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Neue Zeitung · 1906-12-21 · Heft 16 (21.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 16 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Neue Z eitung Nr. 16 können, wenn wir wenigstens die bürgerlichen bckommen. Sich versteigrn und sofort' „nationale Autonomie", „Jüdisch-nationale Selbstbestinunung", eigene Schulen, wo man in jüdischer Sprache unterrichtet, usw. fordern — das heißt zu viel auf einmal verlangen. Es kann leicht geschehen, wenn wir mit so großen Ansprüchen hervortreten, daß man uns dann gar nichts geben wird. Die Leute, die mit diesen Arguinenten konuncn, beweisen aber dadurch, daß gerade sic keine praktischen Politiker sind und daß sic den Sinn jener „Gleichberechtigung", nach welcher sic so heiß streben, nicht verstehen. Wenn wir sagen, daß wir bürgerliche und nicht nationale Rechte fordern, so isi das im Grunde ein Unsinn. Denan genommen, kann man sich die bürgerliche Gleichberechtigung ohne nationale Rechte gar nicht vorstellen. Wem: zum Beispiel jüdische Kinder alle Unterrichtsgegenstmrde in einer frenrden Sprache lernen müssen, während, die russischen und polnischen sie in eigener Sprache lernen, so ist der Jude schon in seinen bürgerlichen Rechten begrenzt. Wenn der Staat alle Schulen mit seinen: Gelde erhält, währen die jüdischen Schulen von den Juden selbst erhalten werden muffen, so ist damit das bürgerliche Recht der Juden begrenzt. Gibt der Staat aus seiner Tasche fiir alle geistigen und Gemeindebedürjnisse seiner Bürger, während die Juden besondere Steuern (Karobke, Lichtsteuer) zux Deckung dieser Bedürfnisse entrichten müssen, so. ist dies eine große Beschränkung ihrer b ürgerliche Rechte. Und sollen die Juden wirklich die. gleichen Rechte wie zum Beispiel die Russen haben, so müssen sie auch das Recht auf ein selbständiges, ungestörtes, frei-nationales Leben haben — ohne Ausnahmen und Begrenzungen. Sowie aber die Juden selbst verläutbaren, daß sie gutwillig auf gewisse Rechte verzichten, kaum begnügen sie sich bloß mit einem Teil der Rechte, so stempeln sie sich selbst zu Bürgern zweiter Klaffe, die man mit einem bißchen „Rechte" abfertigen kann. Und damit verlieren sie selbst das moralische Recht aus volle und uneingeschränkte Gleichberechtigung. Und geht man einmal .auf dein, betretenen Wege'weiter, so ist auch nicht einzusehen, warum die Juden alle sogenannten bürgerlichen Rechte verlangen sollen. Vielleicht ist dies auch z» viel aus einmal? Vielleicht müssen wir mit dem Programm der „friedlichen Erneuerer" zufrieden sein, welches darin besteht, daß man den Juden mcht auf eimnal, sondern üißchenweise. im Laufe von Jahren oder gar Generationen Rechte geben solle. Hält man sich an den, sozusagen, praktischen Gedanken, dann ist es vielleicht gleich bester, sich zur Zeit nur mit der Auslastung des Ansiedlungsrayons zu begnügen oder gar nur mit der Erschließung einiger Gouvernements für die Juden; und erst später, wenit sich die Bevölkerung an unsere neuen Rechte gewöhnt hat, nach neuen Rechten zu streben, etwa nach Abschaffung des Prozentsatzes in den Schulen usw. ihrem enormen Wissen, einenr Wissen, das ein Schrifttum und eine Tradition von Jahrtausenden umfaßt, stellen sie sich wohl gerüstet jeglichem Angreifer des jüdischen Glaubens und verteidigen den Boden desselben zäh und hartnäckig, nicht mn ein Haar breit zurückweichend, Waruni nur geschieht es, daß der Erfolg dieser bravoureusen Verteidigung so gering ist, so unwirksam sich erweist nach Außen, und fast ebenso unwirksam nach Innen? Warum? Weil diese Verteidiger des Glaubens des Guten zu viel tun; weil eine Apologie des jüdischen Glaubens in Bausch und Bogen, eine Verteidigung jeder Satzung uns jedes Gesetzleins mehr der Ausdruck ist eines juristischen Kopfes, als die Aeußerung einer religiös empfindenden Seele. Gewiß, die "Natur der Polemik und Apologetik rechtfertigt Vieles; was aber trotz diesem Vielen durchbrechen niüßte: die Offenbarung einer religiösen Eigenart fühlt hier fast vollständig. Soll aber die Religion als Kraft wirken, so ist die erste Bedingung, daß man sie von demjenigen Standpunkt verfechte, in derjenigen Form darstelle, von welchem Standpunkt man sie mit seinen eigenen, durch etwelche Rücksichten nicht getrübten Augen auffaßt, und