Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (12.6.1907)
- Date
- 1907-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2430890-2430908-2430909--153-2431130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NeueZeitung Nr. 1 „Herr Feldmann sollte es doch versuchen, mit Dr. Birnbaum durch die galizischen Städtchrn zu fahren. Er wird dann bald ecknnen, wer der Fremde ist. Herr Dr. Birnbaum ist der Sohn eines galizischen Juden, er kennt das jüdische Volk in Galizien, er spricht des Volkes Sprache, er lebt, leidet und hofft mit diesem Volke. Seit 25 Jahren kämpft er für die Ehre dieses Volles. Herr Feldmann sollte es auch versuchen, auf dem Wege einer Enquete in den jüdischen Städtchen Galiziens. anzufragen, wer dort mehr bekannt und beliebt ist: Wilhelm Feldmann oder Nathan Birnbaum. Vielleicht würde er dann anders über diesen „Fremden" sprechen." Adolf Stand gewählt. Die Wahl des Jüdisch-Nationalen Adolf Stand hat in seinen Wahlweise und in Lemberg wahren Siegesjubel hervorgerufen. Ungeheuere Menschenmaffen versammellen sich vor dem Hause des Gewählten und bereiteten ihm stürmische Ovationen. Die überaus bewegte Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als der neue Abgeordnete am Ballon erschien, um für die freudige und sehr herzliche Teilnahme zu danken. — Es sprachen noch außer ihm die Herren Dr. Löwenherz und Herz. Letzterer richtete an die immer mehr anschwellende Menge die Bitte, daß sie nur ja ruhig auseinander gehen mögen, damit sie der Polizei keine Gelegenheit zum Eingreifen gebe. In der Tat, erschien auch bald ein Wacheaufgebot und begann in wenig höflicher Weise, die Leute auseinander zu treiben. Dabei wurden auch" mqnche Verhaftungen, die aber sonst keine bedeutenden Folgen haben werden, vorgenommen. Auch in Brody feierte man ein Siegesfest. Dort bejubelle die Menge den Abgeordneten Breiter, der sich in den letzten Tagen in Brody -aufhiell um die üblichen Wahlmißbräuche zu verhindern, was ihm auch tellweise gelang. Protest. Unsere galizischen Juden — rein, wie ihr junger politischer Sinn noch ist, — können sich gar n'cht vorstellen, daß die Infamien, die die Schlachta für Wahlen auszugeben die Frechheit hat, nicht kassiert werden sollten. Aber auch ältere Politiker, die schon viel Gemeinheit triumphieren sahen, rechnen diesmal mit der Annullierung der Wahlen. Was zuviel ist, ist zuviel. Das Parlament darf sich nicht prostituieren lasien. Das Parlament darf sich, der Stimme des Volksgewissens nicht verschließen. Dieses Gewissen muß sprechen- — laut und mehr als vernehmlich. Und speziell wir Juden, die in erster Linie beraubten, müssen uns rühren. Daß aus den Wahllreisen, in welchen die Wahlbandüen wüteten, Wahlproteste ans Parlament abgehen, ist selbstverständlich. Aber diese Wahlproteste' müssen auch noch durch eine imponierende Aeußerung des Volkswillens nachdrücklich unterstützt werden. Wir geben die Anregung, daß am Vorabende der Parlamentseröffnung — Sonntag, den 46. Juni — in ganz Galizien, wenigstens aber in allen Orten der betroffenen Wahlbezirke, jüdische, ruthenischjüdische und ruthenische Protest-Vers-ammlungen mit der Tagesordnung: Annullierung der gesetzwidrigen Wahlen, stattfinden. Auf diesen Versammlungen sollen entschieden gefaßte Resolutionen, ferner eine Demonstration, mehrstündige Geschästsruhe an einem der nächsten Werktage beschlossen werden. Horowitz-Solneß. Lemberg, 3. Juni 1907. Die Allgewaltigen der Stadt zürnen. Sie können es gar nicht fassen, daß es jemand gewagt haben konnte, ihnen Wiederstand zu leisten. Es