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Neue Zeitung · 1906-12-21 · Heft 16 (21.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 16 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Spott ausgesetzt, seine jüdische Eigenart, seinen Glauben und seine - Seele unangetastet sich erhält, denn für das Lächeln eines Hohen legen sie ihm Ehre und Würde zu Füßen und für ein huldvolles Wort prostituieren sie sich und ihr Volk. Sie machen sich zur Karikatur, zum Gespött aller, in ihrer unjüdischen Sucht in fremde Kreise zu kommen. Rosch-haschono kennt diese Sorte von Juden nicht, Chanuka kennt sie nicht, aber Weihnachten kennt sie. Unter dem großen, strahlenden Lichterbaum steht Herr soundso mit dem germanisierten Namen und. freut sich, daß der Heiland in dieser Nacht geboren wurde. Vorgestern hat er ja seine jüdische- Pflicht auch erfüllt, er hat einen Betrag für arme Juden gestiftet. ' Erstens ist man doch ein Jude, denn sonst hätte man sich getauft und zweitens werden, die Spenden öffentlich ausgewiesen. Das ist jedenfalls nicht so ohne. Die Witzblätter haben neues Material — den Christbaumjüden; seine Weihnachtsgäste machen sich über ihn lustig; all das beirrt ihn nicht, denn er ist liberal. Er, dessen linke Hand immer mehr weiß, als seine rechte gegeben hat, ist heute in verklärter, erhabener Stimmung, die nichts stören kann. Weihnacht! Und der ganze Zauber seiner jüdisch-christlichen Sehnsucht ist erwacht. Wo sind seine beliebten Börsenwitze? Wo sind seine Bonmots mit dem attischen Salz ihrer jüdischen Pointe?. Er witzelt heute nicht, das besorgen schon seine Gäste. Sie werden sich die gute Gelegenheit nicht etgehen lassen. ... Dieser jüdische Lichterbaum ist ein trauriges Symbol. Wir dürfen das gar nicht unterschätzen. In diesen hohlen Köpfen, in denen kein Platz mehr ist für jüdischen Verstand, für jüdischen Geist, will es nicht licht werden, ttotz aller Bemühungen. In diesen engen Herzen, in denen kein Raum und keine Wärme für eine schöne Idee ist, starb alles wahrhaft Jüdische. Nichts blieb ihnen als die krumme Nase, derer sie sich schämen und eine schamlose Assimilattonssehnsucht, die ihren Rücken krümmt und ihr Menschtum tötet. Man möchte fast verzweifeln, wenn man diese Entarteten, diese Auswüchse sieht, aber sie sind -nichts als -^ eine faule Stelle an uns, die operiert werden muß und während Herr so und so mit germanisiertem Namen das „Stille Nacht, heilige Nacht" andächtig singt, dringt mächtig zu uns das Lied von der jüdischen Renaiffance. Thekla Blech. Wochenschau. Zur Landtagswahl in Kolomea. Herr Dr, Lazar Zipser in Kolomea ist von seiner Kandidatur für das dortige Landtagsmandat zurückgetteten, und so war der Weg dem allpolnischen Kandidaten, dem Bürgermeister Kleski offen. Was Herrn Dr. Zipser veranlaßte zurückzutreten, ist'nicht ganz klar. Es ist sehr schade, daß sich die nationaljüdischen Kreise den gesinnungsgenössischen Kandidaten nicht fester hielten. Weg der Theologie, ein Abgehen von der schematischen Betrachtungs- und Darstellungsweise der .jüdischen Theologen; jener Theologen, welche Alles zu glauben scheinen, was „geschrieben steht", ohne daß sie die Kraft haben, ihren Glauben als innerste Ueberzeugung herauszustellen und ihn als solchen andere erfühlen zu lassen. Sollte die Frage erlaubt sein, ob die Religion, die sie. uns von amtswegen verkünden, von ihnen auch als solche empfunden wird? Ich lasse sie offen> diese, Frage, und nierke nur an, daß es unmöglich -bloß, von uns allein abhängen kann, wenn wir so oft beim Lesen religiös sein sollender Schriften, oder bei., der Berührung mit den Autoren .derselben „kühl bleiben bis ans Herz hinan." Es ist ,so wenig Seele darin, so wenig Suchen Zach.den.Wegen zu Gott, so wenig Ringen um ihn öder mit ihm! ' Nun, . man kann auch won Montefiore nicht sagen, daß er in diesem Sinne Kämpfer ist. Seine Zweifel, : sie greifen auch nicht an die .Seele, nicht einmal an seine eigene. Denn eben aus diesen Zweifeln, zu seiner Krittk des orthodoxen Judentums zimmert er sich das Gebäude eines „liberalen Judentums" zusammen: Mer in ehrlicher Arbeit; aber irr aufrichtiger, entschiedener Betonung und Bettachtung der Gegensätze , dieser beiden Richtungen. Hier ist es denn auch, wo die Grnndzüge seiner Schrift mit