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Neue Zeitung · 1907-06-21 · Heft 2 (21.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 2 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Neue Zeitung Nr. 2 es mit den Chikanen der ganzen verwaltungsbehördlichen Hierarchie — von der Gemeindeobrigkeit bis zur Statthalterei hinauf — zu tun, anderseits (eine strenge Abgrenzung ist hier unmöglich) wird uns von den Allpolen und ihrem Heppp-hepp-Organe dem „Slowo Polskie" der Bissen Brot aus dem Munde gerissen. Bis auf die 500 Großindustrielle und Großgrundbesitzer die eher den Polen, als den Juden zuzurechnen sind, befaßt sich die galizische Judenschast mit Produktionsvermitlung und dem kleinen Handweick, Agrarier und Proletarier sind sporadische Erscheinungen. Der Handwerkerstand hat der Konkurrenz der Maschine nicht standhalten können; teils ist er nach Amerika ausgewandert, teils — und das war derjenige Teil der über welche Ersparnisse verfügte — wurde er Produktionsvermittler und erschwerte das ohnehin schwere Fortkommen des restlichen Volksteiles durch seine Konkurrenz. Vor wenigen Jahren wurde die Parole ausgegeben, den Juden den Handel zu entziehen. Gesetzgebung und Verwaltung, Volk und Presse reichten sich die Hände um einen Vernichtungskampf gegen uns auszufechten. Und was taten wir? Nichts, rein nichts. Von Wien aus ist ein Versuch unternommen worden uns zu helfen.. Es war dies die Gründung eines Vereines zur Unterstützung armer Juden in Galizien. Dieser Verein wollte eine Hausindustrie in Galizien einführen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Verein von den löblichsten Wünschen beseelt war, aber in der Praxis erwies er sich unpraktisch, so bezüglich des Industriezweiges den er erwählte (Haarnetzerei), wie auch bezüglich der Geschäftsführung und jetzt, wo infolge der Wahlen, der Kampf von seiten unserer Feinde mit einer ungewöhnlichen Vehemenz geführt wird, wo also Hilfe ungewöhnlich nottut, weiß man von der Existenz dieses Vereines gar nichts. Dieser Verein zeigt uns, wie schon so viele andere Gründungen huius generis, daß mit der Phllantropie der jüdischen Sache nicht geholfen wird. Kurzsichtig, wie sie ist, weiß sie nicht wie, wo und wann einzugreifen und ihre Mittel müssen darum versagen. Die Frage, wie da geholfen werden kann, ist aber nicht so schwer zu lösen, wie es ü prima vista scheinen könnte. Es müssen unter nationalem Panier wirtschaftliche Organisationen ins Leben gerufen werden. Und Galizien ist dafür der geeignete Platz. Arm an Industrie, bei billiger Arbeitskraft, billigen Rohprodukten und dank seiner geographischen Lage bei großem Absatzgebiet bietet es für derarüge Unternehmen die besten Aussichten. Die modernen Assoziationsformen, hauptsächlich die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften und die Gesellschaften m. b. H. sind an gar keine Konzessionen und Lizenzen gebunden, die Organisierung könnte also leicht von statten gehen. — Schwieriger gestaltet sich die Geldfrage, aber auch die ist zu lösen. Es muß eine große jüdische Volksbank geschaffen werden, anfangs auf genossenschaftlicher Grundlage, die aber später nach Maß ihrer Konvalidierung in eine Aktiengesellschaft übergehen sollten. Beide Gedanken «der Kultur. Kultur ist ein Bedürfnis, das dort anfängt, wo die Notdürfte des Lebens schweigen. Kein Luxus über diese Notdürste, aus Sattheit und Selbstgenuß entspringend — um welcher Täuschung willen einige soziale Schwärmer die lichtesten Sphären des menschlichen Daseins geschmäht haben. Und überhaupt kein Bedürfnis das gerade erst dann einsetzt, wenn die anderen Fragen schon gelöst sind — sondern einer Weh anderer Bedürfnisse und Notwendigkeiten entstammend. - Kultur offenbart sich uns in zweierlei Ge stalten, gleichsam körperlich und seelisch, objektiv und subjektiv, äußerlich und innerlich, obwohl diese drei Gegensätze nickst ganz dasselbe besagen. Greifbar und sichtbar ist sie eigentlich in allem, was jemals Menschen für Menschen geschaffen, was jemals Einzelne ans den vorzüglichen Werkstätten ihres L,bens der unvergänglichen Nachwelt gegeben haben — sei es ein Prachtgebäude, eine neue Maschine, ein Lied, eine Religion, eine klare Erkenntnis. Und nicht blos die überragenden Persönlichkeiten, sondern auch Kulturwerke erheben uns über die subjektive Beschränktheit. Auch dann, wenn die Persönlichkeit selbst der Um- oder Nachwelt als diese Affoziationsformen haben gewisse Vorteile und