Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Neue Zeitung Seite 5 dessen, was ihm Not tut. Man hat heute Abend soviel von modernen Judentum gesprochen, er sehe dieses in der sozial-ökonomischen Förderung des leidenden jüdischen Volkes und auch in einem ausgeprägten national-kulturellen Streben. Bei Besprechung der sozial-ökonomischen Erfordernisse, wies Redner auf das besonders erschreckende Elend der galizischen Juden hin und betonte, daß ein solches Elend für die Betroffenen und für die Zuschauer umso furchtbarer sei, als es sich in diesem Falle nicht um stumpfe, geistig unregsame Menschen, sondern um ein Volk von weit gespannten seelischen Ansprüchen handelt. Redner besprach auch die politische Notwendigkeit der nächsten Zukunft und bezeichnete in scharfer Weise die Teilnahme der Juden an der Befreiung Galiziens, von der das Land ruinierenden Schlachta als die erste Voraussetzung für die erfolgreiche, politische, sowie die national-kulturelle Arbeit. Arthur Hochstädter lBar Kochba) brachte einen langem Toast auf die anwesenden Abgeordneten aus, der mit großem Beifall ausgenommen wurde. Es sprachen sohin Herr Dr. Isidor Schalitder in schwungvoller Rede den Toast auf die akademische, jüdische Jugend brachte und Herr Dr. Hermann Kadisch über die Pflichten des jüdischen Abgeordneten die heute dort einsetzen müssen, wo der jüdische Volksverein seinerzeit aufgehört habe. Herr Lucian Brunner sprach noch in humorvoller Weise einige Worte. Hierauf schloß der Kommers dessen Verlauf Veranstalter und Teilnehmer mit höchster Zufriedenheit erfüllen kann. Th. B. Aufruf! Ein junger Mann in einer der Städte des 32. galizischen Wahlkreises hat im Wahlkampfe bis zur Erschöpfung seiner Kräfte gearbeitet. Am Stichwahltage versetzte ihn das Miterleben aller der namenlosen Wahlschuftereien in einen solchen Erregungszustand, daß sein geschwächter Körper dies mcht mehr ertragen konnte. Er bekam einen Blutsturz. Nun braucht er eine Kur zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, speziell eine Badereise, verfügt aber nicht über die erforderlichen Mittel. Wir bitten nun alle Volksgenossen, die Sinn für die Heldenhaftigkeit dieses jungen Mannes und Mitleid mit seinen jungen Jahren haben, zu den Kurkosten beizusteuern. Wir sind bereit, solche Beträge zu übernehmen, ihrem Zwecke zuzuführen und in unserem Blatte auszuweisen. Die Redaktion der „Neuen Zeitung". Kunst und Literatur. „Gott der Rache" von Schalom Acher. Das bekannte Drama von Schalom Ach, welches in Berlin mit großem Erfolge aufgeführt wurde, ist vorige Woche in Czstochor von einer Peterburger Truppe zur Aufführung gebracht worden. Wie man uns von dort berichtet, war das Theater von Juden und Christen sehr gut besucht und fand das Stück auch dort eine glänzende Aufnahme. „Die Muskete" bringt diese Woche eine „Galizien-Nummer." Wir wollen den humoristischen und bildnerischen Wert dieser Nummer, sowie des Blattes überhaupt hier weder lobend noch tadelnd besprechen. Doch gegen die Rücksichtslosigkeit, mit der die Rolle des galizischen Juden in den Wahlen behandelt wird, wollen wir uns wenden. Gewiß, dem Witz ist viel erlaubt, aber von falschen Voraussetzungen ausgehen, darf auch er nicht. Und auf Unkenntnis der Verhältnisse, die von der lächerlichen Seite genommen werden sollen, darf auch er nicht beruhen. Am allerwenigsten, wenn dadurch die Antipathie gegen ein ganzes Volk unverdienter Weise gestärkt werde. Weiß denn „Die Muskete" gar nichts davon, daß die galizischen . Juden bei den letzten Wahlen gewiß nicht mehr die Rollen spielten, die sie ihr zumuthet. Weiß sie den gar nichts davon, was jetzt so deutlich geworden ist, daß die nächsten und traurigsten Opfer ihrer „Juden" die Juden selbst sind, daß jetzt nicht bloß die Bauern, sondern