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Neue Zeitung · 1907-06-12 · Heft 1 (12.6.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 1 (12.6.1907)
Date
1907-06-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Neue Zeitung Seite 3 Mitteilung an den Justizminister der Oesfentlichkeit auf dem Wege der Presse bekanntzugeben. Die „Neue Zeitung" kann natürlich aus Raummangel nur ausnahmsweise Fälle zur Veröffentlichung bringen. Wir wären aber bereit, gegen ensprechendes uud mäßiges Entgelt leserlich geschriebene Anzeigen in einer speziell für diesen Zweck bestimmten Beilage abzudrucken. Redaktion der „Neuen Zeitung". Wochenschau. Nuthenisch-jüdische Protest-Versammluug in Wien. Samstag den 8. d. M. abends fand im großen Saale des „Hotels Union" eine ruthenischjüdische Protestversammlung gegen die galizischen Wahlmißbräuche statt, die durch ihren Massenbesuch und ihren Verlauf großes Aufsehen erregte. Der Saal erwies sich für die ungeheure Menge der Zuströmenden viel zu klein. Vielleicht tausend Leute mußten unverrichteter Dinge abziehen. 700—800 Personen füllten den Saal. Den Vorsitz der Versammlung führte Dr. Ferdinand Kronawetter, der in einer kurzen inhaltsvollen Ansprache den Zweck der Versammlung auseinandersetzte. Hierauf ergriff Herr Dr. Nathan Birnbaum das Wort. In längerer Rede bot er zuerst eine Darstellung der politischen Situation, wie sie sich in Galizien herausgebildet hat. Er erinnerte an die Zeiten, wo der Schlacht« nur eine stumpfe Menge gegenüberstand, erwähnte dann das Auftauchen von Freiheitsneigungen im polnischen und namentlich im ruthenischen Volke und ging dann auf.das jüdische Volk über. Dieses habe früher im politischen Leben Galiziens keine beneidenswerte Rolle gespielt. Nun aber sei es plötzlich zu einer klaren tätigen Erkenntnis seiner Pflichten für die Freiheit herangereift. Nach dieser Einleitung gab der Redner, indem er von den Erfahrungen seiner Kandidatur im Städtewahlbezirke Buczacz ausging, eine eingehende Schilderung der ungeheuerlichen Ungesetzlichkeiten, die bei den letzten Reichsratswahlen in Galizien vorkamen. Was der Redner zu erzählen wußte versetzte die Versammlung in einen Zustand ununterbrochenener Empörung. Es lag eine schwere Schwüle über dem Saale, und nur Dank der klugen Leitung des Vorsitzenden wurden stärkere Ausbrüche der Volksleidenschast verhütet. Als Dr. Birnbaum am Schluffe seiner Ausführungen die Consequenzen zog und sich in entschiedenen Worten an die Oeffentlichkeit, an das Parlament, an die Minister wandte, riß er die horchende Menge zu gewaltigen Zustimmungskundgebungen hin. Besonderen Beifall erntete auch der Vorschlag Dr. Birmbaums, es möge sich aus den Juristen der verschiedenen Parteien und Nationen ein großes Rechtsschutzkomitee für die Opfer des galizischen Wahlterrors bilden. Die Herren Dr. Kronawetter, Abg. Dr. Ofner und Dr. Z ipser erklärten sich sofort bereit, diesem Komitee beizutreten. gehen laffen. Man muß ihm zugestehen: Nie hat ein Orchester humoristischer gequitscht, als wenn der erste Jude schreiend seine Ansicht kundgibt und nie hat eine Musik vollendeter gemauschelt, als wenn der zweite sich mit Händen und Füßen dagegen ausspricht. Es gibt Leute, die das ftir Kunst halten. Nicht etwa Fleischermeister, sondern Musikrezensenten. So schreibt derjenige von der „Wage": „Auch ein Beispiel des bekannten, satirischen Witzes des Tondichters fehlt nicht. Es ist die Szene der fünf Juden. Selten dürfte das Gemauschel so köstlich musikalisch wiedergegeben worden sein, wie in diesem kontrapunktischen Kunststuck." Erfindet das nicht etwa, wie ein gewöhnlicher Sterblicher abscheulich, sondern köstlich und ich — er möge mir verzeihen — finde seinen Geschack nicht etwa köstlich, sondern abscheulich. , . . . Die Darsteller 'bemühen sich ihren Rollen gerecht zu werden. Sie scheinen das Wiener Publikum zu keinen. Jede ihrer Gesten ist wirkungsvoller als eine alkoholfreie Rede Schneiders seligen Angedenkens. Ich habe selten Darsteller gesehn, die mit solcher Liebe in die feinsten