in der Form, in welcher man sie fühlt und erlebt an sich selber. Es ist aber b a sM«rfmal u n d d e r Widerspruch unserer Theologen, d aß-si e, d i e i n hr er r e li g i ösen Wenn die Bureaukratie so argumentiert, wenn Graf Heyden und Konsorten fürchten den Juden auf einmal alle Rechte zu geben, so sind sie von ihrem Standpunkt logisch und gerecht. Sie leugnen ja gar nicht, daß sie .die Juden für Bürger zweiter Klaffe halten, die man sozusagen erst zu wahren Bürgern erziehen müsse. Wenn aber wir Juden selbst unsere Gleichberechtigung so sonderbar auffassen, so ist es eine Schande und ein großer Schade für uns. ' Warum sollen andere für uns sorgen, wenn wir uns selbst nicht, für Vollbürger halten, wenn wir selbst nicht unsere vollen Rechte fordern? Im politischen Leben muß jede Gesellschastsgruppe, jede Nation nicht wenig für ihre Rechte streiten. Ohne Kampf gibt män niemandem was und jedenfalls wird niemandem mehr gegeben, als er selbst verlangt. ■ - ‘ Im praktischen politischen Leben gibt es kein „Zuviel". Im Gegenteil. Wer sich im gesellschaftlichen Kampfe für vollberechtigt hält, wer mit den größten Forderungen heraustritt, — bekommt vielleicht nicht Alles, aber jedenfalls mehr als derjenige, der sich: selbst beschränckt und von vorneherein sehr wenig.oder nicht Alles verlangt. Fordert man Alles, so bekommt man manchmal weuiger; fordert man aber weniger, so bekommt man sehr oft gar nichts. Gebrochene, geknechtete Menschen fürchten alle ihre Forderungen zu erheben und verstecken ihre geistigen Bedürfnisse irgendwo in einem Winkel ihres Herzens, damit sie nicht im Sturm des Kampfes Schaden erleiden. Frei e Menschen sagen alle Ihre Forderungen frei heraus und treten für sie injedem Augenblick ihres gesellschaftlichen Lebens in den Kampfs- . Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die materielle und geistige5Existenz eines jeden Menschen seine Vereinigung mit anderen Menschen in bestimmte Klassen und Nationen erheischt. Die Nationalität ist darum eine, der Hauptbedingungen für jeden Menschen, ohne: die dessen vollständige, freie und vielseitige Entwicklung nicht möglich ist. Wenn wir unser Rechtauf ein freies,menschliches Leben fordern, müssen wir auch die selbständige Entwicklung unserer Nation fordern. Nur Menschen ohne politisches Bewußtsein können, sich einbilden, daß ' sich öle4 sinen,Huchm?Rßchte'"zerteilen lassen, daß es möglich ist, bürgerliche Gleichberechtigung zu bekommen, wenn man im . geistigen und nationalen Leben begrenzt bleibt. Wenn wir selbst auch nur für eine Minute aus unsere nationale Forderungen verzichten, so stempeln wir mit eigener Hand unsere svichtigsten geistigen Lebensbedürfnisse zu Bedürfnissen zweiten Grades und geben uns selbst ein Zeugnis geistiger und politischer Armut. __ Wenn die nationale Gleichberechtigung nicht bloß eine Phrase für uns ist, sondern ein natürliches und tiefes Lebensbedürfnis, so darf davon keine Rede sein, daß wir unsere nationalen Forderungen zuliebe guasi praktischen Erivägungen verschweigen und damit unsere volle Gleichberechtigung, nach welcher wir streben, ftir welche wir Auffassung äußer st liberal sind, — in der f o r m ellen Darstellung und natürlich: formellen Verteidigung der Religion sich äußerst orthdox geberden. Sie machen sich so zu Verteidigern eines Glaubens, der ihnen zun: Teil stemd ist — um sich weidlich auszuschweigen über die Art ihres wirklichen Glaubens oder — Unglaubens. Und gerade hier regt sich unser Interesse, weil wir hier — und nicht an dem formell festgelegten objektiven Bestand von so und so viel schönen Grundsätzen und Grundsatzungen, unsere eigenen religiösen Empfindungen und Ueberzeugungen zu prüfen und nachzuprüfen vennöchten. Aber von solchen Aeußerungen, von solchen Bekenntnissen ist es gar still unter den jüdischen Theologen. Umso beachtenswerter ist jede Ausnahme von dieser Regel, Eine solche Ausnahme ist die Schrift M. G. Montefiore's*), die mir den unmittelbaren Anlaß zu diesen Ausführungen gegeben, und die trotz ihres essaistischen Charakters — einen Essai nennt sie der Autor selber — meiner Meinung nach bedeutungsvoller ist als so manche andere auf theologischem Gebiete, — mag ihr Umfang größer und ihre Gelehrsamkeit anspruchsvoller sein, *) Liberales Jud e nt um. Ein Essai von Claude G. Montefiore. Einzig .autorisierte deutsche Übersetzung von Oskar Plaut, Lerpzig; C.