auch die Judenmassen gegen die Adeligen' und - gegen deren paar jüdischen Faktoren entschieden Front machten? Weiß sie nichts davon, daß über 30.000 galizisch-jüdische Wähler in dem Kampfe gegen die vielen Schlachzizischen und die wenigen jüdischen Henker des Landes eine Leidenschaftlichkeit, eine Begeisterung, eine Hingabe aufbrachten, wie man sie auf dem Pflaster Wiens auch des arischen, mit Laternen suchen könnte? Da sie dies alles nicht zu wissen scheint, glaubten wir, ihr es sagen zu müssen. LI. A. Achad Haam und Schalom Asch in Palästina. Der bekannte Essayist Achad Haam (S. Günzburg) und der jüdische Dramatiker Schalom Asch sind zusammen mit Herrn Dr. Kohan Bernstein, der sich nun für immer mit seiner Familie in Palästina niederläßt, dorthin abgereist, um einige Zeit in dem für ihre angegriffene Ge-, sundheit zuträglichen Klima zu verbringen. Humor und Hatyre. Parlamentarisches. Wie uns aus Rußland gemeldet wird, soll Stolypin den Vorschlag gemacht haben, den galizischen Statthalter Grafen Andreas Potocki als Leiter der Neuwahlen für die Duma zu berufen. Maßgebenden Orts ist man aber eher geneigt Berisch Stern, Bürgermeister von Buczacz mit dieser ehren- und verantwortungsvollen Aufgabe zu betrauen. Graf Andreas Potocki ist zum erblichen Herrenhausmitglied ernannt worden, während Herr von Horowitz (wovon?) leer ausging. Obgleich die Verdienste des Herrn von Horowitz (wovon?) denjenigen des Grafen Potocki lange noch nicht gleich kommen — „lebenslänglich" hätte er zum Mindesten doch verdient. Schade, daß nicht auch einige galizische Bezirkshauptleute ins Abgeordnetenhaus „gewählt" wurden. Sie hätten dem Polenklub bei der Debatte über die galizischen Wählmißbräuche durch Verhaftung sämtlicher protestierender Abgeordneter wesentliche Dienste leisten können. Schade! Flesi. mrdel und Verkehr. Wie«, Produktenbörse. IS- Juni 1907. Die heute veröffentlichten amtlichen Saatenstandberichte konstatieren, daß in der diesseitigen Reichs- Hälfte der Saatenstand — Galizien ausgenommen — einwandfrei ist und demnach fast allgemein ein guter Mittelertrag in Aussicht steht. Auch in Ungarn hat sich der Saatenstand gebeffett. Trotzdem lautet der Bericht nicht so günstig als allgemein erwartet wurde. In Handelskreisen rechnet man aber damit, daß die ofsiziellen Berichte von Transleithanien stets, pessimistisch gefärbt sind. Der Markt blieb denn auch lustlos und zur Ermattung geneigt. Weizen war aber so wenig offeriert daß selbst die schwache Konsum- und Handelsftage nicht drückend wirkte. Roggen, besser angeboten, verbilligte sich um 3 Heller. Direkt flau tendieren die Futterartikel, well der Witterungsverlauf sowohl der Maispflanze als den Haferseldern sehr förderlich ist. Beide Artikel waren heute 5 bis 10 Heller billiger erhältlich als Vorwoche. Weizen K°Rh bis K h Theiß. '. . 10.30 IL¬ Slovakischer. IO.— Marchfelder und Niederösterr. . . 9.40 9.70 Roggen: Slovakischer. . . 8.20 8.45 Pester Boden. . . 8.25 8.45 Oesterreichischer. . . 8.15 8.40 Gerste: Bremer, Futter- und Rollgerste Ungarischer. . . 6.10 6.30 Cinquantin. . . 7.20 7.70 Ungar. Ia m. Ausstich . . . . . 8.20 8.70 ' „ geringer Ausstich . . . . 8.05 8.30 Marttbericht vom 29. Juni. Zentralviehmarkt. Dem heutigen Markte wurden zugeführt: 3667 gestochene Kälber, 2626 lebende Schweine, 1654 Weidner-Schweine, 141 Weidner-Schafe, 361 Lämmer, 375 Schafe. — Auf dem Kälbermarkt war eine Minderzufuhr von zirka 1700 gegen die Vorwoche zu verzeichnen. Die vorwöchentliche Preiseinbuße wurde vollkommen wettgemacht. Man verkaufte: Weidner-Kälber von K. 1.12 bis 1.34, Prima von K. 1.36 bis 1.48, Hochprima von K. 1.50 bis 1.56, Lebende Kälber von K. 1.