Nuancierungen einer Persiflage eingegangen wären, wie diese. Eine gewisse Künstlereitelkeit treibt sie fortwährend an, dem Publikum mit großer Vollendung seine Abstammung vor- Als zweiter Referent sprach Herr Dr. Roman Jarossewytsch. Er erklärte, daß er zur Schilderung der Wahlgreuel selbst nichts mehr hinzuzufügen habe und verbreitet sich dann über die Reife, zu der die Bevölkerung Galiziens herangediehen sei. Diese werde den Terror endlich überwinden. Er betonte das Verdienst der Sozialdemokratie um diese Erziehung des Volkes, hob aber auch, in Uebereinstimmung mit dem Vorredner, das Verdienst der Jüdischnationalen um die politische Aufklärung, die sie in jene Schichten trugen, wohin die Sozialdemokratie nicht dringen könnte hervor. Die wirklich gediegenen Ausführungen des Redners wurden von dem Publikum mit starkem Beifalle belohnt. In der Diskussion sprach zuerst Herr Abg. Dr. Ofner. Er schloß sich natürlich dem Proteste gegen die galizischen Wahlgreuel an und versprach, im Parlamente die Sache des Rechtes aufs Entschiedenste zu vertreten, was mit großem Beifalle ausgenommen wurde. "Er brachte auch die Frage des Wahlgerichtshofes zur Sprache. Da dienest vorgerückt war, wurde die Debatte geschlossen und es kamen nur noch drei Redner, die sich äußerst kurz hielten, zu-Worte: Herr Porges, der als Redakteur der Trafikantenzeitung, ein Beispiel niederträchtigsten. Wahldruckes auf einen galizischen Tabaktrasikanten erzählte; Herr M a u r e r, der besonders dem Vorschlag auf Bildung eines Rechtschutz-Comitös unterstützte; und schließlich Herr Dr. Carl Lifezis, der in beredten Worten eine starke Action für die baldige Durchsetzung des Wahlgerichtshofes, der aus richterlichen Beamten bestehend, den politischen Strebungen des Parlamentes entzogen sein müsse, empfahl. Die von Dr. Birnbaum vorgelegte und von der Versammlung per acclamationem angenommene Resolulion hat folgenden Wortlaut: Die am 8. Juni 1907 im großen Saale des „Hotel Union" in Wien stattsindende ruthenisch-jüdische Protestversammlung spricht über die unerhörten Wahlftevel, die bei den letzten Reichsratswahlen in Galizien veriibt wurden, ihre tiefste Entrüstung aus. Sie appelliert an das Parlament, dasselbe möge jene galizischen Wahlen, die auf verbrecherische Weise zu Stande kamen, annullieren. Sie fordert die Regierung auf, die Schuldigen zu bestrafen und die erschütterte Regierungs-Autorität gegenüber den galizischen Behörden wieder herzustellen. Die Versammlung wendet sich an die gesamte Oeffentlichkeit, ohne Unterschied der Partei und der Nation, um moralische Unterstützung in dem bevorstehenden schweren Kampfe gegen die galizischen Wahlverbrecher. Die Herren Abgeordneten Baron Hock und Pernerstorfer hatten ihr Nichterscheinen mit dringlicher Abhaltung entschuldigt. Herr Abgeordneter Dr. Nenner wohnte der Versammlung anfangs bei, mußte sich aber aus beruflichen Gründen bald entfernen. zuhalten. Das Publikum fühlt sich aber nicht getroffen — das erste Erfordernis zum wahren Verständnis der modernen Tonkunst ftir einen Juden ist eine dicke Haut. Abgesehen von dem lächerlichen Anachronismus, der in der Darstellung solcher Typen steckt und der auch Unbeteiligte peinlich berühren muß - welchen Sinn hat es, in ein Kunstwerk von so hoher Qualität etwas derart Widerwärtiges und Verletzendes zu bringen! Es ist eine Ausartung der Kunst, die sich gerne auf Bühnen breit macht und billige Effekte erzielt, indem sie die niedrigen Instinkte der Masse, die über ihre Vorliebe für den Clown selbst zum dummen August wird, kitzelt. Unsere „liberale" Presse ist so tolerant. Wenn ein Tendenzstiick irgend eine abgelebte Richtung durch einen Seitenblick verletzt, dann erhebt sie ein mächtiges Geschrei. Demonstrationsberichte werden mit einem feierlichen Ernst und einer Wichtigkeit behandelt, als ob sie — nun sagen wir — eine Denkmalsenthüllung wären. Aber hier zeigt sich wie gutmütig sie ist. Das ist Kunst, sagt Schmock und er weiß es. Das ist Feigheit, sagen gewöhnliche Sterbliche, die nicht einmal Musik Kritiker sind, denn