-M M Pfeffer, 1906. so lange mit so viel Anstrengung und Gefahr kämpfen, schädigen. Und nur dann, wenn wir für unsere volle Gleichberechtigung kämpfen, wenn wir niemals fürchten werden, alle unsere Rechte zu fordern, die bürgerlichen sowie die nationalen, — nur bann dürfen wir auf einen endlichen vollständigen Sieg in unserem langjährigem schweren Kampfe hoffen. Entartung. Es gibt Leute, die durch allerhand Geschmacklosigkeiten die Blicke der anderen auf sich zu ziehen suchen. Leute, denen nichts zu lächerlich und abgeschmackt erscheint, um sich zu zeigen, wie ein beliebter Ausdruck lautet,- um sich anzuekeln. Sie wiederholen sich in verschiedenen Variationen. Man sieht sic in allen bekannten Kurorten, sie fehlen aber auch bei keiner Premiere, auf den teuersten Plätzen der Konzerte simulieren sie Kunstverständnis. Sie fehlen aber auch bei keinem Wohltätigkeitstreiben, wo ■ Herr : Baron X ober Herr Rat I auf der offiziellen Liste steht. Die Damen in rauschenden Toiletten, wandelnde ‘ Juwelierladen, die Herren womöglich mit Monokle und mit dem etwas verdächtigen, singenden Akzent, den man aber nicht bemerkt,'solange sie da sind. Kurz und gut, ich meine die typische-Sorte der Premieren-Juden, der .Wohltätigkeitshyänen, die jeden Armen aufspüren Und ihn mit ihrer rücksichtslosen, öffentlichen Gutherzigkeit - beschnüffeln. In ihrer einerseits untätigen, andererseits wohltätigen Zudringlichkeitsind sie - sowohl der Gesellschaft, als auch ihren Schützlingen unsäglich zuwider. Und da ihre Art-zu geben jede: dankbare und warme Regung unterdrückt) setzen Sie sich gewissermaßen die Dornenkrone aufs Haupt, sie. sind die unbezahlten, verkannten Wohltäter. Dieinstinktive Regung des Armen, der an ihnen .sofort das Unnatürlich^ die Mache und die Absicht, mit dem kostbarsten Gute der Menschheit, mit der Menschenliebe und denr Mitleid vorteilhaft zu manipulieren, bemerkt, wird " weiter benützt, um sich den Schein des großen Verzeihend zu geben. ' : .. v ' Man erkennt die Art'dieser Leute'sofort. In jeder^Bewegüng ' zeigtsich die-' Degeneration' in ihrem- ' ganzen Benehmen, ' die jammervolle Hohlheit ihrer geist- und gemütslosen Existenz. Sie rufen in jedem guten Menschen einen dumpfen Zorn hervor, gleichzeitig aber4 auch einen großen Schmerz darüber, daß wir an etwas kranken, was schlimmer ist, als Golus und Leid, die trübe Ahnung von einem unheilvollen und starken Verfall. ... Es sind nämlich Juden, obgleich sie diesen Namen längst nicht mehr verdienen/ aber man zählt sie zu uns. Es sind Juden, die eigentlich nichts Gemeinsames mit uns haben als Äußerlichkeiten, die sie zu ihrem Leidwesen und zur Belustigung anderer nicht abstreifen können. Sie beugen sich ärger, als der gedemütigste jüdische Hausierer, der, wenn auch dem rohesten „Liberales Judentum!" Man würde schwerlich vermuten, daß ein so wenig sympathischer Titel einen Inhalt deckt, der in so mancher Hinsicht sympathisch berühren muß. Was Montefiore unter „liberalem Judentum" begreift, ist doch eben weit entfernt von jener bedenklichen Richtung, die in ihrer Grundsatz- und Farblosigkeit alles andere eher war als — Judentum. Montefiore bedeutet liberales Judentum freireligiöses Judentum, wie ihm denn dieses überhaupt Religion bedeutet, Religion vor allen:, ja sogar — und hier werden nur wenige mit diesem Gelehrten eines Sinnes sein — sogar n u r Religion. Aber mögen in dieser Schrift Anschauungen enthalten sein, mit denen man nicht immer übereinstimmen kann, mag sich an besonderen Stellen unser Widerspruch sogar, sehr stark regen, so verringert dies nicht die Wirkung dieser Ausführungen. In: Gegenteil.' Man empfindet es als eine Lust mit einem Manne von diesem Ernst anbindcn zu können; man ist überrascht über den Ton der Schlichtheit und Aufrichtigkeit, der durchwegs die Schrift durchzieht. Der Uebersetzer derselben, Oskar Plaut, nennt sie mit Recht ein persönliches Bekenntnis. Ein persönliches Bekenntnis' sicherlich, — nur daß die starken persönlichen Akzente in ihmfehlen. Ungern vermißt man sie; die religiöse Sache - würden sie nur fördern. Immerhin, so wie sie vorliegt, bedeutet, diese Schrift: ein Abgehen von: gewöhnlichen

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