klingt unglaublich, aber wahr ist es doch. Bekannte Wahlgrößen und gefürchtete Korruptionisten liegen auf der Strecke. Und nun härmen sie sich in ihren abgcsperrten Salons ab. Die Polstereindrücke wären —- wenn sie je entziffert werden könnten — ein vorzügliches Material für den späteren Historiker. Sie könnten so vieles erzählen. Für die Herren Horowitz, Rußmann, Rittel, Nimhin et conoortes, ist es noch immer ein Rätsel. Diese Herren gebieten Mer ganz Galizien und mußten gerade in Lemberg, in der Hochburg ihrer langjährigen Tätigkeit, so schmählich unterliegen. Und dazu oas homerische Lachen von allen Seiten. Herr von Horowitz hat diesmal einen prachtvollen Baumeister Solneß abgegeben. Echt Jbsenisch. Herr von Horowitz-Solneß war es auch bisher gewohnt, alle Wünsche, die er nur gedacht, in seiner Phantasie gestreift hatte, erfüllt zu sehen, und auch ihn hat die Hilda, bei uns allerdings eine ganze ' ansehnliche Philisterschar unter dem etwas weniger veüockenden Namen „rada narodowa" (Polnischer „Nationalrat") trotz seiner schwindeligen Natur zum Besteigen der höchsten Turmspitze, zu bereden gewußt. Dort oben klang auch für ihn Musik, er hörte schon in den Lüsten: „Baron, Herrenhaus"—da, . . . ein Fehlschritt und Horowitz-Solneß lag zerschmettert Nun stehen die übrigen Herren um ihn herum und warten auf ein Lebenszeichen. Denn sie sind die Hände, er der Kopf. Wenn der Kopf sich nicht auftafft, um wieder etwas recht Großes zu gebieten, oder wenigstens von etwas zu phantasieren — dann . . . Aber, das Wort „Kultuswahlen" ist in der Umgebung gefallen. Und wie durch einen Zauber ist der tot geglaubte Potentat aufgesprungen und hat wutschnaubend aufgeschrien: „Da bin ich Herr! Da muß mein Wille geschehen!" .... Das es nur nicht wieder heiße: „Wärst nicht hinaufgestiegen, wärst nicht hemntergefallen". Stanislau. Man schreibt uns aus Stanislau: Den bekannten Wahlhyänen in Stanislau, will es gar nicht recht gelingen, sich in irgend eine recht freudige Stimmung hineinzureden. Sie spüren allzustark den Pyrrhussieg. Es gilt als erwiesene Tatsache, daß Dr. Braude gegen 60 Stimmen Majorität hatte. Die Vornahme eines neuen ■ Skruptiniums und die Annullierung der Stimmzettel, auf welchen der Vorname Marcus mit c statt mit k geschrieben war, um dem Gegner die nötige Majorität zu verschaffen, ist eine unerhörte Niedertracht. Wenn selbst alle anderen haarsträubenden Räubereien und Diebereien, die seitens-beamteter Personen und Wahlmacher begangen wurden, nicht beachtet würden, die eine erwähnte Tatsache allein berechtigt zur Hoffnung, auf Anullierung der Wahl. — Der ganze Wahlkreis ist in furchtbarer' Erregung über dieses entsetzliche Unrecht und werden sehr rührig die nöttgen Aktionen geführt, nm an geeigneter Stelle Gerechttgkeit zu fordern und hoffentlich auch zu erlangen. In der Residenz Badenis. Herr Glombinski hat die Wahlkreise in Galizien meisterhaft zugeschnitten. Er hat es verstanden, einer Stadt mit demokratisch gesinnter Bevölkerung ein anderes Städtchen anzuschließen, oder auch ein Dorf —. um die eventuell ungünstigen Resultate leicht reparieren zn können. Man muß den Starostas und den Kahalskliquen ein wenig zu Hilfe kommen. Brody ist der Szlachta und den Wszechpolaken immer ein Dorn im, Auge. Was, eine Stadt mit 84 Perzent jüdischer Bevölkerung, die bis vor kurzem noch deutsche Abgeordnete gewählt haben! 