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Neue Zeitung · 1906-12-14 · Heft 15 (14.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 15 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 N e u e Zeitung Seite 3 .Wenn also in Euch, Ihr Herren Rabbiner, Liebe zu unserem Stamme und seiner Tradition lebendig ist, wenn bei Euch ein Herz für seine Leiden und Hoffnungen schlägt, so begreifet den Moment, stellt Euch in den Dienst des Volkes und tut endlich eine Tat! . Sonst aber, glaube ich, wird die Morgenröte des. Volkserwachens — der Rabbiner Götzendämmerung sein! In geziemender Ehrerbietung Abraham Schwadron. Wien, im Dezember 1906. Unter der nationalen Fahne*) Die zweite Konferenz der zionistischen Zeitungen, welche in Wilna stattgefunden hat, hat sich mit der weiteren Ausarbeitung des Programmes beschäftigt. Eine der wichtigsten Fragen, welche in Verhandlung stand, bestand darin, ob die Zionisten bei ihrer national-politischen Arbeit in Rußland selbständig unter ihrer eigenen zionistischen Fahne oder gemeinsam mit den jüdischen Nationalisten Vorgehen sollten. Die Mehrheit hat sich, wie aus den folgenden Beschlüssen zu ersehen ist, für ein selbständiges Auftreten entschieden. Nachdem nur die allgemeine zionistische Konferenz in dieser Angelegenheit entscheidende Beschlüsse fassen kann, müssen wir, die wir in der Minderheit geblieben sind, rechtzeitig für eine andere Beantwortung dieser Frage eintreten. Wir haben schon früher Gelegenheit gehabt, für die Notwendigkeit einer jüdisch-nationalen Partei, einer Gemeinschaft von Zionisten und Nationalisten, („Das jidische Folk". Nummer 8 und 10.) einzutreten. Aber jetzt, nach der Konferenz, müssen wir neuerdings diese Frage anschneiden. -Die Verteidiger der selbständigen Politik wollen, 'daß in unserem Auftreten jede Arbeit fürs Volk mit dem Zionismus in Verbindung stehen soll. Eine derartige Arbeitsweise soll ihrer Meinung nach eine große Agitationswirkung auf die Juden haben. Der Zionismus wird dann eine lebendige Kraft im Volke sein, die überall sich im Volksleben zeigen wird. Die Verteidiger einer selbständigen Politik fürchten, daß durch eine Vereinigung mit den Nationalisten der Zionismus übgeschwächt und in der nationalen Arbeit nur Len Anderen Gefolgschaft' leisten wird, wie er auch in dem Vereine ' der „Dergreicher"^) nur Gefolgschaft leistete. Sie erklären weiter, daß außer den Zionisten ziemlich wenig Nationalisten vorhanden sind; daß daher in der zu gründenden naüonalen Partei an und für sich nur dieselben Zionisten aber unter anderem Namen vorhanden sein werden. Verstecken spielen, sagen sie, dürfen wir aber nicht. Wir müssen offen und unter unserer eigenen Fahne auftreten, wir dürfen uns vor niemand verbergen. Wir wollen nun im Folgenden untersuchen inwieweit diese Gründe stichhältig sind. Dem oberflächlichen Blicke scheint es, daß es aus Agitationsrücksichten sicher besser wäre, wenn die Zionisten eine eigene zionistisch-politische Partei gründen, wenn wir überall nur als Zionisten austreten, wenn wir überall mit unserem zionistischem Programme, auch bei Fragen der jüdisch-nationalen Arbeit und der allgemeinen Politik, kommen würden. Aber die Agitation ist ja nur Mittel zum Zweck und als Büttel zum Zweck darf sie bei uns keine derartige Stellung einnehmen, daß sie . die Sache selbst beherrscht. Die jüdisch-nationale Arbeit, hier, in unserem gegenwärtigen Aufenthaltsorte, ist aber für uns mehr als ein Mittel zum zionistischen Zweck. Jede geistige und nationale Kräftigung des jüdischen Volkes hat an und für sich für uns schon einen bedeutenden nationalen Wert. Wir glauben zwar, daß dies mit dem Zionismus innig verknüpft ist. Allein die Kräftigung des jüdisch-nationalen Geistes, die Verwirklichung einer starken jüdischen Organisation, das Entstehen jüdisch-nationaler Schulen, das Aufblühen der jüdischen Literatur, die Er- *)' Aus „daß jidische Folk"' Nr. 23. d. Jahrg. Wir drücken diesen. Artikel aus dem offiziellen jiddischen Organ der russischen Zionisten deshalb in deutscher Uebersetzung ah; weil ja die analoge Frage auch. in Oesterreich noch diskutiert wird. Wir hielten es als eine Pflicht der Loyalität gegenüber der zionistischen Partei, die Ansichten dieses Aufsatzes, welchen , wir