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Neue Zeitung · 1907-06-21 · Heft 2 (21.6.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 2 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr. 2 Hundert ist eben daran, einen. großen Judenpogrom zu inszenieren und haben zu diesem Zwecke ein neues Blutmärchen zu Tage gefördert. Es soll ihnen aber diesmal nicht gelingen. Wie es heißt, warnte der Präsident des „echt russischen Vereines" Graf Konownizin feine Leute durch spezielle Aufrufe vor Pogroms, da der Kaiser, — so heißt es im Aufruf — es unbedingt verwehrt, Judenpogroms zu machen. Die Juvenfrage in Fiunland. Vorige Woche wurde Herr S. Jakobson, telegraphisch nach Helsingfors berufen, damit er über die jüdische Frage referiere. Herr Jakobson antwortete am 8. d. M. dem Vorsitzenden des Vereines für jüdische Volksberechtigung Herrn Zoll, daß dieser Tage, die Vorlage über die Gleichberechtigung der Juden dem Parlamente unterbreitet werden wird. Nachträglich erfährt man, daß die schwedische Partei und die finnische sozialdemokratische Partei welche zusammen über 104 Sttmmen verfügen, für die Gleichberechtigung der Juden eintreten werden. Unter diesen Bedingungen wird die Vorlage sichern Erfolg haben. Bekanntlich zählt das Parlament in Finnland 200 Abgeordnete. 104 Stimmen bilden, also mehr als die absolute Majorität. Ein Jubiläum. Anläßlich ihres zehnjährigen Bestandes erschien die „W e l t" in Form einer reich ausgestatteten Festnummer, die gewürdigt zu werden verdient. Nach einem Vorworte von Berthold F e i w e I, unter dessen Leitung das Blatt in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung genommen hat, erzählen David Wolffsohn und Port Steiner interessante Details von der Entstehung der „Welt." Politische Artikel lieferten Prof. O. Marburg, Heinrich Loewe, Dr. Simon Bern seid, Matthias Acher, Dr. Alfred Nossig, Martin Buber, Sigmund Werner u. a. Die Lyrik wird repräsentiert durch Leon Kellner, Feiwel, Theodor Zlocisti, Auch Max Nord au hat sich mit einem „Nachtrag zu Heinrich Heines, Deutschland ein Wintermärchen" Kapitel XXVIII" eingefunden, Max Jungmann mit der Fabel „Das befreite Fischlein" und N a h u m S o k o l o w mit der Skizze „Ein Stein bist Du gewesen. . ." Ausserdem enthält die Nummer ein Fragment aus Heinrich G r ü n a u s dreiaktigem Drama „Unterwegs" sowie einen Einakter aus der FederA. Coralniks: „Roter Schnee." Die Ausgestaltung der Festnummer ist vornehm, und obgleich sie die Portraits aller Mitarbeiter, sowie der engeren A.-K.-Mitglieder bringt, doch nicht zu überladen. Drei Repräsentanten jüdischer Kunst, Hermann Struck, E. M. Lilien, und L. Pilichowski sind durch Reproduktionen ihrer neuesten Werke vertreten. Von letzterem Künstler stammt auch die Kunstbeilage „Al Chet" deren Original seinerzeit in Wiesbaden ausgestellt war. J. W. Krref aus Amerika. Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß die Juden in Amerika jetzt eine gewisse Empfänglichkeit für rein nationale Fragen zeigen. Es beginnt ihnen allmählich klar zu werden, daß es nur an ihnen selbst liegt, die Judenfrage erfolgreich zu lösen. Wenn man jetzt die amerikanischen Blätter überblickt, gewinnt man einen angenehm überraschenden Eindruck. Neben dem großen Tam-Tam, der noch immer einen ansehnlichen Teil füllt, findet man aber auch sehr gute Arbeiten sowohl wissenschaftlichen, als auch, und zwar zum größeren Teil, belletristischen Inhalts. Was aber besonders erfteulich ist, und daß will ich hauptsächlich hier hervorheben, daß die Juden untereinander und miteinander zu verkehren suchen. Sie legen sich selbst die verschiedensten Fragen vor und suchen sie rein sachlich, ohne leidenschaftliche Ausfälle und ohne phrasenhafte Selbstüberhebungen, zu beantworten. Ich will in meinem gegenwärtigen Briefe nur auf zwei solche Fragen Hinweisen, welche durch die Art ihrer Behandlung in der Presse, die Richtigkeit meiner einleitenden Behauptungen beweisen mögen. Die Zurücksetzung der Juden in den verschiedenen Sommerfrischen und in den sogenannten besseren Hotels, dürfte nicht unbekannt sein. Nun behandeln hier die meisten jüdischen Blätter diese