Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (12.6.1907)
- Date
- 1907-06-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 NeueZeitiing Nr. 1 Einer allein singen, ohne Gesellschaft, ohne das Feuer, welches die Menge gibt — das geht nicht. Laßt uns von Musik wenigsten sprechen! Musik, müsiet ihr wisien, ist eine große Sache. Ganz Talne beruht auf Melawe-malkeZo) und die Hauptsache dabei ist die Melodie. Es kommt nur. darauf an, wer singt und was einer singt. Mit den gleichen Ziegeln kann man eine Schul") oder eine Kirche, einen Palast oder einen Keüer oder auch ein Spital bauen. Mit den gleichen Buchstaben schreibt man die Mysterien der Thora und — sie seien wohl unterschieden") — die größten Ketzereien. Ebenso kann man mit denselben Stimmen empor zu den höchsten Stufen der Begeisterung und Inbrunst und hinab zur untersten Hölle, um sich dort wie ein Wurm im Schlamme zu wälzen. Ein Brief, wie man ihn liest. Eine Weise wie man sie singt. Nehmt z. B. ein „Frelechs".") Es kann eine Talner Melawe-malke vom Schabbes fchire") sein — die Freude der frommen und guten Werke, Und sie kann die Freude eines freigelassenen Vogels in einer schrankenlosen Welt sein. Eine Melodie glüht, sie ist wie mit Liebe durchtränkt. Doch es gibt viele Arken von Liebe. Es gibt eine Liebe zu Gott, eine Liebe zu den Menschen, eine Liebe zu Gesamt-Israel. . . oder gar zu sich selbst, oder gar, behüte Gott, zu dem Weibe eines anderen. Eine Melodie klagt und weint. Aber die eine klagt über die Verführerin Schlange, über das verlorene Paradies, die zweite über das Exil der Sch'chine,") über die Zerstörung des Tempels, über unsere Armut und Medrigkeit. „Sieh unfern Stand!" klagt sie. Eine dritte weint, weil einem seine Schöne entlief. Es gibt sehnsüchtige. Melodien. Aber wonach geht das Sehnen? Eine Seele sehnt sich nach ihrer Wurzel oder ein alter Hund ohne Zähne") nach jungen Jahren und jungen Trieben. Nehmt z. B. das Lied: Reb Dowidl hat gewohnt in Wassilkow, in Wassilkow, Und heut wohnt er in Talne,. Reb Dowidl, Reb Dowidl hat gewohnt in Wassilkow, Heut' wohnt er in Talne. Das Liedel wird von Talnern und von Wassilkowern gesungen. Wenn es die Talner singen, ist es wirklich ein ftöhliches Liedel, sprüht und glüht Freude und Lust. Wenn es aber die Wassilkower singen, ist es von Leid und Schwermut durchtränkt. Es kommt auf die Seele an, aus das, was man in die Melodie hineinlegt! Die Melodie, müßt ihr wißen, ist eine Summe von Stimmen, oder, wie jene sagen, von Tönen. Die Stimmen oder Töne nimmt man aus der Natur. Sie erfindet niemand. Und in der Natur fehlt es nicht an Stimmen. Mes hat da seine Stimme, seinen eigenen Klang, ja sogar seine ganze Melodie. Die Planeten singen, wie uns überliefert ist, Tag und Nacht — „Tag verkündet Rede dem Tage und Nacbt offenbart Erkenntnis der Nacht. ."ie) — haben ihr Lied. Menschen und Vögel singen. Wilde und zahme Tiere singen dem Herrn Loblieder. Stein klopft an Stein, Metall klingt. . . Fließendes Waßer schweigt nicht. Und erst der Wald! Beim leisesten Windhauch singt er einen Wolech,") einen wirklichen, stillen, süßen Wolech. Und der Eisenbahnzug zum Beispiel, das Ungeheuer mit den rotflammenden Augen, — betäubt er nicht mit seinem Gesänge? Selbst die stummen Fische, las ich einmal in einem Buche, schwimmen von Zeit zu Zeit ans Ufer, klopfen mit den Flößen 9) Melawe malko. Königin (Sabbat) begleitende (Mahlzeit). Am Ausgange des Sabbat. '") Bethaus. ") Wenn der ftommgläubige Jude von etwas, was ihm geheiligt oder teuer ist, in einem Atemzuge mit Profanem, Gleichgültigem oder Nichtgelittcnein spricht, unterläßt er es nicht, dazwischen das Wort „?hawdil" („zu unterscheiden") einzufügen. >9) Wörtlich: Ein „ftöhliches". Eine Art lustiger Tanzweise. >9) Schabbos sibiro (schabbat schira). Der Sabbat, an welchem die „Schiro", das Lied Moses nach dem Uebergang der Juden über das rote Meer aus der Thora vorgelescn wird. '*) Sch'chino (sch'china) die von Gott emanierte Herrlichkeit, die nach der Sage mit den Juden in das Exil gezogen ist. 15) Derbes Volkswort von einem alten Lüstling. Psaliiicnstelle. n) Schwermütige