— bis 1,40, Lebende Fettschweine von K. 1.02 bis 1.20, lebende Fleischschweine von 72 Heller bis K. 1.02, Weidner Fleischschweine von K. 1.06 bis 1.30, Frischlinge von K. 1.08 bis 1.30, untergewichtige von K. 1.34 bis 1.44, Weidner Schafe von 78 H. bis K. 1.— per Kilo, Lämmer von K. 16.— bis 36.— per Paar, Primaschafe von 74 bis 80 Heller, Brackschafe von 65 bis 66 Heller per Kilo, alles exklusive Verzehrungssteuer. Die „Jka" gründet in Tlumacz eine Bank, um Kleinhändlern und Arbellern billigen Kredll zu schaffen. Ein gewiß sehr löbliches Beginnen! Es hat sich auch bereits ein lokales Komite gebildet, um die Organisation der Bank durchzuführen. In dieses Komite hat sich auch ein sicherer Jakob Seidmann Eingang zu verschaffen gewußt, was sehr zu bedauern ist. Denn derselbe Seidmann hat sich im Vorjahre öffenllich der Veruntreuung von „Kischinewer" Geldern und Geldern des hiesigen „Klubs", deffen Kassier er ist, zeihen und zur Klage auffordern lassen, ohne sich dadurch zu gerichtlichen Schritten bemüssigt zu Sriefkasterr. A» dieser Stelle werde« wir einmal oder, wenn es notwendig sein sollte auch zweimal im Monate, sämtliche Anfragen unserer Abonnenten rein sachlich beantworten. Wir ersuchen aber um möglichst genaue Präzisierung der Anfragen nnd Wünsche, sowie um deutliche Angabe eines Buchstaben oder Schlagwortes, unter dem die Antwort erfolgen soll. Wir werden uns bestreben, jede wichtige Anfrage, juridischer, oder rein kommerzieller Natur ganz genau zu behandeln und uur nach eingeholten Informationen bet den entsprechenden Fachleuten zu beantworten, wobei wir auch selbstverständlich die strengste Diskretion wahren werden. Die Redaktion. Der jüdische Hausierer! Am Rücken den schweren, alten Kasten, Er darf nicht ruh'n er darf nicht rasten. Demütig tritt er zum Tische hin: „Meine Herren, koift Bleistift, Knöpfe, Zwirn, Zahnbürsten, Papier und andere Sachen." Vom Tisch her schallt unbändiges Lachen, Halb ärgerlich, halb amüsiert. Wird er von allen Seiten sixiert. „Schauderhafter Kerl! Mach dich auf die Socken! He, Alter! Schneid' dir deine Locken." Er lächelt gefällig und tief im Herzen Brennen die alten, jüdischen Schmerzen. „Vielleicht genehm a Gesellschaftsspiel? . Ich sags, so 'n Jud hat kein Ehrgefühl, Verschwinden Sie endlich". Wieder lachen die Tröpfe. „Bedaure, ttag' nur arische Hosenknöpfe." -Stumpfsinnig klappt er zu den Kasten, Er darf nicht ruhn, er darf nicht rasten. Dort sitzen beim Eingang wieder vier. Demütig seufzt er: „Kauft feines Papier". -Und siehe, schon senkt sich die Dämmerung Du erkennst den alten Hausierer nicht wieder. Vergessen sind all' die Golusschmerzen, Der Sabbach zieht ein in seinem Herzen, Es rötet sich die hohle Wang, Befteit von der Last, ist auftecht sein Gang. Vergessen sind dieser Woche Thränen, In der „Schul" beim gemeinsamen, jüdischen Sehnen. Im weißen „Talles" eingehüllt. Zieht durch seinen Sinn ein liebliches Bild, -Eine warme Stub', ein gedeckter Tisch, Gebackener „Barches", gekochter Fisch, Und er öffnet die Tür, uno es kommt ihm entgegen Jentel, sein Weib und wünscht ihm Segen, Die Abgehärmte, die Kinderreiche, Heute rötet sich ihr Anllitz, das bleiche. Heut ist sie ja Königin, er ein König. Er küßt ihren Mund und sie lächett ein wenig. Er wascht sich die Hände, er spricht das Gebet, Die Kinder kommen, es ist ja schon spät, „Gut Schabbes" tönt ihm von sieben Kehlen, Von sieben, hoffenden Kinderseelen. Da kommt er schon, der ersehnte Fisch, Nun setzt sich auch Jentel, sein Weib, zu Tisch. — — So dämmrig. friedlich ist's im Raum, Sie lehnt sich an ihn, man sieht es kaum. Die Sabbathlieder, die niemals fehlen. Erklingen aus sieben Kinderkehlen, Er drückt ihr zärttich die hatte Hand, So dämmttg, fttedlich ist's im Raum . . . -Der Chor erweckt ihn aus seinem Traum, Und es tönt chm im Herzen mit jauchzendem Schalle, ,Lecho doudi tikras Kalle". Thekla Blech.