Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 2 Are Wandlungen einer Melodie. Von I. L. Perez*) (Schluß.) Und wozu die ganze Zeremonie, das ganze BedeckenS? . . . Me, närrische Bräuche! „Rascher!" schreien die Kiewer Gäste. Der arme Chaiml. Er hatte die Kapelle aussetzen lasten und klopfenden Herzens mit dem Bogen über die Saiten gestrichen. Die einfachen Leute beginnen schon mit den Augen zu zwinkern, manche vergießen schon Tränen ... Da ruft ein Kiewer: „Was ist hier? Eine Hochzeit oder ein Begräbnis?" Und als Chaiml so tut, als ob er nicht hört und weiter spielt, fängt der Kiewer zu pfeifen an. . . Er pfeift just ganz ausnahmsweise gut. Er hat die Melodie schon heraus und pfeift sie richtig. Und pfeift immer geschwinder, immer ausgelaffener, immer wilder! Und immer dieselbe Melodie!. . . Die Kapelle bleibt füll. Man hört nur den Kampf zwischen der moralischen Geige und dem ftechen Pfeifen. . . Und das Pfeifen siegt. Es spomt den Bogen an, die Geige weint nicht mehr; zuerst ächzt sie, dvnn beginnt sie auch zu lachen. Und plötzlich bricht Chaiml ab. Mit zusammengekniffenen Lippen und wild funkelnden Augen springt er auf eine andere Saite über und beginnt noch geschwinder zu spielen; er will das Pfeifen überholen! Nein, das ist kein spielen mehr! Die Geige gibt stoßweise Schreie von sich, gewaltige Töne. . . Sie drehen sich wirbelnd herum. Es ist, als ob alles tanzte: Das Zimmer, die Kapelle, die Gäste, die Braut auf ihrem Stuhl, Chaiml selbst mit seiner Geige... Es ist kein „Frelechs", kein „El mole rachamim", es ist kein Spiel. Tanzender Wahnsinn ist's, wild-wahnsinnige Fallsucht, daß sich Gott erbarme!. . . Und das dauerte solange, bis die Saite sprang. „Bravo' Chaiml, bravo!" — schreien die Kiewer. Ob sie damit dem alten Geizhals einen Gefallen taten? Gewiß nicht! Mehrere Jahre später kam die Melodie, wahrscheinlich durch einen von den Kiewer Leuten, ins Theater! Was ist ein Theater? Alte Maskilim^) pflegten zu 'glauben, daß ein Theater bester ist als ein Moralbuch und stärker als „Reschis chochmo"^) — sie seien wohl unterschieden.^) Ihr wieder sagt natürlich, daß ein Theater unrein ist wie Schweinefleisch. Bei uns sagt man, daß es darauf ankommt, was man im Theater spielt. Es war schon in Warschau.. . Das Theater ist voll, Kopf reiht sich an Kopf. Die Musik beginnt. Was spielt sie? Es ist ein Tosen, ein Durcheinander! Chaimls „El mole rachamim", nur an Stelle des „Wolech" — ein Durcheinander. Die Instrumente jagen und treiben einander und poltern. Es lärmt und klopft und pfeift... Es donnert nicht, Häuser stürzen.nicht. Ein Lärm schlechthin! Tanzen Geister auf dem Eismeer? Toben lausende wilde Tiere aus der Hölle heraus? Ein Zittern geht durch das Theater! Plötzlich greift der Baß ein. Er ist sozusagen im Zorn. Er ärgert sich: Was ist das? Aber — falsch! Es ist ihm also nicht Ernst mit seinem Zorn. Und ein seltsames Pfeifchen hüpft hinein. Es fliegt durch die Kapelle im Blitzes- Zickzack und mit wahrem Koboldlachen: Ha, ha, ha! und hi, hi, hi! Das Klarinett eilt nach. Und wirkt Wunder, das Klarinett. Ist trotzig Man kann den Trotz greifen. Und jetzt erst kommen drei, vier Geigen hervor. Und spielen wundersüß wie die Lust selbst. Wie der böse Trieb, wenn ihm Honig vom Munde fließt. Und das Spiel schleicht sich in die Herzen ein. Es fließt wie Qel hinein und macht wie alter Wein trunken. Die Leute glühen. Die Münder offen, die Augen blitzen! *') Aufklärungsleute. **) Titel eines Buches. M) Siche Anmerkung 11. Nun geht erst der Vorhang in die Höhe. Ein „Er" und eine „Sie,, erscheinen, — ein „Prinz" und eine „Prinzessin" und singen! Sie singen mit flammenden Worten. Wie feurige Schlangen entfließen sie ihren Lippen. Die Hölle brennt auf ihren Gesichtern. Wie