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Neue Zeitung · 1907-06-12 · Heft 1 (12.6.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 1 (12.6.1907)
Date
1907-06-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1 Neue Zeitung Seite 7 Die Musik spielt. Das junge Weib tanzt, die Bänder flattern, die Taste blinkt und blitzt. . . Die Menge schreit „Masel tow!"^) und wirft Münzen hin. Das Weib hüpft und fängt sie in der Taste auf; die Münzen klingen im Takte Was ist es? Nichts von Bedeutung! Berdyczew ist eine jüdische Stadt und hat jüdische Gebräuche. So ist der Brauch, für Brautausstattung zu sammeln . . . Chaiml kennt diese Sitte. Er weiß, daß sich die Frauen Tänze ausdenken und daß Pedohzur jedesmal eine neue Melodie macht. Das ist schon einmal seine Mizwe?^) Man kommt zu ihm, erzählt ihm von dem Mädchen, von ihrer Familie, von der geplanten Heirat, von der Armut der Braut... Er hört schweigend, mit geschloffenen Augen zu. Manchmal bedeckt er das Gesicht mit den Händen. Und hat man die Sache vorgetragen, wird es still, dann beginnt er eine Melodie zu brummen . . . Das alles weiß Chaiml und steht doch mit offenem Munde und Ohr da. Er hat so ein „Frelechs" noch gar nie gehört. Es lacht und weint zu gleicher Zeit, man fühlt Leid und Lust, Schmerz und Glück in eins verschmolzen. Eine wahre Waisenhochzeit! Plötzlich macht er einen Luftsprung: Er hat, was er braucht! Auf der Rückkehr nahm der Fuhrmann noch andere Fahrgäste auf. Chaiml hatte nichts dagegen. Und die Paffagiere, just Kenner, erzählten dann, daß Chaiml, wie sie in den Wald hineinfuhren, zu singen angefangen hatte. Er sang Pedohzurs „Frelechs". Nur ist daraus schon etwas ganz anderes geworden. Der „Masel tow" von der Sammlung für Brautausstattung in einen wirklichen,,el mole rachamim" verwandelt. In das^ stille Rauschen der Bäume mischt sich -*) Masol tow (Gut Glück!) Beglückwünschungsruf. - Mizwo (inizwa). Wönlich; (Religiöses) Gebot. Aber es ist damit nicht nur dieses, sondern auch das fromme Verdienst gemeint, das man sich durch die Ersüllung des religiösen Gebotes erwirbt Der volle Inhalt des Wortes ist im Deutschen kaum wiederzugeben. eine stille, süß-stille Weise. Süll und innig klagt sie und betet um Barmherzigkeit, wie ein Kranker um sein Leben betet. Und dann hebt sie zu seufzen, in kurzen Ausrufen zu flehen an. Man fühlt, daß sich jemand an die Brust schlägt: „al djett) i"28) wie am Jom Kippur88) oder vor dem Tode. Die Stimme wird höher, aber zugleich zerstückt, zerriffen, wie von Tränen erstickt, wie von Schmeißen unterbrochen. Dann einige Seufzer, ein Schrei, einer, ein zweiter, und plötzlich bricht alles ab. Stille. . . Jemand starb. . . Der Sang erhebt sich wieder zu heißem, flammendem Schreien. Und die Schreie folgen einander in wilder Hast. Es wird ein ungeheurer Jammer, — wie bei einem Begräbnis. Und während des Begräbnisses plötzlich ein dünnes, reines Kinderstimmchen, — feucht, zitternd, furchtsam: Ein Kind sagt Kaddisch!30) Und dann — Träume, Phantasien, tausend Gedanken, die allmählich in süße, mild-süße Weisen übergehen. . . Trost, Zuspruch... So gütig, so aufopfernd, so gläubig, daß alles wieder gut wird, daß Lebenslust und Hoffnung wieder wach werden... Die Leute vergingen schier. „Was ist das?" fragen sie. „Ein „El mole rachamim," antwortet Reb Chaim, — „für Katzners Waise ein el mole rachamim!" „Verdient es