in der Hauptsache zustimmen, vorerst durch einen Angehörigen der Partei vortragen zu lassen. . . .. Die Redaktion. **) Die „Dergreicher" nennt man in Rußland kurz den Verein zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden. „Dergreicher" das jiddische Wort für „Erreicher". . starkung der ökonomischen Kräfte des jüdischen Volkes im Golus, haben für sich allein betrachtet, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit dem Zionismus, schon einen bedeutenden Wert. All dies liegt uns am Herzen, weil wir für ein gesundes und starkes Volk sind. Es ist also keine Rede davon, daß das naüonale Leben im Golus uns nur ein Mittel ist, das man beiseite schieben kann, wenn das Ziel erreicht wird. Das nationale Leben des Volkes ist für uns mehr als ein Gerüst, das man errichtest wenn man eine Mauer bauen will und welches man dann als unnütz entfernt, wenn dieselbe vollendet ist. Das nationale Leben im Golus ist ein Teil des Baues selbst, welchen wir im jüdischen, Lande errichten wollen. Deshalb dürfen wir die nationale und politische Arbeit in den Golusländern nicht bloß als ein Mittel, als ein Agitationsmittel betrachten. Aber wir würden auch, durch die Scheidung der Zionisten und Nationalisten, sowohl den nationalen als auch zionistischen Interessen schaden. Anfänglich würde vielleicht dqs selbständige Auftreten als Agitationsinittel eine gute Wirkung erzielen aber im Laufe der Zeit würde es seine Wirkung einbüßen, weil wir bei einer derartigen Arbeit nicht das für die nationale Entwicklung des Volkes leisten könnten, was wir in Gemeinschaft mit den Nationalisten hätten erreichen können Damit würden wir aber auch dem Zionismus schaden, weil der Zionismus nur dort ein kräftiges Gedeihen aufweisen kann, wo ein jüdisches Leben herrscht. Wo das jüdische Leben eine nationale Schwächung erfährt, muß auch der Zionismus an Boden verlieren. Im Interesse der nationalen Arbeit, welche auch das Interesse des Zionismus ist, müssen wir bestrebt sein, alles zu tun, was das nationale Leben stärken könnte; wir müssen alles vermeiden, was dasselbe schwächen kann. Es ist aber klar, daß die nationale Arbeit kräftiger wird einsetzen können, wenn sie nicht von einzelnen Gruppen ausgeht, sondern von allen, welche noch die Notwendigkeit eines nationalen Lebens einsehen. Es ist klar, daß unsere Gemeinden, unsere Schulen - und alle unsere autonomen Angelegenheiten besser geleitet werden, wenn sie immer mehr und mehr alle guten jüdischen Elemente anziehen, wenn sich immer mehr und mehr Nationalisten an der Arbeit beteiligen werden. Zur national-politischen Arbeit in Rußland müssen immer mehr jüdische Kräfte herangezogen werden ohne jede Rücksicht auf den Zionismus. Um unsere naüonalen Anstalten zu kräftigen, um eine nationale Kultur zu ermöglichen, dürfen wir nicht jene Teile des Volkes abstoßen, welche mit uns in der Arbeit für die nationale Entwicklung zusammen gehen wollend Wozu sollten wir uns denn abscheiden'? Für die naüonal-politische Arbeit in Rußland haben wir keine besonderen Postulate. Wir wollen dasselbe wie jene, welche nur auf dem nationalen Standpunkte stehen. Unsere Kräfte sind schon an und für sich schwach, unsere nationale Entwicklung hat noch einen zu schweren Weg vor sich, als daß wir uns noch künstlich auseinandertreiben sollten. Wenn wir bei der höchst wichtigen und schwierigen naüonalen Arbeit im Golus auseinandergehen, werden wir alles verlieren, was wir zur nationalen Stärkung unseres Volkes im' Golus tun können. Auch nicht ganz richtig ist die Begründung, daß außer uns ja nur sehr wenig Nationalisten da sind. Es gibt wohl.tatsächlich nur eine geringe Anzahl von überzeugten Nationalisten, außer den Zionisten — deswegen könnte auch eine nationale Organisaüon ohne die Zionisten nichts ausrichten, sie wäre zu schwach. Gemeinsam aber können wir mit ihnen eine bedeutende Macht werden, da wir durch das gemeinsame Auftreten als naüonale Partei die großen Massen unseres Volkes, welche nur ihrem Gefühle nach national sind, welche aber keine klare naüonale Ueberzeugung haben, anziehen werden. Dem Zionismus werden sie sich nicht anschließen, aber einer naüonalen Organisaüon wohl, da sie ihnen näher steht. Die naüonale Organisaüon kann solche Kräfte zur Arbeit