Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-06-12 · Heft 1 (12.6.1907) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 1 (12.6.1907)
Date
1907-06-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430909--154-2431131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 Neue Zeitung Seite 5 hiesigen Gemeinderäte, Gemeindevorsteher und Gemeindearzt zugleich — was nur in Galizien möglich ist. Und ein gegen seine gesetzwidrige Wahl erhobener .. Protest liegt seit drei Jahren unerledigt im Ministerium, während er in Tlumacz wie ein asiatischer Satrap regiert. Dieser Hovurka sollte also den Kampf gegen Dr. Birnbaum führen. Die schmutzigen Hände fingen an sich zu bewegen. Zuerst streckten sie sich in der Richtung des Kandidaten Großgrundbesitzers Moysa und dann zogen sie sich in die Tasche zurück, nachher scharrten sie einige allpolnische Panidioten, einige jüdische Kultusgeschäftsleute und einen Trupp von Huligans zusammen, und mit Hilfe dieser passenden Gesellschaft wurde die Schandarbeit begonnen. Viele, sehr viele jüdische Familien sind Hovurkas Schurkereien zum Opfer gefallen. Um die jüdischen Wähler einzuschüchtern, drohte er durch seine Wahlhyänen nach allen Richtungen und zenen, die sich offen für Dr. Birnbaum erklärt hatten, ließ er seine Amtsgewalt mißbrauchend, die Läden und Häuser, sogar Hausteile sperren. Alles wurde plötzlich baufällig, sogar ganz neue vor einigen- Jahre gebaute Häuser. Mit kaltem Blute hat dieser Mensch eine Menge Existenzen vemichtet, und er hatte sogar die Frechheit zu drohen, er werde „alle Juden zu Grunde richten, wenn sie für Dr. Birnbaum stimmen werden, denn Moysa müffe gewählt werden, selbst wenn.Blut fließen sollte." Nachdem auf diese Weise das Terrain vorbereitet war, setzte sich Hovurka am Tage der Wahl ins Vorzimmer des Wahllokales und zwang die Wähler durch Drohungen, ihm ihre Stimmzettel zu zeigen. Weigerte sich einer, so führte er den Vermessenen dem im Nebenzimmer sitzenden Bezirkshauptmann vor, indem er gegen ihn die Anklage (!) wegen des Votums für Dr. Birnbaum erhob. Ja, einen Wähler, Chaskel Gleiß, der den Zettel nicht zeigen wollte, schlug er (!) und entriß ihm den Zettel. — . Als nun aber trotz Schwindels und entsetzlichen Mißbräuchen Dr. Birnbaum in Stichwahl mit Moysa kam, sahen sich Hovurka und seine Konsorten bemüßigt, alles aufs Spiel zu setzen, um nur Dr. Birnbaum zu stürzen. Was sich jetzt ereignete, übersteigt alles dagewesene. Ganze Bände müßte man über diese Bande schreiben, wollte man die Geschichte dieser Schandtaten erschöpfend darstellen. Uebrigens wird ja der Protest gegen diese „Wahl" alle die Ungeheuerlichkeiten ans Tageslicht bringen. Moysa ist „gewählt". Aber es war ein Pvrrhus- Sieg, der sich sehr bald in eine gänzliche Nieoerlage der Schlachta verwandeln wird. Denn gekommen ist die Zeit, in welcher diese Tyrannenkaste aus ihren Herrschersitzen auf allen Gebieten des sozialen Lebens weggesegt werden wird, um dem politisch gereiften Volke Platz zu machen. Der dankbare Moysa. Wir erhalten folgenden Brief: Zablotow, am 3. Juni 1907. Gestern holten sich die beiden eifrigsten Agitatoren für den „Abgeordneten" Moysa, die Herren Schabse Fuchs und Hersch Burg ihre ersten Lorbeeren. Namentlich der erste der beiden Herren, war eines besonderen Dankes seitens des Herrn Moysa gewärtig. War doch Herr