walachische Melodie. auf den Sand, auf einen Stein und freuen sich Wenig Töne? Man braucht nur ein Ohr zu haben, das, wie ein Netz, die Töne fängt, wie ein Schwamm sie aussaugt. Allerdings: Töne allein machen noch keine Melodie, ivie ein Haufen Ziegel noch kein Haus ist. Die Töne sind erst der Leib der Melodie; sie braucht noch eine Seele dazu. Und diese Seele ist das Empfinden eines Menschen: Seine Liebe, sein Zorn, seine Güte, Rache, Sehnsucht, Neue, Leid. . . Alles, was ein Mensch fühlt, kann er in die Melodie hineinlegen, und die Melodie — lebt! Denn, meine Herren, ich glaube, daß das, was mich labt, leben muß. Wenn mich eine Melodie labt, wenn ich von ihr Genuß, eine neue Seele empfange, so sage ich, daß sie lebt. Zum Beweise: Nehmt eine Melodie und zerschneidet sie! Singt sie verkehrt! Singt erst die Mitte und dann den Anfang und das Ende. Ist das noch eine Melodie? In Summa habt ihr alle Töne, es fehlt euch kein einziger, aber die Seele ist weg! Ihr habt eine lebende weiße Taube geschlachtet, und unterm Meßer ist ihr die Seele entflohen. Sie ist tot, die Leiche einer Me- Jn Talne ist es sonnenklar, daß Melodien Melodien leben und Melodien sterben. Man vergißt sie wie die in die Erde Gebetteten. Jung und frisch war sie einmal, die Melodie. Sie strotzte von jungem Leben. . . Mit der Zeit wurde sie schwächer und schwächer, die Kräfte gingen ihr aus . . . sie wurde altersschwach . . . Dann verhauchte ihr letzter Atemzug irgendwo in der Luft, sie ersticke — und war nicht mehr! ... Doch eine Melodie kann auferstehen! Plötzlich erinnert msn sich einer alten Weise. Sie löst sich plötzlich vom Munde los ... Und unwillkürlich legt man ein neues Gefühl, eine neue Seele in sie hinein. Fast ist es eine neue Melodie, die nun lebt. Das ist schon Wandlung einer Melodie. . . Ihr versteht mich nicht gut. — Sprich dem Blinden vom Lichte! Ich will es anders versuchen. Geschichten hört ihr doch gerne. So will ich euch die Geschichte der Wandlungen einer Melodie erzählen . . . Höret! Drei, vier Meilen hinter Berdyczew, gleich hinter dem Walde, liegt ein Städtchen Machnowka. In diesem Machnowka gab es eine gar nicht zu verachtende Kapelle. Ihr Kapellmeister — Reb Chaiml hieß er — war ein hochbegabter Musiker, — ein Schüler Pedohzurs aus Berdyczew. Dieser Reb Chaiml hat keine neuen Melodien gemacht, d. h. er war kein Komponist. Aber zu Gehör bringen, schön ausstatten, interpretieren, ins Herz spielen — das verstand er. Darin lag seine Kraft. Er war dürr und mager. Aber sowie er zu spielen begann, wurde er sofort ein anderer Mensch. Die sonst gesenkten Lider gingen langsam in die Höhe, und aus den stillen, tiefen Augen fiel ein Schimmer wahrer Geistigkeit über das blaffe Gesicht. Man sah deutlich, daß er in solchen Augenblicken nicht von dieser Welt war. Seine Hände spielen allein, von selbst, und die Seele fliegt irgendwo herum, hoch oben in der Welt der Musik. . . Manchmal vergaß er sich und begann auch zu singen. Er hatte eine Stimme, — die klang so klar und rein wie' ein Klarinett. .. Wäre Chaiml kein frommer, einfacher Jude, beinahe ein Einfaltspinsel gewesen, hätte er sich nicht mit acht Kindern in Machnowka abgequält, — so würde er gewiß schon irgendwo in einem Theater gespielt oder gesungen haben oder vielleicht Chor-Chasen") in Berlin oder Paris geworden sein. . . Doch solche Leute schickt wohl schon Berdyczew hinaus. Chaiml Einfalt sitzt daheim und borgt monatelang in allen Lebensmittelgeschäften ü 6011(0 einer reichen Hochzeit, die doch einmal wird sein müßen. Nun kam wirklich einmal eine reiche Hochzeit zustande. Und obendrein noch beim Magnaten von Machnowka, bei Berl Katzners Witwe. Berl Katzner selbst — er mag mich würgen kommen") — war ein großer Wucherer gewesen '") Chason (Kantor) in einer Resormsinagoge. zu deren Hauptneuerungcn der Chor gehört. ") Zur Strafe dafür, daß Böses über ihn gesagt wird.