Frage von verschiedenen Gesichtspunkten und gelangen zu sehr interessanten Resultaten. Vor allem möchten sie die Grenzlinien entfernen, welche die Juden sich selbst gezogen haben. Sie verurteilen die Klassenunterschiede die sich bei den Juden seit langer Zeit leider eingebürgert haben und finden nur in einem einheitlichen Vorgehen einen richtigen Ausweg. Die Juden müssen zuerst einen inneren Läuterungsprozeß durchmachen,, Verbindungslinien mit sich selbst, mit der Jugend, mit dem Fortschritt, kurz feste Toleranzfäden Herstellen, dann wird man ihnen auch von außenher anders entgegenkommen. Der eigentliche Antisemitismus richtet sich ja nur gegen die Zurückgesetzten, für die im eigenen Lager niemand eintritt, oder besser gesagt, die innere Zersetzung findet leider draußen einen starken, wenn auch sehr übertriebenen Resonanzboden. Stärkung ist daher dringend geboten. Ein gewisses Maß von Selbstbewußtsein muß dem jüdischen Volke beigebracht werden. Und jetzt kommt die zweite wichtige Sache. Die amerikanischen Juden halten bereits Umschau nach eigenen, tüchtigen Lehrern, welche' allein geeignet sein könnten, das Volk gehörig zu erziehen, ihm beizubringen, daß die Juden als Ganzes, Kulturträger immer waren, nicht galizische, polnische, deutsche oder andere Juden, sondern Juden in ihrer Gesamtheit, und ebenso müßen auch die Juden insgesamt, Kultur auch aufnehmen und verarbeiten. Um das zu ermöglichen, müße man eine eigene, eine jüdische Universität in Amerika schaffen. Nur an einer solchen Stätte wird man allgemeine und jüdische Kultur vereinigen können. Also beschlossen die großen Männer der Juden mit den Professoren Adler und Schächter an der Spitze, bei einer Sitzung des Je wisch theologica Seminary“ am 6. Juni 1907. Man bestimmte sogar schon die nicht geringe Summe von 10 Millionen Dollars für diesen Zweck. Diese Summe soll vom Volke zusammen getragen werden, denn es ist besser sagte einer der Redner, daß jeder Jude einem Dollar jährlich beiträgt, als 'daß einige reiche Juden zu Tausenden geben sollten. Es ist allerdings ftaglich, wann und ob dieser Plan realisiert werden kann, aber die Tatsache des Beschlusses ist unbedingt als ein Resultat ernster Betrachtungen über die eigene Sache anzusehen. lien Chana. Aus der W. Keffenttichkeit. Der Festkommers der „Bar Kochba" zu Ehren der jüdisch-nationalen Abgeordneten. Der Sieg der jüdisch-nationalen Abgeordneten in Galizien hat insbesondere in den östlichen Kreisen Wiens einen mächtigen und freudigen Wiederhall erweckt. Speziell die studentische Jugend aus Galizien und Bukowina, die in dem schweren Kampfe gegen Macht und Korruption sich treu bewährt hat und in aufopfernder Tätigkeit am Wahlkampfe teilnahm empfindet diesen Sieg mit großer Genugtuung als die Frucht einer schweren Arbeit. Die Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Kochba" hat es sich nicht nehmen lassen, ihren Abgeordneten auch in Wien ein Zeichen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit zu geben. Einige Tage vor dem großen Momente, an dem unsere Abgeordneten als Vertreter des jüdischen Volkes zum erstenmal die Schwelle des Parlaments übertreten sollten, wurde ihnen von ihren östlichen Brüdern ein herzliches Willkommen geboten, das sie sicherlich mit großer Freude erfüllte. Der Kommers, der am 15. Mai 1907, im Festsaale des Hotels Continental stattfand, war überaus glänzend besucht und machte den denkbar besten Eindruck. Hervorzuheben ist, daß die „Bar Kochba" aus Rücksicht für die ernste Art dieser Veranstaltung mit anerkennenswerten Takt alles Studentische beiseite gelassen hatte, so daß die Feier einen durchaus ernsten und allseits zuftiedenstellenden Verlauf nahm. Der Vorsitzende, Herr Dr. David Rothblum, begrüßte in erster Linie die Erschienenen, die Vereine und Korporationen, worauf er das Wort zu einer kurzen Einleitung ergriff. Er wies auf den Erfolg einer 10 jährigen, ununterbrochenen Erziehung des galizischen Juden zum bewußten Juden hin, betonte, daß wir dieser Arbeit die Entwicklung der Massen in Galizien, die einen derart heldenhaften Mut und Widerstand gezeigt haben, verdanken und rief den vier erschienenen