Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (12.6.1907)
- Date
- 1907-06-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neu Zeitung heißt der geheime Akt.- Stimmzettel, die auf den Namen des unliebsamen Kandidaten lauten, werden massenweise für ungiltig erklärt, weil sie angeblich den Namen des Gewählten nicht deutlich erkennen lasten. Das heißt, weil Markus mit c statt mit k geschrieben ist, weil ein i Punkt fehlt, weil die Stampiglie den letzten Buchstaben nicht ordentlich abgedrückt hat, weil einer der mit der Rechtschreibung auf schlechtem Fuß steht, einen Buchstaben zu viel oder zu wenig geschrieben hat. Zuweilen wird auch die richtige Orthographie angefemdet und in gut gespielter Naivetät eine falsche verlangt. Und dies Alles auch bei einer Stichwahl, wo ja selbst die miserabelste Orthographie keinen Zweifel mehr begründen kann. Doch auch diese reiche Ernte genügt den feigen Wegelageren des Skrutiniums nicht. Nicht selten gibt sich' der ehrenwerte Herr Wahlleiter dazu her, von den Stimmzetteln, die auf den Namen des Gehaßten lauten, den Namen seines Lieblings abzulesen. Und wagt ein armseliger Vertrauensmann —. oft wurden sie übrigens entgegen dem Gesetze gar nicht zügelasten — der durch, den Zettel den wahren Namen schimmern sieht, eine Einwendung, so wird er von Gendarmen abgeführt. Direkte Einsichtnahme ist ihm durch den Paragraphen einer statthaltereilichen Instruktion . verboten. Warum? Darauf antworten wohl jene Fälle, wo Hunderte Wähler, meist in die Hand des Geistlichen, schwärm, den oppositionellen Kandidaten gewählt zu haben, während das Skrutinium nur einige Stimmen für ihn ergeben hat. Eine Gaunerei, die um so wirksamer ist, als die gestohlenen Stimmen dem anderen Kandidaten Zuwachsen! . . Wir haben schwache Proben besten geliefert, was sich bei den letzten galizischen Wahlen, ereignete, und ftagen nun: Welcher Abgeordnete, der auf Grund eines anständigen Wahlverfahrens sein Mandat erlangte, wird zulasten, daß er durch die Nähe von Menschen beleidigt werde, denen Raub, Betrug, Diebstahl, Erprestnng, die gemeinsten Gaunertrics einer verlotterten Bande ihre Manda e gewonnen haben? Kann das Ab-, geordnetenhaus diesen von Schmutzwellen empor-, getragenen Abschaum in seinen Räumen dulden? Kann es auch nur einen Augenblick daran denken, diese Ehrensache nach politischen Motiven und nicht vom Gesichtspunkte des - Rechts und der öffentlichen Moral zu entscheiden? Und die Regierung, kann, sie anders, als sich dem Werke der Gerechttgkeit und der Zivilisation zur Verfügung stellen? Darf sie diese galizische Anarchie wetter anschwellen, und in ihrer Flut die Bevölkerung des unglücklichen Landes, aber auch ihr eigenes Renommee und das Renommee Oesterreichs ertrinken lasten? Muß sie nicht für ihren Nus, für den Ruf des Reiches fürchten, wenn Ehrenmänner schlimmster Sorte, soferne sie nur galizische Bezirkshauptleute sind, über das Gesetz sich stellen und am helllichten Tage im Namen des Gesetzes und im Namen der Regierung Schandtaten verüben dürfen? Es kann doch europäische und honorige Staatsmänner nicht nach den Lorbeeren eines Konservattvismus ä la Stolypin gelüsten ... Salome. In der Glanzzeit seiner überästhettschen Dekadence, kurz vor dem gewaltigen Sturz aus schwindelnder Höhe, der für ihn, da er des Lebens Reize und Schönheiten bis zum Ueberdruß gekostet hatte, den letztsn und schauerlichsten Reiz enthielt, hat Oskar Wilde, der König der Aphoristiker, der große Essayist und Schöngeist sein wirkungsvollstes Drama geschaffen. Wirkungsvoll in der Handlung, mächtig in der Form. Und es gehörte die schönheitstrunkene Seele eines Wilde dazu, uns unbeschadet durch das Labyrinth so gewagter Stimmungen, so glühender Erotik und übersinnlicher Leidenschaft zu führen, ohne jenen Ekel hervorzurufen, den die meisten Produkte naturalistischer Erfolghascherei hinterlasten haben. ' - Mit unerhörter Kühnheit hat er sich des gewattigen Stoffes bemächttgt und mit dem Recht des Genies von ihm Besitz ergriffen. Salome atmet schwüle- Leidenschaft aus, über der ganzen Handlung liegt es wie der Hauch, der von einer wunderbar, schönen Giftpflanze ansgeht. Unter Wildes Hand wurden