre anmaßende Beschränktheit kann sich in unser Dasein und in unsere Ansprüche am allerwenigsten finden. Wie? Ist es nicht genug, daß sich Unbotmäßige aus dem eigenen Volke. heraus gegen seine geborenen Führer erheben? Und die Ruthenen nicht müde werden, sozusagen auch auf der Welt sein zu wollen? Muffen nun selbst diese Juden, die bisherigen, geduldigen Haustiere der schlachzizischen Politik wild werden? Mit Leuten, die so empfinden, ist schwer zu rechten. Was sollen wir ihnen sagen, damit sie uns verstehen: Daß sich die Nationen nicht gegenseitig aufheben, sondern ergänzen? Sie würden uns mit jenem selbstsichern Lächeln antworten, das eingebildete Hohlköpfe statt der Gründe bereit haben. . . Daß keine Nation vom Tode der andern lebt, wirklich lebt? Sie würden sich unsem Rat verbitten... daß auch wir Juden eine nationale Eigenart bilden, die ein Recht auf Schonung und eigenes Leben hat? Sie würden sich eine Weile anschauen und dann in ein unbändiges Gelächter ausbrechen .. . Daß unsere kulturelle undpolitische Entwicklung der kulturellen und politischen Entwicklung des polnischen Volkes nicht den geringsten Eintrag zu tun braucht? Sie würden uns den Rücken kehren und nicht weiter hören wollen . . . Und wir stünden wieder, wo wir vor allen Erklärungen gestanden. Wir geben die Hoffnung auf, diese Leute zu überzeugen. Aber wir dürfen darum nicht schweigen. Wir müffen uns vor Allem rühren, wenn der Fanatismus nach seinen Lieblingsmitteln, Entstellung und Lüge, greift. Wir dürfen nicht die ganze öffentliche Meinung eines Volkes von einer Preßclique vergiften lasten. Wir müffen wenigstens versuchen, es zu verhüten. Daß die jüdisch-nationale Bewegung dem polnischen Volke und seiner Kulkur nicht schaden kann, selbst wenn sie wollte, ist uns klar. Zu behaupten aber, daß sie es will, daß ihre Träger und Leiter es wollen, ist eine grobe Unwahrheit Niemand in unseren Lager, der sich vcn Feindschaft gegen das polnische Volk nicht frei wüßte; viele sehr viele unter uns, die ihm sogar besondere Sympathien entpgegenbringen! Wir gesellen uns nicht zu den Feinden des polnischen Volkes, — für's Erste, weil wir keinen Anlaß dazu haben, und dann, weil es in unserem Reiche keine solchen Feinde gibt. Nur das böse Gewiffen der Schuldigen sieht sie. In Wahrheit haßt niemand die Polen, aber Hunderttausende verfluchen die Schlacht« und ihre Kreaturen und vielleicht waren Polen die ersten, die es taten. Wir aber danken Gott, daß auch wir es endlich soweit gebracht haben. Schüchterne aber viel versprechende Anfänge eines Schüchterne aber viel versprechende Anfänge eines Einvernehmens gegen diejenigen, die uns die gemeinsamen Schicksale bereitet haben! Die reaktionäre Presse lügt diese Anfänge in ein Komplott egen das Polentum um. Und bezieht damit eleidigender Weise das polnische Volk in die Verbrechersphäre seiner Tyrannen ein. Das polnische Volk aber will ja gar nicht die Unterdrückung der Ruthenen, gesteht ihnen gerne die ungehinderte nationale Entwicklung zu. Uns gegenüber ist er allerdings minder freundlich. Das tut uns leid. Denn wir sehen uns dadurch für das Gebiet dieser Frage nicht mehr bloß den Schlachzizen, fanden: dem ganzen Volke gegenüber. Es ist kein Zufall, daß die Anregung, die jüdischen Wahlkreise überhaupt aufzuheben, zuerst in einem sonst sehr wackern freiheitlichen polnischen Blatte stand, und daß dieses Blatt auch die „Fremdheits"-Kampagne gegen die außergalizischen Kandidaten der Jüdischnationalen so eifrig mitmachten. Das kommt davon, daß sich auch die freiheitlichsten Kreise der Polen an unser nationales Lebensrecht noch nicht gewöhnen können, ja, daß gerade sie es am dogmatischesten leugnen. Was daran schuld sein mag? Das Ausnahmsschicksal der Juden überhaupt, die Artung des polnischen Charakters, Uebernahme alter welker Ideale der westlichen Judenpolitik nach dem Osten, wohie sie schon gar nicht passen? Oder alles dieses zusammen? Wer kann's misten? Eines steht jedenfalls fest: Daß wir uns wehren müffen. Hart sein! Nicht ein Jota von dem, was wir für unsere nattonale Selbstständigkeit brauchen, Nachlassen! Unseren beiden nationalen Sprachen die Stellung erkämpfen, auf die sie und wir je nach dem Grade ihrer Verkehrs- und Kultur- Bedeutung Anspruch haben! Auf unseren Wahlkreisen bestehen, und nicht nur auf diesen, sondern auf einer wirklich entsprechenden Vertretung unseres Volkes! Und nur wir