Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (12.6.1907)
- Date
- 1907-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HEUE ZETKINS KeiwktlM uni) Airniillistraliii»: Wies, ll/l, Tabarstrassa 64. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 9—1 Uhr Vormittag. Insertionspreise: Für die dreimal gespaltene Nonpareillezelle »der der Raum >2 Ta. bei Wiederholungen Rabatt. Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Lreitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. JLfiannttntatspjeift: In Oesterr eich-llngarn: Ganzjähr. US.-, halbst L4.—, Vierteljahr. K 2. -. Im Ausland: Ganzjähr. K 11.— halbst K5.50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. außerhalb Wien» im Inland- 24 K. Nr. Wien, Mittwoch, den \2, Juni V07. 2. Jahrgang. g&~ Die vorliegende Nummer erscheint ausnahmsweise am Mittwoch, die nächste Nummer Freitag den 81. d. M., die weiteren Nummern regelmäßig jeden Freitag. Inhalt: Die galizischen Rauvwahlen. — I n e i g e n e r und Bolkssache. Von Dr. Nathan Birnbaum — Aufforderung. — Salome. (Feuilleton) von Thekla Blech. — Wochenschau: Eine ruthenisch-jiidische Protestversammlung. Eine Wendung. Der jüdisch-nationale Klub. Die jüdischen Abgeordneten sim Parlament. „Fremd". Adolf Stand gewählt. Protest. Horowitz-Solnetz. Stanislau. In der Residenz Baden: Kleinigkeiten aus dem Buczaczer Städtewahlkreise. Popiel und Hovurka Der dankbare Moysa. Die jüdische sozialdemokratische. Partei Galiziens. Die Sozialdemokraten und die galizischen Raub- Wahlen. Das neue Parlament in Finnland. — Handel und Verkehr. — Briefkasten. — Die Wandlungen einer Melodie. Erzählung von I. L. Perez. — Inserate. An unsere Keser und Freunde; v ..... Nach einer. .tnehrmonatlichen Unterbrechung/ treten wir mit unserem Blatte wieder in die Oeffentlichkeit. Jetzt, wo ein heißer Kampf vorläufige Entscheidungen gebracht hat, wo weitere heiße Kämpfe bevorstehen, wo sich das jüdische Volk allenthalben mit mächtigem Freiheitsjubel erhoben hat — gerade zurrechten Zeit! Wir bitten unsere Leser und Freunde, uns durch' ihr Wohlwollen zu unterstützen. Es. hat sich gezeigt, daß wir den Preis für unser Blatt etwas zu niedrig angesetzt hatten. Wir haben uns daher zu einer allerdings sehr geringfügigen Erhöhung des'Abonnementspreises entschließen müssen, u. zw. soll er fortab für ein ganzes/Jahr K 8.:—, für ein halbes K 4.— und für ein Vierteljahr K 2.— betragen. Wir hoffen, daß auch die kleine Differenz gerne geleistet-werden wird. Natürlich ist es für laufende Abonnements dem freien Willen überlassen, ob Nachträgszahlungen geleistet werden oder nicht. Die neue Nummer des- Postsparkassenkontos wird erst in der nächsten oder zweitnächsten Nummer unseres Blattes bekannt gegeben werden können. Wir bitten einstweilen für Geldsendungen Postanweisungen zu benützen. Die Redaktion und Administration der „Neuen Zeitung", Die galizischen Aauvwahten. Der große Augenblick — wir haben ihn erlebt: . Das neue Parlament des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes tritt zusammen. Aus fällen Ländern Oesterreichs treffen in Wien die Männer ein,- die der Wisse des Volkes zu seinen Vertretern erkoren hat. Wir begrüßen sie mit unseren Hoffnungen, Wünschen'und Forderungen. Wir ermatten Vieles, Mes von ihnen. .