Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 3 Neue Zeitung der Stanczyken mitangesehen, der kann wahrlich keinen Unterschied zwischen Galizien und dem finsteren Rußland finden. Im Westen klingen diese Berichte wie Märchen; man kann daran nicht glauben sintemal die Schlachzizen als Ankläger auftreten werden. Doch haben wir einen Trost; auch des größten Gauners Stunde muß schlagen. Auch die mächtige Klique in Galizien wird ihr Ende finden. Die Ansänge 'sind allgemein sichtbar; Bresche um Bresche wird in ihre Raubburg geschlagen; das verführte, bedrückte, ausgebeutete Bolk, Polen, Ruthenen und Juden, erwacht und wird furchtbare Rache nehmen, an denen, die es systematisch verdummt und in Finsternis gehalten haben. Einsicht aber wäre der Klique doch zu wünschen. Volkskräfte kann man nicht unterbinden, das sollten die Herren wissen und lieber einlenken; aber die Herren tun anders: sie protestieren! Sie sind derart beschränkt, in ihrer Herrenmoral derart verbohrt, daß sie es nicht verstehen können, wie man es wagen kann, kein Sklave bleiben zu wollen. Und eben dieses Unverständnis wird ihnen das Genick brechen, ihre Gemeinschaft zersetzen; die Fäulnisgerüche sind schon fühlbar — stark und betäubend. Herr Feldmann, der „jüdische Pole" steht zwischen zwei Feuern. Dies macht die Unaufrichtigkeit seiner Meinungen. Im Prinzips versteht er die Forderungen der galizischen Judenheit nach eigenen Schulen nach eigener Kultur; in der Theorie weiß er sogar den Jüdisch-Nationalen manche Lichtseite abzugewinnen, in der Praxis aber ist er Pole und schimpft wie ein Rohrspatz über die gottverdammten Jüdisch-Nationalen, die den polnischen Charakter Galiziens gefährden. Daß er sich infolgedessen gerade keiner allzugroßen Sympathie ihrerseits erfreut, ist erklärlich; aber auch das „Slowo polskie" ist mit ihm nicht zufrieden und gibt dieser Unzufriedenheit in einem Feuilleton mit Fortsetzungen Ausdruck. Feldmann ist nicht genug Pole, er ist kein polnischer Schriftsteller, er ist — wir wollen dem „Slowo polskie" zu Hilfe kommen — kein vollständig serviler Lakai des allpolnischen Konsortiums. Einen besonderen Raum nimmt die Besprechung seiner Stellung zur heiklen Judenftage ein. Und da leistet sich der Herr Verax, der gottbegnadete Feuilletonist etwas Großartiges. Er meint da, wenn wir zugeben, daß die Juden ein Recht auf eine selbständige nationale Existenz besitzen, so müßten wir sie ebenso behandeln, wie Rumänien und die Vereinigten Staaten die Fremden behandeln, nämlich mit Ausnahmsgesetzen. Herr Vorax verleumdet, wenn er die Vereinigten Staaten in einem Federzuge mit Rumänien nennt. Interessant ist das unwillkürliche Geständnis: er setzt Galizien Rumänien gleich; hier Unkultur, dort Uukultur, hier Schlachta, dort Bojaren; dort Pogrome — hier — wenn es nach dem Willen des Herrn Verax ginge — könnte man auch ein Gegenstück haben. Die Wiener „teutschen Hochschüler, mosaischen Bekenntnisses" sind zu bedauern. Denn da sind doch ihre Rasie - verwandten polnischer Nationalität und israelitischen Glaubens ganz andere Kerle. Während in Wien die jüdisch-nationalen Hochschüler ihre Forderung nach Anerkennung ihrer Nationalität, ohne Protest seitens ihrer deutschen Glaubensgenosten zu finden, verfechten, lasten sich die jüdischen Polen nicht so leicht rumkriegen. Diese