dürfen Richter darüber sein, wer uns „fremd" ist. In unserem Rechte den Mann, den wir voll und ganz als den Unsrigen erkennen, von überall im L-taate zu holen, dürfen wir uns nicht beschränken lasten Denn in dem Augenblicke, wo wir solche Beschränkung dulden, erkennen wir eine nationale Oberhoheit über uns an und find wieder ins Nichts zurückgeworfen, aus dem wir uns mühsam emporzuarbetten begannen . . . Früher oder später wird das polnische Volk erkennen, daß wir von unseren Standpuntte aus nicht anders können, dast wir für unser Leben so streiten müffen, wie es selbst für das seinige streitet. Er wird erkennen, daß unser Leben keine Unbill ist, die man ihrem Leben antut, daß wir nur auf dem Wege eigenen Lebens zu ihren Lebensgenoffen werden können. Dann wird es uns diesen einzigen und defensiven Kampf, den wir auch mit ihm führen müffen, nicht mehr verübeln, dann wird es ihm selbst ein Ende machen. Wir aber wünschen nichts sehnlicher, als daß dieser Augenblick recht bald komme. Wir wünschen es, um ohne gegenseitige Verbitterung Schulter an Schulter mtt ihm und zugleich mtt unseren ruthenischen Freunden gegen die allen gemeinsamen Unterdrücker, die speziell unser Volk physisch und wirtschaftlich fast zu Grunde gerichtet haben, zu kämpfen . . . tum S den die"«ügeMättn auszumalen nicht müde werden. Und das soll Liöeratisums fein! Die Heldentaten der galizischen Moschkos, anläßlich der Reichsratswahlen lassen ihre teutschen Gesinnungsgenossen in Prag nicht ruhen, und diese sind nun eifrig bestrebt, jene womöglich noch zu überbieten und ihren Sympathien für die polnische Schlacht» gebührenden Ausdruck zu verleihen. Das soll in erster Linie durch eine Hetze geschehen, die gegen Abg. Dozenten Du. Mahler gerichtet, womöglich dazu führen soll, demselben die „venia legendi" zu entziehen, um ihn so für die Aufrichtigkeit und Offenheit, mit der er seine Ueberzeugung vertritt, zu bestrafen. Zu diesem Zwecke wurde von der deutschen Lese und Redehalle in Prag zuerst eine öffentliche Versammlung einberufen, die aber, infolge des Massenbesuches jüdischnationaler Studenten nicht abgehalten werden konnte. Die Einberufer hielten es nun doch für bester, die Sache nicht in der Oeffentlichkeit auszutragen und beriefen für den vergangenen Samstag eine § 2-Versammtung ein, in der die Herren denn auch ganz „unter sich" waren, und eine Resolution in dem Sinne faßten, daß die Annahme eines jüdisch nationalen Mandates durch Dr. Mahler dem deutschen Charakter der Universität widerspreche. Daß es tatsächlich keine deutsch-nationalen Bewegründe find, von denen unsere deutschen Moschkos bei dieser Aktion geleitet werden, wird zur Genüge dadurch bewiesen, daß ein Kroate, SprridionVugadinovic, an der deutschen Universität Germanistik (!) vorträgt und ein Ruthene, Hofrat Puluj, Professor für Elektrotechnik an der deutschen Technik in Prag ist, ohne daß man je an ihrer Fremdnationalität den geringsten Anstoß genommen hätte. Und anderseits wurde auch Dr. Mahler von echten und aufrichtigen Deutschen zu seiner Wahl beglückwünscht. Die geistigen Urheber dieser allerdings wenig geistigen Bewegung dürsten wohl die schon getauften und noch ungetausten Senatsmitglieder der deutschen Universität in Prag sein, welche es nicht wagen, offen gegen Dr. Mahler aufzutreten, und sich daher hinter den teutschen Studenten mosaischer Konfession und den par von diesen aufgehetzten Ariern verstecken. Man sollte meinen, daß die letzte Ohrfeige, die die Teutschen mosaischer Konfession anläßlich der projektierten Vereinigung der deutschen Parteien im Parlamente erhielten, ihnen noch in den Ohren klingen müffen. Sollten sie sie wirklich nicht gespürt haben? Sie war doch käftig genug. Oder wirkte sie so nachdrücklich, daß sie die Teutschen in Schlachzizen verwandeüe? Denn benommen haben sie sich wie solche. Oder noch ärger. Denn die Schlachzizen geben sich wenigstens nicht als Freiheitsmänner aus. Diese Herren aber, die Wörter, wie liberal und demokratisch stets im Munde führen, allerdings dudurch dieselben geradezu in Verruf brachten, haben durch diese Art des Kampfes nur zu deutlich bewiesen, wes Geistes Kind sie. sind und man darf es den Deutschen gar nicht verübeln, wenn ihnen die Bruderschaft auf die Dauer unangenehmwird. Wir Jüdischnationale verwahren uns ja auch ganz entschieden gegen die Gemein-

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