für die jüdisch-naüonalen Interessen heranziehen, welche zu uns nicht kommen werden und welche ohne die Organisation für das Volk unausgenützt bleiben. Unsere, gemeinsame Arbeit mit den Nationalisten ist keine.Gesinnungsverleugnung. Niemand sagt sich damit von seinem Ideale los. Für den Zionismus arbeiten wir in unserer zionistischen Organisaüon inder nationalen Arbeit in den Goluslündern gehen wirHand inHand mit allen naüonalen Elementen. Wir haben da dieselben Wünsche, dieselben Schwierigkeiten, dieselben Gegner. Nicht nur das nationale, sondern auch das zionistische Interesse verlangt von uns die Vereinigung mit den Naüonalisten. Denn je größer die naüonale Kraft des jüdischen Volkes, desto stärker wird seine Anhänglichkeit an das zionistische Ideal sein. Wir erklären deshalb eindringlichst, lassen wir uns von keinen Schlagwörtern, wie: Unter der eigenen Fahne verführen. Wir müssen sagen: Unter der allgemeinen jüdisch-naüonalen Fahne. Dadurch wird unsere Arbeit hier nur gewinnen und dadurch wird auch das Menschenmaterial gestärkt werden, dessen wir für unsere Heimstätten in Zion bedürfen. Josef Rubin. Wochenschau. Aus dem Parlamente. Die Wahlreform ist wieder in Gefahr. Die Herrenhäusler „machen Manderl". Sie wollen jetzt das Pluralitätswahlrecht: Aeltere Leute sollen zwei Stimmen besitzen. Die Wahlreform- Kommission des Herrenhauses hat mit allen gegen vier Stimmen für. die Pluralität votiert. Wenn das Plenum des Hauses nicht vernünftiger ist, so dürfte ein schwerer Konflikt von unübersehbaren Folgen entstehen. Doch braucht man nicht alle Hoffnung zu verlieren: Vielleicht wollen die „Herren" nur irgend was durchsetzen, etwa die Beschränkung des Ernennungsrechtes der Krone hinsichtlich der Zahl, die sie jetzt neben der Pluralität fordern. Das Leichenbegängnis Rabbiner Schreibers. Mittwoch, den 5. Dezember fand die Bestattung des Preßburger Oberrabbiners Schreiber, der Samstag den 1. Dezember bei Frankfurt am Main im Alter von 64 Jahren gestorben war, statt. Das Leichenbegängnis gestaltete sich entsprechend der überragenden Stellung, die der Dahingeschiedene im orthodoxen Judentum eingenommen hatte, zu einer großartigen Kundgebung von Trauer und Verehrung. Aus ganz Ungarn, aber auch aus Oesterreich, namentlich aus Wien und aus Deutschland waren die Schüler und Verehrer des Verblichenen herbeigeeilt. Ueber 8000 Menscheu folgten dem Sarge, darunter mehr als 100 Rabbiner. Alle hundert Schritte , trug eine andere Deputation den Sarg. Männer, Weiber und Kinder weinten. Auf dem Friedhofe sprachen 10 Rabbiner, darunter der Sohn, und am Tage nach dem Leichenbegängnisse designierte Nachfolger des Dahingeschiedenen, Rabbi Aüba Schreiber. Die Bestattungsfeierlichkeiten dauerten von 10 Uhr Vormittags bis y25 Uhr Nachmittags. Die streitbare Kirche. Alan schreibt uns aus Galizien: Im Aufträge der Bischöfe werden von den Geistlichen »in Anbettacht der herannahenden Parlamentswahlen in Galizien, sowohl auf dem Lande, wie in den Städten, christlichsoziale Verbände begründet, die sich den vielsagenden Zweck setzen, „katholische" Liebe und Gerechtigkeit, die „katholischen Grundsätze" im privaten Familien- und öffentlichen Leben zu verbreiten, wie auch sich der arbeitenden Massen anzunehmen. Um jedermann den Beitritt zu erleichtern, wurde als Minimal-Mitgliedsbeittag nur 24 Heller jährlich festgesetzt. Das Recht znr Organisaüon darf Niemandem verwehrt werden; natürlich auch den Kleritalen nicht. Aber empörend ist es, daß die Listen zur Mitgliedereinttagung in öffentlichen Schulen und öffentlichenAemtern a u f l i e g e n, die doch von sämtlichen Bürgern — ohne Unterschied der Naüonalität und politischer Anschauung — für andere Aufgaben als für klerikale Parteizwecke erhalten werden. Die Klerikalen erstechen sich sogar es in ihren Aufrufen öffentlich kundzugeben! Vielleicht wird es erst dieser neugeschaffenen Organisation, der sich die angesehensten polnischen „Judensteunde" anschließen, gelingen, die Juden aufzurütteln und ihnen endlich ihre Lage zum Bewußtsein zu bringen. Es verlautet, daß sich für die Parlamentswahlen sämtliche polnische Parteien, ja sogar die Freunde des Herrn Dr. Groß, die „Krakauer Demokraten"

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