Teufel springen .sie sich entgegen. Und das Springen, Singen, Umarmen, Küsten geht immer schneller und schneller und wird lodernder mit jedem Augenblick. Und die Glut hat schon das ganze Theater ergriffen — die ganze Galerie, die Männer und Weiber mit den heißen, glühenden Gesichtern und den flammenden Augen : . . Wie eine Sintflut hat sie alles überschwemmt! Das ganze Theater singt. Ein Meer brennender Lust hat sich ergosten — ein Höllenbrand! Böse. Geister tanzen, und Engel der Vernichtung führen ein feuriges Rad ... Das ist aus PedohzursBrautausstattungslied durch Chaimls „El mole rachamim" mit Hilfe des Kiewers geworden. Aber fürs Sinken gibt es keine Grenzen! Das „jüdische" Theater ging ein, Prinzen wurden wieder Schuster und Schneider, die Prinzessinnen kehr;en an den Herd zurüch. Und manche von den Theatermelodien verwandelten sich in Leierkastenlieder. Unsere Melodie ist kaum mehr zu erkennen. Ein schäbiger Teppich liegt in einem Hofe ausgebreitet. . . Zwei Männer in Trikot machen Kunststücke — zusammen mit einem magern, blaffen Mädel, das sie irgendwo gestohlen haben. .. Der eine trägt eine Leiter mit den Zähnen. Pfeilschnell läuft das Mädchen bis zur höchsten Sprosse und springt von da auf die Achsel des zweiten hinab. Der erste gibt ihr einen Stoß in die Schulter. Sie macht einige Lustsprünge uno bleibt mit ausgestreckter Hand vor - dem Hofpublikum stehen — Gaben erbettelnd. Es ist auch ein Theater, nur ein solches für einfache Leute, für Diener und Dienstmädchen. Es wird unter fteiem Himmel gespielt- — kann's billig sein. Man kaust keine Billets, sondern wirst bloß Zweier oder Dreier hin. Und das dürre Mädel macht seine Sache so großartig. Dicke Schweißtropfen rinnen ihm. von dem rot geschminkten Gesicht, in den tiefliegenden Augen glüht ein Leid, — aber das Publikum sieht nichts davon. Es sieht nur die schönen Kunststücke und hört nur die schöne Leierkastenmusik. Und die Seele in dem dürren Körperchen des armen gestohlenen Kindes und die arme Melodie in dem blecheisernen Leierkasten — beide ächzen, weinen und zittern, beide bitten um Erlösung. Doch es war bestimmt, daß Pedohzurs Brautausstattungsweise wieder hochkommen sollte. Die Gaukler schleppten die arme Kleine so lange von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, bis sie, — möge es euch nicht treffen, — krank wurde. . . In Radizwill, an der Grenze, ließen sie das kranke Kind hinter einem Zaun liegen und gingen über die Grenze. Jag' dem Winde nach! Halb nackt, mit braun-blauen Zeichen erlittener Mißhandlungen lag das Mädchen in Fieberhitze da. Mitleidige Leute hoben es auf und trugen es ins Spital. . . Es überstand einen Typhus' und kam, auf beiden Augen blind, heraus! Und jetzt bettelt das arme Kind, geht von Haus zu Haus, von Tür zu Tür. Und spricht fast gar nichts. Sie kann mit Worten nicht betteln. . . Sie stellt sich hin und wartet; — sieht man. sie. nicht, so fängt sie zu singen an, daß man sie höre. . . Und es ist die Leierkastenmelodie! Und was -kündet sie jetzt? Sie bittet um Barmherzigkeit, um Mitleid für ein unglücklich Kind... „Böse Menschen haben mich einem gutem Vater, einer herzigen Mutter, aus einem warmen, weichen Rest gestohlen. Man hat mich aus allem Glück gerissen, mich ausgenutzt und dann weggeworfen wie eine Nußschale. Mitleid mit einem armen, armen Kinde!" Und weiter: „Es ist kalt, und ich bin nackt, und Hunger Hab' ich. Und Hab' keinen Ort, den müden Kopf auszuruhen... Und blind bin ich auch noch obendrein!" So fleht das Lied. Und das war seine erste Stufe nach oben : Es bewog zum Almosen geben! Da war in Radizwill ein Lamden.") Er war keineswegs ein Misnaged,^) und sicherlich kein streitbarer. Er hatte nur die Zeit nicht, zu fahren^) ... Er klappte nie den Talmudzu. Er hatte Angst, im Thorastudium gestört zu werden. Darum pflegte er auch lieber zu Hause als im Bestamerisch") zu sitzen und zu lernen.