protestieren! Legen Protest ein, dagegen, daß man ja nicht glaube, sie identifizieren sich mit den Jüdisch-Nationalen, sie sind waschechte Polen seit Esaus und Lokieteks Zeiten her. Pamsit an fremdem Stamme. Und wenn ein Volk sich menschheitliche Kultur zum Ziele setzt, dann muß es von seinem Herdpunkte aus die Welt zu umfassen trachten. Oder es mriß, wenn es hiezu noch nicht stark genug ist und keine vollbürtige Eigenkultur zu schaffen vermag, fremde Kultur nicht nachäffen, sondern in seine Eigenart umprägen. Höchste Gipfelwerte hat das jüdische Volk errungen von altersher, lange bevor die modernen Vertreter des kraftlosen Missionsgedankens auftraten, hat es die große, ihre Zeit überdauernde Mission nicht erörtert, sondern getan. Eine Kulturtradition, noch in den verborgensten Winkeln des Volkes wohnend, lebte von da ab durch Jahrhunderte und Jahrtausende fort, mit ungeheurer Erinnerungs- Und schwacher Lebenskraft. Wie die letzten Wellen einer riesenstarken Brandung erscheint das Meiste, was im Judentum „noch jüdisch" geblieben ist. Die herrschenden Mächte der letzten jüdischen Geschichtsepoche waren — wenigstens in unseren Ländern — Starrheit der Tradition von der einen, Zersetzung und Auflösung von der anderen Seite — beides nur zwei Formen desselben Verfalls. Jenseits dieser Extreme aber, zwischen denen noch ein haltloses Judentum auf- und abschwankte, keimte unmerklich ein neues Lebenselement das nationale Judentum. Mit der Ent- Wir verargen ihnen ihren Standpunkt nicht besonders; wir verzichten auf sie, getreu dem Grundsätze, daß man das Faulende nur ruhig weiterfaulen laste. Wogegen wir uns aber wenden, ist, daß sie sich auch zu sagen erkühnen, ihrer Meinung nach gebe es kein jüdisches Volk; eine Anerkennung eines solchen wäre ein Unsinn, Unoernuft, Ungerechtigkeit. Da müsten wir aber doch schön bitten. Hände weg! Daß Ihr Polen seid, wollen wir Euch glauben, trotzdem es nicht gar so klar erwiesen ist; aber ob wir Juden sind oder nicht werden wir uns von Euch nicht dekretieren lasten. Mojschale. Nach den Wahlen. Die galizischen Wahlftevler scheinen sich an den Lumpereien und Schurkereien, die sie während der Wahlen begiengen, nicht gesättigt zu haben. Von allen Orten wird gemeldet, daß sie den Terror aus Rachsucht fortsetzen. Wir bitten unsere Brüder nicht zu verzweifeln, sondern weiter auszuharren und Kopf oben zu handeln. Die Reichsratabgeordneten müsten informiert werden,^ damit sie den Herrn Justizminister an dies und Jenes etwas unsanft erinnern können. Auch sonst muß die Oeffentlichkeit angefen werden. Berisch Stern behauptet durch die letzten Wahlen viel Routine bekommen zu haben. Und ein anderer Wahlmacher von Buczarz sagte: „Je mehr Wahlen, desto bester werden wir schwindeln können, denn wir werden mehr praktiziert". Und der Polenklub hat die gleißerische Frechheit, protestieren zu wollen. In Zaleszczyki, wo von den k. k. Terroristen und deren Bütteln besonders viel weiter gesündigt wird?