Fuchs einer von den ersten Kahaldienern und Huligans, der jedem Wähler den Stimmzettel für den jüdisch-nationalen Kandidaten Weißglas — Herr Moysa kandidierte auch im 38. Landgemeindebezirke — auf gewaltsame Weise, gegen einen für Moysa umgetauscht hatte. Und nun der sehr originelle Dank. Die genannten Herren Agitatoren hatten noch vor 11 Monaten bei der Bezirkskassa um eine Hypotekaranleihe angesucht. Jetzt erholten sie mit aller Bestimmtheit eine äußerst günstige Erledigung, da sie doch dem Herrn Bezirksmarschall nur von ihrer Wahlagitation zu erwähnen brauchten. Aber Herr „Abgeordnete" Moysa erteilte ihnen den Rat, sie, mögen sich mitsamt allen Zablotower Juden aufhängen. Vor der Wahl hätte ihnen der Herr Bezirksmarschall wohl schwerlich diesen Rat erteilt. — Jetzt allerdings für Moschko gut genug. Jüdisches Wahlkomitee. Die jüdisch.sozialdemokratische Partei Galiziens (sogenannte „Separatisten") hat bei den letzten Stichwahlen ihre jüdische und freiheitliche Pflicht vollauf erfüllt. Und dies« nicht nur im Wahlkreise Buczacz, mit dessen jüdisch-nationalem Kandidaten Dr. Birnbaum sie seit jeher in freundlichen Beziehungen stehen, sondern überall, wo ein Jüdischnationaler . einem Polenklübler gegenüberstand. Das verdient ausdrücklich anerkannt zu werden. Die Sozialdemokraten und die galizischen Raubwahlen. Höchst anerkennenswert ist die Haltung! Sozialdemokraten und ihrer Presse, namentlich a: der „Arbeiter-Zeitung" in der Frage der galizisä Raubwahlen. Ohne alle Schminke wird da S galizischen Wahlschuften die Wahrheit gesagt — n kein Unterschied gemacht, ob es sich um einen raubten sozialdemokratischen oder jüdisch - nationa Kandidaten handelt. Wir können daher eine Aeu rung, die die „Arbeiter-Zeitung" über die Buczac Wahlgeschichte bringt und die der Wirklichkest nicht > ganz entspricht, nur einer falschen Information zu-! schreiben. Die Stelle, von der wir sprechen, lautet: „Es wird darin (im Wahlprotest) der Beweis erbracht werden, daß bei der Hauptwahl das Wahlergebnis im Wahlorte Cygany um 104 Stimmen zu Ungunsten des Kandidaten Genossen Dr. Jaroffewytsch gefälscht und im Wahlort Tlumaez mehr^ als 200 seiner Wähler zur Urne nicht zugelassen wurden und infolgedessen nicht er, wie es fein sollte, sondern der andere oppositionelle Kandidat, der Zionist Dr. Birnbaum, in die Stichwahl mst dem Kandidaten des Polenklubs Maysa kam, was die Chancen des letzterem bedeutend verbesserte." Diese Darstellung ist, wie gesagt, unrichtig. Die Bestehlung des Herrn Dr. Jaropewytsch ist zwar Taffache, aber daß diese Diebstähle und vielleicht noch andere Gaunereien den Dr. Birnbaum statt des Dr. Jaroffewytsch in die Stichwahl brachten, trifft deshalb nicht zu. weil Dr. Birnbaum schon bei der ersten Wahl ebenso, ja mannigfacher begaunert und beraubt wurde als Herr Jaroffewytsch. Ganz seltsam ist die Behauptung, daß eine Stichwahl mit Dr. Birnbaum mit Moysa .aussichtsvoller war als eine solche mst Dr. Jaropewytsch. Es wird wohl wenige Kenner der Verhältnisse geben, die diese Ansicht teilen. Vielmehr ist die gegenteilige Meinung die allgemeine. — Im Uebrigen haben wohl selten zwei Kandidaten, so fteundschaftlich und gemütlich neben einander kandidiert, als Dr. Jaroffewytsch und Dr. Birnbaum. Und Doktor Jaroffewytsch hat auch Alles getan, um bei der Stichwahl seine Stimmen dem Dr. Birnbaum