— . Wir ermatten aber in erster Linie, daß sie die Spreu vom Weizen sondern, daß sie die Eindringlinge verscheuchen, die sich unter sie eineschlichen haben, — jene traurigen Menschen, ie auf Grund. zufammengeräubter, zusammengestöhlener, zusammenerpreßter'' Stimmen ins Volkshaus einzuziehen sich 'erdreisten.' Man ist von Galizien viel gewähnt. Aber diesmal hat es sich selbst übettroffen. Oder besser nicht Galizien. Denn wer darf das Land und seine Völker für die Frevel einer verbrechettschen Kaste und ihrer beamteten Helfershelfer verantwottlich machen? Nur diesen gefährlichen Ueberflüßlingen gilt das zweifelhafte Compliment, daß mit den letzten galizischen Wahlen ein «Schaustück der Schande aufgefühtt wurde, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. '* Wenn der Statthalter des Landes, ein Mann von altem, offenbar schon zu altem Adel, ein Ritter des goldenen Vließes, die politischen Beamten und die Honoratioren der Wahlstädte zu sich beruft, selbst die Wahlkreise bereist und durch seine Mgesandten bereisen läßt — alles nur in der Absicht, um sein Machtwott in die Wahlurne zu werfen — so ist das, sollte man meinen, schlimm genug.. Aber es ist nichts gegen das tausendfache Echo von Gewalt und Trug, die dieses Machtwott allenthalben gefunden hat. Da . ist gleich als Erstes die grauenhafte Erfindung der Kom- , missionen-Pogrome: < Kamwist-.iweinem.Mahl- Eezirke ein den Lemberger Gewalthabern und Gewalttätern nicht genehmer Kandidat aufgetreten, kaum hat sich gezeigt, daß die Bevölkerung ihm geneigt ist, so stürzen sich plötzlich, aus jahrelangem Schlaf aufgescheucht, die Gewerbe-, Gesundheits- und. Landpolizei auf die armen Städtchen, Und Bezirkshauptleute, Steuerbeamte, richterliche Funktionäre, Bürgermeister usw. helfen einzeln mit. In Nu sind, hundette von 'Steuerträgern gesteigett, hundette Vergehen 'hervorgesucht, Hunderte Geldstrafen verfügt, Hunderte Läden gesperrt, hundette Werkzeuge konfisziett, Hunderte Häuser für baufällig erklärt und oft auch gleich demoliett. Und ausnahmslos sind die Betroffenen Leute, die entweder selbst oder deren nähere Anverwandte sich irgendwie für den mißliebigen Kandidaten eingesetzt haben. Die Schandbuben aber, die ihre Aemter auf. solche Weise mißbrauchen, nehmen sich/- fast gar nicht die Mühe, zu leugnen, was?, sie bezwecken. Ja, manche sind cynisch genüg, zur erpresserischen Tat das erpressettsche Wort, zu fügen. ' Das Alles aber ist «erst die Einleüung zu dem, was die .gar nicht' wählerischen Wahlgauner Schlachziziens einen Wahlkampf nennen. Daß die Wahllisten von vornherein viele lebende Wähler nicht enthalten, dafür aber viele Tote anführen, verlohnt fast gar nicht mehr der Erwährmng. Als ein Tric, vor dem man sich doch einigermaßen schützen kann, ist er auch dem Wahlkorrüpttonsbedürfnis gesitteter Länder angepaßt und daher frühzeitig in diese herüber genommen worden. Stärkerer Tabak ist schon die amtliche Dezimierung der Liste' durch die willkürlichsten Manöver, wobei natürlich wieder nur jene Wähler herausmanövriert werden, die man draußen haben will.. Nebenbei geht die Bestechung ihre goldenen und silbernen Wege. Schamlos, hüllenlos, wie eine Dirne. So rückt unter gehäuften Niedetträchtigkeiten großen nnd kleinen Stils die Zett vorwätts, bis endlich der Wahltag anbttcht. Der Kandidat der ehrlichen Ueberzeugung hat sich