9!och im Herbst vorigen Jahres haben sie es gewagt, gegen den jüdischen Wszechpolak Dr. Gold zu stimmen. Solche freche Kerls! Brody mußte unbedingt verwässert werden. Und so wurden diesem spezifischjüdischen Wahlkreise die Dörfer Hucisko brodzkie und Ruda brodzka, sowie die Residenz Sr. Excellenz des Landmarschalles von Galizien, des Grafen Stanislaus Badem Radziechüw, angereiht. Aber merkwürdig! Selbst in die Residenz Badenis drang der Ruf der jungen Parteien. Auch dorthin wagten sich die Strahlen der Freiheitssonne und beim ersten Wahlgange hatte der sozial-demokratische Kandidat auf sich 175 nnd der jüdisch-nationale Kandidat etwa 90 Stimmen vereinigt! Das "war aber schon zu viel. Nun fuhr Badeni selbst in höchst eigener Person nach Radziechüw — um sich mit seiner eigenen Persönlichkeit für den „waschechten" Polen Dr. Wohllerner einzusetzen. Der ganze Apparat wurde sofort in Bewegung gesetzt. Der Direktor des „Vorschuß-Vereines", Mrozowski schickte an alle jüdischen und ruthenischen Darlehensnehmer Mahnungskarten — und prolongiert wurde nur dann, wenn der betreffende Wähler seinen Stimmzettel mit „Wohllerner" ausfüllte. Der Steuerinspektor waltete seines Amtes mit seltenem Eifer. Eine Reihe von Häusern wurden „baufällig" — alles nach altgalizischer Art. Der Akademiker Löwenherz, wurde „wegen heftiger Agitation" verhaftet und erst nach den Wahlen freigelassen. Dem Mitglieds des jüdischnationalen Wahlkomitüs Feiwel Geisler wurde die Konzession zum Verschleiße süßer Getränke entzogen. Aber das Terrain war noch immer nicht ganz sicher! Da zog Badeni selbst aufs Schlachtfeld. Er rückte am Tage der Wahl selbst vor das Wahllokal und hielt an die dort versammelten jüdischen Wähler folgende Ansprache in jüdischer Sprache. Denn Badeni spricht jüdisch sehr geläufig. „Jidelech! Ich will sehen, ob Ihr seid „koscher" oder „trefe". — Und wehe dem, wer „trefe" sein wird!" — Herr Exzellenz! — sprach der Vorsteher Berl Drok — wir sind alle koscher! Wir werden alle stimmen, wie Euer Exzellenz befehlen. Es gibt unter uns nur wenig „falsche". — Ja. zeiget mir „die Falschen" mtt den Fingem! Ich will sie sehen. Der Row (Rabbiner) beschaut das Vieh, nach dem Schlachten und überzeugt/ sich, ob es koscher oder trefe ist. Ich werde mich bei der Urne überzeugen, ob Ihr ein koscheres Vieh seid . . . . . . Ich zahle immer nur kleine Zinsen, wenn ich GeL borge, s diesmal aber werde ich nach der alten Weise horrende Perzente zahlen... Ich werde den koscheren und dem trefenen Jidelech alles mit Zinsen und Zinseszinsen-heimzahlen! Jetzt, meine „Jidelech", gehet sttmmen! * Also sprach Badeni! Und merkwürdig die sonst „trefenen" Wähler wurden im Skrutinium, welches unter Vorsitz von Mrozowski stattfand, mit einem Male koscher! Von den 436 auf Adolf Stand lautenden Zetteln, wurden blos 221 Stimmen als giltig anerkannt. Die Uebrigen wurden , für unleserlich, für schlecht, für undeutlich udgl. erklärt. Und als trotzdem die Nachricht kam, daß Stand gewählt sei — da schrie Herr Badeni laut auf: Ihr seid alle „trefe"! Das Skrutinium in der Residenz Badenis war nicht im Stande den ganzen Wahlkreis „koscher" zu machen. W. Kleinigkeiten aus dem Bnezaczer Städtewalkreis Im Wahllokale in Buczacz befand sich dem Wahllokal gegenüber ein Agitationszimmer, in welchem sich ausgestellte Stimmzettel mit dem Namen Moysa und Legitimationskarten in bianco befanden. Die Wähler wurden sehr oft gewaltsam, und zwar hauptsächlich von Dr. Bienenwald, dem Schwiegersohn des feinen Berisch Stern, geschleppt. Dort wurden ihnen Bier und Speisen verabreicht, Stinimzettel und wenn nötig auch Duplikate eingehändigt. Dann wurden sie von den Mitgliedern der Ehrenwache bis zur Wahlurne