— Die Baufälligkeitskommissionen gehen fleißig um — erklärt Bürgermeister Dr. Blutreich — eine Charakter wie Berisch Stern, nur dümmer — er werde von nun ab ein öffentlicher Denunziant und jede Strafanzeige unterfertigen. Also bisher war er ein geheimer Denunziant und hat anonyme Strafanzeigen erstattet. Ein nettes Geständniß und ein netter Bürgermeister! Na, wir werden uns demnächst ein bischen in der Vergangenheit des Mannes umschauen. Polnische Eingeständnisse des galizischen Wahlfrevels. Wie hinfällig unrechtmäßig erworbene Freundschaft ist, beweist am besten „Wiek nowy" in Lemberg, welches zur Zeit der Wahlkampagne, im Dienste der „rada narodowa" oder bester gesagt, deren jüdischen Führer Löwenstein und Aschkenase gestanden und deren verführerische Politik vertreten hatte. Jetzt, da ein so riesiges Fiasko zu verzeichnen ist, tritt „Wiek nowy" offen gegen die „rada narodowa" auf und überhäuft sie mit Vorwürfen aller Art. Für uns ist die Sache insofern intereffant, daß sie uns den Vorhang von den peinlichst verhüllten Machinationen ein wenig lüftet und Einblick in die ekelhaften Verhältniffe gewährt, welche gleichzeitig von der ganzen polnischen Presse auf die unverschämteste 2Crt geleugnet werden. Abgesehen von den Auseinandersetzungen über die aufgezwungene Führerschaft der „rada" spricht das genannte Blättchen von den Wahlen folgendermaßen : „Es ist allen, also auch der „rada narodowa" bekannt, daß die neue Parlamentssession mit der Debatte über die in ganz Oesterreich berüchtigten, für unser Land ganz und gar nicht schmeichelhaften „galizischen Wahlen" beginnen wird. Und da nun in dieser Debatte eben die Rolle der „rada nawicklung des Zionismus und dem Auflebon erstarrten jüdischen Sprachgeistes enge verwoben, will es eine Verjüngung des ganzen jüdischen Lebens und ist damit gleichsam selbst ein heimlicher Kulturprozeß. Aus die Frage, ob wir von einer gegenwärtigen jüdischen Kultur sprechen dürfen, müsten wir freilich noch immer mit Nein und Ja antworten. Nein im Verhältnis zu den gewaltigsten Epochen unserer Volksgeschichte oder wenn wir eine geschloffene, in sich gegründete sozial-seelische Sphäre meinen — Ja aber wenn wir Kulturstreben und -schaffen fordern. Denn schon schießen wie bei der Bildung eines Kristalls von allen Seiten die Elemente zusammen? Von unserem Standpunkte von vor zwanzig Jahren sind schon die heutigen objektiven Kulturtatsachen ganz ungeahnte. Wer möchte es damals für möglich halten, daß noch jüdische Dichtwerke und Dramen aus vollem jüdischem Leben herausgestaltet werden würden — daß ein jüdisches Liebeslied, ein jüdisches Gemälde geschaffen werden würde — daß Denker ersten Ranges Anschauungen jüdischen Lebens verkünden werden, die' so wenig abstrakt sind, daß sie das Leben selbst unmittelbar beeinflußen? Wer achtete der merkwürdigen Tatsache, daß das bildnerische Talent, das den Juden tausendmal theoretisch rodowa" im traurigsten Lichte erscheinen wird, muß sie sich bestreben Material zu sammeln, welches geeignet sein könnte, die angekündigten Angriffe auf die Reinheit der Wahlen in unserem Lande erfolgreich abzuwehren. Es soll dies also eine Art Rettungs-Aktion sein. Wir begreifen es vollständig und wünschen den besten Erfolg. Wir erlauben uns aber zu zweifeln, ob es gelingen wird manche Art der Wahlleitung settens der Machthaber und Exellenzen in verschiedenen Städten und Städchen Galiziens nicht nur zu rechtferttgen, sondern zumindest ihre Wirkung irgendwie abzuschwächen.,Wir möchten sicherlich, im Interesse des Landes und zum Heile unseres nationalen Rufes derartige Verhandlungen, ivie sie jetzt im neuen Parlamente bevorstehen, vermeiden, aber