zuzuführen. Das neue Parlament in Finnland und die Juden. Am 25. Mai fand in Finnland die Eröffnung des neuen Parlaments, das auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und dstekten Wahlrechts gewählt wurde, statt. Unter den 200 Abgeordneten, sind die Sozialdemokraten in großer Majorität (80 Mann) vertreten. Es sind auch 19 Frauen delegiert. Nur die Juden haben keinen Vertteter, da sie noch keine Rechte haben. Es haben sich wohl in der sogenannten Auferstehungsperiode manche Stimmen für die Gleichberechtigung der Juden erhoben. Die Juden fanden sogar einen ausgezeichneten Verfechter ihrer Interessen, in der Person des Herrn Jakobson, der in sämtlichen Städten Finnlands diesbezügliche Resolutionen erwirkt hatte. Aber gerade in dem Momente, als im' Parlamente über die Judenftage verhandelt werden sollte, war die Agitation erschlafft, well Herr Jakobson seine ungemein, wichtige Propaganda, wegen Versagung der materiellen Unterstützung seitens der finnländischen Juden einstellen mußte. Handel und Verkehr. (Die Berichte vom Getreide- und viehmarkt werden immer Mittwoch resp. Donnerstag, also künftighin immer vor dem Lrsch einen erstattet.) Wie», Produktenbörse. 5 Juni 1907. Seitdem die Besorgnisse wegen des Saatenstandes sich verringert haben, tendierte der Getreidemarkt nachgiebig. Allerdings im gleichen Maß wie die Preise ftüher angezogen hatten, geben sie jetzt nicht nach. Schon deswegen nicht, weil immer wieder Meldungen austauchen, die zur Erholung stimulieren Zuletzt bildete ein solches Moment die vom kgl. ung. Ackerbauministerium erfolgte Ernteschätzung. Dieser Bericht taxiert den zu gewärttgenden Ertrag mst 31 Millionen Lire gegen 53 Millionen faktischen Ertrag in 1906. Allerdings lautete auch im Juni vorigen Jahres die Schätzung ziemlich pessimisttsch und wurde von der Wirklichkest um mehr als 7 Millionen Übertrossen. Trifft dies auch Heuer zu, dann hat Ungarn eine schwache Mittelernte zu gewärtigen. Die Ernteaussichten Oesterreichs sind befriedigend. Im Hinblick hierauf beobachten alle Interessenten ziemlich starke Reserve und warten die weitere Entwicklung ab. Entschieden flau tendieren die Futterartikel Mais¬ und Hafer. Diesen Pflanzen kommt eben der Witterungsverlauf sehr zu statten. Loko amtlich heute per 50 Kg: Wien notierte K°h bis K h Weizen: Theiß-. 11.15 Slovakischer. 9.60 10.05 Marchfelher und Niederösterr. . . 9.70 10.— Roggen: Slovakischer. 8.40 8.60 Pester Boden . . . . . . . 8.45 8.65 Oesterreichischer. 8.60 Gerste: Bremer, Futter- und Rollgerste . . 7.10 7.60 . ' Mais: Ungarischer. 6.25 6.45 Cinquantin. 7.30 7.70 Hafer: Ungar, la m. Ausstich. 8.40 8.85 „ geringer Ausstich . . . . 8.50 Marktbericht vom 6. Juni. Zentralviehmarkt. Dem heutigen Markte wurden zugeführt: 3667 gestochene Kälber, 2626 lebende Schweine, 1654 Weidner-Schweine, 141 Weidner-Schafe, 361 Lämmer, 375 Schafe. — Auf dem Kälbermarkt war eine Minderzufuhr von zirka 1700 gegen die Vorwoche zu verzeichnen. Die vorwöchentliche Preiseinbuße wurde vollkommen weügemacht. Dian verkaufte: Weidner-Kälber von K. 1.12 bis 1.34, Prima von K. 1.36 bis 1.48, Hochprima von K. 1.50 bis 1.56, Lebende Kälber von K. 1.— bis 1,40, Lebende Fettschweine von K. 1.02 bis 1.20, lebende Fleischschweine von 72 Heller bis K. 1.02, Weidner Fleischschweine von K. 1.06 bis 1.30, Frischlinge von K. 1.08 bis 1.30, untergewichtige von K. 1.34 bis 1.44, Weidner Schafe von 78 H. bis K. 1.