der jämmerliche, sittenlose Herodes und die grob-sinnliche, lüsterne Herodias selbst zur Poesie, wenn auch zu einer schwülen. Und das ist die Macht und das Recht der Kunst. Dort, wo Kleinliche vor wilder Schönheit, die zu Nein! Wir können vorläufig nichts anderes, als hoffen. Wir wollen an dieses Parlament und an diese Negierung noch glauben. Wir wollen glauben, daß sie sich auf der Höhe ihrer Aufgabe 'zeigen, daß sie den galizischen Schandfleck tilgen und für die Verbrechen der galizischen Wahlwachen, ausgiebige Sühne schaffen werden. - . B. In eigener nnd Jolkssache. Das Mastenverbrechen, d. h. Verbrechen von Wenigen an Masten begangen, das sich galizische Wahlen nannte, ist vorüber. Eine ganze Reihe opposittoneller Kandidaten ist durch die frechsten Gesetzesverletzungen, durch Raub, Diebstahl, Fälschung u. f. w. um ihre sicheren Mandate gebracht worden. Die Mehrzahl der Opfer sind Nationaljuden, gegen die nach einem einheitlichen Plan besonders gewütet wurde. Sie waren Orgien des Rechtsbruches preisgegeben, und sind daher auch alle — bis auf Adolf Stand, der zufällig von einigen günstigen Umständen profitterte, sowie Professor Mahl er und Dr. Gabel, gegen die als Minoritätskanditaten in ländlichen, ruthenischen Wahlkreisen alle schlachtzizischen Kunststückchen von vornherein aussichtslos waren-— den gehäuften Mistethaten erlegen. Auch ich befinde mich unter diesen Opfern. Meine ruthenischen und jüdischen Wähler haben wie Helden gekämpft. Sie haben dem Terror,, der an ihrer wirschastlichen Existenz rüttelte, Stand gehallen, sie haben gelacht, wenn es ihnen und ihren Teuern ans Leben ging. Sie haben allen Verlockungen des korrumpierenden Feindes widerstanden. Sie haben die größten Strapazen, die ihnen eine verworfene Sippe in reicher Fülle auferlegte, ertragen, um nur an die Wahlurne zu gelangen. Von ganzen Herzen danke ich ihnen für diese ihre Hingebung an unsere große Freiheitssache und mich. Ich werde ihren leidenschaftlichen Eifer, ihre zähe Treue nie vergesten. Ich fteue mich aber auch, konstatieren zu können, daß der Frevel vom 24. Mai nicht vermocht hat, die Widerstandskraft und Kampfeslust meiner Wähler zu brechen. Sie vereinigen sich jetzt mit mir in dem stürmischen, unabweislichen Rufe nach Gerechttgkeit und Sühne. Geschehe was wolle, wir werden den Kampfplatz nicht räumen! Ich aber schwöre, in erster Reihe zu kämpfen. Was im 32. Wahlkreise geschah, ist selbst für die zerütteteten Verhältniffe Galiziens zu viel. Hier hat die herrschende Kaste santt ihren seilen Trabanten die glänzendste Probe ihres Könnens abgelegt. Einen sicheren Durchfall zu einem Siege mit fast 1400 Stimmen emporzurauben, emporzustehlen, emporzufälschen, emporzuerpresten, emporzuschwindeln '— mache das jemand nach, wenn er's kann! , Ich werde nicht ruhen und nicht rasten, bis nicht dieses aus tausend Fakten sich zusammensetzende Wahlverbrechen vor den Augen aller Welt enthüllt, bis nicht Sühne geschaffen ist. Und ich hoffe, daß alle ehrlichen, alle anständigen Menschen mir in meinem Kampfe beistehen werden. Ich erfassen ihnen die Seele fehlt, entsetzt zurückschrecken, ahnt der Verstehende ein seltsames, ftemdes Reich, das? fern von allen Bedenken und prüden Banalitäten in seiner Art der Kunst dieitt. Es konnte nicht fehlen. Laß sich für dieses Drama mit seiner sinfonischen Eigenart, der Musik seiner Sprache ein Komponist fand, der mit raffinierter Technik seine Vorgänge in Musik übersetzte. Richard Strauß, der Modernste der Modernen, der musikalische Messias hat sein Werk uach Wien geschickt und Wien ist seit 14 Tagen wieder eine moderne Stadt. Allabendlich tanzt Salome mit der zurückgehaltenen Leidenschaft und dem wahnsinnigen Begehren in der Seele den seltsamen Tanz der sieben Schleier, allabendlich bricht sw unter der Wucht ihrer extatischen Empfindung vor dem Kopf des Jochanaan zusammen und allabendlich — jetzt kommt der Clou dos Gaststpiels — erfüllen in der 4. Szene dieser ^erschütternden Tragödie fünf Juden die Bühne mit einem widerwärtigen Geschrei. Kann man sich eine schönere Zusammenstellung denken? Hier ist die Stelle, wo man aus dem Kunstwerk Salome eine Farce, gemacht hat. Inmitten einer