Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 16 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«cdafctlon und Admlnlftratlon: Wien, Xlll/1, Steckhovengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Administrationssachen: Montag und Freitag, V,12—V,1 Uhr < mittags, II/2, C^emmgaffe 14. Telephon Nr. 21803. Postsparkaffen-Konto Nr. 87.377. Druckerei-Telephon Nr. 4897. Unabhängige Milche AochenlchnN. Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. OstbNN KirnbÄUM. Ldsnnrmentspreile: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. L 6.—, Halbjahr. K 3.—, Vierteljahr. K. 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. L 9.—, Halbjahr. L 4.50. Das Abonnement kmm mit jeder . Nummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Inlands 20 h. oder die dreimal gespaltene Nonpareillezeile Für der Raum bei Wiederholungen Nr. {6. Men, Freilag den 2\. Dezember {906. {. Jahrgang. 1 ®ic^c Nummer wird zufolge einer mit der Redaktion der „Neuen Zeitung" getroffenen ** JB'wüMJUlIly ♦ Bereinbarung an alle des i. ö. Distriktes versendet. Wir machen unsere Gesinnungsgenossen auf unsere Seite 5 abgedrnckten Verlautbarungen betreffend die Knltuswahl und den Aufruf der Agitationsverwaltnug besonders aufmerksam. Z)SS i. ö. DfftriirlsKomitrr cktt Verbs»«!« „Ä0N". - Wegen der katholischen Feiertage, an welchen die Druckerei geschloffen ist, kann in nächster Woche unser Blatt nicht erscheinen. Dafür wird die erste Rnmmcr des Jahrcö 1807 doppelt so stark sein als sonst. Sie wird Freitag den 4. Januar erscheinen . „ Die Administration. Inhalt: Bürgerliche und nanonale Rechte. — Entarning. Von Theka B l e ch. — Freireligiöses Judentum. (Fcinüeton.) Von Laruch M'a t i s ll o r j. — Hejermanns, der Ghertoschilderer (Feuilleton). Von Snnmel M e i s e l s. — W o ch c u s ch a n. Zur Landtagswahl in Kolomea. Doppelte Buchhaltung: Nationale Kurien. Die polnische Selbstverwaltung. Die russischen Juden und die „friedlichen Erneuerer". Dr. Schemarja Lewin in Amerika. Hebräisches Gymnasium in Jaffa. — A u s d e j ii d i s ch e n O e s s e n t l i chk e i.t; Rliyische Zionistelikoiiferenz in Helffngfors. Jüdischnationale Gnippe in Rußland. Mitteilungen des i. ö. Distriktskomitecs. U, s. w. — Kunst und Literatur., — Oremus! Gedicht von Jerzi Zulawski. Wenn, ich Notschild wäre. Von'SchalemÄlejchem. — Humor und Satyre. — Korrespondenz der Redaktion. Bürgerliche und nationale Rechte. . (Aus der jiddischen Tageszeitung „Der Fraind" in . . St. Petersburg.*) - Es gibt nicht wenige unter uns Juden, welche unzufrieden sind, daß die meisten jüdischen Parteien durchaus darauf bestehen, schon bei den jetzigen Wahlen die Forderung der nationalen Rechte gleichzeitig mit der der bürgerlichen zn erheben. Und nicht deshalb sind diese Leute mit unseren nationalen^ FöpdeMngen unzufrieden, weil fie ettuit die Milchen''siÄwnÄlAlMchte fürüverflüssig halten, sondern bloß deshalb, weil sie überzeugt sind, daß es in dem geschichtlichem Augenblick, den rvir jetzt durchleben, unpraktisch, unpassend und verfrüht sei, wegen jüdischer nationaler Rechte zn sprechen. . Die Juden haben — so wird argumentiert, — bisher nicht die geringsten bürgerlichen Rechte. Sie sind mit allerlei Äusnähmsgesetzen beglückt, *) Wir übersetzten den obenstehenden Artikel mit Rücksicht ans die weitgehende Analogie zwischen den jüdisch-politischen Lerhältnipen in Rußland und in Desterreich. Wir verweisen aber auch darauf, wie groß einerseits unser Vorsprung dadurch ist, daß wir bürgerliche Rechte besitzen und wie groß anderseits der Vorsprung der russischen Juden, unter ivclcheu die national-politische Bewegung die herrschende ist. sind in den Städten des verfluchten jüdischen Ansiedlungsraycms wie in einem Gefängnis eingesperrt. Hunderte Bernfszweige sind ihnen unzugänglich. Fast verschlossen sind ihnen die Pforten der mittleren und hohen Schulen. Die Juden können sich nicht vom Orte rühren und vergehen einfach vor Not. Oder sie müssen in ferne, fremde, unbekannte Länder laufen. Und darum müssen die Juden vor allem trachten, ihre bürgerliche Gleichberechtigung zu gewinnen. Wir müssen dafür sorgen, daß alle Bedrückungen und Einschränkungen, die nur für Juden bestehen, cibgeschchft^werden: Ultd erst spater, wenn sic sich zu ihren bürgerlichen Rechten durchgerungen haben werden, wird inan sich auch um die nationale Gleichberechtigung, um die Befriedigung unsere nationalen Bedürfnisse bekümmern dürfen. Nach himmlischem Manna trachten, ,vähre,ld noch das trockene Brod fehlt, — das tut nur ein