^) Die Frau ist ja den ganzen Tag im Geschäft, die Kinder sind im Cheder. Manchmal durchflog seinen Kopf der Gedanke: Vielleicht fährst du doch doch irgendwohin? Wahrscheinlich eine Einflüsterung des guten Triebes. Was tat da aber immer der böse Trieb? Er verkleidete sich als guter Trieb und antwortete: „Gewiß soll man fahren! Aber es ist noch'Zeit, bis dieser, jener Abschnitt beendigt ist!" . . . So gingen Monate und Jahre vorüber. Offenbar wollte man aber im Himmel, daß er doch zu Reb Dowidl komme. Geschah also folgendes: Eines Tages, der Lamden sitzt und lernt, hört er vor seiner Tür singen. Zuerst wird er über sich selber böse: Wenn man sitzt und lernt, darf man nicht hören, was auf der Gaste und vor der Tür vorgeht. Man muß in der Thora aufgehen. Da er aber doch weiter hört, verstopft er sich die Ohren mit den Fingern. Dennoch schleicht sich das Lied, unter den Fingern durch, hinein. Sein Aerger wird noch größer. Zornig streckt er den langen Bart in den Mund, beißt und lernt weiter. Mit Willensanstrengung lernt er. Die Melodie läßt nicht ab. Er hört sie immer schärfer und wird gewahr, daß es eine Frauenstimme ist. Ein Mädel singt! Da schreit er laut auf: „Freche Person, fort von meinem Hause!" Das Lied entfernt sich. . . Aber, o Schrecken! ' Man singt nicht mehr, und er hört doch weiter. Die Melodie singt allein in seinem Ohr, in seiner Seele. Er sieht krampfhaft ins Buch hinein, will sich in den Stoff hineinarbeiten. Es gelingt ihm nicht. Seine Seele wird des Liedes immer voller und voller. . Er klappt den Talmud zu und stellt sich hin, um Minche^o) zu beten. Er kann auch nicht beten! Wie ein silbernes Glöckchen klingt die Weise in ihm. Er hält's nicht aus. Er vergeht buchstäblich vor Leid. Der Tag zieht vorüber, ein zweiter, ein dritter verstreicht — der Mann verfällt schier in Schwermut. . . Er fastet, es Hilst ihm nicht. Er kann die Melodie nicht los werden. Sie weckt ihn nachts aus dem Schlafe. Und er hat sein Lebtag, auch nicht einmal Minche, am Omed") gebetet, fast nie einen singenden Ton von sich gegeben! Am Sabbat pflegte er die Sabbatlieder einfach zu lesen und statt des unterlassenen 'Gesanges ein Blatt Gemore zu lernen. Es kann also nicht mit rechten Dingen zugehen. „Satanswerk!" denft er und verzweifelt ganz. „Jetzt muß gefahren werden!" . Aber der böse Trieb ftagt: „Ja, fahren, doch wohin? Zaiüfim41) gibts eine Menge, welcher ist der wahre Zaddik, bei welchem kann man wirklich etwas richten?" fängt der Lamden zu sinnen an. Da kommt eie Wink von oben. Reb Dowidl Talner muß flüchtig werden und reist gerade durch Radziwill... Ihr kennt wahrscheinlich die Geschichte von der Denunziation. Und ich sage euch, daß es ein e- Strafe war. Man hätte Reb Dowidl nicht aus Wassilkow herauslocken und nach Talne führen sollen! Man hätte nicht eine Stadt beschämen sollen. Wassilkow ist doch ganz zugrunde gegangen. Die Gasthäuser mußte man schließen. Die Herbergen sind ruiniert worden. Sie sind auf trockenes. Brot gekommen, — möge euch's nicht treffen! Und nun — eine Denunziation, und auch. Talne geht zugrunde. s<) Lamdon (lamdan), talmudgelehrter Mann. Wörtlich: Gegner. Hier Bezeichnung für dieantichassidischen (rationalistischen) frommen Juden. S6) Zu ergänzen: Zum Rebbens’) Beß hamidra,ch). Ein Bethaus, das namentlichden Talmudbeflißenen für ihre Smdien und Diskussionen dient. '°) ..Lernen" ist der technische Ausdruck für das Studium der Thcra, des Talmuds und ihrer Kommentare Mincho (mincha) Abendgebet. ") Platz des Vorbeters ") Mehrzahl von Zaddik. Eigentlich: Gerechter, frommer Mann. Hier synonym mit „Rebbe' und- „giter Jid".