mit den Schäden schon abgefunden, _|we ihm ».von perfiden „Neutralen" zugefügt^MstMstH^und freut sich auf die offene SchlM^MtdMHemde selbst. Der einfältige Schwärmer! Der nicht weiß, daß das alle Spiel wetter geht und daß weiter Ehrlosigketten aller Att das Kttegsglück korttgieren. Die erste und letzte Waffe des Wahlkampfes ist der Stimmzettel. Was gibt es Näherliegendes, als es den Unwillkommenen schwer, fast unmöglich zu machen, ihn zu erlangen? Und dies durch eine Kette von Maßnahmen, von denen eine perfider als die andere ist. Zuerst wird eine unglückselig textierte Stelle des Wahlgesetzes wider seinen Geist gedeutet und der Stimmzettel erst angesichts der Urne ausgefolgt. Dann wird dem Wähler meist auch die Erlaubnis verweigett, herauszugehen, um mit dem ausgefüllten Sttmmzettel wiederzukommen. Viele suchen diese Erlaubnis gar nicht an. Der Anblick der klüglich ausgesuchten Kommissionsmilglieder, — gewöhnlich Steuerkommissäre, Kreditbankbeamte und andere „eindrückliche" Persönlichkeiten — genügt, sie einzuschüchtern. Eine „bürgerliche Ehrenwache", die die Wahlräume Mt und gewalttätig agttiett, vollendet das Werk. In ihr Schicksal ergeben, lassen sie sich dtzy.. Pamqn desoffizielle» Kandidaten .auf den ■ Zettel 'stempeln. Aber es gibt noch immer einen sehr erklecklichen Prozentsatz Muttger, bei welchen alle Schrecken der Kommission ihre Wirkung verfehlen. Sie müssen unbedingt weniger werden. Und dazu dient vor Allem die Streichung angesichts der Urne. Die Kommission ist plötzlich Schicksal geworden. Im Fluge haben die edlen Herren die Bestimmungen über die mangelnde Wahlberechtigung der von öffentlicher Mildtätigkett Lebenden recht ausdehnend interpretiert. und hundette erwerbstätige Leute zu. Bettlern gemacht. Daß ihnen dabei eine schwere Menge reicher und wohlhabender Leute mitunterläust, und daß sie sich den Spaß auch bei Stichwahlen leisten, d. h. Personen, die vor 8 Tagen noch als aufrechte, wirtschaftliche Existenzen passierendursten, plötzlich nicht passieren lassen, ist nachallem gesagten fast selbstverständlich. Weniger selbstverständlich, selbst bei so abgefeimten Spitzbuben,-fft die zweite, Dezimierungsmethode, die sie bereithalten. Besser die' Widerspenstigen gar nicht hereinlassen, als sie erst .hinauswerfen zu müssen, sagen . sie sich,. und pflanzen k. k. Milttär und k. k. Gendarmerie, die sich zu diesem Dienste hergeben müssen/ als einen k. k. Wahlzaun vor das Wahlhaus.. Und stellen Amtspersonen hinter den Zaun,, die aus den rückwättigsten Reihen der Harrenden die Verläßlichen herausholen — für die Verläßlichsten sind überhaupt separate Eingänge eingerichtet — und die unbotmäßige Maffe nur durchsickern lassen .... Ost fällt dann dem Wahlleiter ein, eine Pause zu verfügen, für. welche der Saal geräumt wird. Und die Hereingesicketten müssen wieder hinaus, wiedervon vorne um den Einlaß kämpfen .... Natürlich bleibt der Erfolg aller dieser Verschleppungskunststücke:-der Stimmzettelmisere, der Pausen, der Sickermethode nicht aus. Am Abend stehen noch hundette mit den unfruchtbar gebliebenen Legitimationen draußen und kommen nicht mehr hinein. Entgegen der ausdrücklichen gesetzlichen Bestimmung werden sie einfach nach. Hause geschickt. . Der Vorhang fällt, aber hinter ihm spielen die Schauspieler das Stück weiter. Skrutinüim