Phantast, ein Träumer, aber kein praktischer Mensch, der stets darüber nachdenkt, was er im Augenblicke nötig hat und woraus er warten Zweitens — argumentieren unsere „praktischen" Leute — paßt es auch nicht auf einmal soviel zu fordern. Will man zu viel aus einmal, bekommt man leicht gar nichts. Wir Juden haben so wenig rechte, daß wir höchst zufrieden sein Freireligiöses Indenlmn. ' I. . \ Unter all den Stimmen, die unserem Volke ein neues Leben verkünden, unter all den Aeußerungen, die von diesem wiedererwachenden Leben .zeugen sollen, ist keine Stimme so schwach, keine Aeüßerung so gering, als wie die religiöse. Sicher- - lich hängt dies damit, zusammen, daß wir uns über unsere Stellung im Religiösen weder in der Richtung der . Vergangenheit, unserer besonderen . Vergangenheit, noch auch zum Weltbild der Geigenwart klar geworden sind; ja, wir machen nicht einmal den Versuch, uns darüber klar zu werden. - So natürlich, so selbstverständlich es heute erscheint, nationale. Forderungen zu stellen und so weit dies'!möglich,'auch zu erftillen, so unsicher, ->so - ratlos steht manvor der religiösen Forderung und der religiösen Frage, zumal wenn es gilt, sie gleichsam vor der Oefsentlichkeit des ganzen Volkes . zu erörtern. Man zieht es vor, hier weder zu fordern, noch zu fragen; man hält es für klüger an die Religion gar .nicht zu erinnern, geschweige /denn zu rühren. Spricht man aber einmal von ihr, so geschieht es mit. scheinbarer Gemütlichkeit und Toleranz, die aber in Wirklichkeit nichts anderes sind als —. Schwäche; als religiöse Un° kraft und Ohnmächte Gfftehen wir es nur: wir . haben noch nicht einmal den Willen, noch nicht . einmal den Mut/zum Ernst dieser Frage. Anderi wärts — und dieses Anderwärts bedeutet nur eben Europa und Amerika ohne uns — anderwärcs gibt es ein religiöses Problem; dem Judentum, dem Judentum der Gegenwart scheint bislang noch der Sinn daftir zu fehlen. Und sogar in jene Kreise desselben, in welchen Verständnis ist für alles andere, ivas anderwärts geschieht, dringt kaum hie und da eimnal die Kunde davon durch, daß Religion ebenfalls ein Problem sei, wert, daß mail sich darum bemühe, wie etwa die sonstigen Probleme der Gegenwart auf den mannigfaltigen Gebieten des Menschenlebens. Denn schließlich will es doch was besagen, daß die Religion für eine Zeit noch Problem werden konnte, die in Hinsicht auf religiöse Weltbetrachtung für immer alle Brücken zur selben abgebrochen zu haben wähnte. Wenn man aber nach. und nach auch diese Erscheinung begreifen lernt, so scheint mau am wenigsten zu begreifen, wie die Religion, sei es die allgemeine, sei es gar die besondere des Judentums ihrn selber, dem Judentum zum Problem werden sollte. Es ist, als müßte sich im Religiösen etwas ähnliches ereignen, wie bei der Entstehung der nationalen Bewegung. Sicherlich ist diese aus den innersten Eigentrieben hervorgegangen des Volkes und Einzelner aus dem Volke; aber sie wurde nicht wenig beeinflußt und gefördert durch Feindseligkeit und Haß von Außen. Soll es uns auch mit . der Religion also ergehen? Genügen unsere Eigentriebe nicht, hier selbstschöpserisch zu wirken und müssen wir warten, bis uns auch hier der Ansporn und der Stachel von außen kommt? Nun, wir brauchen nicht länger zu warten; der Stachel und der Zwang von außen sind bereits da. Wird nicht in unseren Tagen immer kecker gegen uns der Borwurf erhoben, daß. wir Juden, die wir uns für das religiöseste Volk der Erde hielten, in Wirklichkeit das an Religionärmste, unfruchtbarste sind? Und wird dieser Vorwurf nicht mit scheinbarer Berechtigung erhoben? Was nützt es uns aus unsere Vergangenheit hinzuweisen, was hilft uns ihr Ruhmestitel und .ihre Strahlenkrone, wenn es wahr ist, daß der ' einstmals so blüthenreiche Stamm nun ganz und gar religiös verkümmert ist? Was hilft es uns zu sagen, wir sind Könige der Vergangenheit, wenn wir doch zugeben müsseil, daß wir Bettler sind der Gegenwart! Oder irre ich? Steht es also, daß wir in unserem religiösen Leben, in unserer religiösen Literatur auch nur auf eine Erscheinung Hinweisen können, die in eine Linie zu stellen wäre mit dem, was gegenwärtig bei anderen Völkern sich vollzieht?. Unsere Gelehrten? Unsere Theologen? Es sind ausgezeichnete Männer, und es sind fleißige Männer; fleißig im Komnientieren und ausgezeichnet im Polemisieren. Das Eine ist eine schöne Sache, und das Andere sogar eine notwendige Sache. Und unsere Theologen sind geschickte, ja zuweilen blendende Verteidiger des Judentums, .des Judentums in Sachen des Glaubens. Mit