nicht der Künstler erzieht das Publikum, sondern das Publikum den Künstler! Volenti non ür injuria! Thekla Blech. Fine Wendung. Auf einer Tagung sämtlicher Vertrauensmänner der mährischen Kultusgemeinden die am 31. Mai in Brünn stattsand, wurde die Loslösung der Juden vom Deutschliberalismus ausgesprochen. Dr. Fiala fand die kräftigsten Akzente für eine selbstständige jüdische Realpolitik. Diese' Kundgebung ist eine noch viel konsequentere Antwort auf den Zwischenfall Kuranda —Ofner, als sie schon Dr. Gustav Kohn in der „'Reuen Freien Presse" erteilte. — Man kann nach alledem ruhig sagen: Die Wendung, die wir schon so lange auch für das westösterreichische Judentum erhoffen, hat begonnen. Der jüdisch-nationale Klub im österreichischen Abgeordnetenhause ist nun eine Tatsache. Er besteht aus den Herren Dr. Benno Strauch er, Adolf Stand, Dr. Arthur Mahler, Dr. Heinrich Gabel. — Den galizischen Wahlbanditen verdanken wir es, daß nur vier Jüdischnationale ins österreichische Abgeordnetenhaus eingezogen sind. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Wir werden den Raub noch herauskriegen. Und, für alle Fälle, Mandate konnten sie uns rauben und stehlen, den Sieg konnten sie uns nicht entreißen, die Erweckung des galizisch-jüdischen Volkes .konnten sie nicht ungeschehen machen. In ungeahnter Größe und Freiheitslust hat sich dieses Volk gezeigt. Bis auf ein paar gezählte ehrvergessene Lumpen, hat es sich von den Unterdrückern Galiziens losgesagt. Die sind außer Fassung darüber, was aus den „Jüdchen" geworden ist. . . Und es wird doch nicht immer geraubt und gestohlen werden können. Tie jüdischen Abgeordnete» im Parlament. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten in Galizien beläuft sich jetzt auf 10, während sie in früheren Parlament nur 4 betrug. Es waren dies die Herrn Seinfeld, Kolischer, Rappaport und Byk, welche alle dem Polenklub angehörten. Von den neugewählten jüdischen Abgeordneten werden wieder nur vier dem Polenklub angehören : Die Herren ■ „Demokraten" Kolischer, Löwenstein, Gall und der Allpole (!) Josef Gold. Dann sind 3 Jüdischnationale, Gabel, Mahler und Stand, 2 Sozialisten, Diamand und Liebermann und 1 unabhängiger Jude, Dr. Groß. Es haben sich also weder die heuchlerischen Befürchtungen der Kahalspartei bewahrheitet, noch die Pcophezeihungen des Prof. Glombinski, der bekanntlich in seiner, nichts weniger als richtigen Wahlkreiseinteilung, den Juden nur 5 bis 6 Mandate zuerkannt hatte. Doch ist dieser Erfolg unbestritten der großen Agitation der jüdischnationalen Partei zuzuschreiben, welche man eben nur mit jüdisch-polnischen Gegnern bekämpfen konnte. „Fremd!" Die polnische Presse wütet darüber, daß der unerwartete, großartige Ausbnich der jüdischen Freiheitsbegeisterung die galizischen Machthaber zu so gefährlichen Gewalt- und Schwindelmaßnahmen zwang. Und wütet noch mehr, daß die beiden Abgeordneten Mahler und Gabel an Plätzen kandidirten, wo sie von den Verbrechern nicht erreicht werden konnten. Und am meisten wütet sie gegen die beiden Kandidaten aus der „Fremde", Professor Mahler und Dr. Birnbaum, von welchen sie sich den ersten definitiv als galizischen 'Abgeordneten gefallen lassen muß, während sie vor dem zweiten auch noch nicht ganz sicher ist. Wir werden uns noch erlauben, auf diese freche Beleidigung der ruthenischen und jüdischen Bevölkerung, die in ihren Wahlorten einzig und allein zu entscheiden hat, wer fremd ist und wer nicht, zurückzukommen. Hier wollen wir nur noch mit wirklicher Trauer konstatieren, daß auch die polnische Presse demokratischer Färbung diese ^chauvinistischen Exzesse mitmacht, ja daß das führende Organ der „polnischen Volkspartei", der „Kurjer Lewowski" sogar die Beseitigung der jüdischen Wahlkreise fordert. Und schließlich sei noch bemerkt, daß auch der bekannte jüdische Pole Wilhelm Feldmann in demselben Blatte über die Provokation durch die „Fremden" weint. Sehr gut erwidert ihm der „jüdische Arbeiter" u. A. mit folgenden Worten:

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