Handlung, derer? Erregtheit in allen Herzen nachzittert, beginnen einige Juden in derart absto¬ Nr. 1 werde niemanden' schonen, der an diesem Verbrechen teilgenommen hat. Am allerwenigsten jene jüdische Lumpen von der Art des berüchtigten Bürgermeisters von Buczacz, Berisch Stern, jene Lumpen, die, unser Volk an seine Peiniger verratend und verschachernd, es noch mit ihrer Zugehörigkeit besudeln. Sie sollen an den Pranger, an den sie gehören! Und es wird dafür gesorgt werden, daß ihnen ihr scheußliches Handwerk gründlich gelegt wird. Das Volk ist reif geworden und lechzt darnach, mit ihnen abzurechnen. Aber ob der Büttel sollen die Tyrannen nicht vergesten werden. Sie mögen nicht glauben, daß ihre diversen Titel mich einschüchtern. Wer das Gesetz jrnit Füßen getreten hat, soll dafür büßen, sei er, werer sei! Ich werde in den nächsten Nummern — bis mir ganz erschöpfende Nachrichten aus allen Wahlorten des 32. Wahlbezirkes vorliegen — die einzelnen Amtspersonen, die an der ungeheuerlichen Wahlschande mitschuldig sind, sowie das, was sie nach dem Strafgesetze begangen haben, ganz offen beim Namen nennen. Eines aber möchte ich schon heute erledigen: Es ist Tatsache, daß Bezirkshauptleute in den Wahlorten des 32. Wahlbezirkes angesehene Bürgnr zu sich beriefen und ihnen erklärten, es sei ausdrücklicher Wunsch des Statthalters, daß Moysa gewählt werde. Ich will vorläufig verschiedenen Zeugenaussagen, nach welchen der Statthalter selbst Bürgern der Wahlstädte in kathegorischem Tone ähnliches erklärte, kein Gewicht beilegen, ich will mich auch vorläufig mit den geheimnißvollen Reisen des Statthalters am Vortage der Stichwahlen in den Wahlkreisen Stanislau und Buczacz nicht beschäftigen, aber ich rate dem Statthalter, Grafen Andreas Potocki, gegen die erwähnten Bezirkshauptleute, vor allem Bernacki in Buczacz und Popiel in Tlumacz die Strafanzeige wegen Verleumdung zu erstatten. Denn ich kann nicht annehmen, daß er den durch ihre Äußerungen gegebenen Verdacht des Mißbrauchs seiner Amtsgewalt gern und ruhig auf sich sitzen lassen wird. Ich kann und wills noch nicht glauben, Herr Statthalter! Wien, 6. Juni 1907. Dr. Nathan Birnbaum. Aufforderung. Wir fordern hiemit dringendst auf, wegen aller Fälle von Wahlterror und Wahlbeeinflußung, die jetzt in Galizien vorgekommen sind oder noch Vorkommen sollten. Strafanzeige nach dem Wahlgesetze, resp. dem allgemeinen Strafgesetze zu erstatten. Wir legen aber den Anzeigern im Interesse der Protest- und Sühnaktionen ebenso dringend nahe, gleichzeitig den volle» Wortlant der Strafanzeigen dem Herrn k. k. Justizminister, dem die oberste Aufsicht in Justizsache zusteht, niitzuteikell. Sind die Strafanjeigen schon früher erstattet, so ist deren Mitteilung an den Justizminister einfach nachzuttagen. Es würde sich auch empfehlen, die erhobenen Strafanzeigen und die Tatsache ihrer ßender, lärmender und lächerlicher Weise zu mauscheln, daß diese ganz unerklärliche und rohe Szene wie ein Schlag ins Gesicht wirkt. Man glaubt zu träumen! Unter der Herrschaft des Herodes, also zu einer Zeit, wo die Christlichsozialen Wien noch nicht beherscht haben können, gibt es Juden, die mauscheln? Juden, die mit den Händen reden und vergnügt mit dem Kopf wackeln wie in unsauberen Varietes? Anr Hofe des Herodes jüdische Repräsentanten, die sich benehmen, wie das „Deutsche Volksblatt" es befiehlt? Freilich, der Dichter hat Juden geschaffen, die über die Sendung Jochanaans und über die neue Lehre disputieren sollen, aber in ruhiger, gelehrter Weise wie es sich für Männer ziemt, die reine Bärte haben und die einzigen an einem korrupten Hofe sind, die vom Hauche des Lasters und der Sittenlosigkeit unberührt, sich einen gesunden Verstand erhalten haben, Es heißt, den Willen des toten Wilde fälschen, indem man eine derart empörende Persiflage, wie sie in -der possenhaftesten Komödie nicht schlechter Vorkommen kann, unter dem Deckmantel der Kunst auf die Bühne bringt. Herr Richard Strauß hat sich die wunderbare Gelegenheit, durch die verblüffende Naturalistik seiner Musik den Zuhörern ohne Unterschied der Gesinnungslosigkeit einen judeuverspottenden Leckerbissen zu kredenzen, nicht ent-