besonderer Deutlichkeit, hervortteten; ihre Lichtseiten, aber auch ihre Schattenseiten. Neue Zeitung Doppelte Buchhaltung. . Die bundistische „Volkszeitung" schreibt in ihrem Berichte über die -Konferenz des internattonaken sozialistischen Bureaus u. a. Folgendes: „Jetzt noch einige Worte wegen des österreichischen Delegierten der polnischen sozialdemokratischen Partei, der gegen den Singer'schen Vorschlag (daß die' Delegierten jedes Staates, nicht jedes Volkes, eine Sektion bilden sollen) austrat. Mit zitternder Stimnie und fast Tränen in den Augen, führte er aus, man könne aus dem Singer'schen Vorschlag den Schluß ziehen, daß die Sozialdemottatie nicht mit der nationalen Freiheit sympathisiere, während sie ja ein notwendiges Ergebnis des Sozialismus ist. Nicht jene sind Chauvinisten, sagte er, die für ihre nationalen Rechte kämpfen, sondern jene, welche der freien Entwicklung ftemder Nattonen im Wege stehen. Mit dieser Wahrheit sind, wir gewiß einverstanden, und der galizische Jude Dr. Hermann Diamand ist, insoferne er für die fteie. Entwicklung des polnischen Volkes kämpft, gewiß kein Chauvinist. Warum nennt er aber unsere Genossen in Galizien, die galizisch-jüdischen Sozialdemokraten, die für ihre nationalen Rechte kämpfen, Chauvinisten? Das Organ der jüdischen Sozialdemottatie, „Der Sozialdemottat" fügt richtig hinzu: „Wir verstehen es auch nicht, weil uns klar ist, daß nach seinen eigenen Worten Dr. Diamant ein Chauvinist ist:" Nationale Kurien Es ist bekannt, daß die „Jüdische Sozialdemokratie" in Galizien, dieser noch nicht anerkannte Zweig der österreichischen Sozialdemottatte, bekannter unter dem Namen „Separatisten", wohl für nattonale Autonomie, aber nicht für nattonale -Wahlkataster und Wahlkurien ist. Und diese Stellungnahme war den „Separatisten" nicht auszureden. Umso angenehmer überrascht eine im jiddischen Parteiblatt „Der Sozialdemottat" erschienene. Nottz. über die vollzogenen mährischen Landtagswahlen, welche folgendermaßen lautet: „Sonntag, den 11. d. M.. fanden in Mähren die Wahlen zum Landtag aus der fünften Kurie statt. Die Wahlen waren, das erste Mal nach nationalem Kataster. durchgefshrt.... In. dem klassischen Lande der nationalen Kämpfe zwischen Deutschen und Tschechen haben in den letzten Wahlen die nationalen Parteien eine unerwartete Niederlage erlitten. Der nationale Kampf ist dem reinen Klaffenkampf geivichen. Das nationenweise Wählen Harden K a m p f z w i s ch e n den Nationenaufgehoben und es hat sich ein Kampf innerhalb der Stationen selbst, zwischen der fortschrittlichen sozialdemokratischen und der reaktionären klerikalen Partei abgespielt." Leider hält „Der Sozialdemottat" diese wichtige Notiz nicht ihrem offenbaren Sinne nach aufrecht, sondern bemüht sich, wenn auch ohne Erfolg, sie anders zu deuten. Die polnische Selbstverwaltung und die „Die Welt" teilt mit: Vor einigen Tagen fand in Petersburg die Konferenz über die Einführung der städttschen und Semstwo-Selbstverwaltung im Königreiche Polen statt. Bei der Behandlung der Frage über die Wahlrechte in der Organisation der polnischen Selbstverwaltung stellten einige Vertteter des Ministeriums des Innern den Auftrag, daß man die Teilnahme der Juden an der. Selbstverwaltung beschränken soll, wie es in den inneren Gouvernements des Reiches geschieht. Die polnischen Delegierten erklärten sich aber gegen jede Beschränkung der Juden, sowohl in den Dörfern wie auch in den Städten. Sie erklärten, daß ein neues Recht zu keinem Unrecht im Verhältnisse zu anderen Nationalitäten führen dürfe und folglich auch keine Beschränkungen fiir Juden enthalten könne. Was bedeutet dieser große Umschwung im Verhältnisse der Vertreter der polnischen Nationaldemottaten zu den Juden? Woher dieser Liberalismus? Wenn mau nun die Sache näher bettachtet, so sieht sie etwas anders aus. Man lehnte den Antrag über prozentuale Beschränkung der Juden ab, aber — man nahm einen anderen — über die Verleihung der Wahlrechte an nur diejenigen, welche lesen und schreiben können, an. Es wurde wurde nicht gesagt, welche Sprache obligatorisch ist, um die Wahlrechte zu bekomme». Es ist aber ganz sicher^ daß die jüdische Sprache nicht berücksichtigt werden wird. Auf diese Weise wurden viel mehr als 50% Juden von der Teilnahme an