-Anspielung auf einen' Aberglauben und ein noch größerer Geizhals. Er gönnte sich das Eßen nicht, pflegte nach den Kindern die Brosamen aufzuklauben. Ein eisern Herz hatte er, der Mensch! Vor dem Tode, fast schon im Todeskampfe, ries er den ältesten Sohn, ließ sich die Geschäftsbücher reichen und zeigte mit braunblauem Finger überall hin, wo eine Rate nicht gezahlt war. Und „daß du mir nicht prolongierst. Gott behüte! Hörst du! Wenn du nicht das Gebot der Ehrfurcht vor dem Vater verletzen willst!" Dann rief er sein Weib heran und hieß sie das Kupfer aufbewahren, das an der Wand hing. „Sowie ich die Augen schließe", meinte er, „ist . alles herrenlos!" Sprachs und starb. Eine halbe Million ließ er zurück! Nun verheiratet'die Witwe die Tochter. Sie beeilt sich damit, weil sie sich selbst eine Partie antragen laßen will. Ein Stein ist ihr vom Herzen gefallen! Erlöst ist sie! Und iveil Chaiml, der Musikant, auch eine Tochter zu verheiraten hat, wartet er natürlich auf die Hochzeit wie auf den Messias . .. . Da fällts der Witwe ein, Pedohzur aus Berdyczew zu beziehen. Warum? Es werden Brautverwandte, Kenner aus Kiew da sein. Darum will sie, daß zum „Bedeckens'") ein neuer „El mole rachamin?') gesungen wird. „Keine abgeklopften Hojschanes/"^) sagt sie. „Es kostet so schon soviel, solls noch mehr kosten und sollen die Kiewer Augen machen!"' Chaiml verging schier. Auch in der Stadt entstand große Aufregung. Man hatte Chaiml sehr lieb. Und dann einfach aus Mitleid, weil er so arm mar. Man bemühte sich, die Sache zu ordnen. Zum Schluß wurde auch durchgesetzt, daß Chaiml mit seiner Kapelle spiele. Doch sollte er vor der Hochzeit auf Kosten der Witwe nach Berdyczew hinüber und von Pedohzur einen neuen „El mole rechamim" bringen. Chaiml kriegt einige Rubel, davon läßt erwehr als die Hälfte Weib und Kindern zurück, mietet einen Wagen und fährt nach Berdyczew. Und hier beginnt die Geschichte von den Wandlungen. Wie sagt man nur: „Ein armer Teufel hat Glück. Fahrt da Chaiml auf der einen Seite in Berdyczew ein und auf der anderen Seite Pedohzur heraus. Man hat . ihn just.nach Talne zu einer Melaweh malke geladen. Der Talner,^) müßet ihr wißen, hält große Stücke auf Pedohzur. „Die Mysterien der Thora,".pflegte er zu sagen,, „wohnen in seinen Melodien. Schade nur, daß er selber sie nicht kennt." Chaiml irrt nun wie ein Vergifteteter^) in den St.iaßen umher. Was tun? Ohne ein „el mole rachamim" nach Hause fahren darf er nicht; die Welt ginge darob zugrunde! Pehdozur nach Talne nachfahren oder warten, bis er zurückkommt — kann er nicht. Er hat nicht genug Geld mit. Die Witwe gab ihm wenig, und seinem Weibe ließ er viel zurück. Sein Leid ist groß. Plötzlich sieht er folgenden Vorgang: Stellt euch vor: An einem schönen, helfen Wochentag geht ein junges Weib in Sabbat- und Feiertagskleidern, oder wie man in jenen Gegenden sagt, in Honig und Essig herausgeputzt daher, auf den Kopf eine eigenartige Haube mit mächtig langen Bändern von grellen Farben! In der Hand hält sie eine große, weiße Silbertaffe. Musikanten folgen ihr und spielen, und sie geht im Tanzschritt voraus. Manchmal bleibt sie mit den Spielleuten vor einer Wohnung oder einem Geschäfisladen stehen und tanzt auf der Stelle ... Die Musik lockt Leute von allen Seiten herbei, sie drängen sich in den Türen und Fenstern, Kopf an Kopf... *°) So heiht eine Zeremonie, die darin besteht, bah der Braut unmittelbar vor der Trauung der Kopf samt Gesicht mit einem seidenen Tuche bedeckt wird. Ein Gebet zum Totengedächtnis; hier deshalb bei der Hochzeit gesungen, weil der Brautvater verstorben ist. -1) Hauschano (Hoschana) „oh, hilf doch!",.Gebet am Laubhüttenseste. Der siebente Tag dieses Festes, der fünfte sogenannte Halbfeiertag, heisst Hauschano rabbo (grosser Hauschano) und ist ein Bitttag, sozusagen ein Nachzügler des Neujahrfestes und des Verjöhnungstages. Zum Kult dieses Tages gehört das Abklopfen von Weidenzweigen, die man nach dem Gebete Hauschanos nennt. Also bedeuten abgeklopfte Hojschanes solche, welche schon gebraucht, deren Blätter schon abgefallen oder zerfetzt sind. -’) Volkssprichwort. Selbstverständlich ist das Gegenteil gemeint ") „Der Talner" kurz sür „der Talner Rebbe". -9 * * * * * 15) Das in der Sprache des Volkes gebräuchliche Bild ist von vergifteten Mäusen hergenommen.