gewisse Nachteile, die bevor man sich für eine von den beiden entscheidet, sorgfältige Erwägung erheischen. Die Genossenschaft ermöglicht den Beitritt weiter Volksmassen, da die Anteile auf kleine Beträge gestellt werden können, schließt aber infolge positiver Gesetzesbestimmung andere Genossenschaften vom Beitritt zu ihr aus, — und Galizien hat bei 3000 jüdische Genossenschaften, — die Aktiengesellschaft wieder ist eine Affoziationsform für reiche Leute der ein Aktienanteil auf einen Neubetrag von mindestens 200 K zu stellen ist, wodurch den breiten Volksmassen der Beitritt erschwert, wenn nicht geradezu unmöglich gemacht wird. Will man von den Kosten einer zweifachen Verwaltung absehen, gründet man eine Aktiengesellschaft und eine Genossenschaft und man bindet statutarisch die Genossenschaft wie es bei der Diskonto-Gesellschaft und der Böhmischen-Jndustriebank der Fall ist. Abgesehen von dem unmittelbar eingezahlten Kapital würde die zu begründende Gesellschaft auch auf anderem Wege Vermögenszuschuß erhalten. Sehr viele Genossenschaften würden sich mit ihr fusionieren, um als ihre Filialen weiter zu bestehen. Auch die Jea würde ihre Kassen einem solchen Institute öffnen. Sachkundige Geschästsleiter hätten wir zur Genüge, es fehlt uns also an nichts als am Willen zur Tat. Und das Volk verlangt daß sich dieser Wille zur Tat sobald als möglich einfinde und dies umsomehr als es die größten Wiener- und Prager-Institute in Galizien eine Filiale nach der andern errichten und aus diesem Lande Millionenprofite ziehen sieht. Es verlangt dies umso nachdrücklicher als es sich einer völligen Pauperisierung gegenübergestellt sieht. Heute verlangt es dies noch still, aber caveant consules . . . Jedid Nejfesch. Machenschau. Der jüdische Klub verlautbart folgende Erklärung - „Der jüdische Klub wird stets für die Rechte, Interessen und für die Wohlfahrt des jüdischen Volkes eintreten, wird die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die faktische Durchführung der Gleichberechtigung der Juden energisch verlangen und unablässig zu verwirklichen trachten sowie alle von welcher Seite immer kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden abwehren. Im Sinne des jüdischnationalen Programms wird der jüdische Klub nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes, sozialer Gerechtigkeit, individueller und nationaler Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Der jüdische Klub wird für die Lösung der nationalen Frage auf dem Wege der nationalen Autonomie, für den Ausbau der Verfassung auf weitester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minorität, für die Demokratisierung der Verwaltung, für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Oesterreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, namentlich für weitestgehenden Arbeiterschutz, Koalations-, Preß- und Vereinsfreiheit wirken." solche entrückt bleibt, wirkt doch gleichsam deren unpersönliches Abbild im Kulturwerke auf alle ein. Die objektive Kultur wäre aber wertlos — übrigens auch unmöglich — wenn ihr eigentlicher Wert nicht in der subjektiven Kultur gegründet wäre. Unsere ganze seelische Lebenssphäre soll sich über bloßes Leben als Zweck erheben; eine gemeinsame Atmosphäre mit über die Notdurft des Daseins gesteigerten Idealen und Zwecken, die immerwährend geschaffen, erhalten, verfeinert und vervollkommt werden will — das macht die subjektive Kultur einer Zeit, eines Volkes aus. Kultur ist unbegrenzt, denn sie ist für den Einzelnen die befteiende Macht des Sozialen und für das Soziale die ewige Lebendigkeit des Geistes. Sie ist mitunter für das Soziale dasselbe, was für den Einzelnen Religion. Ihr höchster Inhalt ist menschlich und zugleich menschheitlich wesenhaft. Ihre segnende Macht will aber alles umfassen und nur der Inbegriff des verfeinerten und vervollkömmten Einzel- und Gesammtlebens sein. So adelt sie das Streben nach ökononischer, technischer Lebensbeherrschung und die Zivilisation prägt ihre Form in die äußere Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnifle. . Das ungarische Parlament war in der vergangenen Woche die Stätte wüster Schandszenen. Man hat rumänische Abgeordnete in der niederträchtigsten Weise beschimpft. Einen von ihnen, Vayda schmiß man heraus, und will ihn einfach nicht mehr hineinlaisen. Warum? Weil er in Verteidigung seines getretenen Volkes einmal bitterer wurde als die übermütigen magyarischen Herren vertragen