wirklich nicht," sagen sie, „schade um die schöne Melodie, — doch die Welt ivird sie ja Reb Chaiml abnehmen, die Kiewer werden außer sich sein." Die Kiewer gerieten nicht außer sich. Das war keine jüdisch-gutbürgerliche Hochzeit mehr, bei den Katznerschen . . . Und der el mole rachamim paßte für die Gesellschaft nicht. Die Kiewer wollen lieber mit Damen tanzen. Wozu „Steiger"? Wozu moralische Sachen? Und nach wem auch ein „El mole rachamim"? Nach dem as) Sündenbekenntnis, bei dessen Ablegung man sich mit der rechten Faust in die Bnlst schlägt. “*) Der,Versöhnungstag. so) Das Gebet, welches Söhne für da« Seelenheil ihrer Eltern im ersten Jahr nach deren Tode täglich, dann alljährlich am Todestage sagen. alten Geizhals? Wenn er noch lebte, die Braut hätte nicht die Hälfte Mitgift und Haussteuer überhaupt nicht. Die Hochzeit würde sicherlich ganz anders aussehen. Wenn er heute aufstünde und das weiße Atlaskleid mit Spitzen und den Schleier sähe und die Weine, die Torten, die Fische und Fleischspeisen, unter welchen die Tische sich biegen, — er würde noch einmal sterben, und nicht mehr so leicht wie das erstemal! (Fortsetzung folgt.) Schriften von Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum). Aeltere Schriften. Die jüdische Moderne, 1896. Erhältlich in der Redaktion der „Jüdischen Rundschau", Berlin, NW. Melanchthonstraße Nr. 4.. Preis 50 Pfennig. Zwei Vorträge 1898. Erhältlich in. der Redaktion der „Neuen Zeitung". Preis 40 Heller. Steuere Schriften. Henrik Ibsens „Drittes Reich". 1909. Erhältlich in der Redaktion der „Neuen Zeitung". Preis 50 Heller. Achad Haam. Ein Denker und Kämpfer der jüdischen Renaissance, 1903. Erhältlich im „Jüdischen Verlag", Köln, Ubierring 23, Preis 1 Mark. Das Stiefkind der Sozialdemokratie, 1905. Erhältlich bei E. W. Stern, Wien. Preis 50 Heller. Osijüdische Aufgaben, 1905. Erhältlich in der Redaktion der „Neuen Zeitung" Preis 10 Heller. Außerdem: I. L. Perez. „Erzählungen", in deutscher U e b e r s e tz u n g. Erhältlich im „Jüdischen Verlag" Köln, Ubierring, 23. Preis: Broschiert Mk. 3.—, Gebunden Mk. 4.—, Illustriert Mk. 7. —. „Das Haar wächst nach langjähriger Kahlköpfigkeit“ John Graven Surgleigh’s berühmte Pomade ist dieses einzige — . mittel. - - John Craven Burleigh frühzeitig kahlgeworden erprobte dieses Mittel an sich selbst. Nach 14tägigen Gebrauche war der früher kahle Schädel mit dichtem Haar bewachsen. Er ließ das Präparat einigen [Freunden zu, und siehe da, auch hier trat der gleiche volle Erfolg ein. Hunderttausende, die seither das Mittel versuchten, sind heute dankbaren Herzens und Jedermann kann die in meinem Bureau aufliegenden Dankschreiben einsehen, in welchen dieses Mittel als unfehlbar gerühmt wird. Kahlköpfigkeit ist unschön. Kahlköpfigkeit erschwert den Kampf um die Existenz Warum wallen Sie kahl bleiben, wenn Hilfe möglich ist? Es kostet Sie nichts den Erfofg an sich — selbst zu sehen. Gratis und portofrei zugeschickt wird Jedem eine Probedose des Mittels ausreichend für 5 bis 6 Tage wer darum schreibt und 20 Heller in Briefmarken (für Porto und Verpackung) mit sendet. Eine Anzahl Dankschreiben, wertvolle Gebrauchsanweisung und Belehrung wird mitgeliefert. Alle Jene die an Haarausfall, Schuppen, Kahlheit leiden schreiben daher sofort ans William Scott Monopol Inhaber, in Wien, 101 Adlcrgasse 7. 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