geleitet. Bezirkshauptmann, Statthaltereirat Bernacki von Buczacz meint ganz offenherzig: „Ich kümmere mich um den Minister nicht. Mich geht nur der Statthalter an" .. . Bürgermeister Berisch Stern, dem schon hunderte Buczaczer Bürger, seine eigenen Untergebenen eingeschloffen, „Dieb" genannt haben, verbietet als Wahlleiter, den Vertrauensmännern — zu stehen und die Wähler anzufchauen. Derselbe freundliche Herr ruft ganz ungeniert aus: „Es fehlen mir noch 50 Stimmen. Bringt sie mir schnell! Denn man will schon schließen." , Auch in Buczacz: Magistratsassessor Anton Kostolowski, viele Polizisten, „Ehrenwache" fahren in benachbarte Dörfer, die zu einem andern Wahlkreis gehören, schleppen auf Fuhren Bauern herbei, diese erhalten Legitimationen und stimmen für Moysa. Borszczow: An Juden und Ruthenen werden 55>falsche Zettel ausgegeben: 'Ebendort: K. k. Gerichtsadjunkt Jankowski zu den jüdischen Fleischhauern: „Wenn ihr nicht für Moysa sttmmen werdet, dann werde ich euch so. ausputzen, daß ihr euch meiner erinnern werdet." .-r-.' Der Bürgermeister Johann Niemczöwski droht einer ganzen Menge von Leuten bestimmte Nachteile an, wenn sie gegen Moysa sttmmen werden, und verspricht ihnen bestimmte Vorteile, wenn sie für Moysa votieren werden. In Zaleszczyki schließt man die Wahl um 1 Uhr Mittag. 300 Wähler stehen noch draußen mit erhobenen Stimmzetteln und schreien: „Wir wollen wählen!" Es nützt nichts. Aehnlich, in noch größerem Umfange, in Borszczow und Oniatyn. Bürgermeister Dr. Blutreich (Arzt) von Zaleszczyki — auch so ein Kerl — zu einem Wähler: .„Sie wissen, Ihre Frau ist eine Hebamme ....!" Gespräch nach der Wahl in Zaleszczyki: Ein jüdischer Intelligenzler zu einem Wahlkommissär: „Was für Wahlen waren das?" Antwort: „Herr, man mußte so tun! Nach sechs Monaten gibt es wieder Wahlen und dann wird. Dr. Landesberg oder ein anderer^Jude aufgestellt werden. .... ." (Ob sich die Herren nur nicht schneiden werden. Das Volk weiß jetzt zwischen Juden und quasijüdischen Schlachzizenknechten gut zu unterscheiden. Siehe Fall Wohllerner in Brody und Fall Aschkenase in Stryj). Popiel «ud Hotiurka. Tlumacz, am 30. Mai 1907. Nicht freie Bürger im Lande der Schlachta wählen ihre Abgeordneten, sondern der Statthalter mit seinen Bezirkshauptleuten und Bürgermeistern wählt sie, die Behörden kömmem sich nicht uns Recht. Das allgemeine Wahlrecht wird zu ganz gemeinen Wahlschwindeln, das gleiche Wahlrecht zur Volksunterdrückung, das direkte Wahlrecht zur direkten Repressalien und das geheime Wahlrecht zu ganz offenen Drohungen und Schuftereien. In Tlumacz aber zeigte sich dieses System am kräftigsten ausgebildet. DerBezirkshauptmannPopiel, der einen strengen Befehl vom Statthalter Potocki erhalten hatte, Moysa durchzusetzen, sah. plötzlich ein, daß es nicht so leicht sein werde, wie er sichs vorgestellt hatte. Er sah, daß die ganze jüdische Wählerschaft in Tlumacz für die jüdisch-nationale Kandidatur ' des Dr. Nathan Birnbaum begeistert sei und erkannte, daß sich hier mit reinen Händen nichts werde erreichen lassen. Er suchte daher nach schmutzigen und fand sie rasch genug bei Dr. Anton Hovurka, Gemeindevorsteher und zugleich Gemeindearzt (!) in Tlumacz. Dieses Individuum war zuerst Czeche, dann als Regimentsarzt Deutschnationaler,, endlich als man ihn wegen einer ganzen Reihe unehrenhafter Geschichten aus der Armee hinausgeschmissen und seines Offiziersgrades verlustig erklärt hatte, polnischer Patriot, sogar Allpole, wurde mit Hilfe des Bezirkshauptmanns trotz rechlzeittg erhobener Proteste der