können. . . Es ist traurig, wie man allenthalben „hüben und drüben", mit der abscheulichen Abart des Nationalismus, dem brutalen zu kämgfen hat, mit jenem Natiolismus, der die Größe der eigenen Nation in der Unterdrückung der anderen, in der Anmessung von Vorrechten, in schwindelhaftem Sich aufblasen über die eigene Größe sieht. In Oesterreich sind es die Schlachzizen, drüben die magyarischen Politiker betyaren. Und was für uns das Traurigste ist: Hier wie dort geht ein Teil der Juden mit den Unterdrücken mit und geberdet sich toller noch als diese. Kein Wunder, wenn hier die Ruthenen über die Juden ergrimmten, dort die Wuth der Slovaken und Rumänen gegen die Juden im Wachsen begrissen ist. Notabene, ohne daß hier die Polen, dort die Magyaren besonders dankbar wären. In Galizien hat man schon begonnen, den Fehler wahrzunehmen. In Ungarn sind unsere Juden leider noch weit davon entfernt. Vorläufig finden dort jene jüdischen Abgeordneten, die die Rumänen ansiegelten, bei den Juden noch großen Anklang. Und einen Rumänen war es Vorbehalten, ihn zu erinnern, daß er je aus Galizien eingewandert sei und noch gar nicht langer Zeit anders geheißen habe. Ein galizisch-ungarischer Moschko — wie nett! Oalizmrra. Wenn man vom Lande der unbegrenzten Möglichkeiten spricht, so verlegt man es in den fernen Westen. Auf solche Weise tut man einem Lande im Osten Unrecht: ich meine Galizien. Denn auch dort sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Abgesehen davon, daß das Wahlsystem dort derart ist, daß man solange wählt, bis der offizielle Kandidat „Vertreter" geworden ist, abgesehen von den Chikanen, Amtsmißbräuchen, Ungesetzlichkeiten, die sich Bezirkshauptleute und Kahalspräsidenten brüderlich vereint zu Schulden kommen ließen, von den Bedrückungen, die die oppositionellen Wähler zu erdulden hatten und haben — hat sich die polnische Schlachta in ihrem Leibblatte, dem berüchtigten „Slowo _ polskie" einige Stückchen geleistet, die an bodenloser Frechheit, Unverschämtheit und an Zynismus unerreicht dastehen. Die liebliche Schlachzigenklique kündigt dort nämlich an, daß sie gegen Wahlmißbräuche seitens der oppositionellen ruthenisch-polnischen-national-jüdischen Parteien Protest einlegen wird; daß sie gegen den Terrorismus dieser Parteien zu Felde ziehen wird, daß sie nicht ruhen und rasten wird, bis Ruhe und idyllische Ordnung die Kennzeichen des Gebietes von Krakau bis Zaleszczyki geworden sind. Man liest das und erinnert sich unwillkürlich an den verfolgten Gauner, der am lautesten „Haltet den Dieb" ruft; man liest es und weiß nicht was größer ist, die Schlechtigkeit oder Unverfrorenheit der edlen Herren; man liest es und hat das Empfinden, daß man es da nicht mit Betrügern schlechtwegs, sondern mit angefeimten, verstockten Verbrechen zu tun habe. Der österreichische Bourgeois liest von den Ereignissen in Rußland und denkt wohl dabei, den Fockbeckern in der Fabel gleich: „Gott sei Dank, das es bei uns, anders ist." Wer aber die Verhälinisse in Galizien kennt, wer von den Mißbräuchen, die dort als Selbstverständliches geübt werden Kenntnis zu nehmen Gelegenheit hatte, wer das Treiben Schon in dieser sie blos umhüllenden Gewandung zeigt sich die Kultur als menschenumfassend, als allgemein menschlich. Und je höher hinauf ihre Gipfel reichen, desto mehr treten alle Sonderziele und blos durch die Gegenwart bedingter Zwecke zurück von den großen, erhabenen Träumen. Nur müssen diese, um Kultur zu schaffen und nicht in dem Lustreich des Nichtwirklichen zu verflüchtigen, in die reale Welt der Tatsachen hinunter und gleichsam noch einmal, nachdem sie längst erdacht wurden, aus der Wirklichkeit selbst als Wirklichkeit emporwachsen. Aus diesem Grunde muß jede Kultur mit dem Mutterboden der Geschichte, der geschichtlichen Erinnerung eng verknüpft sein. Denn diese bestimmt jenes heimatliche, heimliche, ohne das die kulturellen Entwicklung ihren warmen Pulsschlag verlöre. Und, jede Kultur will eigenwüchsig, eigenmächtig sein, darum hat sie immer, ihren nationalen Ursprung und Charakter. Denn in der Welt der tatsächlichen Entwicklung sprossen bestimmte Kulturen aus bestimm em Boden, sie heischen ihre eigene Atmosphäre und ihr Entwicklungsgesetz. Auch ' kann ein Volk . ebensowenig ohne Kultur als ohne seine Kultur leben. Im ersten Falle hat es gar nicht die Ranghöhe eines einheitlichen Volkes, im zweiten ist es ein saftloser

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