Abgeordneten, die er als die Schwalben eines nahenden Judensommers begrüßte, ein herzliches Willkommen zu. Sohin ergriff der Präses der „Bar Kochba" Herr Moses Stöckel das Wort zu einer längern Rede um im sachlicher Weise, die Geschichte der Wahlen der jüdisch-nationalen Abgeordneten zu entwickeln. Er schloß unter Beifall mit der Versicherung, daß die jüdische Jugend auf dem bisherigen Wege weiter wandeln wird und daß man auf sie rechnen könne. Namens des Distrikts-Komitees sprach Herr Dr. Paul Weisengrün über den „jüdischen Klub", der die Erfüllung eines Traumes bedeute, über das galizische Volk, das gezeigt habe, daß es reif zur wahren Renaissance sei und sprach zum Schluß die Hoffnung aus, daß es jetzt gelingen werde, die synthetische Brücke zwischen Nationalismus und Zionismus zu schlagen. Lebhaft begrüßt erhob sich Herr Abgeordneter Dr. Strauch er, der ungefähr folgendes sagte: Vor einiger Zelt erschien in einem Wiener Blatte ein Artikel betitelt: „Das gewollte Getto". "In diesem gewollten Gettho, vielleicht in der Redaktion dieses Blattes wurden wir Jüdisch-nationale verhöhnt und verspottet. Was wollten denn diese Leute, hieß es da, eine Partei, die konfessionelle Abgeordnete aufstellt? In diesem Tone ging es fort. Diese Leute werden sich gewundert haben. Es wird ein Wunder für alle sein, daß 4 jüdische Abgeordnete, europäisch gekleidet ins Parlament kommen, daß sie sich benehmen wie andere, vielleicht noch besser, daß sie Messer und Gabel gebrauchen und nicht wie Wilde sich geberden., Das Parlament wird sich gewöhnen müssen, zu erkennen, daß die Juden ein kultiviertes Volk sind, das man nicht mit Spott abtut, daß sie eine große Vergangenheit haben, eine große Kultur und eine bewährte alte Gesetzgebung. lieber unser Arbeitsfeld will ich mich hier nicht weiter auslassen. Ich will nur betonen, daß wir eine wahrhaft demokratische, sozialreformierte Partei im Hause bilden.werden. Wir Juden sind immer Freunde der Freiheit gewesen. Wir können nur in einer freiheitlichen Atmosphäre gedeihen, .. Unsere Hoffnung ist das jüdische Volk und die Jugend des jüdischen Volkes. (Beifall.) Auf dem Wege unseres unsterblichen Herzl's werden wir weiter wandeln zum Wohle und Heile des jüdischen Volkes. (Langanhaltender Beifall.) In ähnlichem Sinne und mit glänzender Beredsamkeit sprach auch der Abgeordnete Adolf Stand: Zwei Parteien stehen sich gegenüber, sagte er unter anderem, die eine ist die alte morsche faule Partei der Rückschrittler, in der alles was schön ist sterben muß und die andere, daß ist die Partei der Jungen, der Kämpfenden, der Hoffenden. Ueber den Ausgang dieses Kampfes wird man nicht im Zweifel sein. Das Morsche, Faule, die Kahalsklique muß zusammenbrechen unter dem Ansturm der kräftigen Kämpfer für Freiheit und Fortschritt. Der Jugend gehört die Zukunft! ' Leisten wir heroische Arbeit, wie es unser toter Meister getan hat! Lassen wir uns durch nichts und niemanden abhalten, daß wir die Zufriedenheit unseres toten Meisters erreichen. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Es sprachen noch die Abgeordneten Dozent Dr. Mahler, und Dr. Gabel, welche in'kurzen Worten ihr Programm berührten und die Arbeit, die im Parlament ihrer harre, Dr. Gabel schilderte auch die ungeheueren Schäden, die den Juden Galiziens durch ihre mutige Haltung bei den Wahlen erwachsen sind und daß hier dringend Abhilfe nötwendig sei. Es ergriff nun Herr Dr. N. Birnbaum, bereits früher freudig begrüßt und jetzt aufs lebhafteste akklamiert das Wort und führte aus, daß er seine Kanditatur angetreten hat und dabei keine Entdeckungen zu machen hoffte, weil er ohnehin von der ungebrochenen Jugendfrische der östlichen Juden seit längerer Zeit überzeugt sei. Nichtsdestoweniger sei er von dem Grade der Lebendigkeit und Kraft, welche die galizischen Juden anläßlich der Wahlen an den Tag legten überascht gewesen. Er hat die Ueberzeugung gewonnen, daß. man zu diesem Volke zu spät gekommen sei und daß es eigentlich schon lange instinktiv auf den Freiheitsruf gewartet habe. | Es warte aber auch weiter auf Erfüllung alles

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