derSelbstverwaltung ausgeschloffen. Die Regierung wollte die Teilnahme der Juden auf 50% reduzieren und die Vertreter der polnischen Gesellschaft drückten sie bis aus 90% herunter. ... Die russische» Jude» und die „friedliche Erneuerung". Das Zenttalkomitee des „Vereins für jüdische Gleichberechttgung" sandte an alle Zeitungen und Abteilungen des Vereins die folgende Mitteilung: „In der ausländischen Presse erschien die Nachricht, daß alle ruffischen Juden'sich angesichts der nahenden Wählen der Patter der friedlichen Erneuerung anschließen. Das Zenttalkomitee des Vereins für jüdische Gleichberechtigung, welches in den unmittelbarsten Beziehungen zu der jüdischen Wahlbewegung steht, erklätt, daß diese Nachttcht vollständig falsch ist. Die Bereinigung der Juden mit der Patter der friedlichen Erneuerung wäre ein Widerspruch gegen die Resolutionen der Vereinskonferenzen und eine Verengerung der jüdischen Interessen. Die Schwankungen, welche die hervorragendsten Vertteter der Patter der friedlichen Erneuerung bei der Behandlung der Judenftaae gezeigt haben, entsprechen weder der Wichtigkeit der Frage, noch dem Niveau des russischen Judentums, welches schon seit langem die Ueberzeugung gewann, daß die jüdische Gleichberechttgung nicht auf dem Wege der Kompromisse erreicht werden kann, und das beim Kampf um die jüdische Gleichberechttgung eine Oppositton gegen alle Unterneh- „Es darf uns nicht wnndernehmen" — so heißt es meinem Abschnitt über den „Sabbath und die Feste" — „es darf uns nicht wundernehmen, daß unsere otthodoxen Brüder über liberales Judentum lachen und spotten, wenn sie sehen, daß so viele sogenannte Liberale Judentum und Religion gröblich vernachlässigen." Mit diesen Worten und nicht bloß mit diesen allein spricht es Montefiore aus, wie sehr es ihm um das Urteil seiner „otthodoxen Bttider" zu tun ist. Und wie viel Gemeinsames ist noch zwischen diesem liberal sich nennenden Theologen und dem otthodoxen Judentum! Er glaubt, wie dieses, an Gott und Gottes Walten in der Welt und allen Weltgesetzen; er hält wie die Otthodoxen an den religiösen Begehungen fest, an der Heiligung des Sabbat und der Feiertage und ist,'wie, sie überzeugt von der Anserwähltheit und der besonderen Mission des jüdischen Volkes. Und wenn man sich auch denken kann, daß er im einzelnen anderer Auffassung ist, als die Orthodoxen, so bleckt doch die Tatsache anmerkenswett: seine religiöse Gesinnung basiett Montefiore der Liberale, auf. dieselbe historische Grundlage, wie das orthodoxe Judentum. , Wie aber, wird der moderne Mensch fragen, Montefiore führt uns einen Glauben vor, ohne ihn in moderner Weise mit modernen Methoden zu begründen? Man höre nur: „Ich will, nicht versuchen^'einen. Beweis für die Existenz Gottes zu bringen . . ." „Wir wiffen, was wir meinen, wenn wir sagen, daß wir an Gott glauben . . ." Merkwürdig, oder gar nicht merkwürdig, daß wir, je mehr wir uns in den Essay einlesen, je mehr den Standpunkt Montefiores billigen. Denn wir sagen uns: der orthodoxe Glaube bedarf keiner Begründung; er ruht auf der unerschütterlichen Ueberzeugung des Gläubigen. Und der liberale Glaube? Auch er bedarf keiner Begttindung, wenn er von der gleichen ttefen Ueberzeugung gettagen ist. Rechten aber möchte man mit Montefiore darüber, daß er diesen Standpunkt nicht konsequent feschält; daß er hie und da eine Att Begründung versucht. Dem Glauben als Ueberzeugung, als Gefühl können und dürfen wir alles, jedenfalls vieles konzedieren, und wir konzedieren es auch Montefiore, weil wir Verttauen haben zu der Aufrichtigkeit seines Gefühls und seiner Ueberzeugung. Wenn aber dieser Glaube sich auf rationalistische Gründe zu stützen sucht, so haben wir Modernen, krittsch wie wir nun einmal sind, nichts Eiligeres, als die Schwäche dieser Gründe aufzuweisen. „So schwer es sein mag, die Welt mit Gott zu verstehen, noch schwerer ist es, sie oh ne Gott zu verstehen. Deshack glauben wir." Deshalb? Weil es um einensGrad weniger schwer ist—deshalb glauben wir? Ach es handelt sich bei der Begründung des Glaubens wftklich nicht um einen Grad mehr oder weniger Schwierigkeit. Und läßt sich nicht mit gleichem Recht jener Satz umkehren? Kann man nicht sagen: „So schwer es sein mag.

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