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Neue Zeitung · 1907-06-21 · Heft 2 (21.6.1907) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 2 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HEUE ZEITUNG Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Nr. 2. Wien, Freitag, den 2\. Juni $07. 2. Jahrgang. Das Parlament des allgemeinen Wahlrechts. An die Geschichte von Rothschild nnd den Hemden. „Zieht an, zieht aus!" erinnert die abermalige Auflösung der Duma. „Läßt wählen, läßt auflösen". Er kann sich's leisten, der Zar kann die Dumas wechseln, wie Rothschild die Hemden. Er hat Schergen die schwere Menge und gutmütige Narren ein ganzes Volk, das ihm immer wieder bei dem Ankleidegeschäft behilflich ist. Der Zar kehrt von dem allgemeinem Wahlrechte zur Kurienvertretung zurück. Und dies in demselben Angenblicke, da sich in Oesterreich zum ersten Male das Haus des allgemeinen Wahlrechtes versammelt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, für wahr! Man weiß nicht, was man denken soll? Schreitet die Entwicklung unseres Weltteils vor oder geht sie zurück? Soll man aus Rußland oder aus Oestereich folgern? Wir glauben: Aus keinem von beiden oder bester aus beiden. Was hier und was dort sich ereignet, soll nur lehren, soll uns aneifern, über die Form hinaus in das Wesen der Dinge zu schauen: über Petersburg nicht zu sehr zu trauern und über Wien nicht zu sehr zu jubeln. Was war denn das für ein allgemeines Wahlrecht in Rußland? Eine Schale ohne Inhalt! Man denke doch: Fortdauer der „Selbstherrschaft", keine Garantien fiir die Unverletzlichkeit der Person, keine Freizügigkeit, hunderttausenden von auf Halb- und Viertelrecht gesetzten Bürgern, vor allem aber eine Beamtenkaste, die jedes Rechtsgefühl, auch des letzten Stümpfchens davon ermangelt, ihre Aemter verwahrlost, die Staatskassen bestiehlt, die Bevölkerung plündert, Pogrome inszeniert, . . . und neben alledem das — allgemeine Wahlrecht! Der Zar hat's gegeben, der Zar hat's genommen, der Name des Zaren sei . . . Und bei uns! Gewiß wir sind bester daran. Wir sind trotz kleiner Schönheitsfehler Europa. Bei uns ist das allgemeine Wahlrecht keine Zeitwidrigkeit niehr, sondern eine Zeitnotwendigkeit. Wir machen ihm keine Schande und werden daher auch von der Schande verschont bleiben, daß man es uns wieder nimmt. Und doch! Auch bei uns ist noch nicht alles so, wie es sein soll. Auch wir haben allen Anlaß uns gut zu prüfen, ob wir nicht doch in irgend einem Belange dem allgemeinen Wahlrechte etwas weniger Ehre machen, als es verdient. Und wenn wir prüfen, so finden wir leider so Manches, und darunter an erster Stelle: Galizien. Es ist leider so. Wir haben unser eigenes, inneres Rußland. Fast nichts fehlt: Weder der gute Wille der Völker, noch die brutale Willkür der von ein paar dummstolzen „Herren" geführten Beamten, österreichischen Beamten? Nein, nur der Uniform nach! Sonst nach russischer Manier: Satrapen der Satrapen der Satrapen! Und das dürfen wir, darf unser junges , Parlament in dem Augenblicke, da es de ersten Schritte macht, nicht vergessen. Es darf nicht zu übermütig, zu stolz auf sein Europäertum werden. Es muß sich erinnern, daß mehr als ein Viertel der Oesterreicher noch außerhalb Europas wohnt, ttoch unter russischen Zuständen lebt. Und muß vor Allem dessen eingedenk sein, jene Nachtseelen, die in Galizien Wahlen machen, mitgewirkt haben. Der Augenblick mag ja nicht angenehm sein, da Einer erkennt, daß er mit irgend einem Defekt auf die Welt gekommen ist. Aber männlich kommt man darüber nur hinweg, wenn man den Fehler auszubessern sucht. Das kann das Parlament — und leichter als ein Einzelmensch. Es braucht nur seine gesunden Gliedmaßen zu rühren, um die kranken zu entfernen und an deren Stellen ebenfalls gesunde zu setzen. Erkennt es diese seine erste und wichtigste Aufgabe, — dann ist alles gut. Dann hat es sich und Oesterreich von der Schande Galiziens freigesprochen und von der Gefahr in diesem Psiihl mitunterzutauchen befreit, und hat den ersten Schritt zur Erlösung Galiziens selber gean! Selbst wenn ein Zar bereit stände, um es aufzulösen, es könnte seinen Ruhm nicht mehr stürzen. . Erkennt es aber nicht, — dann. fft alles aus. Dann hat es dem beamteten Verbrechertum in Galizien einen Freibrief ausgestellt, läßt das unglückliche Land in den Henkerkrallen und. besudele sich selbst und ganz Oesterreich. Dann kann es zwölf statt sechs Jahre leben, und ist ist doch tot von allem Anfänge an.