dafür gibt es eben nur einen Weg, das ist derjenige, welcher von der „rada narodowa" so sehr verlassen wurde: nämlich die Beobachtung einer vollkommenen Reinheit der Wahlen, rücksichtslose Vernichtung aller Fälschungen und Wahlmißbräuche, dev Gewalt und des Terrors, ohne Rücksicht darauf, von welcher Seite sie kommen und zu westen Gunsten sie gemacht wurden. Wenn die „rada narodowa" in dieser Richtung ihre Kräfte verbraucht hätte, dann hätte sie dem Lande unzweifelhaft große Dienste geleistet, und man hätte in diesem Falle von ihr behaupten können, daß sie selbst ihre Gegner dazu zwingt, das Haupt vor ihr zu beugen. Sie könnte dann erst von den anderen nationalen Aufgaben sprechen, denn sie besäße hiezu die wichtigste Vorbedingung, das wäre das Verttauen des ganzen Volkes ohne Unterschied der Parteien. Jetzt besitzt sie es aber nicht und trotzdem macht sie sich an neue Aufgaben heran, und zwar an solche, von allgemeinnationaler Bedeutung. . ." So weit der Ex-Verbündete „Wiek nowy". Der Demokratische „Kurjer lwowski" gibt diese „Gegen die rada narodowa" betitelte Morallehre mit folgender Schlußbemerkung wieder: „Die Krttik des „Wiek nooy" ist berechtigt, oder diese Worte der Wahrheit wären am Platze gewesen, bevor Herr Löwenstein aus den Händen der „rada narodowa" ein Mandat bekommen hat." Was sagt aber das berüchtigte „Slowo polskie" mü seinen ungeschickten Entstellungen zu diesen Enthüllungen? Ein jüdisches Emigrationsbureau. In Bendin neben Czenstochow an der preußischen Grenze, eröffnet die Jka dieser Tage ein Cmigrationsbureau, welches ausdrücklich den Zweck verfolgen soll, die jüdischen Emigranten, welche täglich zu Hunderten die preußische Grenze passieren, von den sie bewuchernden und faktisch ausplündernten Agenten zu schützen. Es ist in der Tat sehr angezeigt, auf diese Weise die Auswanderung der armen, verfolgten Juden, zu regulieren, damit sie nicht von den sogenannten Berufsagenten ausgebeutet und obendrein ganz mittellos an einen ungeeigneten Ort geleitet werden. Unruhen in Odessa. Die Juden in Odessa haben jetzt wieder eine stürmische Zett. Das Komitee der schwarzen abgeleugnet wurde, so viel häufiger unter den Juden der Gegenwart anzutreffen ist? Freilich: den nur Traditions- oder Auflösungsgläubigen wird alles, was aus einem neuen Glauben geboren ist, immer ftemd bleiben. Sie werden sogar kaum sehen, daß es objektive jüdische Kulturwerke — einzelne Werke allerersten Ranges — und, was noch wichtiger ist, ein Kultursuchen gibt, dessen Mittelpunkt erst vor uns liegt — an dem Verständnis einer subjektiven jüdischen Kultur ganz zu geschweigen. Und bei all dem Aufschwung jüdischer Kunst, Literatur und Gedankenwelt ist für die Entwicklung des Volkes gerade nicht das Objettive daran, nicht die Tatsache des Besitzes solcher Werte nnd Werke das Wesentliche — woran in unseren Schulbüchern fast ausschließlich Kultur gemessen wird — sondern die subjektive Enttvicklung des Volkes selbst. Denn erst dann werden die großen Werke und Schöpfungen Kulturleistungen des Volkes, wenn es selbst fühlen kann, daß dies Fleisch von seinem Fleische sei, wenn es lernt, sie mit Liebe zu hegen und zu pstegen — und wenn es andererseits lernt, die Formen seines eigenen sozialen Lebens mit Bewußtsein zu entwickeln zu befteien und zu veredeln.. Ernst Müller.