— per Kilo, Lämmer von K. 16.— bis 36.— per Paar, Primaschafe von 74 bis 80 Heller, Brackschafe von 65 bis 66 Heller per Kilo, alles exklusive Berzehrungssteuer. - Sriefkasterr. An dieser Stelle werden wir einmal oder, wenn es notwendig sein sollte auch zweimal im Monate, sämtliche Anfragen unserer Abonnenten rein sachlich beantworten. Wir ersuchen aber um möglichst genaue Präzisierung der Anfragen nn» Wünsche, sowie um deutliche Angabe eines Buchstaben oder Schlagwortes, unter dem die Antwort erfolgen soll. Wir werden «ns bestreben, jede wichtige Anfrage, juridischer, oder rein kommerzieller Natur ganz genau zu behandeln und nur nach eingeholte» Informationen bei den entsprechenden Fachleuten zu beantworten, wobei wir auch selbstverständlich die strengste Diskretion wahre» werden. Die Redaktion. Die Wandlungen einer Melodie. Von I. L. Perez*) Ihr wollt eine Talner Melodie. Haltets wohl für eine Kleinigkeü: Man nimmt eine Melodie von einem Talner Schalefchidis') und singt sie einfach nach. Aber eine Talner Melodie muß von vielen gesungen werden. Alle müssen müsingen. Ihr wollt mir helfen? Nein, Brüder! Mst polnischen Chassidim läßt sich keine Talner Melodie singen! Ihr habt ja keinen Begriff, keine Idee von Musik. Ich höre ja eure Musikanten und Chasonim?) Das ist ein Kollern, nicht ein Spiel! Und beim Singen schreit ihr wie Hühner, die geschlachtet werden. Selbst die Sinai-Melodien^) bringt ihr absonderlich wild heraus. Und eure'Märsche, eure Kosaklech^) sind noch wilder als eure Bewegungen und Grimassen. Ihr sagt, das sei chassidische Art. Bei uns find andere Chassidim. Woher wir Musik verstehen? Vielleicht liegts im Blute. Vielleicht in der Gegend. In unserer Kiewer Gegend ist kein Haus ohne Geige. Jedes Kind aus gutem Hause oder, wie man dort sagt, was eines Vaters Kind ist/) muß eine Geige haben, muß spielen können . . . Wenn ihr wissen wollt, wie viele Mannsleute in einer Wohnung sind, blickt auf die Wände! So viele Geigen hängen, so viele Mannsleute! Alle spielen: Es spielt der Großvater, es spielt der Vater, es spielt der Sohn. . . Nur schade, daß jedes Alter das seinige, daß jeder anders spiest. Der Großvater spiest Sinai-Melodien oder sonstige chasonische Sachen: Ein „Kol nidre", „Schojschanos Jakow", ein „G'di k'schur jodojim",°) — es gibt ja genug. Der Vater, ein chassidischer Mensch, schwelgt in einem gitjidischen ^) Steiger/) Der Sohn spielt schon von Noten! Und sogar schon aus dem Theater! Wie die Generation, so die Melodie. Was tun Chassidim, wenn sie keinen Branntwein haben? Sie sprechen von Branntwein! *) Aus „I. L. Perez ausgewählte Erzählungen und Skizzen. Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Acher. Jüdischer Verlag. Berlin lüOö. ') Scholausch ssudaus (schalosch ssudoth --- dritte Mahlzeit), Mahl vor Sabbat-Ausgang. 3) Mehrzahl von chason — Kantor. 3) Die traditionellen Melodien, die an den hohen Feiertagen gesungen werden, und nach dem Volksglauben vom Berge Sinai stammen. 4) Kleinrussische Tanzweisen. 5) Nämlich: Eines Vaters, der gesellschaftlich etwas bedeutet. Gebete. 7) Eigenschaftswort von „Giter Jid" (wörtlich: Guter Jude), gleichbedeutend mit „Rebbe" (Wunderrabbi der Chassidim). b) Melodie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.