- Es ist Entscheidungsstunde. Das Parlament hat zu wählen, ob es ein Parlament des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes, oder nur einer Fiktion sein will, die sich allgemeines und gleiches Wahlrecht nennt? Es hat sich zu entscheiden, ob es Europa auch in Galizien aufrichten oder Galizien nach Europa rücken will? Wir sind auf die Entscheidung neugierig. B. An unsere Keser und Freunde! Nach einer mehrmonatlichen Unterbrechung traten wir mit unserem Blatte wieder in die Oeffentlichkeit. Jetzt, wo ein heißer Kampf vorläufige Entscheidungen gebracht hat, wo weitere heiße Kämpfe bevorstehen, wo sich das jüdische Volk allenthalben mit mächtigem Freiheitsjubel erhoben hat — gerade zur rechten Zeit! Wir bitten unsere Leser und Freunde, uns durch ihr Wohlwollen zu unterstützen. Es hat sich gezeigt, daß wir den Preis für unser Blatt etwas zu niedrig angesetzt hatten. Wir haben uns daher zu einer allerdings sehr geringfügigen Erhöhung des Abonnementspreises entschließen müpen, u. zw.'soll er fortab für ein ganzes Jahr K 8.—, für ein halbes K- 4.— und für ein Vierteljahr K 2.— betragen. Wir hoffen, daß auch die kleine Differenz gerne geleistet werden wird. Natürlich ist es für laufende Abonnements dem freien Willen überlassen, ob Nachtragszahlungen geleistet werden oder nicht. Die neue Nummer des Postsparkassenkontos wird erst in der nächsten oder zweitnächsten Nummer unseres Blattes bekannt gegeben werden können. Wir bitten einstweilen für Geldsendungen Postanweisungen zu benützen. Die Redaktion und Administration der „Neuen Zeitung". ^n-r Die jüdisch - nationale Partei Galiziens, dieses erwachsene Kind mit frisch beigelegtem Namen, hat böse Zeiten hinter sich — aber noch bösere stehen ihr bevor. Der Kampf nach außen ist in der denkbar größten Heftigkeit ausgebrochen; der innere Kampf, der droht erst auszubrechen, wird aber schwerlich ausbleiben können. Der äußere Kampf hat noch nie eine Volksbewegung zu ersticken vermocht, im Gegenteil der Druck erzeugte immer Gegendruck und wider Willen der Bedrücker stärkte er die Bedrückten. Der innere Kampf, der hat noch nie solche gute Wirkung geübt. Zersetzung und Vernichtung bringt er, wohin er kommt und wehe dem, der ihm nicht auszuweichen weiß. Noch ist es nicht zu spät! Bald werden es zwei Jahrzehnte sein, seit wir in Galizien Boden gefaßt haben. Wir haben während dieser Zeit eine ganze Menge von Vereinen, Lesehallen und Toynbeyhallen ins Leben gerufen und suchten Anschluß an das Volk. Die Jugend vermochten wir zu gewinnen, das eigentliche Volk behandelte uns mit einer nicht unsympathischen Reserve. Für unsere geistige Arbeit hatte es kein Verständnis, es verlangte wirtschaftliche Leistungen und die gaben wir ihm nicht. Ein einziges Mal erweckten wir sein Interesse und zwar mit der Kolonialbank. Es erwartete von dieser Institution was für sich und es entstand eine Bank für das reiche England. Es sah sich enttäuscht und wendete sich von uns ab. Unser Eingreifen in 'das politische Leben Oesterreichs brachte das Volk wieder auf unsere Seite. Vom polnischen Adel mit Füßen getreten, vom jüdischen Klerus verführt und betrogen, vom internationalen Kapitalismus herzlos bewuchert und geschunden, wollte es dieses dreifache Joch von .sich abschütteln und seine hellblickende Psyche zeigte ihm den Weg ins Parlament. Vier seiner Söhne haben den Weg dorthin gefunden, mehr als zweimal so vielen wurden die Mandate wegeskamottert. Gegen dieses Unrecht wollen wir mtt allen uns zu Gebote stehenden Mitteln kämpfen aber dies darf nicht unsere einzige Aufgabe sein. Wir müssen uns vor Augen halten, daß nicht das Volk unser wegen,. sondern wir des Volkes wegen da sind, und dem entsprechend müssen wir unser Tun und Lassen einrichten. Vergessen wir nicht, daß mtt schönen Reden dem Volke nicht gedient ist, es wird sich auch damit nicht begnügen, Brot und Fleisch will es haben und das müssen wir ihm geben, wollen wir es uns mtt ihm nicht verderben. Der äußere Kampf, in dem wir uns zur Zeit befinden wird auf eine zweifache Weise von unseren Feinden geführt. Einersetts haben wir

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